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Full text of "Plastik und Medizin"

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ForTHEBLIND INC. 






























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Plastik und Medizin 



In gleichem Verlcige sind von demselben Herrn Verfasser 
in den letzten jähren erschienen: 



Die Karikatur und Satire in der Medizin. Mediko-kumthistonsche 

Studie. Mit lO farbigen Tafeln und 223 Abbildungen im Text. Hoch 4". 

Kart. 24 Mark. Elegant gebunden 27 Mark 

Die Medizin in der klassischen Malerei. Mit 165 in den Text ge- 
druckten Abbildungen. Hoch 4 ". 

Geh. in Mappe 16 Mark. Elegant gebunden 18 Mark 



Digitized by the Internet Archive 

in 2010 with funding from 

Lyrasis Members and Sloan Foundation 



http://www.archive.org/details/plastikundmediziOOeuge 




Plastik und Medizin 



VON 

EUGEN HOLLÄNDER 

PROF. DR. MED., BERLIN 



MIT 1 TITELBILD UND 433 TEXTABBILDUNGEN 




VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART 

1912 ^^^ 






Das Übersetzungsrecht für alle Sprachen und Länder vorbehalten. 



Copyright l'Jll by Ferdinand Enke, Publisher, Stuttgart. 



Druck der Union Deutsche VcrlagsgeseUschaft in Stuttgart. 




Gefördert wurden diese Studien in dankenswerterweise durch die 
Untersti'itzung des Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und 
Medizinalangelegenheiten. Seinem Beistande verdanke ich das be- 
sondere Entgegenkommen der Museumsverwaltungen im Auslande. 



Folgende Institute und Museen haben mein Unternehmen ge- 



fördert : 

Generalvcrwaltung der Kgl. iMuseen 

(Exzellenz Bode). 
Kaiserl. Deutsches Archaol. Institut tur ägypt. 

Altertumskunde (Prof. Borchardt). 
Kaiserl. Deutsches Archäol. Institut in Rom. 
Kaiserl. Deutsches Archäol. Institut in Athen 

(Prof. Caro). 
Die Antikensammlung, Berlin (Prof. \V i n n e- 

feld, Prof. Zahn). 
Das Münzkabinett (Dr. Regling). 
Ägypt. Abteilung (Prof. Schäfer). 
Museum für Völkerkunde, Amerikan. Abtg. 

(Prof. Seeler, Dr. Preuß). 
Museum für Völkerkunde, Indische Abtg. 

(Prof. Grünwedel). 
Museum für Völkerkunde, Japanische Abtg. 

(Prof. Kümmel). 
Königl. Sammlung für Deutsche Volkskunde 

(Dr. K. Brunn er). 
Das Medico- Historische Institut, Leipzig 

(Geh. Rat Prof. Karl Sudhoff). 
Das Medico-Historische Institut, Jena 

(Prof. Meyer- St eineg). 
Das Kunsthistorische Institut, Florenz 

(Prof. Brock haus). 
Kaiserin-Friedrich-Haus, Berlin 

(Prof. R. Kutner). 



The Free Public Museums, Liverpool 
(Dr. Clubb). 

The British Museum. 

.Vlusei e Gallerie Pontificie, Rom. 

Museo Arqueologico Nacional, Madrid 
(Francisco A 1 v a r e z - O s s o r i o). 

.\Iuseo e Biblioteca Guarnacci in Volterra. 

ThorwaldsenMuseen,Kopenhag. (Hauberg). 

Metropolitan Museum of Art, New York. 

Archäolog. Museum, Florenz (Dir. Milani). 

Victoria and Albert Museum, London 
(Eric Maclagan). 

Schloßverwaltung der Barberini in Palestrina. 

Evangelische Schule und Bibliothek, Smyrna. 

Musees Imp^riaux Ottomans , Konstanti- 
nopel. 

Kaiser- Wilhelms- Akademie für militär- 
ärztliches Bildungswesen (Exzellenz von 
S c h j e r n i n g) . 

K. K. Blinden-Erziehungs-Institut, Wien. 

Ägyptolog. Institut der Universität Leipzig 
(Prof. Steindorff). 

K. Skulpturensammlung Albertinum, Dresden. 

Altcrtumssammlung der Stadt Mainz. 

Musees Royaux du Cinquantenaire, Brüssel. 

National Museum, Athen (V. Staisl. 

Athen. Münzkabinett (J. N. Svoronos). 



Es unterstützten mich in derselben Richtun" die Herren: 



Dr. Gustav Alexander, Wien. 

Prof. Rieh. Andrea, München. 

Dr. Kronfeld, Wien. 

Geh. Rat Prof. Hirschberp;, Berlin. 

Prof. W. A. Freund, Straßhurg-Berlin. 

Dr. C. E. Daniels, Amsterdam. 

Prof. N eeb, Mainz 

Jean Capart, Brüssel. 

Prof. Kastriotes, Athen. 

Prof. Po litis, Athen. 

W. Vogelsang, Utrecht. 



Prof. Alexander Meli, Wien. 
Prof. Schiff, Wien. 
Prof. Kubitschek, Wien, 
Prof. Dr. Th. Wiegand, Konstantinopel- 
Berlin. 
Dr. Felix Regnault, Paris. 
Dr. M. Meyerhoff, Kairo. 
Dr. Hoffa, Rom. 
Dr. Arguropulos, Smyrna. 
Dr. Laßwitz, Konstantinopel. 
HerrE. Froeschle, Karlsruhe, als Korrektor. 



Berlin, Dezember 191 1. 







INHALT. 



Seite 

Allgemeine Einleitung i 

Die medizinische Kunsthistorie, ihre Bedeutung, Aufgabe und Ent- 
wicklung. 

Spezielle Einleitung 8 

Die Heilgötter in der Mythenbildung der verschiedenen Völker. 

Griechisch-römische Heilgötter 8 

Asklepios, sein Geschlecht und seine Mythen H 

Die Asklepieien II 

Das Bildnis des Heilgottes 40 

Die Rundstatuen 4° 

Der Typus seines Kopfes 73 

Der thronende Gott 66 

Seine Attribute und Embleme 81 

Der Nabel 83 

Der Stab 86 

Die Schlange 87 

Der Hund 95 

Die Ziege 99 

Der Hahn 99 

Die Votivreliefs und andere anaglyphe Darstellungen der Asklepieien 103 

Votivsteine mit der Darstellung der Opferszene 104 

Der sogenannte Krankenbesuch des Asklepios 119 

Das sogenannte Totenmahl 123 

Andere Heilgötter und Heildämonen 125 

Telesphorus i-5 

Hygieia Mo 

Epione '49 

Janiscos ^50 

Isis, Sarapis und andere Heilgottheiten ijS 

Hera — Artemis — Eileithyia '59 

Jesus Soter '65 

Exvotos ^75 

Antike Körper- und Organdarstellungen 175 

Skelett ''^^ 

Eingeweide '^o 



VIII INHALT. 



Seite 

Eingeweidesitus und -traktus 200 

Die ältesten Darstellungen der Leber 214 

Körperexvoto aus Griechenland 215 

Die \'otivopftr gesunder und kranker Gliedmaßen aus neuerer Zeit 220 

Allgemeine Körperdarstellungen 236 

Mode und Künstlerstil 2^6 

Hermaphroditen 247 

Adam und Eva 255 

Schwangerschaft 259 

Die Geburtsdarstellung 267 

Krankheitsdarstellungen 28 1 

Antike Exvotos mit Krankheitsdarstellungen 286 

Brüste ■ • • ■ • 299 

Gesichter 302 

Extremitäten 5'^5 

/^Augen 308 

Ohren 309 

Genitalien 3^2 

Porträtstatuen 3 ' 6 

Böser Blick und Buckel 32J 

Groteskköpfe 33' 

Masken und Verwandtes 333 

Zwergenwuchs 33" 

Bes— Pataikos— Ptah 345 

Satyrspiel und Komödie 55^ 

Dämonische Krankheiten, Alkohol, Wahnsinn 354 

Die Skulptur der Blindheit 3^7 

Die anthropomorphen altperuanischen Terrakotten 391 

Verletzungen und Verwundungen 44" 

Instrumentenkasten und Schröpfkopf, die antiken Wahr- 
zeichen ärztlicher Kunst 448 

Heilhandlung, Hygiene, Bad 4^8 

Die Inkubationsheiligen und Patrone der Ärzte 500 

Monumente, Embleme und Krankenhausschmuck .... 527 

Literaturverzeichnis 57- 



EINLEITUNG. 



|g5S3^eistungen irgendeiner künstlerischen Art, sei es, daß es sich 
t ^^^' "■"" '■^''"' Schöpfung eines Dichters handek oder um eine 
P ^^^^t bildnerische Gestaltung, sollten von dem Gebildeten, auf 
den sie einwirken, ohne Erklärung empfunden und verstanden werden. 
Das erklärende Plakat ist von Wert tür denjenigen, der ein Neuling 
ist und in die W'erkstätte eines Künstlers noch nicht hineingesehen 
hat; der Kenner aber genießt und würdigt auch ohne Unterstützung 
des Katalogs und die Führung durch die Sterne des Baedekers. So 
ist es auch innner ein Zeichen der Schwäche, einleitend den Sinn 
und den Zweck eines Buches angeben zu müssen. Es ist das so 
eine Art von Selbstanpreisung, und allzu leicht kommt der Autor 
in den W'rdacht, daß er das unbequeme Gefühl hat, sich entschul- 
digen zu müssen. Ein in sich abgerundetes und einheitliches Werk 
mag eines Prologes entbehren, aber ich selbst muß diese Krücke 
benutzen, weil ich hier in einem Bande Dinge vereinige, die zeitlich 
und räumlich wenig miteinander zu tun haben, welche, heraus- 
gerissen aus verschiedenartigen Disziplinen und Epochen, nur etwas 
gemeinsam haben: Innerlich den festeren oder loseren Zusanmien- 
hang mit der Medizin, äußerlich die plastische Form und das körper- 
liche Gefüge. Es kommt hinzu, daß dieses verschiedenartige 
Rohmaterial nicht dadurch innerlichen Halt erfährt, daß es das 
Forschungsergebnis einer Fland ist. \'ielmehr stützt sich diese 
mediko-historische Studie aut verstreute Vorarbeiten. Was jedoch 
vielleicht diese Studien und Referate aus den verschiedensten Kultur- 
zentren, aus heterogenster Lebensauffassung und Kunstwerkstätten 
außerdem noch zu einem Ganzen verkittet, ist vornehmlich der Zweck 
dieses Buches. Ihm ordnet sich harmonisch alles unter. Dies Buch 

Holländer, Plastik und Medizin. ^ 



EINLEITUNG. 



gehört in erster Linie dem deutschen Arzt, ihm, der im täghchen 
Schaffen seiner menschentreundHchen Arbeit und wissenschaftlichen 
Forschung nicht die Ruhe und Muße findet zum Studium der Ge- 
schichte seines Standes; ihn will es bekannt zu machen versuchen 
mit den Ergebnissen medizin-historischer Einzelforschungen. Dies 
Buch setzt die Bestrebungen fort, die künstlerischen Dokumente zu 
sammeln, um unter ihrer bildlichen \'orführung gewisser- 
m a ß e n A n s c h a u u n g s u n t e r r i c h t in der Geschichte de r 
Medizin zu geben. Entrollte »die Medizin in der klassischen 
Malerei« mit Bevorzugung Szenen aus dem i6., 17. und 18. Jahr- 
hundert, ließ »die Satire und Karikatur« zum Teil etwas frühere 
medizinische Zeitgeschichte erstehen und gab Ausschnitte aus dem 
18. und 19. Jahrhundert, so tühren wir mit diesen Untersuchungen 
den Arzt in die Zeiten der Antike. Aucli hier lag wieder der be- 
sondere Reiz in der Sammlertätigkeit an Ort und Stelle und der 
wissenschaftlichen Bearbeitung der meist ja archäologisch schon 
beschriebenen Objekte der Weltmuseen im medizin- historischen 
Sinn. Die kritische Beurteilung der Fachleute bestätio;te mir den 
Wert solcher Studien. Nur wenigen \'oreingenommenen galten 
diese medizinischen kunsthistorischen Studien nichts; sie waren im 
Wahne, daß man aus ihnen nüchterne, praktisch verwertbare Er- 
kenntnisse extrahieren könne, für die es Kassenbons gibt. Sie 
verlangten bei der Betrachtung der Rembrandtschen Anatomie eine 
Erweiterung ihrer Kenntnisse in der Armmuskulatur, und aus der 
gelegentlichen Krankheitsporträtierung eine Bereicherung ihrer medi- 
zinischen Diagnostik. 

Die Bewegung der mediko- artistischen Studien, die durch 
Charcot und seine Schule ihre Wiedergeburt feierte, geht in ihren 
Anfängen weit zurück. Die größere klassische Bildung, die Zu- 
gehörigkeit zu mehreren Fakultäten brachte es von selbst schon 
mit sich, daß die medizinischen Professoren des 16. und 17. Jahr- 
hunderts und auch gelehrte Ärzte, namentlich der süddeutschen 



EINLEITUNG. 



freien Städte, ein größeres Interesse an den Kitnsterzeugnissen hatten, 
und diese gelegentlich zu ihrem engeren medizinischen Fache in 
Beziehung brachten. So hat schon der alte Xürnhcrgtr Stadtarzt 
Michael F. Lochner von Hummelstein, zu Fürth 1662 geboren, 
sich aus den Darstellungen der Antike Anregungen tür seine pharma- 
kologischen Studien geholt. Dies kommt zum Ausdruck in seinem 
Werke »Papaver ex omni antiquitate erutum, gemmis, nummis, 
statuis et marmoribus aere incisis illustratum, Xürnberg 17 13«. Für 
die damalige Zeit stellt dieses Buch mit seiner reichen bildnerischen 
Ausstattung für das spezielle Gebiet bereits ein trefl liebes Beispiel 
ähnlicher Bestrebungen vor. Unter der Zahl der kunstgelehrten 
Ärzte, welche sich vornehmlich mit Numismatik beschäftigten, er- 
wähnen wir den Helmstedter Professor Heinrich Meibom be- 
sonders deshalb an dieser Stelle, weil er sich eingehend dem Studium 
der o-riechischen und römischen Heilgötter auf Münzen und Medaillen 
hingab und damit wohl als erster die Spezialität »Medicina in 
nummis« pflegte. Auch erwähnen wir die Beschreibung einer ber- 
linischen Medaillensammlung der Gedäcbtnismünzen berühmter 
Ärzte, in welcher verschiedene Abhandlungen zur Erklärung der 
alten und neuen Münzwissenschaft, »im gleichen zur Geschichte der 
Arzneigelahrtheit und der Literatur eingerückt sind«. I.C.W.Moehsen, 
des Joachimsthalschen Gymnasii bestellter Medikus, hat diese fleißige 
Arbeit mit dem langen Titel, in der eine außerordentliche Arbeit 
steckt, verfaßt, und durch ihn erfahren wir, daß schon der erwähnte 
Loch n er, offenbar angeregt durch seine Spezialstudien über den 
Mohn, auch den erweiterten Plan zu einem Werke dieser Art unter 
den Händen hatte, «Die Historia medica nummaria, seu de Honore 
Medicis olim et nuper habito, Xummisque et Statuis iisdem cusis 
et erectis«. Das ALmuskript hierzu scheint aber verloren gegangen 
zu sein. Die Beziehungen zwischen der Medizin und der dar- 
stellenden Kunst hat der Göttinger Professor Karl Friedrich 
Heinrich Marx im Jahre 186 1 in einer Akademiearbeit im 



EINLEITUNG. 



lo. Bande der Abhandlungen der Göttinger Königl. Gesellschaft der 
Wissenschaften verfolgt. Doch die medizinischen Aphorismen zur 
Kunst- und Kulturgeschichte, die Marx mit genialer Begabung 
hinwarf, landen wenig Anerkennung. Es lag dies offenbar daran, 
daß den Zuhörern dieses ganze Gebiet fernlag, und die damalige 
Technik der Reproduktion es noch nicht in dem Maße ermöglichte, 
durch eine beigegebene Abbildung Interesse zu erwecken. Es war 
der französischen Schule unter Charcot vorbehalten, in dem tür 
Kunst an und tür sich emptänglicheren Eande die Autmerksamkeit 
und die Mitarbeit der Mediziner tür diese künstlerische Seite der 
Medizinhistorie zu erwecken und anzuregen. Dieser Schule ver- 
danken wir in der »Iconographie de la Salpetriere« eine ununter- 
brochene Reihentolge von Publikationen, und RichersW'erk »E'Art 
et la Medecine«, das sich auch aut Skulpturen stützt, ist gewiß der 
wertvolle Extrakt dieser Artikeltolge. 

Nachdem ich in Deutschland zuerst mit der »Medizin in der 
klassischen Malerei« den Reigen dieser mediko-artistischen Studien 
eröffnete, sind mir viele aut dieses blumige Grenzgebiet gefolgt und 
haben auf ihm schöne und wertvolle Erüchte gepflückt. Sie ver- 
folgten dabei den Gedanken, den aut anderen Gebieten schon ge- 
lehrte Eorscher erfüllt hatten, Botaniker, welche auf alten (jemälden 
Pflanzenkunde studierten, und Zoologen, die den Tierschilderungen 
vergani^ener Kunstepochen nachgingen. Während nun namentlich 
die medizinischen Spezialarbeiten auf graphischer Arbeit basieren 
und vor allem Malerei und Karikatur berücksichtigten, ergibt sich 
aus dem von uns in diesem Werke bearbeiteten ALiterial eine un- 
vergleichlich größere historische Breite, welche uns sogar den Zeiten 
zuführt, vor denen die (jeschichtskunde halt machen muß. Ar- 
chäologische Eunde führen uns in die Kinderstube der Heilkunst, 
in der ein heiliger Mann, meist mit der Rute in der Hand, schaltete. 
Diese Priestermedizin schuf sich allmählich in den Asklepieien eine 
W^irkungsstätte mit dem monumentalsten Hintergrund; die Marmor- 



EINLEITUNG. 



trümmer dieser Kultstätten werden wir sammeln und studieren. 
Diese Aufgabe ist deshalb so überaus reizvoll, weil sie der Hinter- 
lassenschatt des Volkes entstammt, welches der W'elt das Schön- 
heitsideal schenkte. Mit dem Studium der eingeborenen Attribute 
des hellenischen Heilgottes bereichern wir unsere Kenntnisse der 
medizinischen Symbolik und Emblemkunst. In der weiteren \"er- 
folgung des Ausganges des gräkolateinischen Gottesdienstes, der 
zuletzt pantheistische Form annahm, begeben wir uns zu einer 
lii-ichtigen Betrachtung des Übergangs heidnischer Darstellungen und 
Gebräuche aut den christlichen Kult und damit zu den Inkubations- 
heiligen und zu den Patronen der Medizin. Ein intimes Studium 
der Weihgeschenke in Körpertorm sowohl heidnischer wie christ- 
licher Religionskulte führt uns hinüber zu dem bisher zerstreuten 
Material der plastischen Schilderung antiker krankhafter Körpertorm. 
Wir suchten namentlich der ursächlichen Bedeutung dieser auf den 
Grund zu kommen und streiften damit abergläubische \'orstellungen 
der antiken Welt, deren Reste und Spuren noch heute massenhatt 
an die Oberfläche kommen. Eine \'orbedingung aber für diese 
»plastische Pathologie« ist die Kenntnis der allgemeinen Körper- 
darstellung in ihrer durch Mode, Künstlerstil und Technik ewig 
abwechselnden Ausdrucksweise. Die Skulptur des »Hermaphrodi- 
tismus«, der »Schwangerschaft«, des »ersten Menschenpaares« und 
der »Blindheit« landen eine eingehende Betrachtung. Eine Exkursion 
zu den Töpferwaren der Altperuaner zeigt uns die Krankheitsbildner 
par excellence aus vorkolumbischer Zeit. An der Fülle dieser eigen- 
artigen Krankheitsdarstellungen studieren wir nicht nur die Spezial- 
diagnostik mit Rücksicht auf den eventuellen amerikanischen Ur- 
sprung der Svphilis, sondern wir lernen an diesen vollkommen 
anonvmen Kunstwerken auch die Schwierigkeit und die Grenzen 
der Krankheitsbestimmung aus der reinen Form überhaupt kennen. 
Es folgt sodann das Kapitel der Heilhandlung, sowohl der ärztlich- 
operativen wie der kirchlich-symbolischen. Das antike Wahrzeichen 



EINLEITUNG. 



der ausübenden Heilkunde, der Schröptkopt und Instrumentenkasten, 
interessiert in demselben Grade wie der kurze Blick in die Pro- 
phylaxe der alten Welt: das Bad und seine Einrichtungen. Zum 
Schluß dieser medizin-historischen Betrachtungen plastischer Kunst- 
gegenstände bieten die über die ganze Welt zerstreuten Denkmäler 
von Ärzten und Xaturtorschern die leider noch sehr lückenhafte 
Unterlage einer monumentalen Ikonographie der Medizinheroen. 
Der x'Vnblick einiger alter Krankenhäuser mit ihrem architektonischen 
Schmuck und sinngemäßen Supraporten berechtigt zu dem Bedauern, 
daß die modernen Krankenhauspaläste in ihrer übermäßiger Nüchtern- 
heit tür die Entwicklung dieser Schmuckart nichts getan haben. 







DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 




ic Medizin ist ein Attribut der Gottheit, der Mediziner, 
göttergleich oder wenigstens ein Diener des Gottes selbst. 
Der Arzt, seine männliche und weibliche Dienerschaft, 
die Statte seiner Tat, Teil und Bezirk der Klerisei. Das ist ein 
beinahe bei allen Kulturvölkern anerkanntes Frühstadiuni ärztlicher 
Standesentwicklung. »Der theurgisch- mystische Charakter be- 
herrschte die Medizin aller Völker während der Periode ihrer frühe- 
sten Kulturentwicklungcc (Pu seh mann). Je nach der geistigen 
Veranlagung und dem Charakter des Wilkes variierte der Inhalt des 
medizinischen Religionsdienstes. Offenbar spielte hierbei die größere 
Rolle nicht die Demut und die Hingabe des Volkes, sondern der 
Fanatismus, die Begehrlichkeit und die Kenntnisse der Priesterärzte. 
An ihnen lag es, wenn bei dem einen Volke der erzürnte Gott für 
den Nachlaß einer Seuche und Plage blutige Menschenopfer ver- 
langte, oder wenn der Krankheitsdämon nur durch Schläge, üble 
Räucherungen und andere Schrecknisse davon abzubringen war, 
seine Opfer loszulassen. Ging solchen wilden Gang die Phantasie 
des einen Volkes, das in den Göttern nur die strafende und deshalb 
manchmal auch listig und sogar betrüglich abzulösende Macht sah, so 
bereicherte sich die medizinische Priesterklasse anderer Volksstämme 
dadurch, daß sie sich für die Vollstrecker einer heilenden Macht, 
als die Abwehrer des Mißgeschicks ausgab, an Gold und ^^'issen. 
Es ist von vornherein ersichtlich, daß diese letztere Klasse als Ver- 
treter eines Helfers notwendigerweise ärztliche Funktionen ausüben 
und Kenntnisse erwerben mußte, und daß sie in ihrem Entwicklungs- 
gange von den mystischen Beschwörungsorgien aut die Bahn der em- 
pirischen \'olksmedizin gedrängt wurde. Auf dem \\' ege eines theur- 
gisch-empirischen Heildienstes wurden wohl auch gelegentlich Priester 



8 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

der Heilkunst, die sich durch besonders glückliche Heilhandlungen be- 
währt hatten, nach ihrem Tode heroisiert und selbst wieder verehrt. 

Für die spätere Entwicklung der verschiedenen Völkerstämme 
ist es auch in religiös-dynastischer Beziehung eine interessante Stich- 
probe, wie die Legendenbildung sich die lokale Urgeschichte ihrer 
nationalen Heilkunde formte. Asklepios z. B., der Begründer 
griechischer \'olksmedizin, wurde später von den Hellenen unter 
die Götter versetzt. Sie wußten seine Gestalt mit so viel männlicher 
Heroenschönheit und Innerlichkeit zu bilden, daß seine Idealgestalt, 
umgeben von Familiengliedern, geschmückt mit den x^ttributen 
seiner Kratt, noch heutzutage der künstlerische Ausdruck für den 
göttlichen Gedanken in der Medizin aller europäischen Kulturvölker 
geblieben ist. In dieser Beziehung kann man von einem Siege der 
Antike über den christlichen Gedanken sprechen. 

Die Chinesen, leidende Sklaven einer ultraimperialistischen 
Idee, erkennen als Begründer ihrer eigenartigen Heilkunde den halb- 
mvthischen Kaiser Shinnong an, der ungefähr um das Jahr 3216 
V. Chr. regiert haben soll. Wm ihm berichtet die Überlieferung, 
daß er persönlich alle Pflanzen durchkostete und sie nach Heilkraft 
und Giftwirkung schied. Die Akupunktur wird als kaiserliche Er- 
findung dieses Mannes ausgegeben. 

Es darf nicht wundern, daß der Ärztegott der Ägypter in 
einem Lande, in dem die Astronomie die hohe Entwicklung erreicht 
hatte, in der ältesten Zeit gleichzeitig Mondgott war. Von Ütele 
berichtet, daß nach der altägyptischen Mythe der Ärztegott Thout 
(Thot) alle \\^rlagen für die späteren .Medizinbücher eigenhändig 
geschrieben und verfaßt habe. Zwischen Mvthe und Historie stehen 
die drei ersten Dvnastien Ägyptens. Angeblich haben diese Be- 
gründer der ägyptischen Königsdynastie große ärztliche Kenntnisse 
besessen und waren Verfasser anatomischer und physiologischer 
Bücher. Zosersa (dritte Dynastie), der in .Memphis residierte, erhielt 
den Namen Imhotep als ägyptischer Asklepios.') (Fig. i.) 

') S. auch Kurt Sethe, Imhotep der .\sklepios der Ägypter, ein vergötterter .Mensch 
aus der Zeit des Königs Doser. Leipzig 1902, Untersuchungen zur Geschichte und .\ltertums- 
kunde .Ägyptens, Bd. II. 



PERSER. JUDEN. INDER. 



9 



Bei den Persern und Medern geht eine Art von Phar- 
makotherapie aut den Namen des Zarathustra (Zoroaster) zurück. 
Auch bei ihnen stand die Medizin ganz im Banne einer religiösen 
Bevormundung. Ihr Grundgedanke war die Anschauune; des Un- 
reinen jegUcher menschhchen Aus- 
scheidung. Die angebHche Ohn- 
macht der ahpersischen Heilkunde 
erkennt von Öfele') an dem Tode 
der Schwester des Cambvses durch 
einen traumatischen Abort, an dem 
Tode des Cambvses selbst infolge 
einer infizierten Fleisch wunde, an 
der Hiltlosigkeit bei der Sprung- 
gelenksluxation des Königs Darius 
und dem Ahmmiaabszeß der Kö- 
nigin Atossa. Ähnlich wie bei den 
Persern liegt auch bei den j u d e n 
die erste Medizingeschichte in ihrer 
Religion begraben. Alles geht aut 
den Pentateuch zurück und die 
Offenbarungen, die Mose auf dem 
Sinai ertuhr. Bei ihnen waren die 
Priester und Propheten die Heiler. 

Über die Originalität der i n- 
d i s c h e n H e i 1 k u n d e") bestehen 
große Meinungsverschiedenheiten. 
Ihr Antang ist jedenfalls auch ein 
rein theurgischer. Gebete und iMa- 
gie beherrschen die vedische Kunde. 
Als Vermittler treten bei den alten Vedas die Asvins, die roß- 
gestalteten Himmelsärzte, auf. Auf ihren dreirädrigen goldenen 
Wagen fliegen sie zur Erde, um kranke Menschen zu heilen, die 

') V. Ofele im Handbuch von Th. Puschmann. Jena 1902. 

-) Iwan Bloch, Indische Medizin in Th. Puschmanns Handbuch der Geschichte 
der Medizin (s. dort die Gesamtliteratur). 




Fig. I. 
Imhotcp, ägyptische Bronze. 



1 o DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^ 

Fruchtharkeit der Frauen zu hetördern und das Leben durch Arzneien 
zu verlängern. Auch als Chirurgen genießen sie einen großen Rut. 
Sie verstehen es, abgeschlagene Köpfe mit Erfolg wieder anzusetzen, 
heilen die Armlähmung des Indra und sind auch die Arzte der 
übrigen Götter. Von ihnen ging die Kenntnis des heiligen Opter- 
trankes, des Sona, aus, der den Genießer unsterblich macht. 

Auch bei den alten Germanen schwankte jegliche Heilkunst 
zwischen Kräuterkunst, Stein- und Runenzauber, und bei ihnen 
und auch den indischen Ariern genoß der durch bloße Zauber- 
und Bannworte heilende Arzt weit größeres Ansehen als der mit 
dem Steinmesser heilende Schnittarzt; und später noch, als die 
Germanen die griechisch-lateinischen Medizinbücher bereits in ihre 
Muttersprache übersetzt hatten, zogen sie einheimische Kräuter den 
indischen Drogen und römischen Instrumenten vor. Der Stein- 
zauber, die Heilkraft des schneidenden Steins svmbolisierend, ver- 
wandelt sich in das mit Runenzeichen geschmückte Amulett, das 
sich schon in den prähistorischen Gräbern findet. Allvater \Witan 
war der Heilgott, der die Nachtelten und die Krankheiten abwehrte. 
Er vertrieb mit seinem einen Auge, der Sonne, die Xachtschaden 
und Krankheitsdämone. Die erste Aufgabe des altgermanischen 
Medizinmannes war das Austreiben der bösen Geister und das 
Verjagen der Krankheitsdämonen in den Wald oder in sein Zauber- 
gerät, in die Fetischkröte. Um die Götter zu versöhnen, gab es 
nur Bußgaben und blutige Opfer. Der zauberkundige nordgermanische 
Medizinmann trug sein Zaubergewand und den Zauberstab; Pferde- 
zähne, Luchskrallen, Luttröhren der \"ögel, ^^"irbelknochen der 
Schlangen, Knochen der Toten, Kieler der Eichhörnchen, Bernstein 
und Feuerstein beherbergte seine Ledertasche. Sein Name sei 
»Laecknari«, Lachner, gewesen. Mit seinem Heiltinger machte er 
ein Mennigmal auf die schadhatte Stelle und unter Beschwörungs- 
formeln markierte er den Sitz des die Krankheit verursachenden 
Dämon. Ein Zauberspruch begleitete die Berührung. »Astrunen 
sollst du kennen, ehe du willst Lachner werden«, lehrte Siegtraut 
den Siegfried. Neben dem feierlichen Krankheitssegen verscheuchte 



GERMANEN. i i 



der Lachner durch hiutes Geschrei, durch gellen Laut als Galler 
oder Galsterer die Dämone, wie man umgekehrt auch durch Be- 
schreien und Berufen imstande war, Krankheiten hervorzurufen. Ale- 
mannische Gefi^ngene rühmten sich, durch Zauherwort den römischen 
Kaiser Caracalla wahnsinnig gemacht zu haben. Laute Lieder und 
Rufe begleiteten die Geburt; das xMitweib singt gewaltige Weisen 
den Gebärenden zum Beistand. Nutzten die Schrei- und Droh- 
worte nicht, so ging man dem krankmachenden Dämon unter Um- 
ständen mechanisch zu Leibe, d. h. man verprügelte den Kranken. 
M. Hötler'), dem wir diese Mitteilungen entnehmen, meint, daß 
sich aus diesen Prügeln allmählich die AL^ssage entwickelt habe. 
Jedenfalls war der Aber- und Wunderglaube bei diesem \\ilke so 
ins Blut übergegangen, daß auch eine zweitausendjährige Erziehung 
diese Neigung nicht bannen konnte. Auch heute noch liebt es 
zuweilen der Deutsche, bevor er sich einem Jünger des Hippokrates 
anvertraut, vorher einen Versuch zu machen mit dem Runengesang 
einer Gesundbeterin und dem heilenden kinger und dem Kräutersud 
eines naturheilkundigen Schusters. 

Die größte Bedeutung für die Entwicklung der modernen Medizin 
liegt nun in der griechischen Heilkunst, nachdem im frühen Mittel- 
alter die zu einer Wunderblume erblühte a rabisch- j ü di sehe 
Medizin ihren Duft zwar über das ganze Abendland verbreitet hatte, aber 
nicht imstande war, reife Früchte hervorzubringen. Die Renaissance 
grub griechische Weisheit und vor allem auch griechische Schön- 
heit aus. Und die plastischen Denkmale, die die Hellenen ihren 
Heilgöttern setzten, halten noch heute die Erinnerung lebendig an 
ihren Heilgott und seine Heilstätten. 

ASKLEPIOS UND SEINE HEILSTÄTTEN. 

Bevor wir uns dem Genuß einer Betrachtung der hehren Männer- 
gestalt des bartlosen Vaters bärtigen Sohnes, des Asklepios, hin- 
geben, und den vollendeten Typus betrachten, den der Meißel der 



') M. Höfler-Tülz, Altgermanische Heilkunde. 



1 2 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

besten hellenischen Kunstepoche schui, bevor wir uns ein Bild zu 
machen versuchen von den Heilstätten und Tempeln, in denen 
seine Säule verehrt wurde, müssen wir es unternehmen, uns von 
der Lebenso-eschichte dieses Mannes einen Umriß zu zeichnen. 

Die Wie2:e dieses Gottes stand im Mvthenlande. \"on den vielen 
Überlieferungen der Herkunft seiner \'erehrung weisen drei allein 
nach Thessalien. Die eine Sage nennt ihn den Sohn des Lapithen- 
königs Ischvs. Auch seine Söhne Machaon und Podaleirios stammen 
aus Trikka, wo übrigens nach Strabo auch die älteste Kultstätte des 
Asklepios gewesen sein soll. Erst später wird Apollo, der Sonnen- 
gott und gleichzeitig der Götterarzt, zum Vater des ganzen Ge- 
schlechts gemacht (s. Pausanias VII. 23)'). Mit Aigla, der sonst 
Unbekannten, erzeugte er den berühmten Sohn. Diese \'ersetzung 
des Asklepios unter die Götter datiert zurück über das fünfte Jahr- 
hundert hinaus. Seine erste Gemahlin ist Epione, die Schmerz- 
linderin; aus der Ilias als Wunderheiler besonders bekannt und 
rühmend erwähnt, sein Sohn Machaon, gewissermaßen der erste 
Spezialist für Chirurgie, während der andere, Podaleirios, auf dem 
Gebiete der inneren Diagnostik Hervorragendes leistete. 

Am deutlichsten tritt diese Mythenbildung, die sich um die 
Familiengeschichte des Arztes rankte, aus der Benennung seiner 
Töchter hervor. Neben der jungfräulichen Hvgieia, deren ^'er- 
ehrung von der peleponnesischen Stadt Titane aus ihren Ausgang 
nahm, ist am meisten bekannt Panakeia, »das Allheilmittel«, Jaso, 
»die Heilung«, Ak'eso, »die Rettung«. Auch Machaons Söhnen 
werden besondere Heillunktionen (z. B. Errettung vom Ertrinken) 
zugeschrieben. So sehen wir, daß in der Spezialisierung dieser 
Götterfamilie für einzelne Krankheitsgruppen schon das antike Vor- 
bild gegeben ist, für die abenteuerliche Entwicklung der Krankheits- 
patrone und heiligen Krankenheiler der katholischen Kirche. 

Anders die epidaurische Überlieferung. Sie läßt Asklepios nicht 
als Fremden ins Fand kommen, sondern erblickt in ihm einen ein- 
heimischen Gott, dessen Geschlecht der Fandschaft entsproß. Die 

') Pausanias Beschreibung von Griechenland. Übersetzt von J. 11. Schubart. 



ASKLEPIOS. 



13 



besondere Genealogie unseres Gottes erfahren wir aus einem in- 
schrittlichen Funde des Hiercm zu Epidauros. Der Dichter Isyllos 
von Epidauros') erzählt der Überlieferung seiner Vorl^ahren folgend, 
daß Zeus die Muse Erato dem Malos zur Gattin gegeben. Aus 
diesem Geschlecht entstammt Aigla, die aber ihrer Schönheit wegen 
Koronis zubenannt wurde. Im Hause des Malos nahte ihr in Liebe 
Phöbus, und der Sohn des Apollo erhielt den Xamen Asklepios. 
Malos selbst erscheint in einer anderen Inschrift als Begründer des 
Kults des Apollo Maleatas, dessen Heiligtum 1896 wieder aufgedeckt 
wurde. Pausanias, unser Hauptgewährsmann in diesen Dingen, 
erzählt eine Überlieferung, die zu seiner Zeit bei den Epidauren 
noch in Umlaut war (Paus. II. 26). Koronis, von Apollo schwanger, 
konunt mit ihrem \'ater Phlegyas aus der Fremde in die Peloponnes. 
Sie setzt ihr Kind aus aut dem Berge Titthion (Zitze). Hier wird es 
von den aut dem Berge weidenden Ziegen gesäugt und von dem 
Schäferhunde bewacht (die späteren Attribute des Gottes). Als der 
Hirt Aresthanas das Kind hndet, erstrahlt vom Knäblein aus heller, 
göttlicher Glanz (d. i. Aigla) und schreckt ihn zunächst zurück. 
Sofort verbreitet sich über Land und Meer die Kunde, daß dies 
Kind Kranke heilen und Tote erwecken werde. 
Man beachte die anklingenden überirdischen 
Phänomene bei der Geburt anderer Gottessöhne. 

Eine Münze mit der Darstellung der Auf- f f 

findung des an der Ziege trinkenden Gottes ist ' r--.- '' ' 

abgebildet bei Panofka-) (siehe nebenstehende - ^"T^^ 

Fig. 2). Dieser erwähnt in seiner Arbeit »Askle- ^. ,, "" 

*■ -^ l-ig.2. ,\lui; , :iiymen. 

pios und Asklepiaden« eine andere Legende. Da- Auffindungdesjungenanderziege 

*" trinkenden Gottes durch den Hir- 

nach hatte der Gott zunächst den Namen Epios, '" -'^'«"^''"='=- 

der Sanfte, der Milde. Erst nach glücklicher Behandlung des Herr- 
schers von Epidauros, Askles, erhielt er seinen späteren Namen. 
Robert Fuchs, der beste Kenner dieser Dinge, hält die Deu- 




') V. W il am owi t z-M ül lendo I ff, Heft 9 der Philol. Untersuchungen Isyllos von 
Epidauros. 

-) Panofka, Abh. der künigl. Akad. d. Wiss. zu Berlin 1S45, Taf. I, i u. 2 



14 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



tungsversuche des Namens für unbefriedigend. Aisclapius lautet 
der Name auf einer etruskischen Schale, woraus durch Vokalein- 
schaltung der Äskulapius der Römer wurde. Ionisch -attisch ist 
Asklepios mit der Betonung auf der letzten Silbe. Unter dem 
Protest der /Athener soll Demosthenes die Akzentuation aut das e 
gelegt haben (Plutarch). Die Alten dachten sich den Namen durch 
Zusammensetzung von y.'iy.-.'i.zz und ■f^-'-oz entstanden, die neueren 
Etymologen bezogen ihn auf askalabos, die Eidechse (Welcker 
nach Schwenck). S ick 1er') vertritt durchaus die semitische Ab- 
stammung des Wortes, der Svmbole und der Person. Nach ihm 
hat die auch von uns später noch angeführte Stelle des Pausanias, 



wonach die Phönizier in göttlichen Dingen bessere Einsicht hätten, 
prinzipielle Bedeutung (Paus. \'II. 443). Die historische Tatsache, 
daß sie den Heilgott (Esmun) gekannt hätten, ferner die Über- 
legung, daß die Hebräer die Heilschlange am Stabe bis zur Re- 
gierung des Königs Hiskia verehrt haben, legen nach Sickler die 
Vermutung nahe, daß auch die semitisch- hebräische Sprache die 
Auflösung des Rätselwortes geben müsse. Er besorgt dies in der 
ausführlichen Weise, daß er in den die Gottesstatue umgebenden 
Symbolen den Namen des heilenden Apollosohnes siebenfach und 
sein Wesen fünft'ach in der uralten Bilderschrift ausgedrückt wieder- 
findet. Der Stab (Äschkol), die Schlange (Epeh) = der Schlangen- 
stab (Askolepe); die Ziege (Äs), Milch (Chaleb) = Ascalab (Ziegen- 
milch). Der Hund (Keleb) vereinigt mit dem Worte Eeuer (Asch) 
gibt Aschkeleb = Feuerhund. Der Stab mit Schlangen, vollkommene 
Hieroglyphe des heilbringenden Anubis-Asklepios (Äskoloph) »ge- 
flügelter Stab«. Die wahrsagenden Vögel der Vorwelt Eule, Hahn 
und Rabe, die gelegentlich in des Gottes Nähe vorkommen, sind 
alle »Askalaphoi« Nachtvögel. 

Aus diesen interessanten Untersuchungen, die zu einer Zeit ge- 
macht waren, bevor der englische Arzt Thom. Young den Schlüssel 
für die ägyptische Hieroglyphenschritt 1814 tand, entnehmen wir 



') F. C. L. Sickler, Die Hieroglyplien in dem Mythus des Asklepios. Meiningen 1819. 



ASKLEPIOS. 



15 



noch die semitische Wortauslegung von Epidauros. Epheidur grä- 
zisiert Epiduros — Schhtngenwohnung, Schlangentempel. Wir müssen 
die Prütung dieser Prägen Sachverständigen überlassen und be- 
gnügen uns mit diesem Hinweis. 

Nach anderer Sage (Pindar) gab sich die bereits von Apollo ge- 
schwängerte Koronis dem Ischys hin, und der eifersüchtig zürnende 
Gott vom Raben über diese Untreue belehrt, tötete sie durch die 




Fig. 3. Geburt des Asklepios. 

Majolikaschale (Gubbio) 1534. 

Pfeile der Artemis. Schon sollte ihr Leib auf dem Scheiterhaufen 
verbrannt werden, da rettete Apollo durch Hermes den Sohn und 
brachte ihn aus den Elammen nach dem Berge Pelion zum Ken- 
tauren Chiron, damit dieser ihn in Jagd- und Heilkunde unter- 
richte. Die Größe der zukünftigen Persönlichkeit spiegelt sich bei 
unserem Gotte wider sowohl in den Gefahren, denen er bei der 
Geburt ausgesetzt war, nicht minder auch in den übernatürlichen 



I 6 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

Kräften, die seinem Leben ein Ende setzten. Die Szene, wie Koronis 
auf dem Scheiterhauten liegend, von dem jungen Asklepios ent- 
bunden wird, ist mehrfach Gegenstand einer halb realistischen, 
halb phantastischen Darstellung geworden. 

Unsere Illustration (Fig. 3) entstammt einer keramischen Arbeit^) 
des Maestro Giorgio (Gubbio) 1534. ImWudergrunde auf einem reich 
mit Renaissanceornamenten geschmückten Sarkophag liegt der grün- 
lich-blasse Leib der toten Königstochter. Apollo entnimmt diesem 
durch Kaiserschnitt den jungen Asklepios. Die Leibwunde blutet. 
Pteil und Bogen hat der Gott zur Seite gestellt. Amor sieht weinend 
dem Geschehnis zu. Im Hintergrund Palastarchitektur; aut dem 
Baume sitzt der Rabe des Apollo und eine Krähe (Koronis). 

Dankt so die antike Welt Leben und Wirken des göttlichen 
Arztes einem von jeher als höchste Betätigung ärztlicher Kunst 
anerkannten Eingriff: dem sogenannten Kaiserschnitt, so starb der 
Arztgott gerade den Tod, den von altersher die Menschheit als das 
feierlichste Symbol überirdischer Macht angestaunt. Auf dem Höhe- 
punkt seiner Kunst angelangt, entvölkerte der Arztgott durch beispiel- 
lose Heilerfolge das Schattenreich, und er entfachte außerdem noch 
den besonderen Zorn Plutos dadurch, daß er Tote erweckte. 
Solchen Argumenten des Schattenkönigs konnte Zeus aut die Dauer 
nicht widerstehen, und er sandte dem geliebten Enkel den tötenden 
Blitzstrahl. 

Daß meist erst nach dem Tode eines großen Mannes seine 
Verehrung eine allgemeine wird, daß Leben, Wirken und Persönlichkeit 
erst die güldene Patina der Legende bekommen muß, die über die 
reine Menschlichkeit erhebt, das bewahrheitet sich auch bei 
dem griechischen lieilgotte. Homer kennt eine Tempelverehrung 
des Asklepios noch nicht. Hesiod und Homer sprechen mit Worten 
großer Anerkennung von den Söhnen des göttlichen Arztes, die 
aber nicht nur Ärzte, sondern auch wackere Streiter im Kampte 



') Meine Hoffnung, diese in ockergelben und Icarminroten Lüstern gehaltene Majolikavase 
für die mediko-historisclie Sammlung des Kaiserin-Friedrich-Hauses erwerben zu können, 
scheiterte leider am Auktionspreise von 16000 (!i Älark. 



ASKLEPIOS. 1 7 



waren. Sie nahmen an der Spitze ihrer thessaUschen Mannen mit 
30 Schiften am Trojanischen Kriege teil (Hom. Jl. 11. 729) und 
in ihm hatte namentlich Machaon, der Feldscher des Krieges, 
Gelegenheit, sich als Chirurg zu hewähren. Als Menelaos vom 
Pfeil des Paris am Schenkel getrofi'en war, wurde schnell Machaon 
herbeigeholt, der den Pfeil aus der Wunde zog und 

»als er die Wunde geschaut, wo das herbe Geschoß ihm hineindrang, 
sog er das quellende Blut und legt ihm lindernde Salb aut, 
die einst dem Vater verliehen, der gewogene Chiron.« 

Diese Szene bildet Panofka ab. (Tafel VII, Nr. 9; Furtwängler, 
Gemmen, siehe Tafel XXIII, Nr. 6, Machaon härtig, in kurzem 
Chiton, verbindet den rechten Oberschenkel des mit Helm und 
Schild bewaffneten Menelaos.) 

Auf dem flachen Relief eines etruskischen Spiegels ist (Panotka, 
Tafel VII, Xr. 3 und Gerhard, etruskische Spiegel IV, 394 11) Ma- 
chaon dargestellt, in den Mantel gehüllt, wie er mit der rechten 
Hand den verwundeten linken Fuß des auf seine Lanze gestützten 
Philoktet verbindet. Zwischen beiden steht auf einem Schemel ein 
Fläschchen und ein Schwamm, oftenbar zu wundärztlicher Be- 
nutzuntr. Als Attribut seiner heilenden Kraft blickt eine Schlange 
Machaon an. 

Derartige Darstellungen gab es viele und auch Machaons Bild- 
nis wurde verehrt. Nachdem der Held, der zu den Auserlesenen 
gehört hatte, die im Trojanischen Pferd verborgen waren, gefallen 
war, soll Nestor des Machaon Gebeine gerettet haben und ihm 
in Gerenia ein Grabdenkmal gesetzt haben. Der heilige Ort, wo 
das Hieron stand, hieß Rhodon, das Standbild selbst war aus Erz, 
und um den Kopf trug Machaon einen Rosenkranz. Auch bei dim 
fanden Hilfsbedürftige und Kranke Heilung. Des Machaon Kinder, 
die Asklepiaden Gorgasos und Nikomachos, wurden nach ihrem 
Tode als Heroen verehrt und standen noch zu des Pausanias Zeit 
in dem Ruf, Krankheiten und Verstümmelungen zu heilen. Der 
Name des Asklepios Enkel »Gorgasos« erinnert an die Sage, daß 
Asklepios von Athene das Blut der enthaupteten Gorgo ^erhielt; 



ö 



H oll. Inder, Plastik und Medizin. 



l8 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^ 

und er gebrauchte das von der linken Ader zum Verderben der 
Menschen, das von der rechten zu ihrer Rettung. Ein weiterer 
Sohn des Machaon »Alexanor« errichtete in l'itane das berühmte 
Heihgtum des Asklepios, von dem wir bereits gesprochen haben. 
Doch auch des Alexanors Bildsäule stand daselbst und ihm »dem 
Helfer« wurden auch Opter gebracht. Auch die anderen Brüder 
ererbten vom Großvater die lindernde, heilende Kraft und ihnen 
waren Heiligtümer geweiht. Podaleirios, der weißfüßige, schnelle, 
der viel und schnell herumlaufen muß, um Kranke aufzusuchen und 
zu behandeln, hatte nach dem Trojanischen Krieg ein abenteuerliches 
Schicksal. Nach Karlen verschlagen, rettete ihn ein Ziegenhirt. 
Dieser brachte ihn zum König, dessen Tochter durch einen Sturz 
vom Dach schwer erkrankt war. Podaleirios heilte das Mädchen 
durch einen Aderlaß und bekam sie vom König zur Gemahlin. 
Abweichend von dieser Sage berichtet Strabo von dem Heroen, 
daß er in Italien gestorben sei; in Kalabrien stand sein Grabmal, 
am Fuße des Hügels Drion, »wo sie sich auf Schaffellen nieder- 
legten, um Traumorakel von ihm zu bekommen«. Zwei weitere 
Söhne des Asklepios waren Telesphorus und Janiscus; von ihnen, 
die bereits beinahe vergessen waren, werden wir noch besonders 
sprechen müssen. 

Doch nicht allein die männliche Nachkommenschaft des Askle- 
pios hütete des Vaters heilige Kraft, auch seine Frau Epione und 
die Töchter gelten der antiken Welt als Trägerinnen des göttlichen, 
heilenden Gedankens. HvQieia vor allen, die häufigste Gefährtin 
des \'aters. Dann auch Jaso, Panakeia und Aigle; sie alle genossen 
die Ehren von Heilgöttinnen. 

So trug erst der Same des Asklepios seinen Ruf in alle ^^'inde 
Griechenlands, und es scheint, daß erst die Enkel seinen Heildienst 
von Thessalien aus über ganz Griechenland verbreiteten. Die Urenkel 
aber, »die Asklepiaden«, schlössen eine Gemeinschaft. Zuerst war 
wohl Blutsverwandtschaft, später auch die durch Wahl \'eranlassung 
zum Zusammenschluß und der Zweck Lernen und Lehren der Medizin. 
Der Eid der Asklepiaden bietet auch dem modernen Jünger des 



ASKLEPIOS. 



19 



Asklepios ein ethisches Evangelium für die Ausübung seines Be- 
rufes. Alhnähhch ging die besondere beschränkende Bedeutung dieses 
Asklepiadentitels verloren. Nicht nur die »Logenmitglieder« besaßen 
diesen Beinamen, den sich später jeder Jünger der Kunst anmaßte. 
Von den Kultstätten galt als älteste überhaupt Trikka, welches 
Kastriotis ausgrub. Aber das weitaus berühmteste Heiligtum, welches 
seinen Glanz und Ruhm noch in die ersten nachchristlichen Jahr- 
hunderte hinüberrettete, war Epidauros (Fig. 4); von hier gingen 
weitere Pflanzstätten aus, so nach Athen, Sikyon, Pergamon, Rom. 
Aus der großen Zahl von über 80 uns bekannt gewordenen Kult- 
stätten erwähnen wir noch Titane, Tithorea, Eleusis, Messene, 
Rhodos, Melos, Samos, Kos (Fig. j) usw. 

Bevor wir uns nun selbst, Bewunderer und Diener des Gottes, 
zu den Füßen seines Standbildes niedertun, betreten wir das Heilig- 
tum und versuchen es, einen Einblick zu gewinnen in das seltsame 
Wechselspiel von kirchlicher Andacht und therapeutischer Betätigung, 
religiöser Selbstbetörung und frommer Heilkunst. Auch dem Zeit- 
genossen der Flugmaschine und der citerlosen und schmerzlosen 
operativen Behandlung wird es nicht schwer, sich in den Geist jener 
klassischen Naivität zu versenken und auf Traumorakel des Gottes 
an einem Tage zu sinnen, an dem er durch die Operation eine 
Geschwulst entfernte, die bisher — allerdings erfolglos — der heil- 
samen Betastung und Gesundbeterei unterworfen war. Treten wir 
ein, der Geist jener Zeit soll uns milde umrauschen wie die Zypressen 
des Tempelhofs. Der fromme Schauder, der uns seit der Knaben- 
zeit beim Betreten des Fichtenhains des Poseidon ergreift, den über- 
trasfen wir in unserer Phantasie allzuleicht auch aut die übrigen 
Bezirke der Göttertempel. Offenbar war aber bei der Anlage der 
Asklepios-Kultstätten in erster Linie auf die natürliche Hygiene 
des Ortes Rücksicht zu nehmen. Gesunde frische freie Luft mit 
reichlich fließendem Wasser zum Baden und Trinken, kein düsterer 
Ort. Selbst in dem Tempel des Asklepios in Athen war eine 
Quelle. Manchmal sind Mineralquellen erwähnt (»salziges Wasser: 
dem ähnlich, welches zu kochen anfängt«), oft auch Zellen für 



20 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 




ASKLEPIOS. 



21 




22 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

Bäder und Räume für gymnastische Übungen. Also der Ein- 
druck muß gewesen sein weniger ein frommer Schauder als das 
tiefe Aufatmen in würziger, frischer Bergluft. Man orientiere sich 
über die Landschaft an den Ansichten vom heiligen Epidauros 
und von Kos. Der Tempelbezirk war heilig und rein; ganz im 
Sinne des Pentateuch. Im ganzen Weichbild tand kein Toter 
seine Ruhestätte, weder verbrannt noch begraben durfte er werden, 
ebensowenig wie eine Frau in der Nähe des Tempels gebären 
durfte. Antoninus Pias errichtete deshalb zu Epidauros ein be- 
sonderes Gebär- und Sterbehaus. Der Andrang der Hilfesuchenden 
aus der Umgehung und von weit her war nun bei manchen Heil- 
stätten ein derartig großer, daß in der Nähe Quartiere entstanden, 
schon tür die Begleitung der Hiltesuchenden. Die Art und Weise, 
mit der nun der Geist und das Gemüt des Pilgers in den heiligen 
Bann der Gottheit getan wurde, die entspricht ganz dem kirch- 
lichen Raffinement des römischen Kultus; was hier die großartige 
Architektur der Kirche und der Farbenglanz der Fenster, Wand- 
gemälde und Priestergewänder tat, was hier den frommen Büßer 
durch Orgelklang und Choräle, bußfertige Stellung und Weihrauch 
in den frommen Rausch versetzte, das mußte in der klassischen 
Zeit die Kunst der Priester und der Priesterinnen auf andere Weise 
erreichen. Die Kranken oder deren Stellvertreter mußten fasten 
und dursten, Waschungen vornehmen. Räucherungen erdulden und 
kamen so müde und abgespannt zum Heiligtum. Ihre Einbildungs- 
kraft und Phantasie wurde dann noch gestärkt durch die Erklärung 
und Betrachtung der von Geheilten gestifteten Weihtafeln. Danach 
wurden Bäder genommen in warmen t)der kalten Quellen mit folgen- 
dem Salben und Abreiben des Körpers. Dann versetzte das Tier- 
opter vor des Gottes Bildnis in eine weihevolle Stimmung. Jetzt 
erst sank der Kranke erschöpft nieder, möglichst nahe zu den Füßen 
des Gottes, oder wenigstens in der Xähe des Tempels und suchte 
Schlat und Traum bisweilen auf dem Fell des geopferten \\'idders. 
Zwischen den Träumenden, Schlafenden oder sich schlafend Stellenden 
schritt der Priester mit seinen Töchtern, selbst der irdische \'ertreter 



ASKLEPIOS. 



23 



des Asklepios, die Jungfrauen in der Tracht der Göttinnen, einlier 
und waltete des heiligen Dienstes. Dabei spielte (offenbar, wenn 
auch ungesprochen, die Hypnose und Suggestion und der heilende 
Zauber iMesmers, oder wie man es sonst historisch nennen soll, 
seine therapeutische Rolle. Der Wille zum Heil schläferte den 
Kranken ein; seine Phantasie umgaukelte ihn mit Traumgesichten, 
deren Auslegung das Geschält des Priesters war. 

Es ist begreiflich, daß diese mystischen Verzierungen eines 
Heilkultus aut Gebildete und geistig Hochstehende geringeren Hin- 
druck machen mußten, und aus allem geht auch hervor, daß schon 
sehr frühzeitig diese Kultstätten im wesentlichen von den kleineren 
Leuten aus der ungebildeten Klasse oder auch von schwärmerisch \'er- 
anlagten autgesucht wurden. Die Asklepiospriester waren oftenhar 
mehr die Xaturärzte unserer Tage und standen schon frühzeitig 
in geringerem Ansehen. Aristophanes machte sich in recht derber 
Weise in seinem Plutos über den Heildienst lustig und sein mut- 
williger Spott wirkt ausfallender wie Bernhard Shaws Hyperbeln. 
Sehr bezeichnend sind des Dichters vielfach falsch zitierte Worte, 
als es sich darum handelt, den blind gewordenen Reichtumsgott 
Plutos wieder sehend zu machen. Plutos 406: 

B/t/^sidoiios. 
Ich dächte, wir holten schleunigst einen Medikus. 

Clnctiivlos. 
Wo gab's noch einen Medikus im Bereich Athens? 
Denn wo die Kunst nach Brote geht, da sinkt die Kunst. 
Was mir dagegen langst hei Zeus im Sinne schwebt, 
Im Asklepiostempel ihn zu betten, dieses ist das beste. 

Der dritte Akt führt uns nun die so interessante Szene vor, in 
welcher der Knecht Karion seine Erlebnisse berichtet, die er im 
Tempel des x^sklepios gehabt hat; dorthin hatte er den blinden 
Gott Plutos geführt. Die Erzählung des Knechtes und die Schilde- 
rung von der Blindenheilung durch des Asklepios gnadenreiche 
Meisterhand ist charakteristisch genug für des Aristophanes Stil und 
bedeutsam in medizinischer Hinsicht für die Heilhandlung selbst, 
so daß wir die ganze Szene unverkürzt hier wiedergeben wollen. 



24 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



Karion. 
Gebt acht ! Wir waren kaum zum Tempel gelangt mit ihm, 
Dem Alten, der noch eben so schlimm beschlagen war, 
Und jetzt so selig und hochbeglückt wie einer ist, 
Da führten wir ihn zuvörderst nach dem Meer hinab, 
Um ihn zu baden. 

Frau. 
Wahrlich, bei Zeus, ein hohes Glück 
Für einen Greis, gebadet zu werden in kalter See! 

Karion. 
Als dies geschehen war, kehrten wir zum Gott zurück. 
Sobald den Altar aber Gebäck und Räucherwerk 
Zur Weihe schmückte, »Speise für Hephästos Glut«, 
So betteten wir den Plutos, wie der Brauch gebot; 
Dann flickten wir jeder unsere Streu daneben an. 

Fraii. 
Gab's auch im Tempel noch andere Hilfesuchende? 

Karion. 
Jawohl ! Neokleides ersichtlich, zwar ein blinder Wicht, 
Der aber im Stehlen übermeistert die Sehenden; 
Und außerdem noch vielerlei Gebrechliche. 
Der Tempeldiener löschte nun die Lampen aus, 
Und hieß zum Schlaf uns legen, und wofern Geräusch 
Sich hören ließe, befahl er jedem Schweigen an ; 
So lagen wir denn allsämtlich in Ordnung hingestreckt. 
Allein ich vermochte nicht zu schlafen ! Es brachte mich 
Fortwährend aus dem Häuschen ein Topf mit Hirsebrei, 
Der einem alten Mütterchen nah' zu Häupten stand: 
Allmächtig zog mich's, hinzukriechen zu dem Topf! 
Inzwischen das Aug' aufschlagend, was erblick' ich da? 
Die Stollen und die Feigen reißt der Priester rasch 
Von der heiligen Tempeltafel herab ! Die Runde dann 
Um all Altäre macht' er, rings herum und späht, 
Ob irgendwo nocli ein Fladen darauf zu finden sei : 
Und was er gefunden, weiht er schnell in seinen Sack. 
Ein hehres Beispiel, wie mich dünkt! Ich fühle Mut 
Und erhebe mich tapfer nach dem Topf mit dem Hirsebrei. 

Frau. 
Elendester Schlucker, bangte dir nicht vor dem Tempelgott? 

Kario)i. 
Bei den Göttern, freilich hatt' ich Furcht! Doch nur die Furcht, 
Daß er im Kranzschmuck eher des Topfs sich bemächtige! 
Sein eigener Diener hatte mir ein Licht gesteckt. 
(In der Erzählunw furtfahrendi 



ASKLEPIOS. 25 



Wie sie indes mich rauschen hörte, das Mütterlein, 

So schob sie die Hand vor: zischend biß ich ihr hinein, 

Als war' ich eine der heiligen Schlangen Äskulaps. 

Da zog sie jach die Hand zurück, und mäuschenstill 

In ihre Decke gewickelt, lag sie wieder da. 

Nur jug der Schreck ihr — schlimmem Gestank als dem Iltis ab. 

Ich machte flugs ein tiefes Loch in den Hirsebrei, 

Und als ich den Leib mir vollgestopft, so walzt' ich mich. 

Frau. 
Der Gott indessen, kam er nicht? 

Karion. 

Noch inmier nicht ! 
Ein neckischer Streich passierte mir vielmehr zuletzt. 
Als nämlich der Gott sich wirklich nahte, da entfuhr 
Mir just ein Donnerwetter; denn mir schwoll der Bauch. 

Fron. 
Da kehrt' er gewiß mit Ekel stracks von dir sich ab. 

Kanon. 
O keineswegs ! Nur Jaso, seine Begleiterin, 
Errötete leicht, und Panakeia wandte sich, 
Die Nase klemmend; freilich, Weihrauch blas ich nicht. 

Fraii. 
Und er, der Heilgott? 

Karion. 
Spürte 's nicht einmal, bei Zeus! 

Frau. 
Zum wahren Bauer machst du den Gott ja ! 

Karion. 

Keineswegs ! 
Ein Exkrementenfresser nur ist er! 

Fran. 

Flegel du! 
Karion. 
Nach diesem Intermezzo mummt ich mich geschwind 
Aus Furcht ins Lager: er, der Gott, visitierte nun. 
Die Runde machend, alle Kranken der Reihe nach. 
Ein Bursch erschien dann, einen steinernen Mörser ihm 
Hinsetzend, einen Stampfer und ein Schächtelchen. 

Frau. 
Auch steinern? 

Karion 
Nicht doch, jenes Schächtelchen nicht, bei Zeus! 



26 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 

Frau. 
Wie konntest du das denn sehen, Erzhalunke du ? 
Du warst ja vermummt ins Lager! 

Karion. 
Durch mein Kittelchen ! 

(Indem er den zerrissenen Mantel emporhebt) 
Denn an Löchern fehlt es diesem nicht, beim hohen Zeus: 

iln der Erzählung fortfahrend) 
Für Neokleides huh der Gott nunmehr zunächst 
Ein Salbmittel an zu reiben, indem er drei 
Der schönsten Tenischen Zwiebelköpf in den Mörser warf, 
Sie zerstampfte, Mastix mischte dazu, nebst Feigensait, 
Und Sphettischen Essig endlich unter die Brühe goß : 
Drauf salbt' er die Augenlider ihm, umstülpend sie. 
Den Schmerz des Burschen zu steigern. Dieser heult' und schrie 
Und entsprang im Sturmschritt; lachend rief der Gott ihm nach: 
»Da sitze still, gesalbt wie du bist! Du brauchst hinfort, 
Trotz Schwur imd Eid, die Ekklesie nicht zu besuchen mehr.« 

Frau. 
Wie bürgerfreundlich und wie klug ist doch der Gott! 

Karion. 
Nach diesem Vorgang setzt' er sich zum Plutos hin, 
Und zwar zuerst betastet er ihm das Haupt und nahm 
Alsdann ein sauberes Leinentuch und wusch damit 
Dem Gott die AugenHder, worauf Panakeia kam 
Und Kopf wie Antlitz ihm verhüllte rundherum 
Mit purpurner Decke: schnalzend pfiff nun Äskulap. 
Da schössen aus dem Tempel jach hervor ein paar 
Gewaltige Schlangenbestien. 

Fraic. 

Gute Götter ihr! 
Karion. 
Sacht unter die Purpurdecke schlüpften die Bestien 
Und leckten ihm die Augenlider, so viel mir schien; 
Und ehe du schlürfen könntest ein Dutzend Schälchen Wein, 
Stand unser Plutos, staune Herrin, sehend auf! 
Ich schlug entzückt die Hände zusammen meinerseits. 
Und weckte meinen Gebieter. Äskulap indes 
Verschwand sofort samt seinen Drachen im Tempelraum. 
Die andern, die bei Plutos schliefen, du glaubst es kaum, 
Wie sie den Gott nun herzten und die ganze Nacht 
Wach blieben und munter, bis der helle Tag erschien. 
Ich lobt" und pries aus vollster Kehle den Äskulap, 
Daf) sehend gemacht er den Plutos mit so schnellem Ruck, 
Den Wicht Neokleides aber blinder gemacht, als erst. 



ASKLEPIOS. 27 



Dieser Spott des Aristophanes klingt wie Hohngelächter; der 
Satiriker kannte sein Publikum. Er schlug diese Saite der Dis- 
kreditierung pfäffischer Habgier und frommen Betruges nicht ohne 
die Sicherheit an, ein lautes Echo zu finden in der Brust seiner 
Zuhörer auf den oberen Reihen. Denn der Wunderglaube war 
damals schon viel zu vielen abhanden gekommen, und die Schar 
derer, die vergebens dem Gotte geopfert hatten, die Reihe der 
Schicksalsgenossen des Xeokleides, war eine bedenklich lange ge- 
worden. 

Ein anderer klassischer Zeuge — Pausanias — ging für uns zu 
einer Zeit in Griechenland herum, alles was er in Erfahrung brachte, 
notierend, als noch ein großer Teil der Kultstätten in Blüte stand, 
als die erste Patina die Kunstwerke einer Meisterepoche zu über- 
ziehen begann. 

Wir wollen nun aus des Pausanias Reisebeschreibungen der 
schon erwähnten Periegesis (zur Zeit der antoninischen Kaiser, 
zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. geschrieben) einige 
der Stellen von größerer Wichtigkeit für die Handhabung des 
religiös -medizinischen Gottesdienstes in den Heiligtümern wört- 
lich zitieren. So beschreibt er den Tempeldienst von Epidauros 
fokendermaßen (2. Buch, Korinthiaka, 27. Kapitel, Übersetzung 
von J. H. Schubart): 

»Den heiligen Hain des Asklepios umgeben ringsum Grenzsteine; 
weder sterben sie, noch gebären ihre Weiber innerhalb des heiligen 
Raumes, gerade wie dieses auch auf der Insel Delos nicht erlaubt 
ist. Das Geopferte, mag nun ein Epidaurier oder ein Fremder der 
Opfernde sein, verzehren sie innerhalb der Grenzsteine. Denselben 
Gebrauch kenne ich auch von Titane. 

Jenseits des Tempels ist der Ort, wo die bei dem Gotte Hilte- 
suchenden schlaten. 

Ein sehenswertes rundes Gebäude, von weißem Marmor, Tholos 
(Kuppel) genannt, ist in der Nähe errichtet. In demselben ist ein 
Gemälde des Pausias, Eros, der Bogen und Pfeile weggeworfen 
und an ihrer Statt eine Leier genommen hat und sie trägt. Daselbst 



28 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

ist auch die Methe (Trunkenheit) gemah, wie sie aus einer Schale 
trinkt, ebenfalls ein Werk des Pausias. Man erkennt selbst auf dem 
Gemälde, daß die Schale von Glas ist und durch dieselbe das Ge- 
sicht der Frau. Innerhalb des heiligen Raumes stehen Denksäulen, 
vor alters mehrere, zu meiner Zeit aber waren nur noch 6 übrig. 
Auf diesen sind die Namen der Männer und Frauen geschrieben, 
welche durch Asklepios geheilt worden sind, außerdem noch die 
Krankheit, an welcher ein jeder gelitten, und wie er geheilt worden ; 
alles ist in dorischem Dialekt geschrieben. 

Abgesondert von den übrigen ist eine alte Denksäule; sie sagt 
aus, Hippolvtos habe dem Gott zwanzig Pferde geweiht. Über- 
einstimmend mit der Inschrift') dieser Säule, erzählen die Aricier, 
daß Asklepios den Hippolvtos, der durch den Fluch des Theseus 
gestorben war, wieder auferweckt habe; er aber, als er wieder zum 
Leben gekommen, wollte seinem \'ater nicht verzeihen, sondern 
ging, aut sein Bitten nicht achtend, nach Italien zu den Ariciern 
und wurde dort König und weihte der Artemis einen heiligen 
Raum, wo bis auf diesen Tag das Priestertum der Kamptpreis tür 
den Sieg im Zweikampfe ist. Dieser Kampf ist nicht für Freie 
angesetzt, sondern für Sklaven, die ihren Herren entlauten sind. 

Die Epidaurier haben in dem heiligen Bezirke ein, nach meiner 
Meinung, höchst sehenswertes 'Fheater, denn an Pracht übertreffen 
die römischen weit alle anderen in der Welt, an Größe das zu 
Megalopolis in Arkadien; welcher Baumeister aber könnte es wagen, 
sich in bezug auf Ebenmaß und Schönheit mit Polykleitos zu 
messen? Denn Polvkleitos ist der Baumeister dieses Theaters und 
des runden (jebäudes. Innerhalb des Haines ist ein Tempel der 
Artemis und eine Bildsäule der Epione, ein Heiligtum der Aphrodite 
und der Themis, ein Stadium, wie bei den Griechen gewöhnlich, 
ein Erdwall und ein Brunnen, wegen der Decke und der übrigen 
Auszierung sehenswert. 

Was zu meiner Zeit der Senator Antoninus angelegt hat, ist 



>) Die sehr bedenkliche Stelle ist nach der herkömmlichen Lesart übersetzt; von den 
verschiedenen Änderungsvorschlägen scheint keiner überzeugend. 



ASKLEPIOS. 29 



ein Bad des Asklepios und ein Heiligtum der Götter, welclie sie 
Epidotai (spendende) nennen; auch hat er einen Tempel gebaut 
für die Hygieia, den Asklepios und den Apollo, sämtlich mit dem 
Beinamen die Ägyptischen. Es gab auch eine nach der Kotys 
o-enannte Stoa ; da das Dach derselben eingestürzt und sie — denn 
sie war von ungebrannten Ziegeln errichtet — schon beinahe völlig 
zuo-runde gegangen war, so baute er auch diese wieder auf. Die 
Epidaurier, welche mit dem Tempeldienst beschäftigt waren, be- 
fanden sich in der traurigsten Lage, weil ihre Erauen nicht unter 
dem Schutze eines Obdachs niederkommen konnten und die Kranken 
unter freiem Himmel starben. Er nun brachte auch dies m Ord- 
nuno- und errichtete ein Gebäude, wo das Sterben für die Menschen 
und das Niederkommen für die Erauen ohne Verletzung des heiligen 
Ortes gestattet war. 

Berse erheben sich über den Hain, der Titthion und ein anderer 
namens Kynortion ; auf ihm ist ein Heiligtum des Apollo Maleatas 
(vom Vorgebirge Malea); dieses gehört zu den alten; was aber 
sonst um den Tempel des Maleatas ist, und eine Zisterne, in welcher 
sich das Regenwasser sammelt, hat ebenlalls Antoninus den Epi- 
dauriern angelegt. 

28. Kapitel. Die übrigen') Drachen und eine andere Art, deren 
Earbe mehr ins Rötlichgelbe spielt, gelten für den Asklepios ge- 
heiligt und sind zahm gegen die Menschen; sie kommen nur im 
epidaurischen Lande vor. Ähnliche Erscheinungen finden sich auch 
in anderen Gegenden; so bringt Libyen allein Landkrokrodile hervor, 
die nicht kleiner sind als zwei Ellen; allein von den Indern bringt 
man unter anderen die Papageien; die großen Schlangen aber, die 
über dreißig Ellen lang werden, wie sie bei den Indern und in 
Libyen vorkommen, erklären die Epidaurier für eine andere Gattung 
und nicht für , Drachen'.« 

Recht anschaulich beschreibt Tansanias (Korinthiaka II, 1 1. 3) 
das Heiligtum von Titane: »Späterhin gründete Alexanor, des 

>) Das Wort, welches hier durch „ülirige-, und das einige Zeilen weiter unten, welches 
durch „große" Schlangen übersetzt ist, ist auch wahrscheinlich verdorben. 



30 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Machaon Sohn, des Asklepios Enkel, hei seiner Ankunft in Sikyonien 
das Asklepieion in Titane. Um dasselbe herum wohnen unter an- 
deren auch hauptsächlich die, welche bei dem Gotte Hilfe suchen ; 
innerhalb des heiligen Raumes stehen alte Zvpressenbäume. Von 
was für einem Holze oder Metalle das Bild ist, kann man nicht er- 
fahren, auch kennen sie den Meister nicht, wenn man es nicht etwa 
bis auf den Alexanor selbst zurückführen will. Von dem Bilde sind 
nur das Angesicht und die Spitzen der Hände und Füße sichtbar; 
denn es ist ihm ein weißes Chiton und ein Himation (Unter- und 
Oberkleid) übergeworfen. Ebenso ist es mit der Bildsäule der 
Hygieia. Auch diese kann man nicht leicht sehen, so sehr ist sie 
eingehüllt von Haaren der Frauen, die sich ihr zu Ehren scheren, 
und von Bändern babvlonischen Zeuges. Auch Bildsäulen des 
Alexanor und des Euamerion sind da. Jenem bringen sie wie 
einem Heros Totenopfer nach Sonnenuntergang. Dem Euamerion 
aber opfern sie wie einem Gotte. Vermute ich recht, so nennen 
die Pergamener nach einem Orakelspruche diesen Euamerion Tele- 
sphoros, die Epidaurier x\kasis. Auch ein Schnitzbild der Koronis 
ist da, jedoch nirgends im Tempel aufgestellt, sondern nachdem 
ein Stier, ein Lamm und ein Schwein dem Gotte geopfert 
sind, trägt man die Koronis in den 'Fempel der Athene und ver- 
ehrt sie dort. Alles was zum Geopferten gehört, verbrennen sie 
und es genügt ihnen nicht, die Schenkel auszuschneiden ; sie ver- 
brennen es aber auf der Erde mit Ausnahme der Vögel, diese nur 
auf dem Altare. 

In der Halle sind Bildsäulen aufgestellt des Dionysos, der Hekate, 
Aphrodite etc., alle diese von Holz; von Marmor Asklepios, mit 
dem Beinamen der Gortynische. Zu den heiligen Drachen wollen 
sie aus Scheu nicht hineingehen, sondern sie legen ihnen das Futter 
vor den Eingang und kümmern sich nicht weiter darum.« 

Verschiedene Male ist Pausanias über die Person der dargestellten 
Gottheit im unklaren. Manchmal besteht ein Zweifel, ob Herakles 
oder Asklepios dargestellt sein soll. In einem Gebäude der Phokier- 
stadt Panopeus (X. Buch, 4) beschreibt unser Reiseführer ein Bild 



ASKLEPIOS. 



31 



aus pentelischem Marmor, von dem einige sagen, es sei Asklepios, 
andere aber Prometheus. Für das letztere geben sie als Beweis, 
daß in der Nahe der Schlucht zwei große lehmartige Sandsteine 
liegen mit dem typischen Gerüche der menschlichen Haut. Diese 
Steine sollen die Überbleibsel des Lehms sein, aus welchem Pro- 
metheus das ganze Menschengeschlecht gebildet haben soll. 

(X. Buch, 32) »Die Phokier besitzen noch einen zweiten Tempel 
des Asklepios mit dem Xamen Archagetas, 70 Stadien von Tithorea 
entfernt. Innerhalb des heiligen Bezirkes haben die Hilfesuchenden 
und die Sklaven des Gottes ihre Wohnungen; in der Mitte steht 
der Tempel und das Bild von Marmor mit einem wohl über zwei 
Fuß langen Barte. Zur Rechten des Bildes ist ein Ruhebett. Der 
Gebrauch gestattet ihm alles zu opfern mit Ausnahme der Ziegen.« 

Aus diesen Berichten des Pausanias entnehmen wir schon 
die Tatsache, daß neben dem allgemeinen Tvpus jedes Heiligtum 
beinahe seine Sonderheiten zeigte im Kultus, in der Art der Opter- 
gaben, wohl auch in der Art der Behandlung, und daß oft neben 
der Bildsaule des Asklepios noch andere Heildämonen und andere 
Gottheiten verehrt wurden. Ja, was uns sogar durch Inschriften über- 
liefert wird, die einzelnen Heilbezirke konkurrieren miteinander, 
und wie das der Konkurrenzkampfund Neid mit sich bringt: die 
Priester machten sich gegenseitig schlecht, um die große Masse 
der Pilger dem eigenen Heiligtum zuzuwenden. Es scheint, als 
ob in den kleineren Heiligtümern der Priester auch gleichzeitig 
ärztliche Funktionen ausgeübt hatte, und daß er so vielleicht sich 
ärztlich besser bilden konnte. Wilamowitz-Möllendorf spricht 
sogar die Vermutung aus, daß Kos und Knidos vielleicht der Ent- 
wicklung der wissenschaftlichen Medizin Hilfe geleistet haben, nicht 
aber Epidauros, wo noch im 3. Jahrhundert v. Chr. durch Träume, 
Wunder, Schlangen und Hunde geheilt wurde. Der traumdeutende 
Oberpriester ging in der Kleidung des Gottes und unterstützt von 
Jungfrauen, die die Töchter des Asklepios in der Tracht vorstellten, 
wie wir ja schon aus des x\ristophanes Beschreibung wissen, im 
Tempel umher und waltete des heiligen Dienstes. 



32 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



Inzwischen hatte sich der Kranke (oder auch dessen Angehörige 
oder stellvertretende Diener) aut dem Fell des geopferten Widders 
oder auch auf einem Bette, möglichst in der Xähe des Standbildes 
des Gottes, zum Schlafen niedergetan. Dem Inkubierten offenbarte 
sich der Gott durch Traumgesichte, aus denen wiederum die 
Priester den Weg zur Heilung bestimmten. Waren es auch am 
häufigsten der Genuß oder die äußere Anwendung des Opferblutes, 
ferner diätetische Mittel, so berichten doch schon Galen, Aristides 
und andere die Verordnung außergewöhnlicher xMittel, teils solcher, 
welche mit der Medizin zunächst überhaupt ohne Zusammenhang 
erscheinen, z. B. Reiten, Besuch eines Theaters, Anhörung eines 
Gedichtes (der trüber gelähmte Hermodikos mußte einen großen 
Stein in das Hieron tragen), teils aber auch in der ^'ornahme von 
medizinischen Handlungen, die heute unser ausgesprochenes Interesse 
verdienen. Es wäre aber ganz falsch, aus diesen Verordnungen 
irgendwelche Schlüsse zu ziehen auf den Stand der wissenschaft- 
lichen Medizinkunst jener Zeit. 

Denn es muß betont werden, daß wir ziemlich im dunkeln 
sind darüber, wer nun eis'entlich die rein ärztlichen Funktionen 
ausübte. Es ist zwar eine Tatsache, daß einzelne Inschriften darauf 
deuten, daß unter den Tempelpriestern auch gelegentlich Arzte 
waren. So wird nach einem Funde auf der Akropolis ein gewisser 
Onetor als Arzt, später als Asklepiospriester erwähnt (Bull, de corr. 
hell. II, p. 422, 423, 426). Aber sicher war das eine Ausnahme. 
Schon die Art der Priesterwahl deutet darauf hin; denn nicht durch 
die »Cheirotonia« wurde der Priester gewählt, sondern durch das 
Los; also der Zufall macht ihn zum Priester, nicht un choix re- 
flechi, wie Paul Girard') dies ausführt. Und es kommt noch 
hinzu, daß die Amtszeit eine begrenzte war. Im Prinzip also, und 
auch meist in der Ausführung, waren die Priester nur die obersten 
Vorsteher des Tempels, hatten gewissermaßen die Aufsicht, sorgten 
für die Reinhaltung der Kultstätte, hatten die \'erantwortung über 
den Tempelschatz und natürlich auch den ^^Tmsch, daß unter ihrer 

') Paul Girard, L'AsclOpieion d'Athcnes d'aprcs de rccentes dccouvertes. Paris iSSi. 



ASKLEPIOS. 



33 



Priesterzeit möglichst viele glückliche Kuren vollbracht wurden. 
Ausübende Faktoren scheinen mehr die »Zakoren« gewesen zu 
sein, Tempeldiener oder Assistenten des Priesters, die offenbar 
nicht so oft wechselten und im Laute der Zeit sich wohl aus- 
gedehntere ärztliche Kenntnisse aneigneten. Früher wohl unter- 
geordnete Domestiken des Tempels, wurden sie in der römischen 
Zeit gewichtigere Persönlichkeiten , die längst nicht mehr den 
niedrigen Dienst des Lampenlöschens usw. tun, wie noch zu 
Aristophanes' Zeit. Nach Aristides scheint ihnen die direkte Sorge 
um die Kranken obzuliegen, und sie sind es wohl auch, die Ader- 
lässe ausführen oder doch wenigstens dabei sind. Wir müssen 
uns damit begnügen, hier Vermutungen Raum zu geben. Nach 
Hippys aus Rhegion waren es die Zakoren, welche der armen 
»Tänienbehalteten« Frau in Fpidauros den Kopf abschnitten und 
ihn nicht wieder autsetzen konnten. Eine Illustration dieser Auf- 
fassung finde ich in dem Fragment, Svbel 3010, Nationalmuseum 
Athen, wo wir die erhaltene Figur eines »Zakoren« sehen, wie 
er den Kopf eines auf der Kline liegenden Patienten befühlt ; da- 
neben steht der Priestergott (s. S. 121). Das Personal der großen 
Tempel wie in Fpidauros oder Athen war offenbar ein aus- 
gedehntes. Da werden auLk'r Priestern und Zakoren erwähnt die 
Schlüsselträger, die Feueranzünder, die Männer, die auf den Altären 
das Feuer entfachten, dann Frauen »Kanephoren und Arrhephoren«. 
Alle diese zunächst niederen Dienstleistungen verloren allmählich 
ihren Charakter und wurden zu Ehrenämtern, um die man sich 
bewarb und beneidete. 

Die erwähnten Heilberichte sind nun natürlich gefälscht und 
lügen mehr wie die Marktschreizettel der mittelalterlichen reisenden 
Scharlatane. Wie auch heute noch an Wallfalirtsstätten es Sitte 
und Gebrauch ist, den Vorgang der Erkrankung und Heilung ge- 
malt zu opfern oder die Krücken nach Wunderheilungen am heiligen 
Orte zu hinterlassen, so schenkten schon in früher Zeit die Pilger 
dem Gotte Votivglieder. Solche Anatheme geheilter Finger, Arme, 
Beine wurden vielfach in edlen Metallen, Silber, Gold und Elfen- 

Holländer, Plastik und Medizin. J 



34 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

bein dargebracht (nicht in Epidauros). Andere wieder berichteten 
gelegentlich auf Silbertafehi Krankheit und Ilcilungsart. Auf Grund 
dieser Krankengeschichten, die zum Teil noch als Beweisstücke in 
den Tempeln hingen, zum Teil wohl aber auch denselben Weg ge- 
gangen sind, wie die Stollen und beigen beim Aristophanes, d. h. 
in den Sack des Priesters, den großen Magen der Kirche, wurden 
von der Priesterschaft Heilungsberichte auf Marmortateln zusammen- 
gestellt, von denen z. B. in Epidauros Pausanias noch sechs Stelen 
im Hieron betrachten konnte. Ohne Zweifel sind das dieselben In- 
schriften, von denen iS^^ und 1884 zwei intakte und zwei trag- 
mentierte Stelen ausgegraben wurden. Die Inschritten werden in 
den Anfang des dritten vorchristHchen Jahrhunderts verlegt, und 
wurden damals wahrscheinlich umbearbeitet oder nach älteren Ur- 
kunden abgeschrieben. Doch um diese Urkunden webte die Tradition 
ein dichtes Maschennetz von Legenden. Lehrreich ist in dieser Be- 
Ziehung der Fall der Kleo, den S. Herrlich') in seiner Arbeit 
»Epidauros, eine antike Heilstätte« berichtet'). Die Kleo hatte als 
Weihgeschenl{ einen Pinax gestiftet, aus dessen Versen hervorging, 
daß sie fünf Jahre schwanger war, der Gott aber habe sie im Schlafe 
gesund gemacht. Die Stele aber, welche diesen Fall ausschlachtet, 
läßt die Kleo sofort einen Knaben zur Welt bringen, der sich so- 
gleich nach der Geburt im heiligen Quell waschen und mit der 
Mutter zusammen fortgehen konnte. Solche Pinakes werden nicht 
nur in Epidauros, sondern auch in Trikka und Kos erwähnt. Bei 
Strabo steht die berühmte Stelle, nach der in Kos Hippokrates sich 
an ihnen gebildet habe. »Aus den in diesem Tempel aufgehängten 
Heilungstafeln, soll Hippokrates größtenteils die Diätetik erlernt 
haben.« Diese lamatainschriften berichten nun über eine große Reihe 
der verschiedensten Krankheiten, unter denen sowohl ausgetallene und 
durch ihre Seltsamkeit schon imponierende Ciebresten vorkommen, 
wie auch die kleinen und großen Leiden, die das Menschengeschlecht 
seit Jahrtausenden an allen Punkten der Erde gequält haben. 



1) S. Herrlich, Epidauros eine antike Heilstätte. Jahresber. d. Ilumbuldtsgymnas. 1S9S. 
^) Vgl. auch: To Upiv t&ü 'A3x).v]7f.oü iv 'EniSaupui, üüi ü. Ka°ßa5i'ot. 'Aö-f,vrj':cv 1900. 



ASKLEPIOS. 



35 



Der gelehrte Augenarzt Julius Hirsch berg, der auf seinen 
Weltwanderungen mit klugen und klassisch geschulten Augen, 
namentlich alles vereinigte, was sein Spezialfach, die Augenheil- 
kunde, vom historischen Standpunkt interessierte, hat die Weihe- 
tafeln in Epidauros studiert mit Bezug aut die Augenleiden und sie 
auch in seiner »Geschichte der Augenheilkunde« und in seinen 
»Hellasfahrten« übersetzt. Gerade diese Geschichten von Erblindeten 
und wieder durch die Gnade Gottes Sehendgewordenen charakteri- 
sieren das Getriebe dieser Heilstätte. Nur zwei von ihnen wollen 
wir hier wiedergeben: 

1. Ambrosia, bisher einseitig blind, erhält das volle Gesicht 
von dem Gott. Ambrosia aus Athen, auf einem Auge blind. Diese 
kam hilfesuchend zu dem Gott, umherspazierend in dem Heiligtum, 
verspottete sie einige von den Heilungsgeschichten als unglaublich 
und unmöglich, daß Lahme und Blinde einfach nach einem Traum- 
gesicht gesund geworden seien. Aber im Tempelschlaf sah sie ein 
Gesicht: es schien ihr, als ob der Gott zu ihr trete und ihr sage, 
daß er sie zwar gesund machen werde, daß sie aber als Honorar 
im Tempel ein silbernes Schwein aufstellen (weihen) müsse, zur 
Erinnerung an ihre Torheit. Nach diesen Worten habe er ihr mit 
einem Messer das kranke Auge geritzt und ein Heilmittel ein- 
geträufelt. Als es Tag wurde, ging sie gesund von dannen. 

2. Hernion aus Thasos. Diesen heilte der Gott von seiner 
Blindheit; und als er das Honorar nicht an das Heiligtum zahlte, 
machte er ihn wieder blind. Als er aber kam und wieder im Tempel 
schlief, machte er ihn gesund. 

Die fahrenden Heilkünstler unserer Zone waren dagegen ge- 
legentlich humaner; sie heilten Arme um Gotteslohn, und »der 
es vermag, um ein bescheiden Geld«. Hier noch andere Heil- 
geschichten und Heilmärchen. 

Ein Mann aus Thorone hat eine Menge Blutegel verschluckt, 
die ihm die böse Stiefmutter in den Trank geschüttet hatte. Ithmonika 
befindet sich seit drei Jahren in anderen Umständen. Erwähnt wird 
namentlich einseitige oder doppelseitige Blindheit, Lähmungen, 



36 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

Geschwüre, Bandwurm, Steinleiden, Verwundungen, alle diese 
mehrfach, auch Wassersucht, Magenleiden, Koptweh, Schwindsucht, 
Stigmata, Sprachlosigkeit. 

Fünfmal bitten Frauen um Nachkommenschaft. Als Kuriosa 
unter den 42 Fällen erwähnt Herrlich einen Kahlkopf und einen 
von Läusen geplagten Thebaner. Die Heilung ertolgt meist wäh- 
rend der Inkubation. Der Gott erscheint allein oder von seinen 
Gehilfen und Töchtern begleitet und vollzieht die Heilung. Die 
Kranken erhalten auch Traumorakel, durch die Weisungen erteilt 
werden, die sie zu ihrer Heilung zunächst ertüllen müssen. Daß 
der Gott auch operativ vorgeht, das verbürgen die Inschriften zu 
Epidauros ausdrücklich. Daß es sich dabei nicht nur um etwas Er- 
träumtes handeln kann, beweisen die Tatsachen, daß die \'erwun- 
deten am Morgen Lanzen und Pfeilspitzen, die vordem in ihrem 
Körper gesessen, in den Händen haben, genau so wie 1000 Jahre 
später der heilige Benediktus den steinkranken Kaiser Heinrich durch 
Mirakel heilt und ihm seinen Blasenstein in die Hand gibt. Doch 
noch etwas berichtet die Säule: Xach einer Operation, die der Gott 
vollzogen, war noch am anderen Morgen der ganze Fußboden des 
Abaton voller Blut. Die fünfte Geschichte der zweiten Inschrift, 
wo diese blutige Operation geschildert wird, könnte man beinahe 
geneigt sein, an die Schilderung eines wahrhaltigen Vorganges zu 
denken, so modern klingt die Erzählung. Der Kranke, welcher an 
einem Magengeschwür leidet, wird während der Inkubation von den 
Dienern des Gottes festgebunden. Asklepios öffnet die Bauchhöhle, 
schneidet das Geschwür heraus und näht den Bauch wieder zu. 
Der Patient selbst verläßt geheilt das noch blutige Abaton. Den 
Wert dieser an sich interessanten Darstellung verzerrt in das Grotesk- 
Komische die Geschichte der Wassersüchtigen und der an einem 
Bandwurm leidenden Aristagora. Der Gott schneidet nämlich einer 
an W'assersucht leidenden Patientin den Kopt ab, hängt dann den 
Körper an den Füßen auf und setzt, nachdem eine Menge Wasser 
abgelaufen ist, der geheilten Patientin den Kopt wieder aut. Man 
wäre ja geneigt, hier an eine starke Übertreibung zu denken und 



ASKLEPIOS. 3 7 



wissenschaftlich die Heilung der Ödeme durch Einschnitte zu er- 
klären, wenn nicht der folgende analoge Fall eine solche Auslegung 
unmöglich machte. Aristagora litt an einem Bandwurm, die Söhne 
des Asklepios schnitten ihr, es ist nicht gesagt zu welchem Zweck, 
in Trözen, vielleicht aus irgendeiner falschen Diagnose, den Kopt 
ab, konnten aber, wie das bei Assistenten schon einmal vorkommen 
soll, die Operation nicht zu Ende führen. Die Ärmste mußte in- 
fokedessen einen Tag ohne Kopf bleiben. In ihrer Ohnmacht und 
Ano-st holen die Mitarbeiter den Herrn Chef selbst aus Epidauros, 
und der geht radikal vor. Er befestigt zunächst der Patientin 
wieder den Kopf, sodann schneidet er ihr den Bauch aut, holt den 
Wurm heraus und näht den Leih wieder zu; geheilt und er- 
hobenen Hauptes verließ sie das Lokal. Zwei Dinge ließen sich 
aus dieser letzten Geschichte leicht vom zeitgenössischen Leser 
eruieren. Die eine deutlich genug unterstrichene Tatsache, daß der 
Gott von Trözen ein Stümper war gegen den epidaurischen Asklepios. 
Diese Empfehlung paßte sehr wohl in die Preisliste pfäffischer Be- 
gehrlichkeit. Aber die blutigen Geschichten, die da erzählt wurden, 
sollten doch auf das eine oder andere Bäuerlein nicht gerade an- 
lockend gewirkt haben. Aber schließlich muß doch die Psyche der 
antiken Welt anders gestaltet gewesen sein. Denn die Aussicht, 
die kranken Teile von Schlangen geleckt zu bekommen, sowohl 
Augen wie Fußgeschwüre, wie das berichtet wird, und wie wu' das 
ja auch schon aus dem Plutos kennen, oder sich, wie der letzte 
Fall der zweiten Inschrift zeigt, die Gicht durch Bisse einer Gans 
kurieren zu lassen, war doch eigentlich wenig verlockend; es sind 
das Kuren, welche die Wundertaten eines Doktor Eisenbart in den 
Schatten stellen. »Man sieht in ein Getriebe von Trug und Heuchelei 
hinein, dem das entschuldigende Prädikat der Frömmigkeit nicht 
mehr zukommt ,« sagt \\' i 1 a m o w i t z - M ö 1 1 e n d ort, aber wir 
müssen auch bei der Verdammnis solchen pfätlischen Gaukelspiels 
an das Publikum denken, welches sich zu den Tempeln drängte. 
Es waren die Mühseligen und Beladenen, die sich zum philan- 
thropischen Gotte drängten. Vielleicht hat Di eis recht, wenn er 



38 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

von diesen Vorgängen folgendes sagt: »Diese Berichte spiegeln die 
Tugenden und Fehler des hellenischen Volkes in seinen niederen 
Schichten wieder; sie zeigen neben Toleranz und Menschenfreund- 
lichkeit auch zugleich die schamlose Betrügerei, Aufschneiderei und 
Geldschneiderei der Priester.« Bedenken müssen wir übrigens bei 
der Betrachtung dieser Heilberichte aus Hpidauros, daß die Stelen 
zwar aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert stammen, daß der 
Text aber in Wirklichkeit aus einer bei weitem älteren Zeit herrührt; 
diese Neuschritt und Umarbeitung war nötig tür die Masse der 
Pilger, welche die altertümlichen Buchstaben nicht mehr entziffern 
konnten. Die Quellen über Heilvorgänge und Kurarten der späten 
Zeit, namentlich auch aus der römischen Kaiserzeit, fließen äußerst 
spärlich. Sie zeigen aber, daß der Gott in seinen Verordnungen 
sich mehr auf hygienische Winke und Ratschläge beschränkt hat. 
Diät, Kleidung, Bewegung und Abhärtung waren die Heilmittel, die 
der zeitgemäß fortgeschrittene Gott jetzt offenbarte. Die Kon- 
kurrenz mit der wissenschaftlichen Medizin hatte diese Priesterkunst 
auf den Weg des sogenannten Naturheilverfahrens gedrängt. Der 
Vergleich mit modernen Zuständen läßt mit Sicherheit vermuten, 
daß jene klassischen Polikliniken des Asklepios auch später noch 
zur Zeit des höchsten Glanzes der griechischen Avissenschaltlichen 
Medizin nicht leer standen. 

Ein tadellos erhaltener Stein, der sich in Epidauros fand, be- 
stätigt, daß spätere Behandlung sich abenteuerlicher Scharlatanerie 
enthielt und mehr in die breite Landstraße, sagen wir, einer Natur- 
heilbehandlung eingelenkt war. Die Kur des M. Julius Apellas ist 
zuerst von Kabbadias 1883 veröffentlicht und von Ulrich 
V. W i 1 a m o w i t z - M ö 1 1 e n d o r f f kommentiert worden '). Seine 
Übersetzung lautet: 

»Ich M. Julius Apellas aus Idrias und Mylasa ward \on dem 
Gotte herbeschieden, als ich eine Krankheit über die andere bekam 
und an Indigestionen litt. Auf der Reise, in Aigina, gebot er mir, 
ich sollte mich nicht so viel ärgern. Als ich im Hicron angelconunen 



') Isyllos von Epidauros: Philolog. LTnters. i8S6. Heft 9. 



ASKLEPIOS. 39 



war, gebot er mir, ich sollte zwei Tage den Mantel über den Kopf 
gezogen tragen; die beiden Tage regnete es; Käse und Brot essen, 
Selleriesalat mit Lattiiga, mich im Bade selbst bedienen, Dauerlaut 
üben, Limonade trinken, neben den aquae im Bade mich an der 
Wand reiben, auf der Loggia spazieren gehen, schaukeln, mich mit 
Staubsand einreiben, barfuß gehen, in der Badeanstalt in das heiße 
Wasser, ehe ich hineinstiege, Wein zugießen, allein baden und dem 
Bademeister eine Drachme attisch geben; dem Asklepios, der Lpione 
und den Eleusinischen Göttinnen gemeinsam opfern, Milch mit 
Honio- o-enießen; und als ich eines Tages bloße Milch trank, sagte 
er mir ,tu Honig in die Milch, damit es abführen Icann'. Als ich 
den Gott bat, er möchte mich schneller abfertigen, da war mir, als 
o-ino-e ich mit Senf und Salz am ganzen Körper eingerieben an den 
aquae zum Kurhaus hinaus, voran einen Jungen mit dampfendem 
Rauchfaß, und der Priester sagte ,kuriert bist du, nun mußt du das 
Honorar bezahlen'. Und ich tat nach dem Gesichte, und wie ich 
mich mit dem Salz und dem Senfteig feucht einrieb, tat es weh. 
Beim Waschen aber tat es nicht weh. Das geschah in den ersten 
neun Tagen nach meiner Ankunft. Er faßte mich auch an die 
rechte Hand und die Brust; und tags darauf schlug die Flamme, als 
ich das Räucherwerk hineinwarf, in die Höhe und verbrannte mir 
die Hand, so daß es Blasen gab. Aber die Hand ward bald wieder 
heil; ich blieb noch länger da, und er gebot mir Anis mit Ol 
gegen die Kopfschmerzen anzuwenden. Nun hatte ich aber gar 
keine Kopfschmerzen; da begab es sich, daß ich vom Studieren 
Blutandrang nach dem Kopf bekam. Ich wandte das Öl an und 
wurde die Kopfschmerzen los. Gegen Geschwulst des Zäpfchens 
kaltes Wasser, Gurgeln (danach hatte ich auch beim Gotte Hilte 
(besucht), seeen geschwollene Mandeln dasselbe. Er gebot mir auch 
dieses aufzuschreiben. Dankbar und geheilt bin ich abgereist.« 

Ich muß sagen, wenn ich so den fetten, durch Studieren und 
Genießen vor der Zeit gealterten Mann vor mir sehe, mit schlapper 
Muskulatur und schlechter Zirkulation, so verraten die angeordneten 
Mittel den Kennerblick eines guten Praktikers. Denn alle Verord- 



40 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



nungen laufen schließlich auf die modernste Diät und physikalische 
Therapie hinaus. Faßt man so das Limonadetrinken auf als Ver- 




J.'us. Xatwtt. 



Fig. 6. Asklepiüs, antike Marmorstatue. Neapel. 

bot des Weintrinkens und das Alleinbaden als die W-rmeiduno; von 



Erresuns:, 



so 



können wir alle diese Maßre2:eln "e^en den alten 



Hypochonder und Fettbauch mit Kopfschmerz und Kongestionen 



ASKLEPIOS. 41 



nur bewundern. Das Hokuspokus dran und darum scheint gewissen 
hiatrischen Maßnahmen up to dav auch nicht überlegen gewesen 
zu sein. Im Gegenteil, der moderne Xaturarzt und Spezialist tür 
physikalische Therapie kann noch allerlei aus dieser Kur lernen : 
Die Schaukelkunst und die Massage im Wasser. Was der Priester 
sagte, »Kuriert bist du, nun mußt du das Honorar bezahlen«, sollte 
sogar als geflügeltes Wort der Verabschiedung wieder modern 
werden. 

Zu den wenigen authentischen Berichterstattern, welche uns das 
Intime des Asklepioskultes als Selbstbeobachter schilderten, kommt 
hinzu als Hauptgewährsmann Aristides, der Rhetor, der 129 nach 
Christus in Mvsien geboren, um 189 gestorben war. Eine 17 Jahre 
dauernde Krankheit trieb diesen Mann mit dem komplizierten ^^^ese^ 
eines dekadenten, überaus begabten, universell gebildeten und doch 
pietistisch hohlen Mannes, durch alle Heiligtümer des Heilgottes in 
Asien, Ägypten, Griechenland und Italien. In den fünf berühmten 
»heiligen Reden« hat er nun seine Erlebnisse in einer ziemlich 
überschwenglichen Eorm geschildert. Ich muß gestehen, daß ich 
nur auszugsweise diese genossen habe, und daß ein starker Appetit 
dazu gehört, aus diesen, im übrigen vom Standpunkt der rhetori- 
schen Technik und äußerer Formgewandtheit geschätzten Reden, die 
uns besonders interessierenden Stellen herauszusuchen. Das hat nun 
in gewissem Sinne F. G. Welcker') in seinen kleinen Schritten tür 
uns schon besorgt, und verweisen wir diejenigen, welche Interesse 
für das Nebelland der Träume haben und welche sich aus der zu- 
fälligen Kongruenz von Gedachtem und wirklich Erlebtem, aus 
Selbsttäuschung und betrüglicher Ideenverbindung ein System be- 
reiten wollen, auf diese Fundgrube von unkontrollierbarem Zu- 
sammenwirken von Phantasie und W^ihrheit. Überlegen wir noch, 
daß die Träume des Rhetors und die daraus sofort meist von ihm 
selbst gefolgerten Weisungen des Gottes jahrelang nach der wirk- 
lichen Inkubation in dem Tempel rhetorisch von ihm verarbeitet 



') F. G. Welcker, Kleine Schriften, Bd. III, Zu den Alterthümern der Heilkunde bei den 
Griechen. Bonn 1S50. 



42 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



sind, so ist die Bewertung dieses Stoffes gegeben. Was sollen 
wir dazu sagen, wenn er z. B. aus der Erscheinung der Athena, 
die ihm tröstlich zuspricht, sogleich aut ein Klistier aus attischem 
Honig schließt, welches ih.n dann von der Galle betreit und den 
Anfang einer langsamen Genesung begründet? Ein Traum läßt 
ihn einmal ungewiß, ob Easten oder Vomitiv gemeint sei. Er bittet 
den Gott, es doch deutlich anzuzeigen, welches von beiden er ver- 
hinge, schläft wieder ein und es wird ihm ein delphischer Vers als 
Orakel, den er dann aut ein Bad im heiligen Brunnen deutet. So 
sieht er im Traum ein anderes Mal den Arzt Asklepiakos zu sich 
hereinkommen und ihm ein gewisses Kataplasma für 30 Tage vor- 
schreiben. Alle Mittel, die der Gott ihm betiehlt, werden dem 
Enthusiasten leicht, die Philonische Mixtur, die er sonst nicht 
riechen konnte, schmeckt ihm wohl und hilft sogleich (eine Er- 
innerung aus der Kinderstube). Ein anderes Mal schickt ihn der 
Gott mit einem Umschlag von gestoßenem Zimt um den Hals 
240 Stadien weit, aber er trägt den Durst hin und zurück leichter, 
als »wer ein gewöhnliches Stadtbad besucht«. Überaus über- 
schwenglich sind Worte und \'ergleiche, die er zu Ehren des Heil- 
gottes verwendet. Sie erinnern stark durch das Gesuchte ihrer 
Devotion an die kirchlich poetischen Erzeugnisse des Mittelalters. 
»Habe ich doch selbst unter dem Gott nicht zweimal, sondern viele 
und mannigfache Eeben gelebt und erachte die Krankheit demnach 
vorteilhaft, für die ich wenigstens nicht die gesamte, unter den 
Menschen sogenannte (jlückseligkeit annehmen möchte. Und daher 
soll man nicht auch diesen Ort hatenlos nennen (er spricht von 
Pergamos, dem ersten Sitze des Gottes in Asien), sondern er ist 
von allen Häfen der festeste und sicherste, in welchem von Asklepios 
allen die Taue der Rettung befestigt werden.« In diesem gottseligen 
Tone gerät er gelegentlich in direkte Verzückung, so nennt er den 
Gott in Smvrna selbst mit dem 'f itel Zeus. Er ist ihm der Retter 
von allem, der Steuermann, der das, was ist und was entsteht, 
erhält. »Wenn man ihn für Apollons Sohn und den Dritten von 
Zeus hält, so fasse man ihn auch wieder in den Xamen zusammen 



ASKLEPIOS. 



43 



und sage, daß er selbst der Zeus sei und stelle ihn dar als Vater 
und Schöpfer aller Dinge. Indem er alle Gewalten habe durch das 
All, ziehe er vor, den Menschen wohlzutun und jedem das ihm 




KollUpkot. Alinari. Kot/ 

Fig. 7. Asklepios, antiker Marmor. 



Zukommende zu geben. Die größte und gemeinsamste Wohltat er- 
weise er allen, indem er das Geschlecht unsterblich mache in Aut- 
einanderfolge, Ehe, Erzeugung und Ernährung der Kinder, schaffend 



44 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



durch die Gesundheit.« Interessant ist nun besonders die Stellung 
der Ärzte zu den im Traume gespendeten Verordnungen. Zunächst 
erfahren wir, daß sich der chronisch Kranke trotz seiner ungemessenen 
Verehrung zum Heilgotte auch noch und ott zu gleicher Zeit der 
Ärzte, d. h. der wissenschaftlichen Stadtärzte, bedient. Folgende 
Notiz ist bemerkenswert. Hin Arzt kommt zu ihm und macht An- 
stalt, seine Hilfe zu gewähren. Als er aber von den Träumen hört, 
hatte er den \'erstand, dem Gotte nachzugeben. Dies war der Arzl 
Theodotos, von dem auch ein anderes .Mal noch berichtet wird, daß 
er sich durch den Traumbericht in seinen Anordnungen habe um- 
stimmen lassen. Hin anderes Mal aber setzt sich ein berühmter Arzt 
aus Pergamos in direkten Gegensatz zu den göttlichen \'erordnungen 
und widerrät ihm die ihn vollkommen auflösenden großen Blut- 
entziehungen. Aristides half sich nach bekannter Art; er ließ sich 
trotzdem schröpfen und gleichzeitig nahm er die Arznei des Arztes. 
Geaen die Ansicht der Ärzte nimmt er ein ibm dinx'h X'ision vor- 
geschriebenes Flußbad im A\'inter. Teils aus Neugier, teils aus Be- 
sorgnis begleiten ihn dabei »von den Ärzten sowohl die bekannten 
als auch andere«. Bei einer ansteckenden Krankheit kommen Ärzte 
nht ihren Gehilfen in sein Haus. Gegen die Ansicht der Doktoren 
nimmt er eine gewisse Arznei, doch tut er es dicht beim heiligen 
Dreifuß, damit es um so weniger schade. Einmal erträgt er ein 
Mittel, welches ein Arzt für tödlich erklärt hatte. In seiner pie- 
tistischen Hingabe verstieg er sich schließlich zu tollenden Worten; 
»Wir wandten auch, am Heibe getroffen, uns nicht mit niedrigen 
Hilfeflehen an die Ärzte, sondern, obgleich wir mit Gott zu reden 
die besten der Ärzte als Hreunde besaßen, nahmen wir unsere Zu- 
flucht zu Asklepios und glaubten, daß es, wenn es sein sollte, 
schöner sei, durch ihn gerettet zu werden, wenn es nicht angehe, 
Zeit sei, zu sterben.« Zwei Dinge sind es, aut welche auch die in 
vieler anderer Beziehung mediko-historisch interessanten Reden ein 
helles Schlaglicht werfen. Wir sehen da, daß noch beinahe 600 Jahre 
nach ihrer Begründung, diese göttliche Traumheilung parallel neben 
der wissenschaftlichen Medizin, fast ohne jede Berührung, einher- 



ASKLEPIOS. 



45 



ging, wie heutzutage aucli noch Aberglaube und positives Können, 
Gesundbeterei und Naturheiltum und wissenschaftliche Medizin. 
Und damals wie jetzt gab es unter den Ärzten Männer, die sich 
unter dem kirchlichen Deckmantel wohlfühlten und bei diesem Ge- 
schäft auf die Kosten kamen, und solche, die sich der Zeichen und 
Hieroglyphen wehrten und zwischen sich und dieser göttlichen 
Heilkunde des Messers Schneide legten. Von diesen und jenen 
scheint die Umgebung des Heiligtums voll gewesen zu sein; beide 
interessierte die herbeiströmende Krankenmenge in gleichem Maße, 
wenn auch in umgekehrter Richtung. Was uns aber als zweiter 
Punkt besonders wichtig erscheint, ist, daß auch noch in den 
späteren nachchristlichen Jahrhunderten hochgebildete Männer, die 
wir heute noch unter die Klassiker zählen, in schwärmerischem 
Pietismus dergestalt dem Heilgotte ergeben waren, daß er in ihren 
Augen selbst die anderen Götter überragte, und daß sein Kult pan- 
theistische Formen annahm (wie der des Serapis in Alexandrien), 
so überall den Boden vorbereitend für den größeren Heiland, der 
bald die Welt beherrschen sollte. 

Es ist zu hoffen, daß mit dem Fortschritt der Altertums- 
wissenschaft wir neue Autklärungen erhalten werden über die 
Wandlungen der Heilbehandlung in dem Asklepiostempel. Der 
athenische stand noch gegen Ende des 3. nachchristlichen Jahrhunderts 
unversehrt, der Neuplatoniker Proklos war noch ein begeisterter 
Anhänger des Asklepios Soter. Der Tempelschlaf als solcher hat 
sich bis heute an manchen Stellen erhalten; in einzelnen Kirchen 
Griechenlands soll er noch heute florieren (s. d. Inkubationsheiligen). 
Geschaffen wurde der Heilkult offenbar dem schönsten und edelsten 
menschlichen Impulse zufolge, das lehrt uns ein Blick aut die Ver- 
körperung des Gottes, dem man sich mit menschlicher Bürde be- 
laden nahte. In seiner Gestalt schuf das hellenische Volk in erster 
und seine Künstler in letzter Linie das Ideal männlicher Hoheit, 
Reinheit und Milde. In seinem Antlitz sehen wir das xMensch ge- 
wordene Göttliche in uns; Zeusgleich und doch ein Mann mußte 
sein Blick dem kranken Pilger ein seliges Hoffen und vertrauensvolle 



46 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^ 

Hingabe erwecken. Das war auch die \'orbedingung, die der Heil- 
gott selbst zunächst verlangte. An dem Eingange seines Heiligtums 
zu Epidauros standen ungefähr folgende Worte ^): 

»Rein sei jeder, der tritt in den Weihraucii duftenden Tempel, 
Rein aber ist, wer im Sinn heilige Gedanken nur hegt.« 

Ein gütiges Schicksal ließ vor nicht so langer Zeit im Britischen 
Museum in einem umfänglichen Rollenbruchstück einen für unsere 
Anschauung wichtigen, so gut wie verschollenen griechischen Poeten 
des 3. vorchristlichen Jahrhunderts neu erstehen. In seinen Mim- 
iamben schildert Herondas vortreft'lich das Milieu eines Askle- 
pieion mit all seinen Statuen, und das was wir das Lokalkolorit 
nennen. Dabei scheint er sich vollkommen an die Wirklichkeit zu 
halten, und deshalb hat ihn schon Otto Crusius, sein Bearbeiter 
(Göttingen 1893), einen antiken Realisten genannt. Im Gegensatz 
zu des Aristophanes' Schilderungen, der leider in seiner Dichtung 
die Kulissen der Handlung im Asklepiostempel als allen bekannt 
nur ganz nebensächlich behandelt, zeichnet uns Herondas in seiner 
Skizze des Besuches opfernder Erauen im Asklepiostempel, aller- 
dings mit flüchtigen Strichen, mehr als die Silhouette des berühmten 
Heiligtums von Kos. Kokkaie hat hier Genesung gefunden und 
kommt zum Dankgebet und zur Darbringung eines Opfers. \\'ir 
sehen den Tempelwart in geschäftig vertrauter Weise verkünden, 
wie das Opfer ausgefallen ist, und der Kokkaie und ihrer Quartier- 
geberin Kvnno den Segen erteilend. Nun kommt der Passus, 
welcher uns hier imd wohl auch den Dichter am meisten interessiert. 
Die Weiber bewundern bei ihrem Gange durch die Tempelhalle 
die dort aufgehäuften Kunstschätze und Götterbilder, die sie in ihrer 
naiv bäuerischen Weise kritisieren. Der ortsfremden Kokkaie machen 
die Gegenstände einen überraschenden Eindruck. Dabei ist es viel- 
leicht charakteristisch, daß sie weniger sich für die berühmten 
Tempelstatuen des Kephisodotos und Timarchos interessiert als 
für die berühmte Gruppe des Boethos, des Knaben mit der Gans 
und für andere ihr als Genredarstellung gefallende Gruppen, die 

') Porphyr, de abst. II, ly und Clemens Alex., ström. 5,1. 



ASKLEPIOS. 



47 



wohl aber in Wirklichkeit doch DarsteUungen aus der Mythologie 
sind. Nachdem dann Kokkaie ihre Weihtafel zur Rechten der 
Hvgieia aufgestellt hat und der Tempelküster den opfernden Frauen 




l'-trUn, Museum. 

Fig. 8. Asklepios, antike Marmorstatue. 



im Namen von Paieon-Asklepios Dank gekündet, entfernen sie sich, 
nicht ohne dem Gotte, falls er sie und die ganze Familie gesund 
erhalte, größere Opfer versprochen zu haben. 



^8 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 

DIE OPFERNDEN FRAUEN IM ASKLEPIOSTEMPEL'). 

Personen. 
Kokkaie, eine Fremde, die dem Asklepios eine Weihgabe stiftet. 
Kynno (auch Kynna Kynnis), ihre Freundin, eine Ansässige. 
Der Küster oder Tempelhüter. 

Stumme Personen. 

K V d i 1 1 a , die Sklavin der Kynno. 

Die Szene spielt in dem Asklepiosheiligtum zu Kos. 

Kokkalc (vor den Tempelstatuen). 
Sei mir gegrüßt, o Herrscher Paian, der du 
Waltest auf Trikka und im trauten Kos 
Und Epidauros wohnhaft bist; Koronis 
Zugleich, die dich geboren, und ApoUon, 
Sie sei'n gegrüßt; und die du mit der Rechten 
Berührst, Hygieia; und die Herrinnen 
Auf diesen Ehrensitzen, Panako, 
Und Epio und leso, sei'n gegrüßt; 
Und die Laomedons Haus und Mauerwall 
Zerstörten, die Ärzte in grimmen Krankheiten, 
Podaleirios und Machaon, soU'n gegrüßt sein, 
Und was an Göttern dir am Herde wohnt 
Und Göttinnen, Vater Paian! Gnädig nehmt 
Den Hahn, den Herold unsres Hausbezirks, 
Den ich hier opfere, bitte, als Zukost an ! 
Denn spärlich fließt ja unser Brünnlein nur — 
Sonst hätten wir dir ein Rind oder 'ne Mastsau 
Mit Speck gepolstert, keinen Hahn, als Kurlohn 
Gebracht, weil du, o Herr, die Krankheit uns 
Mit linder Handauflegung weggewischt hast. 

Kynno. 
Zur Rechten der H\-gieia, Kokkaie, 
Stell' deine Tafel auf. 

Kokkalc 
(tritt dabei näher und betrachtet sich die Statuen genauer). 
Ah, liebe Kynno, 
Die schönen Statuen ! \\'elcher Meister nur 
Schuf dieses Steinwerk und wer ist der Stifter ? 

Kynno. 
Die Söhne des Praxiteles -). Siehst du nicht 
Am Sockel dort die Schrift? Und Euthies, 
Der Sohn des Prexon, hat sie gestiftet. 



') Nach der Übersetzung von Otto Crusius, Gottingen 1S93. 
-) Timarchos und Kephisodotos. 



ASKLEPIOS. 49 



Kokkaie. 

Gnädig 
Möge den beiden Päon sein um solcher 
Herrlichen Werke willen, und nicht minder 
Dem Euthies. (Vor ein anderes Kunstwerk tretend) 

Sieh, Beste, das Mädchen dort; 
Das aulguckt nach dem Apfel! Meint man nicht, 
Es stürbe gleich, wenn's nicht den Apfel kriegte? 
Und dort den Alten, Kynno ! (Weitergehend) Bei den Mören, 
Die wilde Gans, wie die der Knabe würgt! 
Nur in der Xähe erkennt man, dalJ die Arbeit 
Von Marmor ist: sonst könnte man wirklich glauben, 
Er wolle sprechen. Nein, die Menschen lernen 
Mit der Zeit noch Leben in die Statue schließen. 

(Vor einer F'orträtstatue, in der sie eine Bekannte erkennt) 
Siehst du denn, Kynno, Batale nicht, die Tochter 
Des Myttes, wie sie dasteht, lebensgroß? 
Wer nicht die Batale selber sah, der blicke 
Auf dieses Bild — die richtige braucht er nimmer. 

Kynno. 
Komm mit mir. Beste, und ich zeige dir 
Was Schönes, wie du's in deinem Leben nie 
Gesehn hast. (Zur Sklavin) Geh, Kydilla, und ruf den Küster! 
Du bist ja nie und nirgends, nicht inr Tempel 
Und nicht auf dem Markt zu brauchen. Überall 
Liegst du wie ein Stein im Wege. Zum Zeugen ruf ich 
Kydilla, diesen Gott an, wie du mich 
Trotz aller Selbstbeherrschung in Hitze bringst. 
Zum Zeugen ruf ich ihn! Einst kommt der Tag, 
Wo du diesen dummen Schädel kratzen wirst! 

Kokkole. 
Ach, Kynno, nimm dir doch nicht alles gleich 
Zu Herzen! Sie ist ja 'ne Magd, und Mägde, 
Schlafhauben tragen sie alle um die Ohren! 

Kynno. 
Allein je heller der Tag, je toller treibt sie's. 

i^Sie will davonstürzen, um der Sklavin eins zu versetzen) 

Kokkalf (sie zurückhaltend). 
He, bleibt doch hier! Die Tür ist ja geöffnet, 
Auf steht der Tabernakel ! — (näher tretend) Liebe Kynno, 
Was das für Werke sind! Sieh doch nur her! 
Eine neue Pallas, meint man, bildete 
Die Herrlichkeiten • — (mit einer Verbeugung) sei gegrüßt mir, Herrin. 

Holländer, Plastik und Medizin. 4 



50 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



(Vor einem Tafelgemälde des Apelles) 
Den nackten Knaben hier, wenn ich den kneife, 
Kriegt der niclit bkue Flecke, Kynna? Denn 
Die Fleischpartien auf dem Bilde sehn doch aus 
Wie warm pulsierend ! Und das silberne 
Opfergerät, wenn das Mvellos oder 
Pataikiskos sieht, der Sohn des Lambrion, 
Wird so ein Diebsgesell sich nicht die Augen 
Aus dem Kopf glotzen, in der Meinung, daß es 
Wirklich von Silber angefertigt sei? 
Der Ochs dann und sein Treiber samt dem Weibe 
Daneben; mit dem Geierprotile dort 
Der Mann und mit der stumpfen Nase der — 
Blickt ihnen allen nicht das helle Leben 
Aus ihren Augen? Meint" ich nicht, es wäre 
Unschicklich für ein Weib — laut schrie ich auf: 
Der Ochse, Kynnis, tut mir noch ein Leids an. 
So schielt er mit dem einen Aug' herüber. 

Kynuo. 
Ja, Beste, wahr ist, was des Ephesiers 
Apelles Hand erschuf in jedem Stücke, 
Und man kann nicht sagen : Dieser Mann besaß 
Für das eine Blick, doch andres lag ihm fern. 
Nein, was ihm nur in den Sinn kam, darin könnt' er 
Sich selbst mit Göttern messen. Aber wer 
Nicht voll Bewundrung, wie es sich gebührt. 
Zum Meister wie zu seinen Werken aufschaut, 
Der mög' am Ful] in der Walkerbude hängen. 

A7/.sV(V. 
\'ollkommen schön, ihr Frauen, ist euer Opfer; 
Und Glück verheißt es euch. Mehr Wohlgefallen 
Fand niemand vor Paieon, als wie ihr. 

(Zur Tempelstatue gewandt) 
Heil, Heil, Paieon, wohlgewogen sei 
Den Spenderinnen dieser schönen Opter. 
Und denen, die als Ehegenossen etwa 
Und Blutsverwandten ihnen nahestehn. 
Heil, Heil, Paieon ! Also mag's geschehn. 

Kokkalc. 
Ja, mag's geschehn, Allmächt'ger du, und möchten 
Wir kerngesund, um größere Opfer dir 
Zu bringen, wiederkommen, Ehemänner 
Mit uns und Kinder — 



ASKLEPIOS. 5 1 



Kymio. 

Kokkaie, zerschneide 
Den Vogel hübsch und gib das Beinchen dann 
Dem Küster, merk' es wohl; leg auch den Kuchen 
Still betend in das Schlangenloch und feuchte 
Die Opfergerste an. Das andre woll'n wir 
Am Herbergstisch verzehren. Und hör, vergiß nicht 
Weihbrot uns mitzubringen. Erst genommen, 
Und dann gegeben! Ist beim Opfer nämlich 
Des Küsters Anteil noch in Sicht, so fällt 
Auch mehr vom W'eihbrot für den Spender ab. 

Im Gegensatz zu solchen ottiziellen Kultplätzen des Asklepios 
existierten kleinere Orakelplätze mit heimlicher Betätigung. Einen 
Einblick in das Cjctriebe eines solchen »x\sklepieion« tun wir durch 
den Bericht eines Augenzeugen, der bisher nicht zu A\'orte kam, 
obwohl er Bedeutendes zu sagen hat: ich meine des Lukian Er- 
zählungen von Alexander, dem falschen Propheten. Lukianos, der 
griechisch-svrische ausgezeichnete Schriftsteller (123 bis 180 n. Chr.), 
der sich in seinen satirischen Schritten als sarkastischen Kritiker 
des Aberglaubens und mystischer Schwärmerei bekannte, erzählt 
da in einem vielfach ftir uns wichtigen Artikel die Geschichte des 
falschen Asklepios II, den er selbst entlarvte, wobei er aut ein 
Haar jedoch ums Leben kam. Ein offenbar geistig hochstehender 
Abenteurer, gewandt, verschlagen und mit der Sinnesrichtung aut 
das Große, alles auf eine Karte setzend und dabei von offenbar 
gottbegnadetem Äußern, hatte es verstanden, das römische Reich 
in seiner ganzen Ausdehnung jahrelang zu düpieren, und eine be- 
rühmte Orakelstelle zu schaffen, zu der man von allen Orten her 
pilgerte. Lukian charakterisierte ihn mit tolgenden Worten: »Er 
war groß von Statur, schön von Gesicht, er trug sein eigen Haar, 
aber mit falschen Locken so künstlich vermehrt, daß die wenigsten 
etwas von diesem Zusatz merkten. In seinen Augen tunkelte das 
ehrfurchtgebietende Feuer eines Menschen, der von einem Gotte 
besessen ist. Der Ton seiner Stimme war äußerst angenehm und 
wohlklingend. Wenige Menschen in der Welt waren an Verstand, 
schnellem Begriff und Scharfsinn mit ihm zu vergleichen. Ge- 



32 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

schmeidigkeit, Gelehrigkeit, Gedächtnis und natüi liebes Geschick 
zu allem, was Kunst und Wissenschaft heißt, besaß er in höchstem 
Grade.« Nachdem dieser Mensch als Knabe bei einem Scharlatan 
gedient hatte und sich die Kniffe dieses Schülers des berühmten 
Apollonios angeeignet und auch den Geist seiner Zeit mit so viel 
Verständnis studiert hatte, um daraus Kapital zu schlagen, ging er 
daran, mit großer Diplomatie seine Landsleute zu neppen und zwar 
dies in größtem Stil. Zunächst ließ er im uralten Apollontempel 
zu Abonuteichos eherne Tatein zutage tördern, auf denen ge- 
schrieben stand : »Asklepios wird demnächst mit seinem \'ater 
Apollo in den Pontus kommen und zu Abonuteichos seinen Sitz 
aufschlagen!« Nachdem durch diese Ankündigung der Nährboden 
für seine Schurkerei reit war, läßt er sich in dieser Stadt nieder 
und weiß durch allerlei markierte prophetische Wutantälle seine 
dickköpfigen Paphlagonier derartig vorzubereiten, daß sie tähig 
waren, der Geburt des Asklepios beizuwohnen. In der Nähe des 
Apollotempels stürzt er in die dort befindliche Quelle, stimmt aus 
voller Brust dem Apollo und Äskulap einen Lobgesang an und 
wünscht der Stadt zu der heilbringenden Gegenwart des angekom- 
menen Gottes Glück. Er läßt sich eine Schale geben, taucht in 
das Wasser, holt aus ihm nach Gauklersitte ein großes Gänseei, 
in dem er eine kleine Schlange vorher geborgen hat. Das Ei zer- 
bricht er vor den Augen der Menge, holt die kleine Schlange heraus 
und rief, sie in die Höhe haltend: »Hier habe ich den Asklepios!« 
Mittlerweile hatte er nun bereits in seinem Hause eine große 
Schlange abgerichtet, deren Kopt er unter seiner Achsel versteckte, 
und die sich in dieser warmen Stellung wohl tühlte. Statt dessen 
ließ er den Körper dieser großen Schlange in einen Drachenkopt aus- 
laufen, der einige Ähnlichkeit mit einem Menschengesicht hatte. 
Dieser leinene und künstlich bemalte Kopt konnte mittels eines 
Pterdehaares den Mund auf- und zumachen, auch reckte er nach Art 
der Schlangen eine zweigespitzte Zunge heraus. Durch den Mund 
dieses künstlichen Asklepioskopfes gab er nun demnächst in dem 
neu errichteten Tempel seine Orakel und übte sein über alles Er- 



ASKLEPIOS. 



53 



warten glänzendes Prophetenhandwerk aus. Lukian weiht uns nun 
in den von ihm aufgedeckten Schwindel ein, wie es der sich selbst 
»Glvkon der dritte von Zeus« nennende Gaukler anstellte, richtige 




KohUj<h>^t. Aluutri. Koni. I titivan. t'r,n\ 



Fig. 9. Asklepios, Porträtstatue. 

Orakel zu erteilen. Die Anfragen wurden auf kleinen Täfelchen 
niedergeschrieben, um die ein versiegelter Bindfaden geschlungen 
war. Lukian lehrt uns die Technik der Siegellösung durch eine 



54 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



glühende Nadel. Jeder fand dann in seiner Tafel mit unerbrochenem 
Siegel die metrische Antwort, von denen uns der Satiriker einige 
Proben gibt. Auf viele Fragen antwortete er in zweideutigen 
Orakeln, aber auf Grund guter medizinischer Kenntnisse gab er 
auch Heilmittel und richtige Verhaltungsmaßregeln an. Besonders 
verordnete er oft eine von ihm erfundene »schmerzlindernde« Salbe. 
Obwohl die Taxe für jedes Orakel nur eine Drachme und zwei 
Obolen war, stieg so das Einkommen des Mannes durch den 
eminenten Zuspruch ins Ungemessene. Damit bestritt er seinen 
großen Aufwand, unterhielt er die große Menge von Gehilfen, Aut- 
wärtern, Kundschaftern, Orakelschmieden, Registratoren und Ob- 
signatoren; und vor allem die Emissäre, die er in fremde Länder 
sandte, und die ihm die Kundschalt der ganzen Welt einbrachten. 
Um seine Einnahmen zu steigern und die Wirkung zu erhöhen, 
erfand der Mann die a u t o p h o n i sc h e n Orakel. Er ließ den 
Pappkopf des Äskulap mit einem Sprachrohr in Verbindung setzen, 
und während die Riesenschlange ihren Leib bewegte und der Kopt 
des Gottes Sprechbewegungen machte, schrien Gehilten die Ant- 
wort durch das Sprachrohr, so daß es klang, als ob der Schlangen- 
gott selbst zu seinen Adoranten spräche. Um ganz im Rahmen 
einer antiken Kultstätte zu bleiben, schul er seine xMysterien. Hören 
wir, was der Dichter von diesen sagt: 

»Er ordnete aber überdem noch besondere Mvsterien mit Fackel- 
trägern und Hierophanten an, deren Begehung drei Tage dauerte. 
Am ersten geschah wie zu Athen der öffentliche Autru(: Wotern 
ein Gottesleugner, Christianer oder Epikuräer gekommen sein sollte, 
diese Orgien in verräterischer Kundschaft auszukundschaften, der 
begebe sich von hinnen. Die aber an unseren Gott glauben, mögen 
mit Glück dieser Mysterien teilhaftig werden. Und nun wurde 
sofort zur Austreibung der Profanen geschritten. Alexander selbst 
finsf an: Hinaus mit den Christianern! \Jnd die gan/e (jemeinde 
rief hintendrein: Hinaus mit den Epikuräern! Hierauf wurde die 
Niederkunft der Latina, die (ieburt des Apoll und die Hochzeit 
der Koronis dargestellt, und Äskulap wurde geboren. Der zweite 



ASKLEPIOS. 



55 



Tag feierte die F.piphanie des Glykon und die CTehurt dieses Gottes. 
Am dritten war die Hochzeit des Podaleirios mit Alexanders Mutter. 
Dieser Tag hieß ,Dadis', weil er mit Fackeln gefeiert wurde. 







Fig. 10. Asklepios, antike :\[armorstatue im Louvre i Paris). 

Stab rechlä. Schlange links' (Falsche Ergänzung.) 

wobei Alexander selbst das oberste Amt eines Hierophanten ver- 
waltete. Den Beschluß machte der Liebeshandel zwischen Luna und 
Alexander, und die Geburt der Gemahlin des Rutilianus (sein 
Schwiegersohn in Rom). Der neue Endvmion lag mitten auf dem 



56 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



Schauplatz schlafend und nun stieg aus dem Dache wie vom 
Himmel statt der Göttin Luna eine wunderschöne Person, die Frau 
eines kaiserlichen Prokuratoren herunter, die in ganzem Ernst 
in Alexander verliebt war und von ihm geliebt wurde, und 
ihren Tropf von Mann zusehen ließ, wie zärtlich sie sich ihrer 
Rolle gemäß vor allen Augen küßten und umarmten ; wer weiß 
was noch weiter unter dem Mantel vorging, wenn nicht mehr viel 




Fig. II. Asklepios-Terrakotten aus Kos. 

Fackeln brannten.« Zum Schluß scheinen dann diese Mysterien in 
wilde Orgien ausgeartet zu sein. Fr, Alexander selbst, zeigte sich 
dann im hierophantischen Ornat beim Fackeltanz und wußte dabei 
seine vergoldeten Schenkel zu zeigen. Wir übergehen die Dumm- 
heiten, die, durch seine Orakel verleitet, ganze Völker in Krieg 
brachten, und auch die Art, wie Lukian selbst ihn zuerst toppte 
und entlarvte, um schließlich doch dem klugen Manne auf den 
Leim zu gehen, und auf ein Haar sein Leben dabei zu verlieren. 



ASKLEPIOS. 



57 



Interessenten empfehle ich, die Stelle hei Liikian selbst zu studieren. 
Der geniale Betrüger und falsche Asklepiospriester konnte sein 
Prophetenhandwerk ungestört wohl 30 Jahre mit steigendem Erfolg 
ausführen, setzte zum Schluß noch beim Kaiser durch, daß der 
Name seiner Stadt Abonuteichos in Jonopolis umgewandelt wurde, 
und daß aut ihn Münzen') geschlagen wurden mit seinem Kopfe, 
bekränzt mit dem Lorbeer des xA-sklepios. Er starb, wie es scheint, 
an einer Altersgangrän eines Beines; dann entstand ein Kampf um 
seine Nachfolgerschaft, an dem sich auch ein Arzt beteiligte. 
Unter des Alexander Namen wurde, wie es scheint, für Rechnung 
der Witwe das einträgliche Prophetengeschäft noch eine Zeitlang 
fortgesetzt. 

Lukian hat diese Schritt und seine Erlebnisse niedergeschrieben, 
um, wie er sagt, den göttlichen und heiligen Epikur zu rächen. 
Wir aber ersehen aus ihr, daß um die Mitte des 2. nachchristlichen 
Jahrhunderts die damalige gebildete Welt eine derartige mystische 
Neigung erfaßt hatte, daß ein geriebener Scharlatan den Gott mit 
Glück spielen konnte, und daß der Ruf des Asklepios und seiner 
Wunder noch mit Erfolg den Kampf mit dem jungen Christentum 
aufnahm. Wir blicken hinter die Kulissen eines ganz auf betrüg- 
licher Basis stehenden Asklepieion, welches den alten Orakelstätten 
mit gleichem Eriolg Konkurrenz machte. Eine Stätte raffinierter 
Ausbeute, avo die Gewinnsucht Geschäftsprinzip und das Stamm- 
kapital der Firma allein die bis in die letzte Konsequenz ausgenutzte 
Erkenntnis war, »das Volk will betrogen sein«. So artete aus, hier 
und wohl noch an anderen Stellen, was heiliger kindlicher (jlaube 
geschaffen und was im Rahmen frühester Kultur wohl auch ein- 
mal wirklich heiliii und heilsam war. 



DAS BILDNIS DES HEILGOTTES. 

Die Botschaft Mosis vom Berge Sinai an sein Volk als Echo 
von des Höchsten Stimme: »Du sollst keine anderen Götter neben 



Münze der Stadt mit dem Schlangengott; abgebildet bei Panofka, Taf. II, 7. 



58 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



mir haben, du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis 
machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten aut 
der Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist,« und dann 
weiter »silberne und güldene Götter sollt ihr nicht machen« war 
die radikalste Forderung für eine reinste Religionsverinnerlichung. 
Es kann hier nicht untersucht werden, ob nicht erst spätere Könige 
für dieses Gebot verantwortlich sind, auch nicht, ob die damaligen 
Menschen fortgeschritten genug waren für eine solche abstrakte 
Religiosität ohne jeden Kirchenkult. Der Götzendienst ringsum und 
namentlich die ägyptische Gemeinschaft, die Neigung des Volkes 
zu Rückfällen (goldenes Kalb) zwangen wohl zu solchem Vorgehen. 
»Verstöret alle Orte, da die Heiden, die ihr vertreiben werdet, ihren 
Göttern gedient haben, es sei auf hohen Bergen, aut Hügeln oder 
unter grünen Bäumen; reißt um ihre Altäre und zerbrecht ihre 
Säulen und verbrennet mit Feuer ihre Haine, und die Bilder ihrer 
Götter zerschlaget.« In letzter Konsequenz verlangt er für den 
alleinigeinzigen Gott nur einen Altar aus Erde oder nichtgehauenen 
Steinen, und auch nicht mit Stufen, die hinauitühren. »Du würdest 
sonst den Altar entweihen; und wenn ihr über den Jordan kommt, 
so sollst du große Steine aufrichten und sie mit Kalk tünchen und 
daraufschreiben alle Worte dieses Gesetzes; und daselbst sollst du 
dem Herrn, deinem Gotte, einen steinernen Altar bauen, darüber 
kein Eisen fährt, von ganzen Steinen.« Also nur der Xame des 
Herrn und die Schriftzeichen seines göttlichen Gebotes sollten die 
einzig sichtbaren Zeichen religiöser Verehrung sein. Selbst plastisches 
Ornament ist verdammt. Wahrlich in ihrer monumentalen Einfach- 
heit von kolossaler Größe. Und doch hat dieses Ciebot, welches 
die Grenzen menschlicher Gedanken verlegte und das Getühl in 
der Brust des Kleinbürgers überschätzte, in seinem \'olke den Sinn 
für die künstlerische Darstellung des Körpers und damit den Sinn 
für Plastik verkümmert. Neigung und Talent zu Kunsthandwerken 
finden wir im Pentateuch schon (z. B. als die Juden aus dem Ge- 
schmeide und den Ohrspangen der Weiber das goldene Kalb ver- 
fertigen — die eherne Mosesschlange — der Tempel in Jerusalem). 



ASKLEPIOS. 



59 



Wenn wir die Kultur- und Kunstgeschichte verfolgen, so werden 
wir immer bestätigt linden, daß, wenn auch nicht aus religiösem 
Gefühl heraus die Meisterwerke geschallen wurden, daß doch die 
Kirche Pate stand. Canova fand den A'lut, den großen Korsen, als 
er ihm Modell saß, von dem triumphierenden Einfluß von Kirche 
und Religion aut bildende Kunst so zu überzeugen, daß dieser 
zum Schluß zögernd zugestand, daß die Religion die Nährmutter 
aller Künste sei. Der mosaische Gesetzgeber vergaß auch, daß 
anderseits wieder die reinen und großen Werke der Kunst imstande 
sind, auch voraussetzungslos betrachtet, religiöse Gefühle zu er- 
wecken. Denn Schönheit und Religion sind verwandte Gebiete. 
Es ist das unsterbliche Verdienst des Griechenvolkes, diese Nachbar- 
länder zu einem harmonischen Ganzen gebracht zu haben. Sie 
Schuten zur Versinnbildlichung überirdischer Krälte, zur Personi- 
hkation der körperlichen und seelischen \'orgänge Göttergestalten 
von so berückender Schöne und Reinheit, daß deren auf uns ge- 
kommene Reste, selbst noch losgelöst vom erhabenen Throne ihres 
Heiligtums, auch noch heute imstande sind, dem nahenden Fremd- 
ling das Reingetühl innerlichster Freude 
und Hingabe, und damit auch der Demut ^ 

und Religion zu erwecken. Solchen Be- / 

trachtungen müssen wir uns hingeben, 
wenn wir vor das Antlitz des Heilgottes , ^ 

treten. Und dieses Antlitz des Gottes 
allein schon ist es, welches uns heute noch 
in den Bann des klassischen Altertums tut. 
Man darf wohl unbestritten behaupten, 
daß die Göttergestalt des Asklepios heut- 
zutage noch eine populäre ist, und daß 

'~^ ^ ' Vergröfserte Originalphotographie. 

der aut den Schlangenstab gestützte Gott 

im Geistesleben der modernen Menschheit lebendig ist. Auch heute 
noch sind die Attribute des Gottes oder er selbst symbolisch in 
der Medizin. Und als man in Berlin in diesen Tagen daran ging, 
ein neues imposantes Heim der Kaiser-Wilhelm -Akademie zu 



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1 

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} , ; 






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F 


ig. 12 


. Münze aus der 
Stadt Teos. 


ionischen 






60 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

bauen, da stellte man seine Kolossalfigur an das Eingangstor 
(s. hinten). 

Obwohl wir aus der Blütezeit griechischer Kunst nur Fragmente 
besitzen, und auch, was die großen Statuen betrifft, auf spätere 
griechische und römische Kopien angewiesen sind, wie wir ja später 
noch sehen werden, so ist uns durch diese und durch eine große 

Reihe von Terrakotten, Bronzen, Miinzen 
/^^'/'^^'^^ ^' (Fig- II — 14) '•"'"-^ Grabreliefs des Gottes 

.V - 1 . ji, Bildnis bis in die kleinsten Nuancen hin be- 
',^^1 kannt. Das Gemeinsame aller Darstellungen 
des Asklepios ist die gelassene Ruhe des 
(jottes, sei es, daß er dargestellt wird in 
der häufigsten Form stehend und aui den 
Schlangenstab leicht gestützt, ruhig dahin- 

Fig. 13. .Xthenische Tetra- , . , . . 1 r • o- 

drachme mit Asklepios als schreiteud, sei es thronend aui seinem Sitze. 

Beizeichen. ^ , -p, , . ,, ,-, 

,, ,. „.. ,, Gelassene Ruhe m allen Bewegungen, vor 

Vergrofserte Origioalphotographie. ^ ^ 

allem auch im Spiel der Mienen. Thrämer 
unterschied zunächst vier Typen des stehenden Gottes. Dabei zeigt 
die Statue folgende gemeinschaftlichen Merkmale der Anordnung: 
der Oberkörper ist zum Teil nackt, ein Arm gewöhnlich verhüllt, 
die Füße meist bekleidet. Das trennende Prinzip ist die Länge 
und die Verwendung des Schlangenstabes. Je nachdem der Stab 
unter der rechten oder linken Achsel gestützt wird, je nachdem die 
rechte oder die linke Hand den Schlangenstab gefaßt hält, entstehen 
vier Tvpen mit verschiedener Körperhaltung. Allerdings meint 
\\'olters wohl mit Recht, daß, wenn der Stab nur bis zur Hand 
reichte, dies ott nur eine Nachlässigkeit des Kopisten bedeute. 

I. Typus: Charakteristisches Beispiel hierfür ist der von der 
Tiberinsel stammende, im Neapeler Nationalmuseum befindliche 
Äskulap (Fig. 6). Der Körper stützt sich mit der rechten Achsel 
aut den langen Stab, die Hand ruht an ihm ausgestreckt. Der linke 
Arm ist in die Seite gestemmt, meist ganz verdeckt durch das 
Gewand, wodurch dieses etwas Geschlossenes erhält. Denselben 
Typus zeigen der schöne Asklepios aus dem Lateran (s. Fig. 7), 



ASKLEPIOS. 



Gl 



der jugendlich unbärtige aus dem Vatiican (s. Fig. 9), sowie der 
Gott aus der Villa Borghese, und auch eine stark restaurierte, aber 
sonst in der Anordnung identische Bildsäule im Berliner Aken 
Museum (s. Fig. 8). Diese Anordnung des Gottes, der aut dem 
linken Fuße die ganze Körperlast trägt und den rechten zurücksetzt, 
den Stab unter die rechte Achsel, ist, soweit wir das überkommene 
statuarische Erbe als Beweis heranziehen können, das gangbarste 
Modell des Gottes, das auch auf Münzen und Reliefs vorherrscht 

(s. Fig. 11 — 14)- 

2. Tvpus: Der Gott stützt sich auf den Knotenstab mit dem 
linken Arm, das Gewand läßt die rechte Seite bis zur stark aus- 
gebogenen Hüfte, wie auch den einge- 
stemmten rechten Arm unbedeckt. Eine 
Anzahl in Epidauros gefundener Wieder- 
holungen (Fig. 13) zeigt die Beliebtheit 
des Tvpus gerade in dieser Stadt. Zu 
der besten epidaurischen Replik stimmt 
in Umrissen wie Kopfhaltung der be- 
rühmte Kopf aus Melos, der somit einer 
Statue dieser Art angehört haben muß. 
Erwähnenswert ist auch, daß Ovid den 
Stab links führen läßt (Metamorphos. 

Buch 13, \'ers 634): 

qualis in aede 
Esse solet, haculumque tenens agreste sinistra. 

Bei dieser verschiedenen Anordnung der Verwendung des charak- 
teristischen Schlangenstabes ist folgender Punkt beachtenswert. 
Der Künstler, der den Tvpus schuf, wollte durchaus den Eindruck 
vermeiden, daß der Gott müde oder der Stabstütze bedurfte. Der 
Stab war offenbar nur die körperliche Verbindung und die Be- 
ziehung zum Schlangentier. Stützt sich nun der Gott mit der 
Rechten auf den Stab und hat die Linke unter dem Himation 
versteckt, so hat er keine Hand frei; für das Bildnis eines werk- 
tätigen Gottes ein schlechter Ausdruck! Die Künstler halfen sich 




/ 



Fig. 14. Römisches Bronzemedaillon 
des Kaisers Hadrian. 



62 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



in der Weise, daß der rechte Arm dann schlaff herunterhing, die 
Hand in der Ruhestellung, fast nie den Stab umfassend, oder mit 
dem Kopf der Schlange spielend. 




Origr^hot. Athen, Nat.-Iiltiseum. 

Fig. 15. Asklepios, antike Statue aus Epidauros. 



Ich weiß nicht, ob der schöne Äskulap aus dem Thermenmuseum 
(Fig. 16) in Rom seine Originalhand besitzt; in dem Falle ist es 



STATUEN. 63 



bedeutungsvoll, daß der Gott die Finger nicht um die Keule legt, 
und auch die Linke lugt aus dem Gewände hervor und trägt eine 
Schrit'trolle. Auf ieden Fall also bedeutet der Stab nicht eine 




Phot. Alinari. Rom, i hertnentituseiiii 

Fig. 16. Asklepios, antike Marmorstatue. 



Keule, die der Gott kraftvoll umspannt, etwa wie Herakles, und 
ist auch nicht eine Stütze, auf welche der müde Körper sich aut- 
stemmt, oder mit Hilfe dessen er vorwärts schreitet, sondern nur 



64 ßlE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^ 

ein Mittler zwischen dem Gott und dem Tier. Nicht wunder 
aber darf es nehmen, wenn spätere Künstler diesen Sinn ver- 
kannten und einen abweichenden Ausdruck und Stellung schufen. 




Fig. 17. Asklepios, antike Statue. 

Das kleine Kunstwerk aus Bronze aus dem Berliner Antiquarium, 
das Thrämer abbildet, bei dem der Gott sich mit beiden Händen 
aut den langen Stab stützt, zeigt ganz fremde Züge; der grübelnde, 



ASKLEPIOSSTATUEN. 



65 




f/ 



sinnende, besorgte Zug im Antlitz des Arztes stimmt nicht mit der 
hellenischen Auffassung überein; es ist nach Furtwänglers Nach- 
weis eine Arbeit aus dem 16. bis 17. Jahrhundert. Die Bronze ist 
jetzt aus der Sammlung genommen. Eine ähnliche Anordnung 
zeigt allerdings die Liverpooler Flachrelieffigur des Gottes in Elfen- 
bein geschnitzt. Hier steht der Gott auf dtm rechten Standbein, 
eine mächtige Keule stützt die linke Schulter, an ihr ringelt eine 
Riesenschlange; der Gott aber hält in der Rechten eine Rolle, die 
er mit sinnendem Ausdruck seinem Barte nähert. Neben ihm steht 
der winzige Telesphorus, der in einer aufgeschlagenen Rolle liest 
(s. Fig. 61). Alles dies nach Konzeption 
und Anordnung Zeichen der späten Ent- 
stehung und der Vertallzeit. 

Der dritte Typus ist bereits flüchtig er- 
wähnt. Der Gott hat in der rechten Hand 
den Knotenstab. Beispiele hiertür sind Sta- 
tuen aus dem Thermenmuseum (s. Fig. 16), 
aus den Uffizien in Florenz (Fig. 17), so- 
wie die Statue aus schwarzem Marmor aut 
dem Kapitol (Fig. ao). Es bringt diese ^''g- 'S- '^'""^^ von Pergamon. 

- . . 1 T I r^ 1 • Statue des Asklepios in einem Naos 

Haltung mit sich, daß der Gott als im tetrastylos. Ki^iser Caracalla lafst ein 

"^ ' Zebu opfern. 

Dahinschreiten daroestellt werden soll. \'on 

diesem Gesichtspunkte aus erscheint die Ergänzung des rechten 

xA.rmes bei der Florentiner Statue (Fig. 17) falsch. 

Der vierte Tvpus (der Gott hält in der linken Hand den Stab) 
erklärt sich aus oberflächlicher Behandlung des zweiten l'vpus. 
Der Stab wird einfach nicht bis zur Achsel modelliert. Oft wird 
gänzlich der Stab vermißt; auch die Anordnung der Falten läßt 
nichts mehr von einem Drucke gegen die Falten und die Achsel 
erkennen, und so führt der (jott den Stab nur in der Hand. 
Daraus er"ibt sich dann die iranze Haltung der Figur. Man kann 
die epidaurisch-athenische Statue in diesem Sinne auttassen. Sonst 
kommt der Tvpus vor nur aut Münzen oder als Spätarbeit (s. z. B. 
den Asklepios aus dem Palazzo Massimo, Fig. 60). 






Orig.-Plwt. 



Holländer, Plastik und Medizin. 



()(, DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

Die Frage, welche die Archäologen besonders beschäftigte, näm- 
lich die, wer der Schöpfer des Ask 1 e p iost ypu s war, hat 
für unsere Arbeit schon deshalb weniger Interesse, weil die antike 
Welt eine zweite Kunstform des Gottes kannte und liebte, die 
des thronenden Gottes. Nach den Berichten scheinen gerade die 
hervorragendsten Tempelbilder, die Gold-Eltenbeinstatuen, es ge- 
wesen zu sein, die den Gott in thro- 
nender, sitzender Stellung gezeigt haben. 
In dieser Stellung hat nun aber der 
Schlangenstab seine entscheidende Rolle 
'> verloren. \'on diesem thronenden Gott 

j besitzen wir viele Ansichten; so z. B. 

zeigt uns eine Münze aus Pergamos 
den thronenden Gott in einem Xaos 
tetrastvlos, wie ihm der Kaiser Caracalla 
Fig. 19. Nackter Askiepios. gerade ein Zebu opfern läßt (s. Fig. 18); 

Eronzemedaiilon des Mark Aurel. • 1 " 1 " ] ,*.: 1 ^ , C 4- .U,,..^^ U^l J ^4- 

m bemahe identischer Stellung oiluet 
ihn eine epidaurische Münze des Antoninus Pius. So sah ihn 
Pausanias noch, und er gibt von ihm folgende Beschreibung: »Das 
Bild des Askiepios in Epidauros ist um die Hälfte kleiner als der 
olvmpische Zeus in Athen, er ist von Gold und Elfenbein (siehe 
oben Lukian). Die Inschrift nennt den Thrasymedes, des Arignotos 
Sohn, aus Faros als Meister. Er sitzt auf einem Thron, einen 
Stab haltend, die andere Hand hält er über den Kopf des Drachen, 
auch ein Hund liegt neben ihm.« 

.Man hat nun zwei kostbarere Reliefs in Epidauros gefunden, 
welche man bei oberflächlicher Betrachtung zunächst als eine Seiten- 
ansicht dieser Gold-Elfenbeinstatue ansprechen möchte. Über das 
uns vorliegende Relief, dessen Schönheit noch aus den Resten 
hervorleuchtet, entnehmen wir sowohl Tatsächliches als auch Emp- 
fundenes aus den von i. N. Svoronos') gemachten Mitteilungen. 
Zunächst bringt er die Abbildung der Pendants (s. Fig. 22 und 23). 
Aus der Gegenüberstellung beider glaubt man im ersten Moment 



') I. N. Svoronos, Das Athener Nationalmuseum, Athen 190S. Deutsch von Barth. 



ASKLEPIOSSTATUEN. 



67 



an eine doppelte Wiedergabe desselben Gegenstandes. Beide Reliets 
zeigen einen männlichen Gott in beinahe derselben Stellung, von 
derselben (köße, beide aus pentelischem xVIarmor, beide in sehr 





# '^ l|(Hi 




.\,>/!/t-/'/i''( Aiiinti-! Korn, Kaf<itol. Hluseujn. 

Fig. 20. Asklepiosstntuc, antiker schwarzer N[armor. 



hohem Relief gearbeitet. Dasjenige, welches auch Svoronos mit 
Sicherheit als des Heilgottes Bildnis erkennt, wurde 1884 bei den 
Ausgrabungen des heiligen Bezirkes in Epidauros gefunden, ein- 
gemauert in einer mittelalterlichen Mauer, das Gegenstück dagegen 



68 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 




in den Trümmern des an der nördlichen Seite desselben gelegenen 
Bades des Antoninus. Die Betrachtung des Gegenstückes zeigt nun 
folgende Abweichungen: Das Haupthaar und der Bart ist länger, 
die um den Kopt laufenden Löcher beweisen, daß das Haupt mit 
einem Metallkranz geschmückt war. Aus dem einfacheren Sessel 
des Heilgottes wurde ein Thronsessel, der ornamental durch Sphinx 
und Widder geschmückt war. Der Oberkörper ist entblößter, beide 
Füße ruhen auf dem Boden, die Haltung dieses Körpers ist da- 
durch vielleicht etwas majestätischer. Der unersetzliche \'erlust des 

\'orderkoptes ist aus der Abbildung er- 
sichtlich. Diese beiden Reliefdarstellungen 
wurden nun von Kavvadias als getreue 
Nachbildungen der berühmten Gold-Elfen- 
beinstatue des Asklepios in Epidauros von 
der Hand des Thrasvmedes aus Faros be- 
schrieben und auch bisher allgemein dafür 
gehalten. Diese Meinung bekämpft Svo- 
ronos mit besonders einleuchtenden Be- 
weisen. \un ist uns auch diese Statue 
des Thrasvmedes genau bekannt aus der 
Darstellung des Pausanias (ii. 27. 2.) und 
den zahlreichen Münzen aus Epidauros. 
Aus diesen geht als wichtigstes Kriterium 
hervor, daß der Gott mit entblößtem Oberkörper auf dem Throne 
saß, die Linke in Kopthöhe einen Zepterstab haltend, die Rechte 
vorgestreckt über die Knie herausragend, die sich autrichtende 
Schlange berührend. Die bland ist dabei nach unten geöfinet, 
während sie auf unserem Bilde seitlich steht, und zwar so, daß 
auf keinen Fall eine Schlange ergänzt werden kaim. (Ein gut er- 
haltenes Relief, auf dem der Heilgott in ähnlicher Stellung dasitzt 
und welches bei der Ergänzung der Metope aus Epidauros nützlich 
sein könnte, befmdct sich übrigens eingemauert in dem Kapitolmuseum 
in Rom.) Der Finger ist ausgestreckt wie im Gespräch mit einem 
Adoranten. \\'as auf der Photographie nicht ersichtlich ist, ist die 



\, 




Berl. Ulis. 

Fig. 21. Renaissanceplakette. 

Originalaufnahme nach Gipsabguli. 



ASKLEPIOSSTATUEN. 



69 



Angabe des Forschers, daß der entsprechende Platz für den Hund 
unversehrt gebUeben sind. Aus diesen Gründen kommt der Forscher 
zu dem Schluß, daß der oder die offenbar tüchtigen Meister des 
4. Jahrhunderts nicht die Statue des Thrasymedes genau kopieren 




-Fhct. Athen, Xut.-Muii-itii:. 



Fio. 22. Asklepios, JMetope aus Epidauros. 



wollten, sondern sich nur an den Typus hielten. Svoronos glaubt 
nun dafür eintreten zu müssen, daß beide Bildwerke gleiche Vorzüge 
und gleiche Technik zeigten und demnach offenbar von derselben 



Hand seien. 



Er nimmt an, daß beide Kunstwerke Metopen des 



■yO DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^ 

Asklepiostempels waren, doß der eine den Gott seihst, die andere 
Figur aber den Zeus darstellte, und daß sich dadurch die strengere, 
steifere und schwerfälligere Pose erkläre. In einer Bauinschriit, in 
der die Kosten der Herstellung des Tempels aufgeführt werden, 
wird Timotheos mit Wahrscheinlichkeit als Hersteller der Me- 
topen angeführt. Der Direktor des Athener .Münzkabinetts glaubt 
nun mit um so größerer Sicherheit darin die Arbeit dieses Meisters 
wiederzuerkennen, weil auch die tief eingeschnittenen und scharf 
gebrochenen Furchen des Gewandes mit den sonst bekannten 
Werken des Timotheos übereinstimmen. An den Umrissen dieser 
Beweisführung, von denen nur das auch dem Laien Verständliche 
herausgenommen ist, möge der Mediziner aut der einen Seite 
die Schwierigkeit einer archäologischen Diagnose 
ersehen, wie er anderseits das subtile Urteil und 
seine immerhin hypothetische Begründung schät- 






zen lernen möge. 



\J,i,'f\ , Fine naheliegende Vermutung ist es nun, das 

■ --. '- Urbild des stehenden Gottes in dem Standbild 

flg. 23. Münze aus parischem Marmor zu suchen, welches nicht 

Epidauros mit thronen- "■-■- ^ ■> 

dem Askiepios. j^^^ Tempel selbst, sondern in der Stadt der Fpi- 
daurier unter freiem Himmel in einem heiligen Bezirke stand, 
neben dem Bildnis der Fpione, seiner Gemahlin. Dieser Typus 
wurde dann von einem Phidiasschüler nach dem olympischen Zeus 
umsjemodelt. Keinesfalls kann das xMonument aus dem arkadischen 
Tesea von der Meisterhand des Skonas, oder das von Strabo be- 
sonders gerühmte wundervolle Flfenbeinbildnis aus Kyllene, dem 
Hafenplatz der Eleer, von Kolotus gefertigt, noch als Modell für 
die Schaffung des Tvpus als solchen in Betracht kommen. 

Wir haben bisher eine Gattung von Asklepiosstatuen zu er- 
wähnen vermieden, welche den jugendlichen Gott vorstellt und deren 
Tvpus durch die berühmte Statue in dem Braccio nuovo des \'atikans 
(Fig. 9) zu einem bekannten geworden ist. Allerdings, um dies 
gleich vorweg zu nehmen, hat diese Statue wenig zu tun mit der 
jugendlichen Auffassung des göttlichen Knaben, von dem Pau- 



ASKLEPIOSSTATUEN. 



71 



sanias an mehreren Stellen berichtet. Es ist natürlich durchaus un- 
künstlerisch, einen Jüngling auf einen Stab gestützt in dieser ma- 
jestätischen Haltung des Heilgottes zu modellieren. Die Statuetten, 
welche uns als Bildnisse einer noch ephebenhaften Männlichkeit 
anmuten, zeigen denn auch eine größere Beweglichkeit des ganzen 
Körpers. Als treffliche Beispiele dieses Apollotvpus des jugend- 
lichen Heilgottes können einige Statuetten im Athener National- 
museum selten. Bemerkenswert ist unter diesen das Bild, welches 
sich in dem Heiligtume des Apollo Maleates 1896 in Epidauros 
fand (Eig. 32) und auf gute griechische Zeit hinweist; das Original 
geht vielleicht auf Polvklet zurück. Eine andere ähnliche Dar- 
Stellung des jugendlichen Gottes ist als Weihgabe aufzufassen, die 
ein gewisser Ktesias dem Helfer und Retter stittete. 
Ganz anders die Statue im Vatikan. Hier 
stützte sich der Bildhauer auf sein Vorbild und 
kopierte dasselbe bis auf die kleinsten Fähchen 
des Gewandes. Die Repliken derselben Statue 
aus Neapel (Eig. 6) und Elorenz (Eig. 17) weisen 






auf das gemeinschaftliche große Vorbild. Die 



Fig. 24. Asklepiosstatue 
im Tempel, 



schlichte und einfache Größe dieser Statuen eines 
reifen Mannes, die überlegene Ruhe seiner Haltung paßt zu dem 
ernsten, reifen, männlichen Kopf; auf diese Statue aber das jugend- 
lich frisierte Haupt dieses jungen Mannes gesetzt, zerstört den 
ganzen Eindruck. Man wird den Gedanken nicht los, daß hier 
Unpassendes zusammengefügt ist. Da nun diese Statue von ganz 
ausgezeichneter Erhaltung ist und zu den wenigen gehört, deren 
Kopf sich vom Rumpf nicht auch nur vorübergehend trennte, so 
glaube ich entschieden, daß diejenigen recht haben, welche in diesem 
Standbilde das Porträt eines hervorragenden Arztes sehen wollen. 
Es war ja in Rom Sitte geworden, sich in der Stellung berühmter 
antiker Skulpturen porträtieren zu lassen. So bildete z. B. Kleomenes 
einen vornehmen Römer, indem er eine berühmte Hermesstatue 
des 3. Jahrhunderts seinem Werke zugrunde legte. Ich erinnere 
ferner an die sogenannte Domitia im Berliner Museum als Hygieia 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



und ferner an die Liebhaberei der Kaiserinnen und vornehmen Rö- 
merinnen, sich im Typus aher griechischer Originalwerkc porträtieren 
zu lassen. Daß dieses Bildnis ein Porträt sein soll, das lehrt schon 
die Betrachtung der ganz eigentümlich geformten Ohren, die ziem- 
lich weitabstehend durch die flache Behandlung der Muschel 
charakterisiert sind. Gegen die Annahme freilich, daß dies Bild 
das Porträt des Pomponius Musa, des freigelassenen Leibarztes des 




Orig.-Ait/n. Athc», Sat -Musfuiii. 

Fig. 25. Metope aus Epidauros. 

Augustus, vorstellen solle, spricht der Stil der Arbeit, der dem 
Zeitalter der Antonine angehört. 

Lür denjenigen, der sich im besonderen mit der Rekonstruktion 
der überkommenen Torsos beschäftigen will, sei aut die fleißige 
Arbeit von Emil Löwe') besonders hingewiesen. Ahm bekommt 
durch die Gegenüberstellung von des Pausanias Erklärungen mit den 
sieben epidaurischen Münzen eine ungefähre Vorstellung von der 



') Emil Löwe, De Aesculapi figura. Argentorati 1888. 



ASKLEPIOSSTATUEN. 



73 



von Thrasvmedes geschaffenen Bildsäule des thronenden Gottes. 
Als Kuriosum erwähne ich noch schließlich, daß kürzlich ganz 
ernsthaft der Versuch gemacht wurde, die wechselnde Stellung des 
Standbeins bei dem Gott medizinisch zu erklären: »der Gott habe 
an Hüftgelenksverrenkung gelitten«, deshalb habe er sich auch der 
Heilkunde gewidmet. (!) 

Wir haben bereits gelegentlich des verschiedenartigen Materials 
Erwähnung getan, aus dem die 
Standbilder gefertigt waren. Da 
fällt mir eine Stelle aus dem 
Lukian ein, wo in humoristischer 
Weise im »Zeus Tragoedus« die- 
ser Gegenstand behandelt wird. 
Zeus hat sich über die Debatte 
des Stoikers Timokles und des 
Epikureers Damis mächtig erregt. 
Letzterer hatte die Existenz der 
Götter überhaupt geleugnet und 
unter ungeheurem Zulaut die 
Opfer und Weihgeschenke tür 
überflüssig erklärt. Dieser Wett- 
streit zwischen den beiden Philo- 
sophen sollte am nächsten Tage 
wieder öffentlich weiter verhan- 
delt werden und der Oflenbach- 

Zeus ruft nun eine Versammlung der interessierten Götter zu- 
sammen. Wie die Sache endete, lese man im Original nach. Hier 
ist das amüsante Vorbild für »Orpheus in der Unterwelt«. 

Zeus: Brav so, Hermes, du hast deine Sache vortrefflich gemacht; und sie 
(die Götter) eilen schon herbei. Empfange sie also und placiere sie nach dem 
Werte ihres Materials oder der Kunst, mit der sie gefertigt sind: die aus Gold 
in der vordersten Reihe, hinter ihnen die aus Silber, dann die aus Elfenbein, 
hierauf die aus Erz oder Marmor, und unter diesen letzteren sollen die von 
Phidias oder Alkamenes oder Myron oder Euphranor oder den ahnlichen 
Künstlern den \'orzug haben; das kunstlose Lumpengesindel aber möge in einen 




Orig.-Phot. nach Gipsahgu/s. Bril. Museum. 

Fig. 26. Asklepioskopf von Melos. 



74 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



entlegenen Winkel gestoßen werden, nur um stillschweigend die \"ersammlung 
zu füllen. 

Hermes: Das soll geschehen, sie werden placiert werden, wie es sich geziemt. 
Laß mich aber auch das wissen; wenn einer aus Gold ist und viele Talente 
wiegt, die Arbeit aber nicht akkurat, sondern vollständig stümperhalt und ohne 
jedes Ebenmaß ist, wird dieser vor denen des Myron und Polyklet aus Erz oder 
des Phidias und Alkamenes aus Marmor sitzen , oder soll die Kunst für wert- 
voller gelten? 

Zeus: Zwar sollte es so sein, allein dem Golde muß der ^'orrang zuge- 
standen werden. 

Hermes: Ich verstehe, du befiehlest, daß sie nach dem Reichtum und nicht 
nach dem Verdienste sitzen sollen. Kommt ihr Goldenen also auf den ersten 
Platz! Wie es scheint, Zeus, werden nur solche aus dem ßarbarenland vorn 
sitzen. Du siehst, wie die aus Hellas sind, zwar anmutig und schön und 
kunstgemäß geformt, aber sämtlich aus Marmor oder Erz, nur die kostbarsten 
aus Elfenbein, bloß mit so viel Gold, um Farbe und Glanz zu bekommen; 
inwendig sind auch diese von Holz und bergen in sich ganze Scharen da hausen- 
der Mäuse. Hier die Bendis, dort der Anubis, neben ihm der Attis, der Mithras 
und der Men, die sind ganz von Gold und schwer und in Wahrheit wertvoll. 

Poseidon: Ist das recht, Hermes, daß dieser Ägypter mit dem Hundsgesicht 
den Platz vor mir, dem Poseidon, einnimmt? 

Hermes: Ja, weil die Korinther damals nicht Gold hatten, formte dich. 
Erderschütterer, Lysippus als armen Mann aus Erz. Dieser hier ist reicher als 
ganze Bergwerke; du mußt es dir also gefallen lassen, auf die Seite geschoben 
zu werden und nicht in Unwillen geraten, daß einer mit einer so mächtigen 
goldenen Nase dir vorgezogen wird. 

Aphrodite: So nimm mich denn, Hermes, bei der Hand und führe mich in 
die erste Reihe: ich bin golden! 

Hermes: Nicht, soviel ich sehen kann; falls ich nicht sehr kurzsichtig bin, 
bist du aus dem weißen Gesteine des Pentelikon, wenn ich nicht irre, gebrochen, 
und wurdest, weil Praxiteles es so wollte, als Aphrodite den Knidiern übergeben. 

Aphrodite: Ich werde dir einen glaubwürdigen Zeugen, den Homer, stellen, 
der mich allerorten in seinen Gesängen die goldene Aphrodite nennt. 

Hermes: Ach, eben der nannte auch den Apollo reich an Gold und Schätzen; 
nichtsdestoweniger wirst du ihn jetzt irgendwo unter der dritten Klasse sitzen 
sehen ; Räuber haben ihm die Kränze weggenommen und sogar die Wirbel aus 
der Lyra gestohlen. Sei also zufrieden, wenn du nicht gar in der letzten Klasse 
an der Versammlung teilnehmen mußt. — — 

Wir haben bisher mit einer ge\Yissen Absicht es vermieden, von 
der Krönung der Statue, welche Körperhaltung auch vom Künstler 
gewählt war, von dem Kopfe des Gottes selbst, zu sprechen; es 
tritt an uns die wichtige Frage heran, ob die alten Künstler das 
Äskulapshaupt so charakteristisch gestaltet haben, daß es als solches 



ASKLEPIOSKÖPFE. n z 



unzweifelhatt erscheint. Diese Frage hat deshalb nicht nur theo- 
retische Bedeutung, weil wir gerade bei den Schöpfungen der Antike 
auf Ausgrabungstunde angewiesen sind, bei denen der Kopf häufig 
isoliert ohne Körper zutage gefördert wurde. Und es ist gerade 



Fhot . Alirtarl. Rom, Vatihai: , 

Fig. 27. Zeus von Otricoli. 



wohl kaum ein Spiel des Zufalls, wenn um den schönsten und reiz- 
vollsten aller Asklepiosköpfe, den in Melos gefundenen, ein Streit 
entstehen konnte. Bei einzelnen antiken Köpfen finden wir charak- 
teristischen Kopfschmuck, so daß jeder Zweifel schwindet, so z. B. 
bei der Minerva, bei Hermes, Mars oder Jupiter Ammon. Auch 



j6 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^ 

des Herkules Kopf ist durch die starke Betonung des Überkräftigen 
genügend charakterisiert. Beim Asklepios aber ist schon deshalb 
die Situation ganz anders, als sein Kopt in offenbarer Anlehnung 
an das Antlitz des höchsten Gottes Zeus (Fig. 27) geschaffen ist. 
Das Ideal des Asklepiosantlitzes ist die reine Vermenschlichung 
des Göttervaters unter Beibehaltung seiner sonst so charakteristischen 
Züge und unter bloßer Zurücktührung des Überirdischen auf ein 




Orig.-Pliot nach Gipsabgii/s . Brit. Miis.-uin. 

Fig. 28. Asklepioskopf von Melos. Profilansicht. 

rein menschliches Maß. Durch diese enge Verwandtschaft erklärt 
es sich schon, daß der linkcl mit dem Großvater verglichen und 
verwechselt werden kann, da beide mit X'orhebe auch als im 
crleichen Alter stehend dartrestellt wurden. Und so linden wir in 
manchem .Museum einzelne Köpfe mit offenbar falscher Bezeichnung. 
So bemerkt Kekule von Stradonitz von dem Gesichtstypus des 
Zeus, daß er namentlich später dem des Asklepios immer ähnlicher 
wurde. Im ganzen genommen jedoch bleiben die Züge des As- 
klepios einlacher und weniger gewaltsam. »Sie bewahren viel \on 



ASKLEPIOSKÖPFE. 77 



dem schlichten Stil, in dem der Gott nach der ölientlichen Aut- 
nahme seiner Verehrung in Athen im Jahre 420 v. Chr. zuerst 
dort gebildet wurde.« Über denselben Gegenstand spricht sich 
O V e r b e c k folgendermaßen aus ') : 

»Demnächst dürfte man berechtigt sein, mit nicht geringer Wahr- 




lii'iii , rlteriiit'iiiititsi'Uni 



Fig. 29. Asklepioskopf. 



scheinlichkeit das Ideal des Asklepios, für dessen Schöpfung durch 
den späten pergamenischen Künstler Phvromachos man nichts 
als die allerunzulänglichsten Gründe angeben kann, aut das Tempel- 
bild dieses Gottes von Alkamenes in Mantineia (Pausanias 8, 9, i) 



') Overbeck, Geschichte der griechischen Plastik. 4. Auti, I, Seite 37g. 



y8 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

zurückzuführen und zwar deshalb, weil das Ideal des Asklepios 
wesentlich als eine geistreiche Umbildung des von Phidias aus- 
geprägten Zeusideals erscheint, eine Umbildung, die unter Beibe- 
haltung der meisten charakteristischen Formen doch vermöge ihrer 
Herabsetzuno auf ein reiner Menschliches die Hoheit des Welt- 
regierers durch die herzliche Milde und Klugheit des hilfreichen 
Heilgottes zu ersetzen weiß. Ein solches Anlehnen an die Schöpfung 
des Meisters und zugleich ihre so feine und geistreiche Umgestaltung 
dürfen wir Alkamenes wohl zutrauen und ein solches Festhalten 
des Zeustvpus, der ja an sich nicht im Wesen des Asklepios not- 
wendig begründet ist, am ehesten von einem Schüler Phidias' er- 
warten. Und da wir nun endlich wissen, daß spätere Meister, wie 
z. B. Skopas, den Heilgott jugendlich auffaßten, also seinen Typus 
wesentlich änderten, so haben wir wenigstens einigen Boden unter 
den Füßen, wenn wir es als nicht unwahrscheinlich hinstellen, daß 
das Ideal des zeusartig aufgefaßten älteren x\sklepios auf Alkamenes 
zurückgehe.« 

Von diesen Asklepiosköpfen steht an erster Stelle der von Melos 
(s. Titelbild und Fig. 26 und 28); die Photographie versagt voll- 
kommen bei der Wiedergabe einer Plastik; sie spiegelt je nach der 
Beleuchtung und Stellung Trug- und Zerrbilder vor, der Gips- 
abguß gleicht dem Grammophon der Stimme. Das Unvergleich- 
liche, Rührende und Überwältigende erfaßt erst den Beschauer, der 
selbst nach einem (iang durch all die Herrlichkeiten des Briten- 
museums verwöhnt und ermüdet zugleich vor das Antlitz des Gottes 
tritt. Der wohl durch Alterspatina oder auch Farbreste geschaffene 
Kontrast des blassen Marmorgesichtes mit den bräunlich-blonden 
Locken und Bart erhöht noch den Gesamtausdruck; das aut dem 
Bilde zu schmale Antlitz, das sich in der Flut der Haare verliert, 
wächst im Steine zu herrlicher, milder Größe. 

Diesem Meisterwerk gegenüber verliert der Kopt aus dem 
Thermenmuseum in Rom (Fig. 29) an (iröße; verglichen mit dem 
Zeus von Otricoli (Fig. 27) erkennt man beinahe Zug um Zug 
dessen reduzierte Ausgabe. Obwohl die Wendung des Kopfes auf 



ASKLEPIOSKÖPFE. yo 



unserer Photographie für den Vergleich ungünstig ist, hesteht doch 
eine große Ähnhchkeit in der Behandlung des Ausdrucks und der 




Orig.-Au/ji. Athen, Nat. -.Museum. 

I'ig. 30. Asklepiostorso aus Piräus (Kunstrichtung der Skopas). 

Haar- und Bartbildung namentlich mit den Kopten in Neapel und 
im Louvre. Eigentümlich bei diesem Kolossalkopt ist nur der 



80 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

Übergang der Haargrenze. Wenn nicht ausdrücklich der Kopt und 
der Oberkörper des athenischen Xationahiiuseums, der in Piräus 1888 



.'- Brogi. Arckaol. JJustit/n. 

Fig. 31. Asklepios, antike Marmorstatue. Syrakus. 

gefunden wurde, von den Archäologen als Resle einer Askulapstatue 
anerkannt wären, so müßte die Vergleichung mit den übrigen 
Asklepiosstatuen starke Zweifel nach der Richtung autlamimen 



ASKLEPIOSKÖPFE. 8 1 



lassen (s. Fig. 30). Sowohl der Ausdruck des Kopfes als namentlich 
auch seine Haltung mit ihrer scharfen Drehung nach oben, die 
völlige Nacktheit der ganzen Brustpartie bis unterhalb des Nabels 
unterstützen diese Zweifel. Die Augenhöhlen waren offenbar von 
künstlichen Augen erfüllt, das Wirre und, man möchte beinahe 
sagen, Leidenschaftliche der Lockenbildung, der ziemlich geöffnete 
Mund, das stärkere Hervortreten der Backenknochen verändern d;is 
gewohnte Bild, und man denkt zunächst vielleicht an einen Xeptun. 
Die starke Vorwölbung und Neigung des unteren Bauchabschnittes 
haben schon V. Stais veranlaßt, anzunehmen, daß eventuell eine 
Statue des sitzenden Gottes in Frage kommen könne. Dagegen 
spricht aber dann die Kopfhaltung. Anderseits haben wir es 
sicher hier mit einer vorzüglichen Kopie einer Arbeit des 4. Jahr- 
hunderts zu tun. 

Dem unbärtigen Jünglingskopf unseres Gottes, wie ihn z. B. 
Kaiamis (Pausanias IL 10. 3) darstellte, fehlen jegliche charakteri- 
stische Attribute, selbst wenn der Kopf in irgendeiner Weise bekränzt 
dargestellt ist. Da ist denn der darstellende Künstler auf die anderen 
Attribute angewiesen, und von diesen besitzt der Heilgott eine 
ganze Anzahl charakteristischer und schmückender. 

Wenn wir uns jetzt zu diesen Attributen wenden, so scheint 
es zunächst vielleicht seltsam und merkwürdig, daß wir Herkunft 
und Inhalt dieser Verkörperungen oftmals nur ahnen, und daß diese 
demgemäß die verschiedenen Autoren verschieden auslegen. Nur 
darüber kann eine Teilung der Ansichten wohl kaum entstehen, 
daß der verschiedene Kopfschmuck des Gottes gewissermaßen nur als 
Epitheton ornans zu gelten hat. Denn das Theristrion, die glatte 
oder auch die gedrehte Binde, die »vitta tortilis« der Römer, finden 
wir bei verschiedenen Göttern. Sie wechselt bei dem Asklepios 
von der anspruchslosen Binde, die nur die Fülle der Locken meistert 
und die Haare am Schädel anlegt, bis zu einem richtigen Kopf- 
schmuck-, den- den Kopf krönt, wie bei der Statue im Nationalmuseum 
Neapels und ihn gloriolenhaft verschönt. Wenn echt, belastet die 
schlangenleibdicke Wulstung des Berliner Gottes (Fig. 8) dessen 



Holländer, Plastik und Medizin. 



82 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 




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Fig. 32. Asklepios-Apollo, antike IMarmorstatue. 

r.eriinden in Epidauros im Heiligtum der ApoUon Maleatas 1896. 



DER OMPHALOS. 83 



frisiertes Haupt, vielleicht von unten betrachtet, weniger ungünstig. 
Dasselbe gilt von der Syrakuser Gottheit (s. Fig. 31), einer offen- 
bar schwachen \'erkörperung unseres Ideals. Solchen Kopfschmuck 
sehen wir vielfach verwendet. Doch auch mit anderem ungewöhn- 
licherem Schmuck umgab man das geliebte Haupt; ein Lorbeerkranz 
machte ihn wiederum dem Zeusvater ähnlicher. \\>lches Diadem 
den himmlisch schönen Kopt des Britenmuseums krönte, ist nicht 
mehr zu sagen, es wird wohl ein goldenes Theristrion gewesen 
sein oder ein Kranz von größerer Ausdehnung und Gewicht; dafür 
sprechen noch die Überreste der umfangreichen Befestigung am 
Stein. Wir erinnern noch an den Rosenkranz seines Sohnes Machaon. 



DER NABEL. 

Vielfach finden wir, so z. ß. bei dem Neapolitaner Standbilde, 
dem Syrakuser und anderen, neben dem linken Fuße des Gottes 
einen eitörmigen, rundlichen Körper, der durch Netzwerk verziert 
erscheint; derselbe Gegenstand, von einer Schlange umgeben, wieder- 
holt sich auf pergamenischen und anderen Münzen. Panofka IL 13 
bildet einen solchen aus Nakrasa in Lydien ab. Die Deutung dieses 
Körpers gelingt nicht ohne weiteres. Zunächst ist man versucht 
an einen großen Pinienzapten zu denken, denselben, den der Gott 
bisweilen in der Hand trägt. Doch die nähere Betrachtung lehrt, 
daß die kreuzweise gestellte Ornamentik mit dem rundlichen münzen- 
förmigen Kreuzungspunkt der geometrischen Linienführung eines 
Pinienzapfens, wie er in der griechischen Kunst seltener, in der 
römischen Kunst aber häufiger dargestellt wurde, widerspricht. 
Dabei ist die erhabene Ornamentik dieses Steinkegels durchaus keine 
willkürliche, und finden wir sie auch hei den offenbar späteren 
Wiederholungen in der charakteristischen Form, so z. B. auch bei 
dem vatikanischen jugendlichen Äskulap. 

Auf der Suche nach der Deutung dieses benetzten rundlichen 
Körpers, finden wir auch einen ähnlich behauenen großen weißen 
Marmorblock aus Delphi, der mit Recht wohl als zum delphischen 



84 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Orakel gehörig angesprochen wird. Tansanias sagt von diesem, 
den »Oniphalos«, den Nabel darstellenden Werk, daß er nach der 
Sage der Delpher der Mittelpunkt der ganzen Erde sei, und Pindar 
habe in einer Ode Gleiches gesungen (Pausanias X, i6). Dieser 
antike Reiseführer erwähnt noch einen zweiten Omphalos (II, 13), 
nämlich in Phliasia, »nicht weit vom Markte ist der sogenannte 

Omphalos, der Mittelpunkt des 
ganzen Peloponnes, wenn sie 
nämlich die Wahrheit sagen«. 
Die Betrachtung dieses, 
dicht neben dem großen Altar 
gefundenen delphischen Nabels 
zeigt in der Form zwar eine 
genaue Übereinstimmung mit 
dem abgeplatteten zuckerhut- 
artigen Gebilde zu Füßen des 
lleilgottes: aber im Gegensatz 
zu der regelmäßigen, quadra- 
tischen Benetzung dieses zeigt 
er eine ähnliche, aber erheb- 
lich kompliziertere Ornamen- 
tik. Verfolgen wir diese, so 
macht es den Eindruck, als 
wenn Binden und Bänder um 
den Stein gelegt seien, die 
sich parallel begegnen und 
rechtwinklig kreuzen, aber in der Weise, daß sie nicht miteinander 
verschlungen und geknotet sind, sondern unter- und übereinander 
um den Stein gelegt erscheinen. Diese, dadurch wie die Glieder 
einer Tänie gestalteten Bandornamente müssen wir uns wohl larbig 
vorstellen, schwarz und weiß, als Ausdruck des Wechselspiels 
zwischen Leben und Tod. Mit der Betrachtung dieser Stein- 
symbolik aus Delphi werden wir der innere]! Auflösung des Attri- 
butes unseres Gottes nahekommen. Dem Apollo, dessen Kultus 




W 4 



/■//■.' .-iniiari. Delphi 

Fig- 33- Der Omphalos von Delphi. 



OMPHALOS. 



85 



als des Gottes der Weissagung in Delphi seinen Höhepunkt fand, 
war der 7Aim Orakel gehörige Omphalos eigentümlich. Auf dem 
Omphalos sitzend, verkündet Apollo nach Euripides seine Sprüche; 




Orig.-Phot. AtJuii, Nat.-MliSiiun. 

Fig. 34. Asklepios auf dem Omphalos sitzend. 

das Symhol des großen Vaters ging aut den kleineren Sohn über, 
und auch neben dem weissagenden und traumdeutenden Gott in 
Hpidauros war ganz am Platz gewissermaßen die kleinere Ausgabe 
des delphischen Omphalos. Inwieweit die Eitorm dieses Symbols 



86 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



dem mythischen Urei und dem Dualismus des männlich-weiblichen 
Prinzipes nahekommt, wie das Bachofen') in seiner »Gräber- 
symbolik der x-\lten« annimmt, das soll an dieser Stelle in den 
Hintergrund treten. Als Basis von Apollostatuen diente der Om- 
phalos gelegenthch. Eine solche befindet sich mit den Fußresten 
im Athener Museum, Nr. 46 des Katalogs. 

Xoch eine andere Möglichkeit verdient genannt zu werden, 
wenn auch dieser Gedanke auf Widerstand stoßen wird. Es ist 
immerhin möglich, daß die Gestalt des Schröpfkopfes, wie wir 
noch zeigen werden, die offenbare Marke ärztlicher und heilhelfe- 
rischer Tätigkeit, gelegentlich zur Anwendung kam, und daß diese 
formverwandte Linie für den Omphalos gehalten wurde oder um- 
gekehrt, wie sie anderseits auch eine Personifikation im Telesphorus 
fand. Überfließen undeutlich gewordener mythologischer Ideen in 
verwandte Formen finden wir bei Religionsvorstellungen häufig. 

Völlige Aufklärung bringt das quadratische Relief (60x33 cm 
1388) aus dem Athener x'\sklepieion , eine strenge Arbeit des 
3. Jahrhunderts, im attischen Stil (s. Fig. 34). Auf einem großen 
Omphalos sitzt x'Vsklepios, den Kopf nach rechts wendend; der 
rechte Arm rechtwinklig erhoben. Der Stab, den er hier hielt, ist 
zwar verloren gegangen, aber am Grunde ist seine Befestigung noch 
erkennbar. Der Gott sitzt ungeschickt und gezwungen; der Ober- 
körper ist ziemlich entblößt, er wendet sich zu einem jugendlichen 
Manne, dessen Größe es erkennen läßt, daß kein Sterblicher gemeint 
ist. Neben ihm sitzt Hygieia, die züchtig mädchenhafte Göttin. 

In dem Ornament zu des Gottes Füßen müssen wir also den 
plastischen Ausdruck der prophetischen Gabe des Heil- 
gottes erlvcnnen. In der antiken ursprünglichen Machtsphäre des 
Asklepios überwog die göttliche Kraft der Orakelspende, die der Tiefe 
der Erde entsprang. Wie des \'aters xA.pollo Sehergabe beim heiligen 
Dreifuß sich in den Orakeln der Pythia kund tat, so gab unser Gott 
durch die beim Tempelschlaf gespendeten Träume die Richtung auf 
das Heil. Der Omphalos ist also das Svmbol göttlicher Intuition. 

') J. J. Bachofen, Versuch über die GräbersymboHk der Alten. Berlin 1859. 



DIE SCHLANGE. ^n 



DIE SCHLANGE. 

Das charakteristische Svmbol des Heikottes ist die Schlange. 
Doch sofort bedarf es einer ziemHchen Einschränkung, denn von 
den Zeiten primitivster Mythenbildung bis in die Klügelei der mo- 
dernen Zeit war das Schlangensymbol die vulgärste Attrappe für 
allerlei andere Vorstellungen. Bei allen \'ölkern und zu allen Zeiten 
spielt diese Tierform in Sagen und Märchen eine bedeutsame 
Rolle, und unter ihrer Gestalt iinden wir selbst kontrastierende Yor- 
stellungen vereinigt. Gott strafte die Paradiesschlange folgender- 
maßen: er nahm der Schlange die Sprache und ihrer Zunge gab er 
Gitt, erklärte sie für einen Feind des Menschen- 
geschlechts und verhieß ihr, daß ihr der Kopf 
zerschlagen werden sollte, er beraubte sie der Füße 
und hieß sie sich im Staube der Erde wälzen'). ^B K^'^ K iJ\ 

Wenn wir uns bei dem Studium einer Schlan- V^^^J") A 
gensymbolik nur auf das Altertum beschränken '■'''' \-'.i-iV'' 

wollen, so hnden wir diese Tiere als Begleiter i'ig. 35. A^kicpios auf 




ö 



■ 1 /^ . . 1 ■ o • • 1 1 «- neflügelter Schlange. 

Vieler Gottheiten. So wissen wir aus der Mv- . 

Münze aus Nikäa in Eithynien. 

thologie, daß die Schlangenform beliebt war, 
wenn Götter in Verwandlungen heimliche Taten vollbrachten. So 
verwandelte sich z. B. Zeus in eine Schlange, als er der Demeter 
oder Rheia sich näherte. Im Piräus wurde Zeus Meilichios als 
Schlange verehrt (s. Fig. 37). 

Auch Apollo ist die Schlange beigeordnet. Die delphische 
Orakelstätte war durch Schlangengewinde geschmückt, dem Svmbol 
der erdständigen chthonischen Gottheit. Es genügt aber, nur an den 
Hermesstab zu erinnern, um darauf hinzuweisen, daß die Schlange 
durchaus kein charakteristisches Symbol des Heilgottes sei. Auch 
der wesensverwandte Sarapis führt gelegentlich den Schlangenstab. 

Eine besondere Schwierigkeit erwächst uns noch, wie wir bei 
der Besprechung der Grabdenkmäler sehen werden, durch die so- 
genannte Toten seh lange, welche dort direkt zu Verwechs- 

') Fla vi US Joseph US, Jüd. Altertümer, i. Band. 



88 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

lungen mit der Schlange des Äskulap auffordert. Im Gegensatz zu 
der freieren Verwendung der Asklepiosschlange bei seiner häufigsten 
Begleiterin, der Tochter Hygieia, finden wir bei den statuarischen 
Denkmälern des Gottes fast eine einzige Anordnung. Zu den Füßen 
des Gottes ringelt sich die Schlange, und der Stab, an dem sich 
das Tier emporwindet, bildet die innige Verbindung zwischen beiden. 
Die Auffassung, daß der Gott einen Vv-^tnderstab trägt, auf den er 
sich stützt, entspricht nicht dem göttlichen Wesen des Heilers. Ist 
der Gott sitzend dargestellt, so finden wir die Schlange meist unter 
seinem Sessel, aber der Stab charakterisiert den Gott ; künstlerische 
Momente veranlaßten hier wieder die Trennung. Füllt die Lücke 
unter dem Sessel ein Hund, so ist die Schlange am Stabe ange- 
deutet, oft fehlt auch der Stab, den man sich dann aber gemalt 
oder sonstwie ergänzt denken muß. 

Wie kam nun unser Gott zu dem Symbol? Da muß nun zu- 
nächst darauf hingewiesen werden, daß eine antike Wortauslegung 
den Namen Asklepios als Askalabos definierte; die ältesten Griechen 
stellten sich die Erdgeister, die den Menschen im Schlummer er- 
scheinen und weise Ratschläge geben, besonders solche, die sich 
auf die Gesundheit erstreckten, in Schlangengestalt vor, wie ja die 
Schlange in der Symbolik jener frühen Zeit als der Arzt unter den 
Tieren galt'). Ob diese Voraussetzung richtig ist, ist hier nicht 
möglich zu entscheiden. Wir erinnern nur an die Vorstellung des 
Zeus Meilichios als Schlangentier und an die Mythe, daß der Heil- 
gott selbst der Aristodeme als Schlange beiwohnte. Jedenfalls hat 
die freisinnis:e Griechenseele von einem Tierfetischismus sich bald 
abgewandt. Die Ursachen, der Schlange dämonische Kratt zu vin- 
dizieren, sind vielfache. Ihr Biß als Gift und Gegengift, die Ge- 
schwindigkeit ihrer Fortbewegung, ihr Züngeln, ihre Vielgestaltigkeit, 
ihre innige Verbindung mit der Erde, vor allem aber die Beobach- 
tung ihrer scheinbar einzigartigen Häutung als autdringliches Symbol 
von \'erjüngung und Wiedergeburt. 



') O. Gruppe, Griech. Mythologie und Religionsgeschichte, i\Iünchen 1906, im Handbuch 
von I\v. V. Müller. 



DIE SCHLANGE. 89 



Sinngemäß linden wir so einmal die Schlange als Personifikation 
des »Giftigen Bösen«, Unheilbringenden und Unheilverkündenden. 
Mit dem Übergang zum Schlangendrachen sehen wir bei den ver- 
schiedensten Kulten immer wieder die Figur des »Drachentöters« 
als des befreienden Helden. Bei dem antiken hellenischen Glauben 
überwiegte jedoch die gegenteilige Vorstellung des rein Göttlichen. 
Ihre enge Beziehung zur Erde galt als chthonischer Gedanke par 
excellence; die Schlange wurde in erster Linie zum Genius loci, 
zum Wächter und zum orakelspendenden Schützer eines Tempels, 
eines Ortes, und auch vor allem des letzten Ortes, des Grabes. 
Römische Monumente und Altäre waren den »sanctis draconibus« 
geweiht, und die Unterscheidung zwischen ihnen und den Laren 
und Penaten verwischt. Die Orakelidee knüpft sich des weiteren 
an dieses Tier, das lehrt schon die Geschichte der Erechtheus- 
schlange, welche durch das Unberührtlassen der Speise das drohende 
Unheil voraussagt. Nur die fressende Schlange bedeutet glückliche 
Wendung und so wird mit Vorliebe das göttliche Heilerpaar und 
namentlich Hvgieia mit fressender Schlange bildlich verkörpert. 
Honig und Honigkuchen sind die Lieblingsbissen für die Äskulap- 
schlange. Hier sei noch daran erinnert, daß erdgeborene Götter, 
die Giganten in hellenischer Zeit, einen Schlangenleib zeigten. 
Das Kind der Gäa, »die Schlange«, gehörte naturgemäß auch an 
den Platz der Erde, wo aus ihrer Tiefe die Zauberkraft der ^^>is- 
sagung hervorging, und der Drache ist der Hüter der ersten und 
bedeutendsten Orakelstätte Delphis. Und der feuerspeiende Drachen, 
der Furcht und Schrecken und grauliche Verehrung der überheiligen 
Stelle hervorruft, verkleinert sich zur glatten Schlange des Heil- 
gottes. Alles das sind Momente, die der reflektierende Geist aus 
dem Mythenkranz hellenischer Vorstellung als Begründung dafür 
losgelöst hatte, um die Schlange zu Füßen des Gottes zu moti- 
vieren. Es steht demnach im Belieben des einzelnen, aut das eine 
oder andere Motiv mehr Gewicht zu legen und entweder des 
Plinius Auslegung zu folgen, der (Hist. nat. VI, 22) die Symboli- 
sierung damit erklärt, daß die Schlange selbst eine Menge Heil- 



90 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^ 

mittel liefere und besonders scharfe Augen habe, oder Welcker zu 
folgen, wenn er das Orakeltier bevorzugt, oder Maehlv, wenn 
er in dem Häutungsvorgange das Verjüngungsprinzip als Vor- 
stellung der Genesung und ewiger Jugend das Entscheidende sieht. 
Das scheint mir heutzutage mehr persönlicher Geschmack, da der 
Beweis auch schon vor beinahe 2000 Jahren nicht mehr erbringlich 
war. Hier hilft vielleicht nur die vergleichende Sagengeschichte, 
und da muß ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß schon 
die Mosesschlange den Beweis bringt, daß auch in der Vorstellung 
der alten Juden der Heilbegritf der Schlange existierte, und daß 
auch den Ägyptern die Schlange das Symbol der Unsterblichkeit 
war. Jedenfiills imponierte den Römern, als sie gelegentlich einer 
Pest sich von Epidauros 293 v. Chr. die Äskulapschlange herüber- 
holten, das Gewürm außerordentlich. Die Schlan2;e bür2;erte sich 
derartig in Rom ein, daß man von einer wirklichen Schlangen- 
plage reden konnte. Sie wurde zum richtigen Haustier und damit 
schließlich zu einer Belästigung. Wir können verstehen, daß man- 
chem weniger Tierliebenden und weniger Kultfreudigen dieses 
Getier unangenehm war, namentlich wenn sich die heißblütigen 
Römerinnen den epidaurischen Gott zur Kühlung um Hals und 
Busen legten, und daß die Mißgünstigen die vielen Stadtbrände 
nur unter dem Gesichtswinkel betrachteten, daß dadurch wenigstens 
die Schlangenbrut mit zerstört wurde. (Siehe Maehlv.) 

Es ist bekannt, daß die Römer der Tiberinsel äußerlich durch 
eine Travertinverkleidung die Form eines Schiffes gaben und daß 
ein Obelisk die Stelle des Mastes versah. Das taten sie, als Rom 
bei Epidauros Hilte suchte gegen eine Epidemie und man dem 
Schlangengott in der eigenen Stadt eine Kultstätte geben wollte. 
Angeblich entschlüpfte die Epidaurosschlange den Heimkehrenden 
aut der Insel unil darin sah man des Gottes V/unsch, hier sein 
Heim zu haben. Römische Reliefs und Medaillons aus antoni- 
nischer Zeit halten diesen Moment fest; aber auch die Insel, jetzt 
Isola S. Bartolommeo genannt, zeigt noch einige Erinnerungen alter 
Bestimmung. An der östlichen Kante hat sich ein Teil der alten 



DIE SCHLANGE. 



91 



Travertinverkleiduna: erhalten. Man sieht da die Reste des Schiff- 
bugs und die x^usladung des Rumptcs für die Ruderer. Aut unserer 
Abbildung (s. Fig. 36) sehen wir noch die Stelle, wo die Büste 




Fig. ö''- Ustecke der Tiberinsel S. Baitulcimmeo. 

.Alle Travertinbekleidiing mit Emblemrestea, 

des Gottes als Verzierung angebracht war. Es mui:^ wirkungsvoll 
gewesen sein, denn sonst hätte man sich nicht die Mühe gegeben, 
es glatt abzusägen'). Vielleicht Inndet es sich, kenntlich an der 

') In den .Annnli deU' Istit, 1S67, tav. d'agy. K. findet sich noch eine vollständigere Abbildung. 



92 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^ 

glatten Hinterflachc, noch irgendwo. Eine im Winde flatternde 
Locke hat sich noch aut dem Fond erhalten. Ebenso der Stab mit 
der Schlange und seitlich vorspringend ein Stierlcopf. Offenbar 
korrespondierten an den andern Stellen der W'rkleidung ahnliche 
Embleme. Unsere Abbildung entstammt älterer Zeit, wo man die 
Stelle archäologisch untersucht und freigelegt hatte. Die ganze 
Schiffsflanke ist aber jetzt wieder versandet und bis beinahe zur 
Höhe der Schlange mit Schlamm und Sand bedeckt. 

Die Schlange als Symbol der Heilkratt schlängelt sich bis in 
die modernste Zeit. Es war die Autgabe gestellt, für den Berliner 
Hygiene-Kongreß eine symbolisierende Plakette zu schaffen. Bei 
dieser Gelegenheit zeigte sich die Armut unserer Zeit an sinn- 
fälliger Allegorie. Mein Vorschlag, eine Giftschlange zu bilden, der 
eine nervige Faust den Hals zudrückt, wurde mit Rücksicht auf die 
Heiligkeit der Schlange abgelehnt. Man rekurrierte schließlich auf 
eine Hygieia, die allerdings so unklassisch wie möglich des \'aters 
Schlangenstab führt; trotzdem ein Beweis, daß wir auch im Zeit- 
alter der Flugmaschine noch von den Göttern Griechenlands ge- 
leitet werden, wenn wir das Land der reinen Vorstellung betreten. 

Die Schlange kam in drei verschiedenen Spezies in den Heilig- 
tümern vor. »Die Drachen, deren Farbe etwas mehr ins Rötlich- 
gelbe spielt, gelten für geheiligt und sind zahm gegen die Menschen. 
Sie kommen nur im epidaurischen Lande vor« (Paus. II, 28). Von 
den Schlangen, die im Asklepieion in Titane sich betanden, erwähnt 
derselbe Autor, daß man sich diesen Schlangen aus Scheu nicht zu 
nähern wagte, sondern man legte ihnen das Futter vor den Eingang 
(Paus. II, 11). Es ist dann ferner bekannt, daß noch eine sehr große 
Spezies von Schlangen unter den Ptolemäern aus Äthiopien nach dem 
Asklepieion von Alexandria verpflanzt seien. Es ist das offenbar die 
Sorte, von der auch unser Gewährsmann in diesen Dingen, Pau- 
sanias, im neunten Buch seiner Reisebeschreibung, 21. Kapitel, spricht. 
Wir wollen den ganzen Passus hier anführen, weil hier die moderne 
Anpassungsidee im Prinzip eindeutig schon vorgetragen wird. 

»Ich glaube, wenn jemand die äußersten Gegenden Libyens oder 



DIE SCHLANGE. 



93 



Indiens oder Arabiens bereisen wollte, um Tiere aufzusuchen, die bei 
den Griechen vorkommen, so würde er einige davon gar nicht finden, 
bei anderen aber würde er bemerken, daß sie nicht gerade so aus- 
sehen. Denn nicht allein der Mensch nimmt mit der \'eränderung der 
Luft und des Landes eine verschiedene Gestalt an, sondern auch alles 
übrioe dürfte dasselbe erfahren; so z. B. haben unter den Tieren die 
hbyschen Nattern eine andere Farbe als die ägyptischen, und in 
Äthiopien nährt das Land schwarze Nattern nicht minder als Men- 
schen. Darum soll ein jeder mit seiner Meinung weder voreilig 
sein, noch auch ungläubig bei Dingen, die seltener vorkommen.« 





Eis. 



Orig.-Au/ti. Bertin, Altes Museum. 

Att. Votivrelief des 4. Jahrhunderts. (Zeus Meilichios in Schlangengestalt.) 



Der Schlangenstab, d. h. ein von einer Schlange umringelter 
Stab, erscheint als Wappen der Stadt Kos nachweislich nicht vor 
dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Als Kopf finden wir sie 
auf der Stele von Bujukdere'), auf der übrigens erstmals von einem 
Marinearzt überhaupt die Rede ist. 

Die Schlange allein bietet also ohne weiteres noch gar keinen 
Hinweis auf den Heilgott. Es war demnach eine Entgleisung, 
gewissermaßen als Motto für ein Buch über den Heilgott einen 



') Abbildung s. Haberling, Die römischen :\Iilitärärzte. Veröflentl. aus dem Gebiete 
des ]\Iilitärsanitäts\v. 19 lo. 



94 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Votivstein mit einer Riesenschlange zu setzen, welcher wahrschein- 
lich gar keine Beziehungen zum Asklepios hat^). An und für sich 
gibt dieser A'otivstein dem Archäologen Rätsel aut; wir sehen da 
auf einer großen Sandale einen bärtigen Mann in Adorantenstellung, 
darunter die große Schlange. Die Inschrift gibt nur 
den Namen des Spenders; der Fundort des Pilasters war 
in der Xähe des Temenos des Heilgottes in Athen. 
Wir werden noch sehen, daß man den verschiedenen 
Göttern und auch dem Heilgotte Füße weihte, d. h. 
nackte oder in Sandalen steckende. Hier aber ist 
auffälligerweise die Sandale allein in effigie geweiht. 
Prof. Tsountas hat nun gezeigt, daß man einem be- 
sonderen Heros in Athen seine Sandalen weihte; dann 
ist aber wiederum die Frage der Schlange ungelöst. 
Als Weihgabe wegen glücklicher Pilgerschaft eventuell 
zum Asklepiosheiligtume kommt die \'erbindung 
nicht in Frage. Vielleicht ist folgender Gesichtspunkt 
bei diesem singulären Votiv einer Beachtung wert. 
In Athen war die Epidaurosschlange heimisch. Das 
Loch, in welchem sie angeblich ihre Heim- und 
Brutstätte hatte, wird im Heiligtume noch gezeigt. 
Sie gehört zu den kleineren Spezies, die abgebildete 
I^H^H Schlange aber ist, dafür haben wir ja das Vergieichs- 
IE»^H maß daneben im geringelten Zustand, j'janal so lang 
wie der Schuh. Zu den zahlreichen H3'pothesen käme 
also noch die Möglichkeit hinzu, daß der Träger der 
Sandale durch ihre Hilfe, d. h. schnelle Flucht, einer 
Schlangengefahr entgangen ist, und daß er deshalb 
aus Dankbarkeit das Bildnis beider dem Retter weiht. 
Der Hermesstab hat seiner ganzen Entwicklung nach gar keine 
Beziehungen zu dem Schlangenstab des Asklepios. Zunächst war 
er in seiner älteren Darstellung eine Gerte mit oben umgebogenem 



Athen, Aat.-Miis. 

Fig. 38. 
Votivstein. 



') Aravantinos Asklepiaka bei W. Drugulin. Leipzig 1907. Amelung, Archiv f. Reli- 
gionswiss. VIII. 1905. 



DER HUND. 95 



Zwiesel, der deutschen Wünschelrute verwandt. Der geflügelte 
Schlangenstah entstand erst in späterer Zeit, und ist diese jüngere 
Form nach Prell er aus mehr dekorativen Rücksichten hervor- 
gegangen. Der Stab (Kerykeion, Caduceus) war Heroldszeichen 
und eine Zauberrute, mit der Hermes alles in Gold verwandeln 
konnte. Auf iViercur Caducifer ist eben nur einer der vielen Cha- 
raktere des Hermes übergegangen. 



DER HUND. 

Ein standiges Inventarstück der Heiligtümer des Gottes war 
der Hund. Die Begründung seiner Verehrung haben wir ja schon 
in den Sagen gefunden, die die Geburt des Gottes umgeben. Ein 
Hund fand den auf dem Berge Titthion ausgesetzten Knaben und 
es scheint, daß auch die nichtepidaurischen Tempel sich heilige 
Hunde hielten. 

Dieses Sinnbild der Wachsamkeit und Treue zu Füßen eines 
Helfers scheint nun zunächst einer besonderen Erklärung nicht zu 
bedürfen. Aber solch einfachen Weg geht der Mythus nicht. Wir 
wissen aus unseren Betrachtungen, daß die Göttlichkeit des Heilers 
zunächst keine menschlichen Charakterzüge autweist. Im äußersten 
Gegensatze zu dem Charakter des größeren Gottessohnes ragte der 
Kopf des Enkels des Zeus hinaus über alles Irdische, Menschliche. 
Zu eines solchen Olvmpiers Füßen kann der Hund nicht die Be- 
deutung einer menschenfreundlichen Gesinnung von Treue und 
Anhänglichkeit haben. 

Auf der Suche nach der Wesensart dieses Begleiters des Gottes 
erinnern wir uns zweier anderer Hunde, die in der griechischen 
Mvthologie eine größere Rolle spielten, des Ürthros, des Hundes 
des Gervoneus, und des den Hades bewachenden Kerberos. Nach 
der altmvthologischen \'orstellung, welche diese Hunde der Unter- 
welt sich vielköpfig denkt — bei Pin dar hatte Kerberos noch 
hundert, bei Hesiod noch fünfzig Köpfe — , liegt die Erklärung 
nahe, daß das entfernte vulkanische Erdbeben und das 



c)6 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



unterirdische Tosen dieser Tiere der Unterwelt als das 
Brüllen eines Hundes aufgefaßt wurde. Der Odem dieser 
Hunde war feuerspeiend. Bis in die spätere Zeit hinein wurden 
solche vulkanische Stellen und Grotten, wo aus der Erde flüchtige 
und flüssige Zeichen unterirdischer Feuerglut an den Tag treten, 
mit Hundenamen helegt. Ich erinnere nur an die bekannte Grotta 
del Cane bei Puteoli. Wer einmal den Boden der Soltatara be- 
treten, der heute noch dieselben Eigenschaften besitzt wie in der 
antiken Zeit, wo an allen Stellen sprudelnde heiße Sandquellen 
oder rauchende Gase zum Vorschein kommen, wenn nur der 
Boden etwas gelockert wird, der wird den A'ergleich eines unter 
der Erde hausenden Feuerhundes verstehen, um so mehr, wenn 
gerade unterirdisches Grollen zu hören ist. 

So ist auch der Hund des Asklepios kein gewöhnlicher Hirten- 
hund, sondern das Symbol der feurigen unterirdischen Kratt, die 
sich in heißer sprudelnder Quelle kundgibt. So waren es auch in 
erster Linie vulkanische Stellen, bei denen die ersten Kultstätten 
des Gottes errichtet waren. Über der Hauptkultstätte Epidauros 
erhob sich der Berg Kvnortion. Andere Hundeberge oder vulkanische 
Umgebung mit warmen Quellen zeigen sowohl die italischen als 
auch griechischen und kleinasiatischen Kultstätten. \'ergegenwärtigen 
wir uns nun noch, daß die Wortauslegung sowohl wie auch die 
Bedeutung des Gottes die einer Personifikation der Heilkratt der 
gesunden Natur bedeutet, daß ferner seine Feuergeburt, sein Blitz- 
tod und seine Beinamen in dieser physikalischen Richtung liegen, 
daß sein Grab in dem allerdings problematischen »Kynosura«, das 
Panofka nach Arkadien verlegt, gezeigt wurde, ziehen wir viel- 
leicht noch die orientalisch-semitische Auslegung hinzu, welche in 
dem Namen des Hundes (Kelep = IIund und Esch = Feuer, Eschkelep 
= Feuerhund) die Hieroglyphe für den (Jott selbst sieht, so ist 
der Ring genügend geschlossen, um in dem Hunde das Symbol 
seiner primären und bedeutendsten Heilpotenz der warmen Mineral- 
quelle zu finden. Dieser »Hundemarke« sollte irgendein modernes 
Heilwasser neue Popularität geben. 



DER HUND. 



97 



Bezeichnend ist auch die Sarapisstatue aus dem Serapeum unter- 
halb der Solfatara. Zur Seite des Gottes, der den Kahithos auf dem 




Xfafiei, Nat.-Museuiit. 

Fig- 39- Sarapis, antik. Marmor aus dem Serapeum von Puteoli. 

Kopfe trägt, steht der Kerberos mit der umwundenen Schhtnge 

(s. Fig. 39). 

Die zwei Hunde des Königs Yama, Urahns der Menschheit, be- 
wachen in den indischen \'eden den Pfad zum Paradiese, wo dieser 
Herrscher wohnt; auf einer spartanischen Statuette l^auert neben 

Holländer, PListik und Medizin. ' 



98 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



dem Untcrwcltsgott, hier »Zeus« benannt, ein Hundepaar, das dem 
indischen in jeder Hinsicht entspricht, so daß wir nicht fehlgehen, 
wenn wir die zugrunde hegende Ghiubensvorstellung als indo- 
germanisches Gemeingut ansprechen '). 

Es findet sich im Athenischen Nationalmuseum, aus der Pan- 
grotte des Parnes stammend, eine Relietplatte mit dem wunder- 




Orig.-Phoi , Athen, Nat.- Museum. 



Fig. 40. Acheloos? 

Reliefplatte aus der Parnesgrotte. 

schönen Kopte eines bärtigen Mannes, dessen Züge dem Ideale des 
melischen Heilgottes ähneln (Fig. 40). Quellnvmphen scheinen 
ihn zu umtanzen, doch hat dieser Gott ausgesprochene Tierohren. 
Archäologischerseits hat man diesen Kopf als den eines Fluß- oder 
Qiiellgottes (Acheloos) angesprochen. Die mythischen und mytho- 
logischen Beziehungen des Hundes zur warmen Quelle scheinen 



Vgl. Loeschcke, Aus der Unterwelt (Dorpater Programm). 



DIE ZIEGE. DER HAHN. 99 



mir nach dieser Untersuchung auch diese auffallende Kombination 
der Form innerlich zu motivieren'). 



DIE ZIEGE. 

Die Vorstellung, daß eine Ziege die x'Vmme des Kindes war, be- 
gründet die Heiligkeit dieses Tieres. Ausdrücklich verboten waren 
die Ziegenopfer, wenigstens in Epidauros. Von diesem allgemeinen 
Verbot des Ziegenopfers machten aber einige Stätten eine Aus- 
nahme; so erwähnt Pausanias, daß die Kyrenäer Ziegen opferten. 
Eine absurde Erklärung hierfür bringt Serv. ad Virg. Georg. 11, 380: 
Item capra immolatur Aesculapio, qui est deus salutis: cum capra 
nunquam sine febre sit. Kaum eine größere monumentale Dar- 
stellung des Gottes mit einer Ziege hat uns die Antike geschenkt, 
häufiger daseien sehen wir auf Münzen den Hirten Aresthanas, wie 
er den von der Ziege gesäugten Gott auftindet. (Siehe Abbildg. 
Panofka, Tafel I, i und 2 und Fig. 2.) 



DER HAHN. 

Es ist eine auffallende Tatsache, daß die beiden dem Gotte in 
erster Linie geheiligten Tiere, Hund und Ziege, die Renaissance- 
kunst und auch die Moderne, trotz ihres Hungers nach Allegorien 
und Emblemen, ganz vergessen zu haben scheint. Statt dessen ist 
ein anderes Tier zu dieser führenden Stelle gekommen, welche es 
im Altertum nicht in dem Maße besessen hat. Diese Popularität 
verdankt wohl der Hahn dem berühmten Worte, das em sterbender 
Großer als letzte Äußerung seines Ingenium von sich gegeben. Als 
das Schierlingsgift schon eine Erstarrung des sterbenden Sokrates 
herbeigeführt hatte, da enthüllte er sich noch einmal und sagte zu 
seinen Freunden (s. Piatons Phaedon): »O, Kriton, wir sind dem 
Asklepiüs einen Hahn schuldig, entrichtet ihm den und versäumt 

1) Der Flufwott Krimisos erscheint nachvveislicii in Hundegestalt (Virg. Aen. I. 55°); vgl. 
auch die Beziehung des Sternbildes Sirius (Canicula) mit der schwülen Sommerzeit (29. August 
bis 29. September). 



lOO 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 




Orig.-Aufn. 



Fig. 41. Terrakottahahn. 



es ja nicht.« Nun ist gerade das Asklepieion von Athen am Süd- 
abhange der Burg genauer studiert wie irgend ein anderes, und 
man hat die Inschriften vieler Inventare des HeiHgtums gefunden; 
an keiner Stelle wird weder unter den Opfertieren, noch unter 

den Weihgaben ein Hahn 
erwähnt, nur einzelne Terra- 
küttahähne fand man auch 
hier wie an vielen anderen 
Stellen (s. Fig. 41). Sieht 
man von einem Karneol, der 
eine Herme eines fraglichen 
Asklepios zwischen einem 
großen Hahn und einer 
Krähe zeigt, und dem Frag- 
ment eines 1876 in Athen 
gefundenen \'otivsteins mit 
einem Hahn auf dem Giebeldach ab, so bleibt nur die große Statue 
aus dem Heiligtume der Juthurna im Forum Romanum, über die 
wir noch eingehender sprechen müssen, die einen Hahn in Be- 
ziehung bringt zum Heilgott. In literarischer Hinsicht sichert aller- 
dings den Hahn als Optertier von Kos der vierte 
Mimiambus des Herondas \', 12 (s. S. 42 ff.). 
,-> Ferner wird berichtet (Allan, bist. anim. 10, 17), 

* ; daß im athenischen Asklepieion heilige Hähne 

\^. gehalten wurden; aber auffallend ist es, daß auf 

keinem einzigen Weihrelief ein Hahn als Opfer- 
tier vorkommt, in entiernter Beziehung hierzu 
steht noch die Abbildung eines großen Hahnes 
aut den Silhermünzen der durch heiße Quellen 
berühmten Stadt Himera auf Sizilien (s. Fig. 42). 

Über den Hahn als Optertier überhaupt ist noch die Stelle er- 
wähnenswert aus Pausanias II, 34, 2: »Worüber ich mich in Methana 
hauptsächlich gewundert habe, das will ich berichten. Wenn der 
Südwind über den Saronischen Busen her, über die ausschlagenden 



Fig. 42. Silbermünze 
der sizilischen Bäder- 
stadt Himera. 



DER HAHN. 



lOI 



Weinstöcke fällt, verdorren die jungen Triebe, ^^'eht nun dieser 
Wind, so zerreißen zwei Männer einen Hahn, der durchaus weiße Federn 
hat, laufen in entgegengesetzter Richtung um die Weingärten, ein 
jeder von beiden mit der Hälfte des Hahnes. Diese vergraben sie da, 
wenn sie wieder an dem Punkte zu- 
sammentreffen, von wo sie ausgegan- 
gen waren. Dieses Mittel haben sie 
segen den Südwestwind erfunden.« Im 
übrigen aber wissen wir noch, daß der 
Hahn gelegentlich dem Helios, dem 
Hermes, der Köre und den Heroen ge- 
opfert wurde. Dafür spricht auch eine 
Stelle Plutarchs aus seiner Schrift: 
»Warum Pvthia nicht mehr in \'ersen 
antwortet.« »So wie jener Künstler, 
der dem Apollo einen Hahn auf die 
Hand setzte, dadurch die Morgenzeit 
und den ersten x\ufgang der Sonne 
andeuten wollte«. Einer mündlichen 
Mitteilung zufolge forderte die Gra- 
bung durch Kastriotis im Heiligtum des 
Gottes in Trikka einen großen Hahn. 
Dies Tier war übrigens das Wappen 

der Stadt Phokaea, die Massalia (Marseille, gallischer Hahn) gründete. 
Immerhin verdient des Sokrates Ausspruch eine besondere 
Würdigung und dies um so mehr, wenn wir wissen, daß der Hahn 
nur gelegentlich das bescheidenste Opfertier für Asklepios war. 
Die Annahme erscheint mir ungezwungen und die einzige Folgerung 
des wahrhaft und wirklich unsterblichen Gespräches dieses Mannes 
über die sogenannte Unsterblichkeit der Seele, die uns Piaton in 
so grandioser Form überUefert hat, daß der Weise in dem Hahne 
das Emblem des neuen Lebens, die Verkündigung des jungen neuen 
Tages nach dem Dunkel der Todesnacht gesehen hat. Wenn dem- 
nach spätere Künstler dem Heilgott einen Hahn zugesellten, oder 




Fig. 43. Nach einer Zeichnung 
von D. Chodowiecki. 



I02 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

seine Art durch einen womöglicli nocl: krähenden Hahn versinn- 
bildhchen wollten, so begingen sie zwar eine geringere Geschmack- 
losigkeit, aber dieselbe tragikomische Taktlosigkeit wie diejenigen, 
welche die Personifikation der Heilkunde durch einen Totenschädel 
ausdrückten; oder wollten beide durch diesen Architektenscherz zum 
Ausdruck bringen, daß die Heilkunde nur den Weg in den Himmel 
oder zur Erde beschleunige? (s. Fig. 43). 

Die gewöhnlichen, dem Gott geopferten Tiere, urkundlich und 
kunstmvthologisch vielfach als solche bezeugt, waren Stier, Schwein, 
Widder und Schat, deren Terrakottabilder zu den gewöhnlichsten 
Funden gehören; man versprach ein Schwein zu opfern und 
schenkte es dann aus gebrannter Erde. 

Zu diesen Attributen des Gottes, deren statuarische ^'erwendung 
im Belieben des darstellenden Künstlers stand, kamen namentlich 
in der späteren Zeit noch Gegenstände wie Bücherrolle und 
Talel, die die ärztliche Wissenschaft bezeichnen sollen, mit der 
der Heilgott zunächst so gut wie gar nichts zu tun hat. Finden 
wir aber eine derartige Darstellung, bei welcher der Gott eine 
Schriftrolle in der Hand hat, so möchte ich auf keinen Fall dies 
als gewollten Ausdruck wissenschaftlicher Gelehrtheit anerkennen, 
denn der Heilgott war nicht gelehrt, sondern gottbegnadet. Hält 
er eine Rolle, so hat er sie soeben den Händen eines Hilfe suchenden 
Adoranten entnommen und entspricht nicht dem in das Studium 
vertieften Imhotep. 

Rückblickend fragen wir uns nun, was bleibt als köstlicher Besitz 
der Menschheit von jener Gottgestaltung griechischer Künstler; 
was aus einer Kunstepoche, deren Schönheitsideal noch heute die 
Welt beherrscht und erfüllt? Den statuarischen Habitus des mit 
seinem Schlangenstabe dahinschreitenden oder sich leicht auf- 
stützenden Gottes geben wir gerne preis. Er langweilt auf die 
Dauer durch das Einerlei der Auffassung und verliert allzuleicht 
seine Größe in schwächerer Ausführung; die in Einfachheit ge- 
borenen Attribute des Gottes besitzen nicht den Reiz geistreicher 
Komposition, und andere Völker schufen ähnliche gleichwertige 



DIE VOTIVRELIEFS. IO3 



mythologische Vorstellungen; nichts bleibt als des Gottes Antlitz, 
und das ist übergenug. Das männlich schöne Haupt, in dessen 
Zügen alle liigenschaften sich widerspiegeln, die von Anbeginn 
jeweilig das Mienenspiel eines Götterarztes prägten; je nachdem 
Mito-efühl und milde Schwermut erkenntnisvoll die schönen Augen 
des Arztsehers umflorten, Freude oder Frohsinn über hoffentlichen 
Erfolg und günstige Wendung sein Herz erfüllten. Und blickt 
nur hinein in die Züge des melischen Gottes, auch das souveräne 
Lächeln zuckt um den halbgeöffneten Mund, nnlde, schonende 
Ironie des überlegenen Philosophen über die Schwäche des Men- 
schengeschlechtes. Alles das findet man in dieses Mannes Antlitz, 
ein seltenes Gemisch sich in stetem Wechselspiel begegnender 
Empfindungen; solche drängen gerade im ärztlichen Beruf sich der- 
artig zusammen, daß ein Widerschein dieser Kontraste im Faule 
der Jahre der meisten wirklichen Ärzte Blick und Ausdruck ver- 
edelt, vergöttlicht. Und wem ein Wiederscheinen solcher Heilands- 
gefühle auf starrer Maske versagt ist, der war nie ein Großer unter 
den Ärzten; unter den Gelehrten vielleicht ein Heros, unter Heilern 
und Ärzten aber kein Gesegneter. 

DIE VOTIVRELIEFS UND ANDERE ÄNAGLYPHE 
DARSTELLUNGEN DER ASKLEPIEIEN. 

Unsere Erhebungen und Feststellungen bei den statuarischen 
Asklepiosbildern übertragen sich meist ungezwungen auf die Flächen- 
plastiken. Sind jene monumentale Begriffsverwirklichungen der 
göttlichen Person, so bringen diese das Abbild seiner Tätigkeit 
und seiner Verehrung. Am vollendetsten sind die künstlerischen 
Leistuno-en bei denen dieser Kontrast scharf zum Ausdruck kommt; 
wir werden in der Mehrzahl Bildwerke kennen lernen, bei denen 
inmitten einer religiösen Zeremonie nicht ein werktätiger beweg- 
licher Gott, sondern der Denkmalsgott in seiner marmornen Pose 
steht. Der Künstler, oft nur ein Handwerker und kopierender Stein- 
metz, variierte aber die vorgeschriebene Note ein wenig; er war nur 



104 °^^ HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

an bestimmte Überlieferungen gehalten. Wenn so eigentlich nur 
Paraphrasen desselben Themas vorkommen, so ist doch in manchen 
Punkten die Deutung dieser Darstellungen schwierig und nur un- 
befriedigend. Die traurige Tatsache, daß last keines der athenischen 
Votivreliefs intakt blieb, ist ja vom künstlerischen Standpunkt be- 
dauernswert ; aber die Fülle der \'arianten läßt doch meist das 
Bild der gewollten Darstellung restlos erkennen. Stais, Köhler, 
V. Duhn, Schöne, Ziehen, Svoronos und andere haben sich 
Verdienste erworben um die Autlösung der archäologischen Rätsel, 
die diese Steinvierecke nach Zeit und Inhalt aufgeben. Es lassen 
sich aus den nach vielen Hunderten zählenden \'otivdenkmälern 
im wesentlichen drei Gruppen herausschälen mit gleichlautendem 
Inhalt und gleichem Zweck; die Unterschiede ergeben nur die zeit- 
lichen und künstlerischen Werte. Unsere besondere Aufgabe ge- 
staltet sich wesentlich einfacher; der mediko-historische Standpunkt 
vereint und sammelt mehr, als er trennt. Die erste und Haupt- 
gruppe vereinigt alle reinen Wnivsteine, d. h. Bitt- und Dank- 
zeremonien \- o r dem Gott u n d seiner F a m i 1 i e. Die 
zweite kleine Gruppe umfaßt den sogenannten Krankenbesuch, 
dessen archäologische Bezeichnung ebensowenig befriedigt wie die 
der dritten Gruppe, des sogenannten Totenmahls. 



VOTIVSTEINE MIT DER DARSTELLUNG DER OPFERSZENE. 

Von allen \'otivsteinen überhaupt ist diese bildliche Darstellung 
des Opfers die gewöhnlichste. Neben den Grab- und Urkunden- 
reliefs spielen diese Anatheme eine bevorzugte Rolle. Die Antiquarien 
zeigen uns viele Beispiele von Weihreliefs an die verschiedenen Götter 
und Göttinnen. Der gemeinschaftliche Inhalt aller dieser Weih- 
geschenke ist der, daß dem verehrten Gotte gegenüber die Familie 
des Stifters dargestellt wird. Die Ehrfurcht vor den Göttern ver- 
langte dabei, daß die Donatoren in auffallender Kleinheit gebildet 
wurden: Im Gegensatz zu den Kunstwerken der Renaissance, aut 
denen sich die Stifter von Kirchenhildern in ganzer Größe im 



DIE VOTIVRELIEFS. 



105 







/^"^ 



:^ 




j06 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Vordergrund knieend breit machen. Es macht gelegenthch dabei 
Schwierigkeiten, festzustellen, welchem Gott die Steine gelten sollen. 
Uns hilft nicht nur der charakteristische Habitus unseres Gottes, son- 
dern auch der bezeichnende Fundort aus irgendeinem Asklepieion. 
Oftmals aber sind wir völlig im unklaren über die göttlichen Begleit- 
personen des Asklepios. Namentlich die meist ganz nackt dargestellten 
erwachsenen Söhne lassen jede individuelle Persönlichkeit vermissen. 
Wir werden dagegen später erkennen, daß die weiblichen Personen, 
die des Heilgottes Thron umgeben, leichter auseinanderzuhalten sind. 

Als schönes Beispiel dieser Gruppe wählen wir zunächst das als 
Ganzes ziemlich erhaltene, uns auch im Gipsabguß vorliegende 
Relief aus Patras (s. Fig. 44). 

Wir sehen hier in einen von einfachen Säulen umgebenen 
Tempel hinein. Seitenpfeiler, Epistyl mit Architrav und Dach- 
bekrönung umgeben die Szene, in deren Mitte die \'orderkante 
eines einfach gehaltenen Altars hineinragt. Aut der einen Seite 
stehen die Gottheiten, auf der anderen Seite die Adoranten. In der 
äußersten Ecke in typischer Stellung mit linkem Standbein, die 
Rückenfläche der linken Hand in die Seite gestemmt, posiert der 
Denkmalsgott in seiner ruhenden und doch bewegten Haltung. 
Weitaus der Größte, berührt er mit dem Haupt des Tempels Decke; 
als wenn ihn die ganze Szene nichts anginge, steht er da, sein 
Antlitz von den kleinen Menschlein abwendend. Dasselbe gilt von 
seinen drei Begleitern, die dadurch mehr als statuarische Werke, als 
personifizierte Götter gedacht sind. Ihm zunächst steht eine Göttin 
im Unter- und Oberkleid, das Gesicht, soweit dies die Zerstörung 
erkennen läßt, zum Teil verschleiert; nicht der Anblick einer 
blühenden Jungfrau, in welcher Form Hygieia meistens verkörpert 
wird, sondern eher als würdige x\4atrone. Es ist Epione, seine 
Gattin. Die beiden nackten Jünglinge, die dem Altar genähert sind, 
müssen demgemäß die Söhne Machaon und Podaleirios sein. In 
der Zusammensetzung der den Heilgott umgebenden Gestalten 
herrscht, wie wir sehen werden, eine größere Abwechslung, je nach 
lokaler Sitte, wie in der gegenüberstehenden Adorantengruppe. A'on 



DIE VOTIVRELIEFS. 



107 



den aut diesem Steinbilde sichtbaren sieben Personen legt der Fa- 
milienvater gerade einen Gegenstand auf den Altar. Gelegentlich 
sieht man auch, daß ein Adorant nur eine Ecke dieses als Ausdruck 
eines Gelübdes berührt'). Zu seinen Füßen drängt sich das Opfer- 
schwein vor, dessen führender Sklave auf dem Relief (Fig. 44) 




.^:1^| '-'-- *^ 



Fhot. Aliiiari. 



Fig. 45. Adorantengruppe aus dem Athener Asklepieion. 



nicht sichtbar ist. Es folgt die Ehegattin mit erhobener Hand und 
die Kinder. Zuletzt die Dienerin, die aut dem Kopfe einen großen 
Kasten trägt. Diese runde, oft mit einem Tuche bedeckte Kiste, 
kehrt sehr häufig als Abschluß der \\)tivsteine wieder. In ihr 



') Otto Weinreich, Antike Heilungswunder. Rehgionsgeschichtl, Vers. VIII. Gießen 
1910, Seite 63. 



io8 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



befanden sich allerlei Opfergegenstände; meist werden es leichte 
Dinge, wie Backwaren, Opferkuchen, Früchte, gewesen sein, die 
dieser Kasten barg. Daß aber auch gelegentlich schwerere A\^eih- 




gaben den Kasten füllten , das geht aus dem Bruchstück hervor, 
welches eine schön erhaltene Gruppe (Athenisches Xationalmuseum 
1429) verewigt (big. 43). Bemerkenswert ist es, daß hier ein 
Mann die Kiste trägt, und daß er zum Schutze ein Tragkissen 



DIE VOTIVRELIEFS. 



109 



untergelegt hat. Auch hier legt der Führer der Gesellschaft einen 
Gegenstand aut den Altar. Es scheint dabei sehr fraglich, ob es 
sich hier um ein Familienopfer gehandelt hat, denn es ist auffallend, 
daß die hinter dem Familienvater stehende Frau größer ist als 
dieser, und daß die drei tolgenden Ehepaare einen Stier als außer- 
ordentliche Optergabe bringen. Das störrische Tier selbst wird 
von einem Sklaven dadurch dem Altare genähert, daß er es an den 
Nasenlöchern testhält. Leider ging die Gruppe der Gottheiten ver- 
loren. Ein Teil dieser erhielt sich auf dem folgenden \'otivstein, 
der aus dem athenischen Asklepieion stammt und wahrscheinlich 
noch eine Arbeit des 3. Jahrhunderts ist (s. Fig. 46). 

Die Gruppe der Adoranten zeigt hier eine besonders geschlossene 
Anordnung dadurch, daß die Männer sich gegenseitig die Hände 
auf den Rücken legen. 

\\:)n den vielen Wiederholungen desselben Gegenstandes aus 
dem Athenischen Nationalmuseum bringen wir noch die Abbildung 
des schönen Reliefs aus dem Beginn des 4. Jahrhunderts. Hier 
steht in etwas freierer Bildung der Gott vor dem Altar, auf welchem 
eben noch die Opfergabe sichtbar wird (s. Fig. 47). 

Die Haltung des übrigens barfüßig dastehenden Asklepios läßt 
hier noch ein geneigtes Entgegenkommen tür die Adoranten er- 
kennen. Dahinter stehen, oftenbar in Anlehnung an die Vorbilder 
der attischen Jungfrauen vom Parthenont'ries gearbeitet, zwei seiner 
Töchter, vielleicht Jaso und Panakeia, wenn man auch bei der letz- 
teren wegen ihrer autgelösten herab wallen den Haare, vielleicht an die 
Köre denken kann. In ähnlicher Stellung zeigt sich der Gott auf 
dem ältesten Relief, welches im atlienischen Asklepieion gefunden 
wurde (s. Fig. 48). In seiner flachen Austührung und durch fehlende 
Umrahmung erinnert diese Arbeit noch an archaische \'erhältnisse. 
Hier nähert sich der Bitttiehende mit erhobener Hand dem Gotte 
selbst; der trennende Altar existiert noch nicht auf dem Anaglyph. 

Bisher sahen wir auf diesen Anathemen den Gott in seiner 
typischen Denkmalstellung stehend oder dahinschreitend. Noch be- 
liebter und vom künstlerischen Standpunkte aus ein willkommener 



HO 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Vorwurf war eine Wiederholung oder wenigstens docli eine An- 
lelinung an den thronenden epidaurischen Gott. Bei dieser 
sitzenden Stellung gruppieren sich seine mitverehrten Familien- 
mitglieder besser zu einer plastischen Einheit. Der Kontrast zwischen 



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/^Aat. Aiinari, Athen ^ Nat.-Muscum. 

Fig. 47. Weihrelicf an Asklepios. 



der Größe der Göttergruppe und der Kleinheit der sich nahenden 
Adoranten, welcher auf den bisher beschriebenen Reliefs unheilvoll 
eine Teilung des Steines herbeifiihrte, laßt sich hier in einer schö- 



neren Linie zum Ausdruck bringen. 



DIE VOTIVRELIEFS. III 



Die Haltung des sitzenden Gottes ist eine wechselnde; der 
Künstler nahm sich dabei allerlei Freiheiten heraus. So hält einmal 
der Gott einen Stab in der Iland, ein andermal sitzt er da in der 
Thrasymedes'schen Pose oder auch mit der schönen Geste, die das 
Relief aus Epidauros zeigt. Unter seinem Sitz ringelt sich meist 
die heilige Schlange. Der Sitz ist oft ein Thron mit Lehne, manch- 
mal auch nur ein Sessel. Über diesen beugt sich mit Vorliebe seine 
jugendlich schöne Tochter, die Hygieia, oder sie lehnt sich auch 
an ihn selbst an. Ein anderes Mal wieder stiitzt sie sich an 
einen Baumstamm, der dann die Mitte des Ganzen einnimmt. \'or 
dem Gc)tt steht der Altar, dem Adoranten mit den üblichen Opter- 
tieren, Schwein, Rind oder Schal, sich nähern. Als Beispiel dieser 
in mehr oder weniger verstümmelten Exemplaren zahlreich vorhan- 
denen Weihreliefs mögen die Trümmer eines 1876 in Athen ge- 
fundenen Stückes aus pentelischem Marmor gelten (s. Fig. 49). 

Auf ihm sieht man einen jungen Hierodulen, wie er vor einem 
Adoranten ein Opferschwein einem eben noch angedeuteten Altar 
zuführt. Hvgieia lehnt sich, zur Seite des \'aters stehend, mit dem 
rechten Arme an, der Gott sitzt recht bequem auf einem Thron- 
sessel. Die etwas klobig geratene Hygieia trägt einen gegürteten 
Chiton mit Achselbändern. 

Aus der Zahl dieser nach bestimmten Schemen gearbeiteten 
Votivsteine fallen natürlich manche heraus mit Besonderheiten. 
So das Weihrelief sorgfältiger Arbeit aus der ersten, nach tran- 
zösischer Meinung zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, welches 
Gegenstand mehrfacher archäologischer Untersuchungen geworden 
ist (Köhler, Paul Girard, Svoronos) (Fig. 50). Auf diesem 
Relief mit Tempeleinfassung finden wir den Gott in der Mitte 
stehend, auf seinen (verloren gegangenen) Schlangenstab gestützt; 
hinter ihm eine sitzende und eine stehende weibliche Figur. Die 
sitzende ist Demeter (Ceres), die dahinter stehende Kore-Tersephone 
mit ihrer brennenden Doppelfackel und den wallenden Mädchen- 
haaren. In dieser Weise hnden wir die eleusinischen Gottheiten 
häufig dargestellt. Trotz der Fraktur in der Mitte ist der Stein gut 



112 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



erhalten. Die sechs sich nähernden Männer, die eine geschlossene 
Gruppe bilden, bringen keine Opfergaben, sondern erscheinen in 
devoter oder versprechender Stellung vor dem göttlichen Dreigestirn. 
Fernerhin ist auffallend, daß die breite Basis von fünf Lorbeerkränzen 




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Orig.-Aitfn. AHtett, Xat -Miiseiun. 



Fig. 48. Votivreliet an Asklepios. 



eingenommen wird, in deren Innern Xamen aus der Zeit ein- 
gegraben sind. Köhler und Girard haben nun die Ansicht aus- 
gesprochen, daß dieser Denkstein von den öffentlich bekränzten \'er- 
anstaltern eines besonders gelungenen Festes der »Epidauria« her- 
stamme. Hierzu sei bemerkt, daß von den drei Asklepiosfesten in 
Athen das im August-September zu des Gottes Ehren gefeierte 



DIE VOTIVRELIEFS. 



I I 



das bedeutendste war. Eine alte Überlieferung meldet, daß der 
Gott von Epidauros, als gerade die Athener in Eleusis die Myste- 
rien der Demeter und der Köre feierten, abends zur Teilnahme am 




J'fiot. ^iiinari. 



Fig. 49. Weihrelief an Asklepios und Hygieia. 

Aus dem Athen. Heiligtum. 

Feste erschienen sei, und daß erst seit jener Zeit die Athener den 
Asklepiosdienst bei sich eingeführt hätten. 

Svoronos dagegen ist der Ansicht, daß hier eine Gruppe be- 
rühmter, historisch sogar namentlich bekannter athenischer Ärzte 
aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts den attischen Heil- 

Holländer, Plastik und Medizin. " 



114 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



göttern zum Gebete nahen. Aus einem uns unbekannt gebliebenen 
besonderen Grunde wurden diese öffentlichen Stadtärzte von Athen, 




deren Namen angeiührt werden, mit Kränzen beschenkt. Dieser 
gewissermaßen öffentliche Asklepioskult wird uns sogar durch eine 



DIE VOTIVRELIEFS. I I j 



am Südabhang der Burg gefundene Inschrift näher gebracht. Es 
war nach ihr in Athen eine hergebrachte Sitte der Ärzte, »dem 
Asklepios und der Hygieia zweimal im Jahre zu opfern tür sich 
selbst und die von ihnen geheilten Patienten«. 

Wenn nun aus diesem Grunde eine Darstellung von Ärzten, 
deren Namen uns überkommen ist, in mediko-historischer Beziehung 
für uns von doppeltem Interesse wäre, so scheint es mir als 
zweifelloses Ergebnis dieser archäologischen Untersuchung, daß dem 
Heilgotte neben privaten Weihegaben dankbarer Bürger auch öffent- 
liche Gaben von Behörden und Genossenschaften und eventuell 
von Ärztekollegien gespendet wurden. 

Einzig ist die Anordnung einer Reliefplatte in Verbindung mit 
einem Tempel (s. Fig. ^i), die den Athener Museumssaal schmückt, 
nachdem man das antike Kunstwerk restauriert hat. Im Hinter- 
grunde steht der Heilgott auf der Abbildung durch die ergänzte 
Säule verdeckt. Man sieht die Schlange, die, am Stabe sich aul- 
rincrelnd dem Gotte die Hand leckt. Neben ihm steht seine Tochter, 
mit der Linken ihr Gewand an der Schulter ordnend, die Rechte aut 
den Vater gestützt. Vor beiden sitzt auf einem Sessel eine Frau, 
die dadurch charakterisiert wird, daß unter ihrem Sitz der ihr heilige 
Vogel, die Gans, sich erhalten hat; es ist Epione, die Gattin. 
Ihnen nahen sich vier Paar Eheleute mit ihren Kindern; als Ab- 
schluß wieder die Dienerin mit der Opferkiste. Bemerkt sei 
noch, daß die freistehende hintere und Seitenfläche bemalt und 
bearbeitet ist. Das Relief läuft hier in eine Herme des bärtigen 
Dionys mit dem Phallus aus; die Seitenfläche zeigt die eleusini- 
schen Göttinnen Demeter und Köre. (Arbeit des 4. Jahrhunderts.) 
Wir sahen, wie sich des Heilgottes Persönlichkeit allmählich, 
namentlich künstlerisch gesprochen, als die verkleinerte Ausgabe 
von Allvater Zeus herausstellte; wir werden ferner aber auch sehen, 
daß in den nachchristlichen Jahrhunderten, als die olympischen Be- 
wohner in ihrer Existenz bedroht wurden, durch eine neue Gi- 
gantomachie des Geistes, Asklepios Soter den Anlauf nahm, auf 
seine Person alles, was von hellenischem Götterghuiben den Menschen 



ii6 



DIE HEILGOTTER DES ALTER TUMS 




DIE VOTIVRELIEFS. 



II' 



<:^. 



gebliehen war, zu vereinigen. Diese Entwicklungskurve hat in 
ihrer Höhe und in ihren Niederungen künstlerische Reminiszenzen 
hinterlassen. Eine offenbare Verschmelzung des Kultus von Zeus 
und Asklepios linden wir schon früh in dem Zeus Meilichios, welcher 
dara:estellt wird unter dem Bilde einer riesengroßen Schlange. 
Das Berliner Museum besitzt ^ 

allein drei derartige Votiv- -■< 
reliets an diesen Gott. Aul 
dem einen, welches gleich- 
zeitig mit dem von uns ab- 
gebildeten am Haien Zea ge- 
funden wurde, sehen wir eine 
Riesenschlange in vielfachen 
Windungen aut felsigem Bo- 
den sich fortbewegend. Auf 
dem oberen Rande steht die 
\\'idmung: »Dil meilichio«. 
Unsere Abbildung zeigt ein 
zweites Relief von flüchtiger 
Arbeit aus dem 4. Jahr- 
hundert. Der sich hoch auf- 
bäumenden Schlange nahen 
sich in anbetender Stellung 
eine verschleierte Frau und 
zwei Männer (s. Fig. 32). 
Das dritte Relief, welches aus 
Böotien stammt (s. Fig. 37), 
wird in der Beschreibung 
der antiken Skulpturen als \'otivrelief für Asklepios aufgefaßt; auf 
ihm sehen wir eine Schlange, welche aus ihrem Felsennest heraus sich 
dem nahenden Mann entgegenstreckt, um, wie es scheint, von ihm 
eine Opfergabe, vielleicht einen Honigkuchen, zu erhalten. Auch 
hier handelt es sich wohl um ein Opfer an Zeus Meilichi(.)s. 
^^'ahrscheinlich rührt der Beiname her von dem besänftigenden 




Orig.-Au/n. Berlin, Museitn 

Fig. 52. Votivstein an Zeus Meilichios, 



ii8 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



Honigopfer, welches Göttern gespendet wurde, um sie zu ver- 
söhnen. Außer Zeus und Dionysos opferte man den Erdmächten, 
also auch den Schlangen, Honig. Es ist uns bekannt, daß diesem 
Zeus Meilichios eine Reihe von Kultstätten geweiht waren, unter 
anderen auch in Piräus. Von hier stammt nun das schöne Votiv- 




Orig.-Ati/n. Athen, Nat.- Museum Xr. I^oy. 

Fig. 53. Votivrelief an Zeus ]\Ieilichios aus dem Piräus. 



relief aus dem Athenischen Xationalmuseum (Fig. -^^^'). Melleicht 
wegen dieser Herkunft, vielleicht auch wegen der Riesenschlange, 
ist es als Opferstein an Zeus Meilichios bezeichnet; der Gott aber, 
der das Opfer eines Widders gnädig entgegennimmt, steht da auf 
dem linken Standbein, rechts auf den Stab gestützt, genau in der 
typischen attischen Pose. Wir werden also besser tun, auch dieses 
Relief als ein Opfer an unseren Heilheros aufzufassen. 



DIE VOTIVRELIEFS. I 1 9 



DER SOGENANNTE KRANKENBESUCH DES ASKLEPIOS. 

In der Flächcnlamst der Asklcpieicn') befindet sich eine Anzalil 
allerdings leider nur als Bruchstücke erhaltener Rclietplatten, aut 
denen Asklepios abweichend, d. h. passiv handelnd, heilend, oder 
doch eine Behandlung durch einen Heilgehilfen (Zakoren) patroni- 
sierend dargestellt wird. Es ist zu erwarten und zu hoflen , daß 
weitere Grabungen, wie sie in neuester Zeit wieder beschlossen sind, 
uns auch über diese Form vollkommeneres Material bringen werden. 
So kann ich nur auf die interessante Arbeit von Julius Ziehen") 
und auf die letzten Publikationen von Svoronos (Athen. National- 
museum) verweisen. Es steht Asklepios in typischer Stellung neben 
einer Kline. Der Kopf des Kranken wird sichtbar, ein kleinerer 
bärtiger Mann mit nacktem Oberkörper betastet mit beiden Händen 
den Kopf (Svoronos vermutet eine Trepanation) (Fig. 36). 
Bruchstücke ähnlicher Art werden mehrere beschrieben und ab- 
gebildet. Die Kleinheit dieses Mannes gegenüber dem Gotte schließt 
eine Deutung auf einen der Asklepiossöhne aus. Wir sehen nur 
das Hantieren eines seiner sterblichen Heilgehilfen. Interessanter 
ist das allerdings stark an der Oberfläche abgestoßene Relief, das 
im Hofe eines Privathauses in Piräus eingemauert ist. Der bartuße 
Heilgott ist an das häusliche Lager eines Kranken getreten. Auf 
zv/ei Kissen ruht der Patient, scheinbar auf der linken Körperseite. 
Um ihn sind zwei Personen, mit Wahrscheinlichkeit Frauen, be- 
schäftigt. Am Boden steht eine Schüssel. Diese Krankenpflege geht 
offenbar unter der günstigen Protektion des die Mitte des Steines 
ausfüllenden Gottes vor sicli; auf der linken Seite stehen zum Gotte 
Hebende Verwandte oder Freunde, im Vordergrunde drängt sich 
wieder das zu opfernde Schwein, von einem Knaben geführt, vor. 
Wieso haben sich nun unter der großen Anzahl von diesen 
Votivreliefs nur ausnahmsweise einige weniger beschädigte vor- 
gefunden? Schon die Tatsache, daß fast immer dasjenige Stück, 



') F. V. Duhn, Archäologische Zeitung 1878. 

^1 Julius Ziehen, Athenische Abteilung der Mitteilungen des Kaiserlich Deutschen 
Archäologischen Institutes 1892, S. 229 ff. 



I20 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



dem wir das größte Interesse entgegenbringen, der Kopf des As- 
klepios, abgeschlagen ist, und daß auch die Häupter der Adoranten 







Orig.-Aufn. Athen, Xat-. Museum. 

Fig. 54. Bruchstück einer Votivplatte an Aslclepios. 

und der Göttinnen nicht verschont gebheben sind, spricht für eine 
zielbewußte Demolierung. In der Tat finden sich an den Votiv- 
reliets Beweisstücke dafür, daß der Kampf des Christentums gegen 



DIE VOTIVRELIEFS. 



121 



hellenische Götter zu diesen nach heutigem Sinne barbarischen 
Maßregeln greiten ließ. Durch Überstreichen mit roten Kreuzen 
sinci nämlich mehrfach solch heidnische Reliefs unschädlich gemacht. 
Dann drehte man sie um und benutzte sie nach alter beliebter 
Sitte als Bausteine für christliche Kirchen. Auf diese Weise hat 




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U'u'i, Xa! Museum, 



F'o- 55- Votivrelief. Asklepius Krankenbesuch. 



der \'andalismus Kulturdenkmäler einer Kunstepoche vernichtet, mit 
deren Erlös man heutzutage alle Missionen der christlichen Welt 
unterhalten könnte. Dies ist auch der Grund, daß der Ausgrabungs- 
ort topographisch nicht als Beweismaterial verwertbar ist. Wo sie 
aber im Altertum aufgestellt waren, das zeigen noch die Bettungen 
an den antiken Mauerresten. 

Unsere Aufnahmen der Bruchstücke aus dem Heilbezirke am 



122 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Südabhang der Athenischen Burg sind trotz ihrer Unvollständig- 
keit von Interesse; dokumentieren sie doch den Gegensatz zu den 
viel häufigeren reinen Opferszenen. 




Orig.-Aujn. Athen, Sat.-Musctim. 

l''&- 56- Bruchstück einer Reliefplatte mit Operationsdarstellung aus dem Athen. Asklepieion. 



Die Abbildung (s. Fig. 34) zeigt uns nur eine Hand mit einem 
Gefäß, welches von einer weiblichen Person empfangen wird. 
Diese Hand ist die rechte des Asklepios, der durch den Schlangen- 



DIE VOTIVRELIEFS. 



123 



st;ib charakterisiert wird. Die weibliche Person ist durch ihre 
Kleinheit als bittflehende Klientin gekennzeichnet, die vom Gott 
einen Heiltrank oder ähnliches erhält. 

Fig. )') ist leider wesentlich zerstört; wir erkennen nur den zu 
einem Kranken getührten Gott; der Patient liegt auf einem Lager 
halb aufgerichtet; vor ihm sitzt die Gattin. 

Das letzte der Bruchstücke, welches wir im Bilde bringen 
(Fig. )6) und bereits erwähnten, zeigt den nächsten Akt. Der 
Zakore, der auf dem vorigen Relief den Gott geführt, scheint hier 
bei der Arbeit. Der Patient liegt seitwärts; der Heilgehilfe bear- 
beitet ihn mit einem mit der rechten Hand geführten Instrumente 
am Schädel. Der Denkmalsgott steht daneben; unwillkürlich denkt 
man an die gefährlichen Operationen der alten Schnitt- und 
Wundärzte, die manche Operationen ausdrücklich nur »mit Gottes 
Hilfe« ausführten. 



DAS TOTENMAHL. 

Wir halten uns verpflichtet, wenigstens an dieser Stelle einen 
Hinweis zu geben auf die von dem Franzosen Banquett genannten 
Darstellungen, deren Zugehörigkeit zum Kreis des Asklepioskultus 
jedoch fraglicher Natur ist. Das Gemeinsame dieser sogenannten 
Totenmahle stellt die Speisung eines meist auf einem Bette in 
nachlässiger Haltung liegenden Mannes dar, der sich durch seine 
Größe von den die Lagerstätte umgebenden Personen unterscheidet. 
Neben dem Manne befindet sich meist noch in gleicher Größe 
gearbeitet eine Frau oder auch ein Mann, die in eine engere Ver- 
bindung mit ihm gebracht werden. Die Nebenpersonen nehmen 
eine ehrfurchtsvolle adorierende Haltung ein. Der auf der Kline 
liegende Mann ist oft so dargestellt, daß er seine Trinkschale aus- 
streckt, um eine Weinspende zu erhalten. Ein nackter Diener mit 
einer Schöpfkanne ist meistens in der Nähe. Vor dem Bett steht 
ein Tisch mit mannigfaltigen Speisen, der auf den späteren Exem- 
plaren dieser Darstellung kaum fehlt. Gelegentlich nun tühren die 



124 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Anbetenden auch ein Opferschwein mit, und ein Ahar wird auf 
dem Rehef sichtbar. Kommt nun noch, wie auf dem Grabrelief 
(Friederichs-Wolters Nr. 1038) das Schlangensymbol hinzu, oder 
daß zu Füßen des meist bärtigen Mannes ein Hund kauert, oder 
daß (1039) die letzte der herantretenden Personen eine Kiste auf 
dem Kopf trägt, so wird die Ähnlichkeit eines Votivreliefs für 
Asklepios eine sich autdrängende. Auf der Mehrzahl dieser Toten- 
mahlreliefs wird noch ein Pterd sichtbar, entweder nur dessen Kopt, 
der oftmals ziemlich unmotiviert angebracht aus einem Rahmen her- 
ausschaut, oder auch ein ganzes Roß, welches vom Diener des \'er- 
storbenen herbeigeführt wird. Die deutsche Ansicht folgt der Er- 
klärung von M. Holländer'), welcher alle diese Reliefs für Totensteine 
hält; auf ihnen sei der heroisierte Tote dargestellt, dem seine Familie 
das traditionelle Mahl offeriert. Als Unterlage für diese Auffassung 
diente in erster Linie die Schlange, die Wächterin des Grabes, und 
das Pferd, welches in der alten Kunst das Symbol des Heros war. 
Es ist schwer für uns, sich in die antike Vorstellung hinein- 
zuleben, welche die Toten betrachtete, als wenn sie auch nach dem 
Tode die Tätigkeit des Lebens fortsetzten. \'on diesem Gesichts- 
punkte aus konnte die Antike Grabmäler Schäften, aut denen der 
Gestorbene die überlebende Gattin tröstet oder ihr die Hand reicht, 
oder sein kleines Kind herzt. So konnte die Idee populär werden, 
daß der Tote, vielleicht an seinem Geburtstage, am reichgedeckten 
Mahle Freude und Genuß findet. Gegen diese Ansicht, daß es sich 
um Totenmahle handelt, deren Erklärung sicherlich tür uns in 
vielen Punkten unklar ist und bleibt, wenden sich die Franzosen 
und namentlich Girard und macht folgende allerdings sehr schwere 
Bedenken geltend, denen wir die größte Bedeutung zuerkennen 
müssen. Als gewichtigsten Einwand müssen wir den anerkennen, 
daß diese angeblichen Totensteine innerhalb des Bezirkes des athe- 
nischen Asklepieion gefunden wurden, wo uns doch mit Bestimmt- 
heit überliefert ist, daß der heilige Bezirk durch Gräber verunreinigt 



') M. Holländer, De anaglyphis seimlcralibus , ([uae coenam repraesentare dicuntur. 
Berlin 1865. 



TELESPHORUS. I25 



würde, und solche deshalb streng verboten waren. Es kommt 
hinzu, daß fast stets die Inschriften auf diesen Reliefs fehlten, nicht 
einmal irgend ein Hinweis auf die Person des Heroisierten zu 
erkennen ist, und das ist zum mindesten seltsam für ein Grab- 
monument. Die Unterschrift unter dem attischen Reliet im Briti- 
schen Museum (Fr. W. 1054), welches ein typisches Totenmahl 
darstellt, »Aeskulapio Tarentino« ist eine spätere Fälschung. Ein 
weiterer Punkt, der gegen die Auffassung eines Grahmonumentes 
spricht, ist die Kleinheit derartiger behauener Steine im Verhähnis 
zu den uns als Grabmäler gesicherten. 

Dem gegenüber halten die Wage Argumente, die Ulrich 
Köhler') für die Anschauung, daß es doch Monumente des Toten- 
kultus seien, abgibt. Er weist darauf hin, daß im Asklepieion auch 
Totenfeierlichkeiten stattgefunden hätten zu Ehren von Asklepios- 
priestern, die Heroa, und daß dadurch der Totenmahlbefund er- 
klärbar wäre. Daß keine Inschrift die Steine schmückte, vergleicht 
er mit der Tatsache, daß auch Priester wie die \'erstorbenen nach 
Übernahme ihres Amtes den bürgerlichen Namen verlören und unter 
den allgemeinen Heroanamen fielen. 

TELESPHORUS. 

Wir haben schon mehrfach auf den Weihreliefs die erwachsenen 
Söhne des Heilgottes gesehen. Es ist uns dabei aufgefallen, daß 
sie ohne jegliches Attribut meist als nackte schöne Epheben ge- 
zeichnet wurden, durch ihre Göttlichkeit gleichgroß dem Vater. 
Ihnen dbt man die Namen Machaon und Podaleirios. Von 
zwei anderen Söhnen des Asklepios soll in folgendem die Rede 
sein, von denen der eine, miß- und unverstanden schon in der 
antiken Zeit, bisher geringe Beachtung gefunden hat, von denen 
aber der andere eigentlich erst in unseren Tagen wieder entdeckt 
wurde, ohne jedoch bisher legitim anerkannt zu sein. Zunächst 
Telesphorus. Es ist ein eigentümliches Schicksal dieses kleinen 

') Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen, Bd. II, 1S77. 



126 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



göttlichen Knaben, und wenn man will ein persönliches Mißgeschick, 
daß die großen monumentalen Statuen des Heilgottes, die an den 
Hauptverkehrswegen der Kunst stehen, den kleinen Burschen als 
Begleiter des 2;roßen Heilers vermissen lassen. Es ist außerdem ein 

weiteres persönliches Pech für diesen 
Gott, daß er im Gegensatz zu seinem 
Konkurrenten Eros, statt einen schö- 
nen gefälligen Bau kindlicher Glied- 
maßen zu zeigen, vollkommen in 
einen Mantel eingehüllt ist und daß 
dieser Mantel noch eine Kapuze trägt, 
aus welcher ein zum mindesten un- 
schönes, oft aber auch direkt ge- 
■ ^ ^ ^ w.- -^^F dunsenes Gesicht herausschaut. Als 

W^/fm^^9m i'^1'' '^'o^ Jahren zum ersten Male in 

\ / ''W ^ *^^^"^ Museum Borghese in Rom den 

Knaben sah, da wußte ich nichts 
mit ihm anzufangen, und es ging 
mir, der ich die anderen großen 
statuarischen Darstellungen des Heil- 
gottes ziemlich kannte, wohl so wie 
der Mehrzahl der Ärzte, welche von 
diesem Zuwachs ihres göttlichen Pa- 
tronates keine \'orstellung hat. Ich 
habe mich seit jener Zeit für diesen 
Burschen gründlich interessiert und 
habe ihn in fast jedem Museum wiedergefunden; zwar nur ge- 
legentlich als Einzelfigur, die häufig genug noch falsch ergänzt ist. 
Diese Werke monumentaler Kunst, die den Gott allein oder als 
Nebenfigur darstellen, sind noch an den Fingern abzuzählen'), aber 
seine Darstellung in der Kleinkunst ist Legion. Wir finden ihn 
namentlich in dem hellenistischen Kunstgebiet häufig als kleine. 




Pltot. Alinari. Rom, Villa Bprgliese. 

F'g- 57- Telesphorus ? 

,\ptike rest. Marmorstatue. 



•) In Berlin ziert seine Figur ein Relief am Hause des General -Chirurgus Goercke, 
Dorotheenstr. 5. 



TELESPHORUS. 



127 



ernsthatte oder karikierte Einzeliigur in Terrakotta, z. B. auch als 
Lampe verarbeitet (Fig. 38). Auch in Bronze steht er in mancher 
Vitrine, oft unerkannt und mit falscher Bezeichnung und vor allem 
auf Münzen und Gemmen. Das Wiedererkennen ist ungemein 
leicht, denn beinahe allzu charakteristisch ist sein Äußeres, welches 
aus der sonstigen Formenschönheit der 
hellenischen Kunst ganz herausfällt. 
Doch erfahren wir zunächst das Wenige, 
was wir von diesem Gotte durch lite- 
rarische Hinterlassenschaft wissen. Bei 
der Beschreibung des Asklepieion in 
Titane mit den beiden auffallenden Bild- 
säulen des Asklepios und der Hvgieia 
— beider Körper ist umhüllt teils von 
weißen wollenen »Gewändern« , teils 
von einem Mantel aus geopferten Haar- 
flechten — sagt Pausanias (2. Buch XI 6): 
»auch die Bildsäule des Euamerion ist 
dort; diesem aber optern sie wie einem 
Gotte. Vermute ich recht, so nennen 
die Pergamener nach einem Orakelspruch 
diesen Euamerion Telesphorus, die Epi- 
daurier aber Akesis« ! Zur Erklärung dieser 
Worte müssen wir noch ergänzend nach- 
tragen, daß neben dem Standbild unseres 
Dämonen der Sohn des Machaon Alexanor 
ein Standbild hatte. Diesem Enkel des 
Heilgottes aber opferten sie wie einem 
Heros, d. h. nach Sonnenuntergang. 
Darauf bezieht sich die Stelle, daß man dem Telesphoros wie einem 
Gotte, d. h. bei Tagesanbruch opferte. Die sonstigen literarischen 
Erwähnungen des göttlichen Begleiters sind recht wenig zahlreich. 
Ludwig Schenk') notierte seine Erwähnung bei dem Rhetor 




Fig. 58. Telesphorus als 
Terrakottalampe. 



') Ludwig Schenk, De Telesphoro deo. Inauguraldissertation Göttingen iS88. 



128 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

Aristides und bei Marinus. In beiden Fällen erschien der Gott beim 
Tempelschlaf und brachte sowohl bei einer akuten wie bei einer 
chronischen Krankheit Krisis und Lysis mit Ausgang in Heilung. 

Bei den wenigen existierenden Einzelfiguren muß man schon 
deshalb gelegentlich an Verwechslungen mit Knabendarstellungen 
anderer mythologischer Herkunft denken, weil fast immer der- 
artige durch Ausgrabungen gewonnene Marmorfiguren bruchstück- 
weise zutage gefördert und ergänzt wurden. In Betracht kommen 
hierbei Herakles als Kind, Telephos, Harpokrates oder auch Eros. 
Außerdem werden wir nicht in der Annahme fehlgehen, daß auch 
die Spätantike in der Verkennung des Wesens dieses kleinen Gottes 
dessen Äußeres zu genrehatter Darstellung benutzt hat. Ich denke 
dabei z. B. an die liebliche, wenn auch auttallende Knabenstatue 
mit der Lampe im Thermenmuseum in Rom; anderseits aber 
erhellt aus den schönen Karikaturen dieser Persönlichkeit, daß der 
kleine Gott im Leben des Volkes eine gewisse Rolle spielte. Auch 
die Marmorfigur des Berliner Museums (Katalog Nr. 488) , die 
wohl ohne Zweifel unseren Heildämon vorstellen soll und von der 
sich Repliken in London und Paris befinden, wird im Katalog nur 
als Knabe im Mantel erwähnt. Unsere Abbildung zeigt eine Statue 
aus der \'illa Borghese, welche mit der Berliner ziemlich überein- 
stimmt und die man als eine abweichende Darstellung des Heil- 
dämonen auttassen kann. Die Figur wird jetzt noch aufgefaßt als 
kindlicher Hermes, wie er sich, von Apollo wegen seines Rinder- 
diebstahls gesucht, in ein Bettuch gewickelt und versteckt hat. Die 
Werke der ersten Zeit und namentlich diejenigen hellenistischen 
Ursprungs zeigen allerdings eine andere Gewandung, indem der 
Kopf in einer Kapuze steckt und der Mantel bloß bis zur Mitte 
der Unterschenkel geht. 

Doch wechselt diese Kleidung auch bei den Darstellungen dieser 
kleinen Persönlichkeit, die durch den großen \'ater in ihrem Wesen 
sichergestellt sind. Als Einzelfigur beschreibt Schenk noch eine 
Statue aus rotem Marmor in dem nicht zugänglichen römischen 
Privatmuseum Torlonia. 



TELESPHORUS. 



129 




Oris.-Au/n. Rom, l'iäa ßprghese. 

Fig- 59- Asklepios und Teiesphorus. 



Holländer, Plastik und Medizin. 



130 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^ 

Betrachten wir nun zunächst einmal den Gott zu Füßen des 
großen Vaters in der Sammlung der \'illa Borghese in Rom 
(s. Fig. 39). Die ziemlich mäßige Statue des dahinschreitenden 
und den Schlangenstab in der rechten Hand fassenden Gottes 
brauchen wir nach dem austührlich geschilderten Tvpus nicht be- 
sonders zu analysieren. Neben ihm zur Linken, dort wo sonst 
der Omphalos steht, erhebt sich ziemlich unmotiviert die selt- 
same Figur dieses Knaben. Er steht da, um mich eines modernen 
Ausdrucks zu bedienen, Fuß bei Fuß mit durchgedrückten Knieen, 
in militärischer Haltung, die Arme auftallend nach vorne gehoben, 
wodurch das hemdartige Gewand eine z^rt Glockenform erhält. 
Auch die bilateral svmmetrische Anordnung ist seltsam und merk- 
würdig. Das Gewand setzt sich nun in eine Kapuze fort, die man 
fälschlich als phrygische Mütze bezeichnete. Die Kleinheit der Figur 
wird gemildert durch den rundlichen Untersatz, auf dem der Bursche 
steht. In das Denkmal als Ganzes ist etwas mehr Geschlossen- 
heit dadurch gekommen, daß die linke Hand des Gottes sich 
nicht in gewöhnlicher Weise aufstützt oder im Gewände verbirgt, 
sondern daß sie einen Salbentopf in der Hand hält. 

Viel interessanter ist die Statue im Palazzo Massimo in Rom 
(Fig. 6ü). Hier sehen wir zunächst eine interessante Abweichung 
von dem epidaurischen Tvpus des Gottes. Eine kraftvoll in über- 
mäßiger Größe und Gesundheit strotzende robuste Männergestalt 
steht vor uns in der tvpischen Pose. Er stützt sich nicht auf einen 
Stab, der hier zu einem kleinen Baum ausgewachsen ist, an dem sich 
eine ganz kolossale Riesenschlange emporringelt, sondern er hält ihn 
nur mit erhobener Hand. Neben diesem Krattmenschcn verschwindet 
beinahe das kleine Männchen, dessen Ausführung aber, was Haltung 
und Stellung anbetritit, absolut tvpisch ist und ofl'enbar eine ge- 
treue Kopie eines alten überkommenen \'orbildes. Haben wir uns 
erst einmal dieses groteske Götterbildchen gemerkt, so werden wir 
einerseits es nie vergessen, anderseits uns auch tür die Autlösung- 
des Rätsels interessieren, welcher Charakter, welches Wesen ihm 
innewohnte, welchen Gedankens mvthologische Verkörperung er 



TELESPHORUS. 



m 




PJwt. Moscioni. Koni, Falazzo Massimo 

Fig. 60. Asklepios mit Teiesphorus. 



132 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 




J 

l 






Fig. 61. Antike Elfenbeinplatte. 



TELESPHORUS. 



133 



'^.) 




I- 



Orig.-Aufn, 

Fig. 62. Telesphorus 

zwischen Asklepios und 

Hygieia. 

Münze aus Apamea in Eithynien. 



bedeute, und dann aus welchem Grunde diese Körperform. Bevor 
wir nun an die Auflösung dieser Figur gehen, müssen wir noch 
erwähnen, daß er auch namentlich auf Münzen und Gemmen neben 
und in \'erbindung mit der Hvgieia und auch in ihrer Mitte als 
Heiltrias vorkommt. Ja wir hnden ihn ge- 
legentlich einmal auch zur Seite der Ceres. Als 
letzte Kombination begleitet er den Sarapis oder 
die Isis manchmal neben dem dicken gedun- 
senen Harpokrates, Gottheiten, deren Kulte aus 
Ägypten übernommen wurden und Irühzeitig 
zu dem des Asklepios in Beziehung traten. 
W'ir würden aus all diesem kunstarchäologi- 
schen Nachlasse auch unter Zuhilfenahme der 
literarischen Notizen doch vor einem Rätsel 
stehen, wenn uns die Numismatik nicht zu Hilfe käme. Denn 
es ist selbstverständlich, daß diese autfallende Körperform eine ganz 
bestimmte \'oraussetzung haben muß. Man klammerte sich zu- 
nächst zur Erklärung des mythologischen \'organges an die ver- 
schiedenen und doch alle gleichlautenden Namen des Gottes, die 
alle auf dasselbe hinauslaufen, des \^ollenders, des \'ollbringers, des 
Gottes des Wirksamen, des Endebringers, und konstruierte daraus 
d a s Prinzip der R e k o n \' a 1 e s z e n z , der 
Genesung, indem man die auffallende Figur 
und Tracht durch den Hinweis auf die Vermum- 
mung und die Heimlichkeiten der Mysterien zu 
erklären suchte oder auch auf das Nationalkostüm 
der Thrakier, bei denen sein Kult schon frühzeitig 
nachgewiesen war. Doch alle diese Erklärungen 
befriedigen nicht. Der ganze Mythus des Heil- 
gottes zeigt seine rein überirdische Natur und auch eine von mensch- 
lichem Können weltferne Heilkraft: durch das Orakel, durch gött- 
liche Inspiration. 

Als Svmbol der rein dämonischen Kratt steht zu des Gottes Füßen 
der Omphalos, der Nabel der Erde, Sitz und Stelle der Orakelspende. 




Orig.-Au/n. 

Fig. 63. Münze aus 
Nil<äa in Bithynien. 



134 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Er versinnbildlicht gewissermaßen den göttlichen Gedanken in der 
Heilkunde. Doch mit der Inkubation allein war es meist nicht 
getan, der Weg zur Gnade ging oftmals über Hindernisse hinweg, 
die der Klient erfüllen mußte. Es wurden Ratschläge erteilt, wie 
uns das im Detail z. B. die Kur des Apellas beweist. Solche 
»telesphorischecc Mittel zur Genesung waren nicht nur Baden und 
Gurgeln, Salben und Bäder, Aderlaß und Operation, sondern auch 
gelegentlich kompliziertere, wie der Antritt einer Badereise oder 
ähnliches. Es arteten manchmal, wie des Aristides Beispiel zeigt, 
die anempfohlenen Mittel in arge Plackereien aus. Es ist nun klar, 
daß dieser kleine Heilgott dem Xamen nach und auch seinem inneren 
Wesen nach alles das in sich vereinigt und körperlich zum Aus- 
druck bringen sollte, was äußerlich noch neben göttlichem \\'illen 
und Rat zur Heilung hinzukommen mußte: das technische 
Prinzip der Medizin, die Betätigung, die E r t ü 1 1 u n g 
des göttlichen Befehls. W'n haben in unserer Betrachtung 
gezeigt, daß die Statuen des Heilgottes aus der besten Zeit Em- 
bleme rein medizinischen Könnens vermissen lassen; sind solche 
vorhanden, so beweisen sie Epigonenzeit oder angeflickte Er- 
gänzungen Unwissender. Der Gott steht da in reiner Schönheit; 
schon besorglicher Ausdruck oder grübelnder Sinn liegt ihm fern. 
Hält er eine Schriftrolle, so mögen Naive das aut das Studium eines 
Buches beziehen. Es ist nur das Bittgesuch eines Heilflehenden, 
das er in der Hand hält. 

Später gingen natürlich, wie fast bei der Mehrzahl mythologischer 
Vorstellungen und Darstellungen, solch reine Begriffe verloren. 
Von diesem Standpunkt aus betrachten wir die I:lfenbeinschnitzerei, 
welche jetzt im Liverpooler Museum autbewahrt wird (Eig. 6i), 
deren Gegenseite wir bei der ^'erkörperung der Hygieia betrachten 
wollen. Die Darstellung des Heilgottes erinnert in der Klobigkeit 
an das Monument im Palazzo Massimo. Nur hat der Künstler 
noch einen Gestus hinzugetan, der die Epigonenzeit charakterisiert. 
Der Gott kraut sich nachdenklich im Barte und hält gleichzeitig 
in der Hand eine Schriftrolle. Die Schnitzerei ist deshalb tür uns 



TELESPHORUS. 1 3 3 



von Wichtigkeit, weil Telesphorus auf derselben als in einer 
Schriftrolle lesend dargestellt wird, gewissermaßen die Personi- 
fizierung der Büchergelehrthcit. 

Die Auffassung, daß dieser Sohn des Heilgottes das Emblem 
dessen ist, was menschlich in der Medizin und der Heilkunde 
ist, diese Vorstellung und Anschauung wird mir zur Gewißheit 
durch einen Fund, der in Milet vor kurzer Zeit im großen Apo- 
dyterionsaal der Thermen der Kaiserin Faustina von Prot. Wie- 
gand') gemacht wurde (Fig. 6j). Als Ausdruck der werktätigen 
und selbst chirurgischen Hilfe, die ja durch die Heilberichte für die 
athenischen und epidaurischen Kultstätten literarisch bewiesen ist, 
zeigt die jetzt in Konstantinopel im Nationalmuseum autgestellte, 
sonst recht mäßige Statue aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert 
zur rechten Seite des Gottes den Knaben im Mantel, der vor der 
Brust ein chirurgisches Trousseau hält. In dem Besteck sind deut- 
lich einzelne Instrumente und eine Schere zu erkennen (Fig. 66). 
Es muß die Bildsäule übrigens in einem Rahmen gestanden haben, 
so daß der kleine Heilgott an eine glatte Wand anstieß, denn das 
rechte äußere Ende zeigt keine Bruchstelle, sondern eine glattwandige 
Fläche. Es ist durch diesen glücklichen Fund der Beweis geliefert, 
daß hier menschliches Können symbolisiert werden sollte. Der 
Zeusenkel hat nur die göttliche Idee, er bedarf zu ihrer Ausführung 
des Endebringers, des Gottes der wirksamen Vollendung, ja auch 
des Gottes der chirurgischen Hüte. 

Wie aber kommt der Gott zu dieser sonderbaren Gestalt, zu 
dieser auffallenden F'orm? Es ist für die Idee selbst von gewissem 
Interesse mitzuteilen, daß mittlerweile bereits ein anderer veröflent- 
licht hat, was ich aus eigener Überlegung seit langem nieder- 
geschrieben hatte, daß nämlich sich die Gestalt dieses Gottes 
aus der Form des Sc hr opfkopfes entwickelt habe. Ich meine, 
daß das Studium der Verhältnisse unabwendbar zu dieser Auf- 
fassung führen mußte; obwohl sie zunächst, wie ich mittlerweile 

'1 S. Abh. der Kgl. Pr. Akad., Anh. 190S, S. 18 und 7. Bericht über die Ausgr. in Milet, 
1911, S. 30, ibid. 



136 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 




Orin.-Au/ii. 

Fig. 64. Münze 

von Aegiale mit 

Schröpf köpf. 



von Archäologen höre, auf Gegnerschaft stößt. Svoronos, der 
Direktor der athenischen Münzsammlung, hat aus der Tatsache, daß 
kleinasiatische Münzen aus alten Kult- und Badestätten gewisser- 
maßen als Wappen ihrer Münzen zunächst einen Schröpfkopt, in 
späterer Zeit dagegen das Bild des Telesphorus zeigten, den Üher- 
gang der einen Form in die andere behauptet, und ihm gebührt 
deshalb auch die volle Priorität dieses Gedankens, zu dem ich aut 
anderem induktivem Wege gekommen bin. 

Mit der Krklärung und Deutung der Embleme beschäftigt, die 
neben dem Heilgotte stehen, glaubte ich zunächst den rundlichen 
- . . Kegel mit dem von mir als Emblem antiker ärztlicher 

und namentlich auch wundärztlicher Kunst statuierten 
Schröptkopt identitizieren zu können. Nachdem sich 
dieser aber als die verkleinerte Ausgabe des delphi- 
schen Orakelsteines unzweiielhatt erwiesen hatte, und 
ich auf Reliefsteinen (namentlich der athenischen 
Basis) die frühe Form der Schröpfköpte mit dem 
anhaftenden Ring kennen gelernt hatte, ergab sich wie von selbst 
die andere Lösung. 

Die Vorarbeit in numismatischer Beziehung hat auch ein Kol- 
lege getan; Dr. Lambros'), der auf einzelnen Münzen, namentlich 
von Aegiale Schröpfköpfe nachgewiesen hat. Auch diese Ansicht 
wurde zunächst bestritten, ist aber dann spater anerkannt worden. 
Wir zeigen nebenstehend die Abbildung einer Münze von Aegiale, 
welche auf der einen Seite den Kopf des Asklepios zeigt, aut dem 
Revers aber Schröpfkopf und Schlange. Die Glockentorm dieses 
Schröpfkopfes ist besonders typisch. Auf den Schröptkopf als 
Emblem werden wir noch im Zusammenhang zurückkommen, und 
wollen wir nur noch daraut hinweisen, Awil) diese Darstellung 
mit der des 'Felesphorus im kleinasiatischen Münzgebiet ab- 
wechselt. \'om Kaiser Hadrian abwärts tinden wir diese kleine 
Gottheit ganz besonders im östlichen, asiatischen Griechenland, 
in Bithynien, Mysien, Lydien, Pamphylien, Kilikien, Kappadokien, 

') K. n. 1, AcfjJLit^ii;. Uiy. aiv.iiiüv v.ai S'.v.ua^sojj -rj.'j'j. xol; 'j.'j/'i:ri:;,. AfKjvai 1895. 



TELESPHORUS. 



137 




Orijl.-Au/u. Komtantiuofcl 



Fig. 65. Asklepios (Wiegand) mit Telesphorus. 



138 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Phrygien, lonien, auf den Inseln Lesbos, Samos, als Gegenstand 
lokaler Verehrung. Asklepios selbst trägt manchmal den Namen 




■.Ori^.-Aitjn. 



Fig. 66. Detail der Vorigen. 



Telesphorus, und so ist es erklärlich, daß des Sohnes Ruhm an 
vielen Orten den des \'aters iiberstrahlte. Es kommt hinzu, dem 
Sinne unserer Auslegung gleichlautend, daß z. B. lür das perga- 



TELESPHORUS. 



139 



menische Heiligtum eine aktivere Therapie und auch die Verwendung 
des Schröpf kopfes in ausgedehntem Maße historisch belegt ist. 

Gerade das Eindringen dieser kleinen Gottheit in die Darstel- 
lungen der Kleinkunst im hellenistischen Kunstgewerbe spricht tür 
die große Popularität derselben. Im athenischen Xationalmuseum 
existieren allein zahlreiche Terrakottafiguren des Gottes. Im gleichen 





Orig.-Au/n. Kopenhagen, 
Thorivaldsen- Museum . 

Fig. 67. 
Telesphorus. Kutte abnehmbar. 




Fig. 68. 
Telesphorus als Schröpfkopf(.'). 



Sinne sind Karikaturen des kleinen Gottes aufzufassen, denn wenn 
man eine Person und ihr Äußeres im Zerrbiide zeigt, so ist für 
das Verständnis derselben die intime Kenntnis des Vorbildes 
Voraussetzung. 

Einmal hat sich in die Kutte des Telesphorus ein Silen ver- 
steckt, kenntlich an seinen spitzen Ohren; ein interessantes Zerr- 



140 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



bild aber dieses kleinen Kuttengottes, der menschliche Weisheit 
und menschliche Geschicklichkeit verkörpert, steht unerkannt im 
Florentiner etruskischen Museum unter den ita- 
lienischen Bronzen. Hier grinst aus seiner Kutte 
der Kopf eines Esels. Als letzten Schlußstein, 
der diesem hypothetischen Gebäude sichere Basis 
gibt, existieren Telesphorusdarstellungen, welche 
den Übergang zeigen des Apparates selbst zur 
Gottheit. Die Funde in Wien (Sacken, Ant. 
Skulpt. XXXn', 3), in Mainz (Lindenschmit, 
Die x^ltertümer unserer heidnischen \'orzeit, Mainz 
1838, I\', 647), und ferner ein gleichlautender in 
der Societe Archeolog. de la Province Constantine 
1879I80, pl. 2], beschrieben und abgebildet, 
zeigen uns mehr oder weniger einen Schröpfkopf 
oder chirurgische Instrumente ähnlichen Zweckes, 
in deren oberen Teil nur ein Gesicht hinein- 
gezeichnet ist, der sonst aber die Silhouette des glockenförmigen 
Apparates unverändert erkennen läßt'). 




Orig.-Au/n. l;,-rlin. 

Fig. 69. Silen in 

der Stellung des 

Telesphorus. 



Orig.-Aufti. 

Fig. 70. Telesphorus, kleinasiatische ^lünze. 



HYGIEIA. 

Unter den Asklepiaden, denen die Griechen göttliche Verehrung 
zuteil werden ließen, gebührt der Hygieia, der Tochter des Asklepios, 
in dem Maße die erste Stelle, als sie, die l'ochter, gewissermaßen 



') -Aus dem mir vorliegenden Gipsabguß der JMainzer Bronze ist der Zweck des hinter 
dem Kopf ansetzenden Röhrchens nicht ersichtlich; es scheint auch, daß ein Boden später 
angelötet wurde. 



HYGIEIA. 



141 



den Rang einnahm, der sonst der Gattin gebührt. Bei den Oro- 
piern im attischen Lande gehörte der vierte Teil des Ahares fol- 
genden Heilgöttinnen: der /Aphrodite, der Panakeia, der Jaso, der 
Hygieia und der Athene Paionia. Die Tochter Aigle ist hier ver- 
gessen. Ob diese dieselbe ist, die sonst als Mutter der Chariten 




i'HL't. Ali/Ulli, l'atikan. 

Fig. 71. Äskulap und Hygieia. 

bekannt ist, kann ich nicht feststellen. Eine andere, ebenfalls 
»Glänzende« genannt, wurde in eine Pappel verwandelt. Bei der 
Hygieia tritt die Personifikation eines Begriffes mehr in den Vorder- 
grund, das legendäre Persönliche verschwindet. Variationen ihres 
Kultus sind meist lokaler Herkunft. So erwähnt Pausanias die 
ägyptische Hygieia (II, 276). Die Hochburg ihrer Verehrung aber 



142 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



war wohl in Athen und auch sonst im Peloponnes. In Rom wurde sie 
als Valetudo verehrt und später mit der Salus identifiziert. \'iel- 
Icicht in noch höherem Grade wie heim Heilgotte rettete sich 




Orig.-Attftt. KoHstaniinopel, Otto/r:. Museum. 

Fig. 72. Asklepios und llygieia. 



diese schöne Griechenjungtrau, züchtig in ein Gewand gekleidet und 
nur eine Brust gelegentlich enthüllend, in die späteren lipochen, 
und noch heute ist ihr Bildnis für alle Dinge, welche aut die 



HYGIEIA. 143 



Hygiene Bezug haben, der beliebteste symbolisch -künstlerische 
Ausdruck. Ihre statuarische Form ist in vielen mehr oder weniger 
erhaltenen Marmorwerken auf uns gekommen. Wir sahen bereits 
die Göttin neben dem Vater auf den zahlreichen Reliefdarstel- 
lungen. Hier steht sie meist in einer vertraulichen Stellung zur 
Seite des Vaters, ohne sonstiges charakteristisches Beiwerk (s. Fig. 46, 

48> 49= 3 0- 

Für diese vertrauliche Gemeinschaft bringen wir zwei Zeugnisse. 

Das eine, die interessante Skulptur aus dem Vatikan. Das Har- 
monische der Gruppe, welche ein ausgezeichnetes hellenisches 
Original zur Voraussetzung hat, leidet dadurch, daß beide Köpfe, 
wenn sie vielleicht auch antik sind, sicher , . „., —^ 

nicht zu diesen Körpern gehören. Pius VI. ■ r^'' V ' 

verdanken wir den Fund bei den Ausgrabungen '•./ 



uf dem Forum von Präneste, dessen Ruinen .'1 // ' l''\'tr^ 



aut dem rorum von rranesie, uesbcu ivuiucn '^ / ^ .' ')'[') 

,vLz.L iiwc.. VI..- ...V- »--— ■- ^ , ^^rv.'W 

des Orakeltempels der Fortuna (s. Fig. 71). :/ jt.'^y^^'-y/ 



ietzt noch eine Idee geben von dem Aussehen f\ ''/fl-.''/ 



Als ein Relief der Spätzeit zeigen wir das 



Marmorstück aus dem Stambuler Museum, '^" "■. . 

Thronende Hygieia, die 

welches wahrscheinlich in der Gegend von heilige Schlange fütternd. 

. . - , , ^ , >^ /^T" N Münze VOD Hierapnlis in Phrygien. 

Saloniki gefunden wurde (47 -60 cm) (Fig.72j. 
Vor einem Dreifuß, um den sich die Schlange gewickelt hat, sitzen 
beide Gottheiten in einer vertraulichen, familiären Stellung. Dem 
Gott ist sein Gewand heruntergeglitten. Man muß sich erst orien- 
tieren , wie die drei sichtbaren Füße den beiden zuzuteilen sind. 
Hygieia trägt ein Ärmelgewand; der bekränzte Gott hält in der 
Linken den Stab, den er sich eben abgeschnitten hat, ein Laub- 
büschel befindet sich noch an ihm. Fr sieht interessiert zu, wie 
seine Nachbarin die Schlange lüttert. 

Archäoloa;ischerseits gewöhnte man sich, die dem \^Uer zunächst 
stehende jugendliche Gottheit als Hygieia anzusprechen. Pausanias 
erwähnt eine ganze Reihe von Bildsäulen der Hygieia, so eine in 
Korinth aus weißem Marmor, eine in Titane, von der wir schon 
erzählten, daß sie eingehüllt war von Frauenhaaren, die ihr zuliebe 



144 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



abgeschnitten wurden. \'on der Bildsäule der Hygieia von Me- 
o-ara erwähnt Pausanias, daß Brvaxis sie gemacht habe. Unter den 

Weihgeschenken an vielen Orten wird 
neben dem Asklepios oft eine Bild- 
säule der Hygieia erwähnt, so in Elis 
und in Olvmpia. »Damophon aus 
Messene ist der \'erfertiger der Bild- 
säulen der Hvgicia und des Asklepios 
von Aigion.« Was der Perieget hier- 
über sagt und an dieser Stelle sagt, 
ist interessant genug, um hier wört- 
lich wiedergegeben zu werden. »Die 
Algier haben ein altes Heiligtum der 
Eileithyia. Das Schnitzbild ist mit 
Ausnahme des Gesichts und der 
Hände und büße, welche von pen- 
telischem Marmor sind, vom Kopte 
bis zu den Fußspitzen mit einem 
feinen Schleier verhüllt; von den 
Händen streckt sie die eine gerade- 
aus, in der anderen hält sie eine 
Fackel (siehe Juno Lucina, Rom). 
Als Grund dafür, daß die Eileithyia 
Fackeln hält, darf man vielleicht ver- 
muten, daß den Frauen die Wehen 
gleich Feuer sind. Die Fackeln kön- 
nen aber wohl auch darin ihren Grund 
haben, weil die Eileithyia es ist, welche 
die Kinder ans Licht führt. Das Bild 
ist ein ^^'erk des Messeniers Damo- 
phon. Nicht weit von der Eileithyia 
ist ein heiliger Bezirk des Asklepios 
und Bildsäulen der Hvgieia und des Asklepios. Eine jambische 
Inschrift am Sockel sagt, Damophon aus Messene sei der Verfertiger. 




Fig. 74. Hygieia. 



HYGIEIA. 145 



In diesem Heiligtum des Asklepios geriet icli mit einem Sidonier 
in Streit, welcher behauptete, die Phoiniker hätten überhaupt eine 
bessere Einsicht von göttlichen Dingen als die Griechen, und nament- 



riiot. .;. ■ ■ '". Kapital. 
Fio. 75. Hygieia. Rom. Porträtstatue in archaischer Auffassung. 

lieh auch darin, daß sie dem x\sklepios als Vater den Apollo zu- 
schreiben, aber kein sterbliches Weib als Mutter. Denn Asklepios 
sei die dem Menschengeschlecht und allen lebenden Wesen zur 
Gesundheit nötige Luft, Apollo aber die Sonne; mit vollem Rechte 

Holländer, Plastik und Medizin. 



146 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



® 




wmmwmm^:^>-^^m 



Ori^.-Aufn. nach Gi^sadg^u/s. Liz-cr/ool, Museum. 

Fig. 76. Diptychon. Antike Elfcnbeinplatte. Gegenbild zu Fig. 61 



HYGIEIA. 



147 



nenne man ihn \'ater des Asklepios, weil die Sonne, indem sie 
ihren Laut" zum richtigen Wechsel der Jahreszeiten macht, dadurch 




iijuiiLii iuuL«. .^.-i a.u.n.uii 



Plwt. Alinari. Rom, Kapitolinisches Museum. 

Fig. 77. Votivrelief an llygieia. 



auch der Luft die Gesundheit mitteilt. Ich erwiderte daraut, daß 
ich das Gesagte annehme, daß aber diese Ansicht den Phoinikern 
durchaus nicht mehr als den Griechen eigen sei, indem ja zu 



148 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Titane im Lande der Sikyonier dasselbe Bild (des Asklepios) auch 
Hygieia genannt werde, und es jedem Kinde Idar sei, daß der 

Sonnenlaut den Menschen auf Erden 
die Gesundheit schaffe«. 

Das mehr Unpersönliche dieser 
Gesundheitsgöttin geht auch schon 
daraus hervor, daß eine \'ersch\viste- 
rung ihres Wesens mit anderen Gott- 
heiten o-elegentlich eintritt. So hatte 
auch die Athenestatue den Beinamen 
der Hvgieia, und außer in Athen seihst 
stand ihr Altar auch bei den Acharnern 
(I.Buch 31, 6). Es wird angenom- 
men , daß ursprünglich diese charak- 
teristische Heilpotenz der Göttin Athene 
durch Hypostase zu einer selbständigen 
Göttin erhoben wurde. Für diese 
innige Gemeinschaft der Athene und 
der Heilgottheiten spricht auch noch 
die Tatsache, daß, als oflenbar berühmte 
Werke aus pentelischem Marmor von 
des Skopas Hand, Asklepios und Hy- 
gieia links und rechts zur Seite der 
Athene im Tempel \-on Tegea standen. 
Wir wollen hier nicht die kunstarchäo- 
IIIW i\} I logisch wichtige Frage anschneiden, 

ff f '*7 ig < welches wohl das älteste W^rbild ihrer 

Darstellung gewesen ist und welche 
der erhaltenen Bildsäulen oder Ab- 
bildungen von solchen aut Münzen, 
dem Hvgieiaideal am nächsten kommen. 
Immer wieder sucht der Künstler eine keusche Jungfrau, bekleidet 
mit einem Gewände, welches meistens bis zu den Füßen herabreicht, 
darzustellen, die eine Schlange füttert. In der Kunstform, in der 




Üris.-A„/„. 

Fig. 78. Hygieia. Antike Statuette 
aus Epidauros (1806). 



HYGIEIA. 149 



man die Schlange mit ihrem Körper vereinigte, bestand eine viel 
o-rößere Freiheit, wie bei der Darstellung des Vaters mit seinem 
Schlangenstabe. 

Einer der häufigsten Typen, welcher sich immer wiederholt, 
ist der, daß eine kleine Schlange sich um den rechten Arm der 
Göttin ringelt, und daß sie, den Schlangenleib am Halse mit der 
vollen Hand fassend, dem Tier mit der anderen eine Schale reicht, 
um es zu füttern. Von dieser Pose existieren unzählige Variationen 

(s. Fig. 74-7^^)- 

Eine kleine Statuette, in Epidauros gefunden, bildet ein Beispiel 
für eine ctvs^as abweichende Darstellung. Eine riesengroße Schlange 
windet sich am Körper der Göttin in die Höhe, ihren Leib um- 
schlingend. 

Auch sitzend finden wir sie dargestellt auf einem Thron- 
sessel, die Schlange fütternd. Nach Panofka als Kopie der 
Gruppe des Xenophilos und Straten aus dem Asklepieion 
zu Argos ist uns die vatikanische Marmorgruppe erhalten, die wir 
S. 141 abbildeten. 

Unter der Unzahl der statuarischen Werke, von welchen 
beinahe jedes Museum die eine oder andere antike Replik be- 
sitzt mit abweichender Behandlung der Schlangenhaltung und 
ihrer Fütterung, fallen einige sitzende Göttinnen durch die schöne 
Auffassung auf, so die aus Venedig in dem St. Markusmuseum 
und die Gewandstatue auf dem Monte Pincio. Die kleine 
Marmorstatuette (Fig. 78) in Athen ist dadurch bemerkenswert, 
daß auf dem Deckel der Salbenbüchse ein vergoldetes Gorgoneion 
sichtbar ist. 



EPIONE. 

Die Frauen in der Umgebung des Heilgottes setzen sich aus 
verschiedenen Persönlichkeiten zusammen, obwohl wir zunächst 
geneigt sind, in allen das Bildnis der Hygieia zu sehen. Wir 
zeigten bereits gelegenthch der Besprechung des Reliets (s. Fig. 30) 



IjO DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

die Verbindung des Gottes mit den Eleusinierinnen Demeter und 
Köre. Als Töchter kommen aber außer Hygieia in Betracht Aigle, 
Panake, Jaso und Akeso. Phnius erwähnt ein Bildnis aller dieser 
von Nicophanes, an welchem Gemälde er übrigens die harten Farben 
und die Vorliebe tür das Gelbe auszusetzen hat. Auf manchen 
attischen Reliefs ist die Pamilie ziemlich vollständig vertreten (s. z. B. 
Xr. 1402 des Athenischen Nationalmuseums zwei Söhne und vier 
Töchter). Aus dieser Gruppe von Frauen hat man archäo- 
logischerseits einen Tvpus als Epione ausgesondert, als die Gattin 
des Gottes. Durch ein matronenhaftes Aussehen kennzeichnet sie 
sich. Meist ist ihr Haar mit einem Schleier bedeckt (s. Fig. 44), 
kenntlich ist sie außerdem durch die Gans, die ihr besonders 
heilig. Ihr Bildnis hnden wir durch dieses Tier zu ihren Füßen 
gesichert auf dem einzigartigen Dreistein Nr. 1377 des Atheni- 
schen Nationalmuseums (s. Fig. 31). 



JANISCOS. 






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I 
1 '' / / -.</ 



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)/ 



Fig. 79. Janiscos zwischen Asklepios und Hygieia. 

Pergamen. Münze. 

Auf Münzen sowie auf Reliefs linden wir im Gegensatz zu dem 
von uns hinreichend charakterisierten Telesphoros eine andere Kinder- 
gottheit, den beinahe verschollenen Sohn des Asklepios Janiscos. Es 
ist das Verdienst von Svoronos, diesen fröhlichen Götterknaben 
aus den antiken Genredarstellungen befreit und ihm ein, wenn auch 
vorläufig noch hypothetisches Leben gegeben zu haben. Wir ver- 
weisen auf den komplizierten archäologischen Beweis des gelehrten 



jANISCOS. 



151 



athenischen Numismatikers') und überhissen ihm auch die Verant- 
wortung. Aus der großen Anzahl von Terrakotten und kleinen 
Marmorhguren, welche überhaupt einen kleinen nackten Knaben 
vorstellen, der mit einem gansähnlichen \'ogel spielt, zeigen wir 




k\r/'i!:'i . Museum 



Fig. 80. Knabe mit Gans des Boethus. Antiker Marmor. 



zunächst die berühmte Gruppe des Boethos nach der besten antiken 
Kopie (denn das Original war eine Bronzefigur). Svoronos 
unterstützt die Ansicht von Herzog, der die gleichfalls häufig 
vorkommende Darstellung eines kleinen Knaben, der an der Erde 
sitzend oder auch stehend eine sogenannte Fuchsgans beschützt, 



') Svoronos, Das Athenische Nationalmuseum. Heft 11/12. 



132 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ^ 

als diejenige anspricht, die die Frauen in den Mimiamben des 
Herondas (s. S. 48) bewundern und nicht das Original der Fig. 80; 
eine der schönsten Knabenstatuen dieser Spezies ist die des Athe- 
nischen Nationalmuseums, die wir im Bilde zeigen (Fig. 81), 




Ürig.-Fliot. Athen. 

Fig. 81. Knabe mit Fuchsgans, Janiscos? Antiker Marmor. 

sie stellt einen Knaben vor in göttlicher Nacktheit, nur den Kopf 
geschmückt mit einem Diadem, wie er sich mit der Linken aut eine 
sogenannte Fuchsgans stützt. Auch von diesem Knaben wird be- 
hauptet, daß er entweder der kindliche Asklepios selbst oder einer 



JANISCOS. I 3 3 



seiner Söhne ist. Jedenfalls gilt es, diese Hypothese einer weiteren 
archäologischen Vertiefung zu unterziehen, welche alle diese mit 
Vögeln spielenden oder sie würgenden Knaben aus dem Kreise der 
antiken reinen Genredarstellung nimmt, um sie dem Mythus und 
dem Kultkreis des Heilgottes einzureihen. Wir hätten dieser Theorie 
überhaupt keine Erwähnung getan, wenn die schöne Asklepios- 
statue beim Lacus luturnae auf dem Forum Romanum nicht dazu 
aufforderte. Dort fand ich in einer Nische aufgesteUt einen voll- 
kommen anderen Typus des Heilgottes. Der kopflose Gott hält 
in der erhobenen Linken eine Rolle; von einem Stabe konnte ich 
nichts bemerken. Bis zur Höhe der Hüfte ringelt sich eine Schlange, 
deren unterer Teil verdeckt wird durch die liebliche Gestah 
eines einen Vogel tragenden Knaben. Aus der Entfernung glaubt 
man zunächst, daß dieses Tier eine Gans ist; bei der tür mich 
veranstalteten Aufnahme aber hat Dr. Hoffa festgestellt, daß 
der Vogel unzweifelhaft den Charakter eines Hahns trage. Es 
ist nun weiter nicht befremdlich, daß der kleine Janiscos einmal 
mit dem der Mutter heiligen Vogel, der Gans, spielt oder sie trägt, 
ein andermal aber mit dem dem Vater heiligen Hahn. Svoronos 
hat dies auch für einige andere Knabenterrakotten anerkannt^). 
Dieser neue Fund erscheint mir eine weitere und besonders wich- 
tige Stütze für die Auffassung, daß diese mit Gänsen und allerlei 
anderen Vögeln spielenden Knaben den Janiscos vorstellen sollen. 
Um Irrtümer zu vermeiden, erwähnen wir noch die andere mytho- 
logische Bedeutung der Gans als des Vogels der Aphrodite. Ver- 
dankt hier der meist in Begleitung von Eroten befindliche Vogel 
seinem starken Zeugungstrieb die Bedeutung als Symbol, so 
gründet sich der Gans Verehrung im Asklepioskult aut die ihr 
zugesprochenen Heilkräfte. Wir erinnern an die vielfache Heil- 
wirkuns des mit Honig versetzten Gänseschmalzes und an die 
heilenden Bisse des Vogels. Bisher hat man den kleinen Knaben 



1) S. auch die schönen Knabenterrakotten mit einem Hahn, welche nach ihrer Form 
durchaus keinen Genrecharakter haben, sondern eher wie Götterbilder aussehen; bei Winter 
»Terrakotten. S. 182 und 1S3 aus Athen und Theben; jetzt im Berliner Antiquarium. 



154 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



zur Seite des Gottes vom Forum, wo er neben dem Heiligtume 
der Dioskuren am Lacus, einer antiken Kaltwasserheilanstalt, 
thronte, als ein sterbliches Kind angesprochen, das dem Gott 
einen Opferhahn bringt, jedoch hat die identische Stellung des 




Orig -Aujn 



lliin yii'J/.-<7'.' 



Fig. 82. Janiscos mit einem Hahn neben Äskulap. Statue vom Lacus luturnae. 

Knaben zur Seite des Gottes, wie Telesphorus, eine gleichwertige 
mythologische Bedeutung zur \'oraussetzung. Es ist eben der 
jüngste Sohn des Gottes, wie er auf pergamenischen Münzen viel- 
fach geschildert wird als ein meist nackter kleiner Knabe, der 



ANDERE HEILGÖTTER. I j 3 



mit einem Tier spielt; meist ist es ein "V^ogel, i-ien er in der Hand 
hält. Im Gegensatz zu der übermäßigen Verhüllung seines Bruders 
ist er nackt oder wenig bekleidet, wie dies auch aut perga- 
menischen Münzen ersichtlich ist, deren Abdrücke ich Svoronos 
verdanke. 

JSIS, SARAPIS UND ANDERE HEILGOTTHEITEN. 

Die Liste der Heilgottheiten aus dem gräko-lateinischen Kult 
ist noch eine lange, aber bei diesen tritt die hiatrische Seite ihres 
Wesens mehr in den Hintergrund. So war die Retterin aus Schlacht 
und Sturmesnot, die Hera, gleichzeitig auch Heilerin in der Gefahr 
einer Krankheit. Bei Hera selbst offenbarte sich dieser Zug ihres 
Wesens allerdings nur in den Xöten der Kreißenden. Die grie- 
chische Mythologie aber lehrt uns, daß gerade ihre Wettergottheiten 
und ihre Kriegsgottheiten gelegentlich auch Helfer gegen die 
Schrecknisse der Krankheiten waren. Die meist kriegerischen Götter 
Athena, Kybele und die Dioskuren, und vor allem Herakles und 
Medeia, übernahmen gelegentlich auch Heilfunktionen, wie wir 
anderseits auch wissen, daß Asklepios Retter in Seenöten war und 
als solcher angerufen wurde. Daß Asklepios auch in von Gold 
strahlenden Waffen erscheint, hat seine Ursache in seiner berühmten 
Wunderrettung des bedrohten Sparta. Ein antiker St. Georg er- 
scheint er dem in Epidauros von Krankheit Genesung heischenden 
jungen Isyllos (Hymn. Vers 37 if.). Auch Poseidon, der Retter 
und Zerstörer der Schiffe, wurde in Tenos als Heilgott verehrt, ver- 
mutlich war es die frische gute Seeluft, welche dieser ägäischen 
Insel mit ihrem Poscidonskult den hiatrischen Einschlag gab. Daß 
Zeus Soter, Athene, Hermes, Fan, Awvuaoc laz^oc, gelegentlich Kranken- 
heiler waren, wüssen wir. Reine Personifikation einer Naturkraft 
aber war es, wenn manche Quelle und die nach ihr benannte 
Nymphe eben wegen der Heilkraft des Quellwassers göttliche 
Ehren genoß. 

Ein Relief aus dem athenischen Asklepieion zeigt uns die Tyche 



156 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



mit dem Füllhorn (s. Fig. 83). Diese ganz allgemein beliebte 
Gottheit, die Fortuna der Römer, verwandelte sich oft in eine 
Stadtgoltheit, und so finden wir sie als reich gekleidete schöne Frau 
mit der Mauerkrone im ganzen hellenistisch-römischen Zeitalter. 
Aus ihr scheint die heilige Agathe hervorgegangen zu sein (s. u.). 





:;^v-."*.ti 



Orig.-Au/n, Athen. 

Fig. 83. Tyche mit dem Füllhorn aus dem Asklepieion in Athen. 

Wurde schon im täglichen Leben jede Handlung unternommen 
unter Anrufung des guten Dämon, so darf die An\Yesenheit solcher 
Gottheit in einem Kurort nicht wundern. 

Unter den fremden Gottheiten nahm der Kult der ägyptischen 
Isis in der hellenischen Religionsgeschichte eine bedeutende Stelle 
ein. Die Verwandtschaft dieser Göttin mit den eleusinischen Kulten 
und namentlich mit Demeter tritt deutlich hervor. Die Erd- und 



SARAPIS. 



157 



Friichtc"öttinncn ähnelten sich wie Sarapis dem Asklepios. Allen 
ist die Erlösung von den Leiden und Krankheiten der Oberwelt 
o-emeinsani; beiden ägyptischen Gottheiten wurde auch als besondere 




Phot. Alinari. 



Fig. S4. Sarapis, antil^e Marmorstatue. 

Spezialität eine heilende Kraft gegen die lokale Augenkrankheit zu- 
geschrieben. Auch diesen Göttern war die Spendung von Traum- 
orakeln eigentümlich. Es sei noch bemerkt, daß die mystische 



158 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



eiste der Demeter und die Schlange aucli Kultgegenstande der Isis 
waren. Auch darin linden wir Parallelen, daß Isis und Sarapis gleich- 
falls bei Sturmesnot als Helfer angerufen wurden. Der Kult dieser 

Gottheiten nahm mit dem 
sinkenden Altertum zu. Ser- 
apis oder Sarapis, auch hierin 
dem Asklepios ähnlich, wuchs 
in seinem Ansehen über das 
Maß einer lokalen Gottheit 
hinaus und näherte sich dem 
Allgott. Mit dieser Erbschatts- 
übernahme anderer sinkender 
hellenischer Götter verbrei- 
tete sich seine Verehrung mit 
Eile über Kleinasien, Griechen- 
land, Sizilien, Karthago, Rom 
und das Reich bis über die 
Donau. Das Serapeum von 
Kanopos erfreute sich einer 
internationalen Klientele. Der 
(iott mit den schwermütigen 
Augen und den Svmbolen der 
Vergangenheit, Gegenwart und 
Zukunft hat in der bildenden 
Kunst wahrscheinlich durch 
Brvaxis seinen Idealtypus ge- 
funden. Er thront ähnlich 
dem Asklepios mit dem Stab, 
neben ihm der dreiköpfige 
Cerberus mit der Schlange 
(s. auch Fig. 39). Auch diesen fremd-hellenistischen Göttern des 
sinkenden Altertums fehlt nicht ein kleiner Beigott. In Anlehnung 
an Telesphoros setzte die griechische Kunst zu Füßen der Isis den 
ägyptischen Harpokrates, den gedunsenen, unschönen Knaben mit 




M:ihJu„ 

Fig. 85. Isis mit Harpokrates. .Antike ^larmorstatue. 



DIE GEBURTSGÖTTINNEN. 



159 



dem Finger am Munde. Dieser Gestus, vielleicht mit Bezug auf das 
Schweigegebot bei den Mysterien ersonnen, wahrscheinlicher aber ur- 
sprünglich eine aus anderen Gründen hervorgegangene Attitüde, fand 
in der bildenden Kunst eine häutige Darstellung; doch auch aut der 
Lotosblume sitzend oder mit der Granate spielend wurde tiarpokrates 
massenhalt in der Kleinkunst dargestellt. Über die Beziehung dieses 
auch wohl schon im Altertum verkannten göttlichen Kindes zur Heil- 
kunde besteht heute noch Unklarheit. Wir erwähnen ihn, weil er 
aut unserem Bilde der Isis zu ihren Füßen steht (s. Fig. 85). 



HERA-ARTEMIS-EILEITHYIA. 

Die Entbindung stand in Hellas und Rom unter dem Schutze 
von Göttinnen. Sowohl Hera-Juno wie Artemis-Diana wurden 
tür eine glückliche Geburt angeruten. Die Töchter der ersteren 
sind die Eileithvien , die Wehen. Nach altgriechischer Vorstel- 
lung war die Gemahlin des Zeus die Beschützerin der ehelichen 
Gemeinschaft und der truchtbaren Zeugung. Schon in der llias 
wird sie geschildert als Förderin der Geburt; doch auch gegen- 
teilig betätigte sie ihre Macht; so, als sie die Geburt des Herakles 
hindern wollte. Sie, die Mutter von Hebe und Eileithvia, steht den 
Frauen in den kritischen Momenten des weiblichen Lebens hilf- 
reich zur Seite. Auch als säugende Hera kennt sie der Mvthus 
und damit auch die bildende Kunst. Die von sterblichen Müttern 
geborenen Söhne LIerakles und Dionysos werden erst der Unsterb- 
lichkeit teilhaftig, nachdem sie an ihrer Götterbrust getrunken. 

Den Modius oder den Polos auf dem Haupte zeigt sie das Bild, 
den Granataptel in der Hand, das Zeichen der Fruchtbarkeit. Die 
Hera Griechenlands ist die Juno Lucina der Lateiner. Deren aus- 
gedehnter Kult in Rom bedarf noch besonderer Besprechung. 

Die Mondgöttin Artemis galt als spezitische Patronin der Lochien, 
der Entbindung, und der jungen Mädchen. Ihr weihte die weibliche 
Jugend Stirnlocken und Gürtelband. An das jungfräuliche Wesen 
der Artemis knüpfen sich divergente mythologische Vorstellungen. 



i6o 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



In ihr, der Göttin des Waldes und der Jagd, vereinigen sich noch 
die Kultformen verwandter Gottheiten, so namentlich auch der 
Hekate. Fischfong und Jagd, Viehzucht und Reitkunst, Handel und 




Fig. 86. Altar aus dem Lacus luturnae mit der Diana lucifera. 



Wandel und sonstige für das Leben nutzbringende Tcätigkeit beschützt 
sie, unter diesen Geburtshilfe und Kinderzucht. Die darstellende 
Kunst hat die Artemis-Diana in \'erbindung gebracht mit einem 
Tier des Waldes, der Hirschkuh, oder sie wird von einem Jagd- 



JUNO LUCINA. l6l 



hund begleitet. In späterer Zeit wurde die Göttin dabei immer 
mehr das Idealbild jugendlich-weiblicher Schönheit. Daß jedoch 
«^erade ihre in der Kunst vernachlässigte Qualität als Heilgöttin an 
mancher Stelle in den Vordergrund trat, das zeigen die \'otivfunde 
an ihrer berühmten Kultstätte am Xemisee. In Rom selbst scheint 
der Kultus der Juno Lucina alle anderen Geburtsgöttinnen verdrängt 
zu haben. Emilio Curätulo') hat an Ort und Stelle das gesamte 
Material zusammengetragen und uns die erhaltenen Reste auch im 
Bilde vorgeführt. Aus seinen Darlegungen ersehen wir, daß nament- 
lich in der Kaiserzeit der Kult dieser Göttin in voller Blüte stand. 

Bezüglich der Etymologie des Wortes Lucina sind die alten 
Schriftsteller nicht einig; Plinius hält den Namen für den eines 
Ortes, wo ein Heiligtum dieser Göttin stand, Cicero aber und Plutarch 
führen den Namen direkt auf den iMond zurück: »Luna, a lucendo 
nominata, eadem est enim Lucina.« Horaz nennt die Göttin übrigens 
»Ter vocata«, weil sie eben als Luna (Selene) am Himmel, als 
Diana auf Erden und als Hekate oder Proserpina in der Unterwelt 
angebetet wurde. Von dieser Juno Lucina besitzen wir eine ganze 
Reihe x\bbildungen, und zwar verdanken wir diese der Fruchtbar- 
keit der römischen Kaiserinnen. Wir sehen auf den Münzen, die 
o-elesentlich der Niederkunft der Faustina, der Tochter des Antoninus 
Pius, oder der Lucilla, der Tochter des Mark Aurel, geprägt wurden, 
die stehende oder sitzende Göttin in Matronenkleidung mit einer 
Fackel in der Hand, im linken Arm ein gewickehes Kind. In der 
Galleria Chiaramonti, im Vatikan, befindet sich auf einem Cippus 
eine Darstellung gleicher Art. Der daneben stehende Baum markiert 
einen Wald, dessen Schutzgöttin Juno war. Unser Bild (s. Fig. S6) 
zeist den schönen Sockel aus dem Lacus luturnae auf dem römi- 
sehen Forum mit der Diana Lucitera. 

Aus dem Museum von Capua stammen die Abbildungen der 
Schutzpatronin der Neugeborenen. Wir sehen die Juno oder eine 
ihr verwandte Göttin in Matronengewandung dasitzen, aut dem 
Schöße liebevoll mehrere Wickelkinder haltend. 



') Curätulo, Die Kunst der Juno Lucina in Rom, Berlin 1902 bei August Hirschwald. 

Holländer, Plastik und Medizin. 



l62 



DIE HEILGOTTER DES ALTERTUMS. 



Auch das Berliner Museum besitzt mehrere derartiger roh ge- 
arbeiteter Statuen aus Tuffstein, welche bei den Ausgrabungen in 
Curti gefunden wurden. Eine Frauengestalt mit Ober- und Unter- 
gewand angetan und einem Diadem aut dem zurückgestrichenen 
Haar hält auf dem Schöße jederseits drei Wickelkinder (s. Fig. 87). 
Die Weihinschrift der äuLkrst rohen Arbeit stammt aus suilanischer 







Ori^'.Au/tt. Bfrl. Miisemn. 

Fig. S7. Göttin der Kinderzucht. 



Zeit. Die zweite bestoßenere etwas schlanker gehaltene Gruppe 
zeigt ähnliche \'erhältnisse (s. Fig. 88). 

Auf einer weiteren im Berliner Museum mit Xr. 164 bezeich- 
neten Statue sehen wir wieder das gleiche Bild, nur noch dadurch 
vervollständigt, daß außerdem zwei Kleine sich zu den Füßen der 
Göttin behnden, von denen das eine Kind seine Blöße mit dem 
Gewände der Göttin zu bedecken sucht. 

Eine mythologisch komplizierte, offenbar aus der Verschmelzung 
einer Reihe von Begriffen entstandene Gottheit war die Eileithyia 



EILEITHYIA. 



163 



oder die Eileithvien, die Scliüttehvehen ; im Grunde nur mytholo- 
gische Personifikationen eines natürHchen Vorgangs. Die Herkunft 
dieser Geburtsgöttin wird verschiedenartig ausgelegt. Ein Hymnus 
des Lvkiers Ölen feiert sie als hyperboreisch. Aus diesem nor- 
dischen Mythenlande sei sie der Leto zu Hilfe gekommen, als 
diese aut der Insel Delos ge- 



baren wollte. In Athen fand 
sowohl die hyperboreisch-de- 
lische als auch eine kretische 
Eileithyia \'erehrung. »Die 
Kreter glauben nämlich, sie 
sei eine Tochter der Hera.« 
Pausanias, der von den Schnitz- 
bildern der Göttin in Athen 
spricht I, 18, behauptet, daß 
das älteste aus Delos sei, zwei 
aber kretisch, und nur bei den 
Athenern seien die Bilder der 
Göttin bis auf die Fußspitzen 
verhüllt. Von einem Stand- 
bild der Göttin zu Hermione 
berichtet derselbe (II, y^, 8), 
daß nur die Priesterinnen es 
sehen durften. 

Wir haben bei der künst- 
lerischen Gestaltung der bis- 
herigen Geburtsgöttinnen At- 
tribute ihrer geburtshelferischen Tätigkeit vermißt. Die Fackel, die 
die Lucina in der Hand trägt, ist ein Hinweis aut das Licht der 
Geburt, doch haben andere auch an die brennenden Schmerzen 
gedacht. F. G. Welcker') bildet nun ein auf den Knien liegendes 
Weib mit entgürtetem Gewände und offenbar leidendem Gesichts- 
ausdruck ab, welches man auf der Insel Mvkonos, aus parischem 




Ori^.-Au/n. Bert. Museiitrt. 

Fig. SS. Göttin der Kinderzucht. 



F. G. Welci^er, Kleine Schriften, Bd. III, Bonn 1S50. 



164 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Marmor gearbeitet, gefunden hat. Er führt den Nachweis, daß 
diese Statue offenbar die »Auge auf den Knien« sei, wie man die 
Eileithyia in Tegea benannt hat. Hierfür wird folgender Mvthus 
als Grund angeführt. Pausanias berichtet die Legende VIII, 48, 7. 
Die Königstochter und Athenepriesterin Auge, von Herakles 
schwanger, sollte gerade in das Meer geworfen werden, als sie auf 

die Knie fiel und den Telephos gebar. 
An dieser Stelle errichtete man ihr einen 
Tempel. In dieser knienden Stellung ge- 
bar auch Leto auf Delos, indem sie sich 
an einer Palme festhielt. Bekannt ist, 
daß ihre delische Zufluchtsstätte, zunächst 
eine öde, schwimmende Insel, mit dem 
Augenblick, wo die ruhelose Geliebte des 
Zeus ihren Boden betrat, sich fest auf vier 
Säulen verankerte. Interessant ist es, wie 
die Ägineten zur Erklärung der knienden 
Stellung zweier göttlicher Schnitzbilder 
sich eine Legende bildeten. Herodot, 
welcher diese im 5. Buch 78 — 83 er- 
zählten Streitigkeiten zwischen den l:pi- 
dauriern und Ägineten ausführlich schil- 
dert, berichtet, daß die Athener Bild- 
säulen zweier Göttinnen, welche aus dem 
Holze athenischer heiliger Ölbäume ge- 
fertigt waren , trotz aller angewandten 
Gewalt nicht von ihrem Postament im 
Äginetentempel herunter bekamen ; darauf hätte man um die Bild- 
säulen Stricke gebunden und nun gezogen. Unter diesem Kraft- 
aufwand seien die Statuen auf die Knie gefallen und auch nachher in 
dieser Stellung verblieben. Herodot bemerkt dazu, das könne man 
vielleicht einem anderen, nicht aber ihm selbst glaubhaft machen. Es 
wird ferner berichtet, daß Skopas eine Leto geschaffen hat, die eben 
geboren hat. Aus diesen und manchen anderen Anzeichen ist es als 




Fig. 89. Auge auf den Knien. 

Illustration aus Welcker. 



JESUS SOTER. 165 



wahrscheinlich anzunehmen, daß man die Eileithyia gelegcnthch auch 
während des Gebäraktes darzustellen pflegte. Vielleicht ist dahin 
auch das \'erbot, das Bildnis der hermionischen Eileithyia öffent- 
lich zu zeigen, auslegbar. Die Sitte des Niederkommens auf den 
Knien war nach Siebold eine sehr alte, und bemerkenswert ist 
es, daß auch die Schwangeren sich der Juno Lucina auf den Knien 
näherten. Daß diese monumentale Darstellung keine besonders 
realistische sein könnte, sondern mehr in der Weise geschah, wie bei 
der mvkonischen Statue, bei welcher die Situation nur angedeutet 
ist, liegt bei dem Wesen hellenischer Schönheitsauftassung aut der 
Hand. Es wäre aber immerhin möglich, daß sich gelegentlich doch 
charakteristische Darstellungen dieser Wehengöttin finden'). 

JESUS SOTER. 

A. Harnack') beschäftigt sich in einer interessanten Studie 
mit der Religionsstimmung der sterbenden Antike. Er zeigt das 
Bedürfnis des Volkes nach dem Heilande. »Niemand konnte mehr 
ein Gott sein, der nicht auch ein Heiland war.« In der Sucht nach 
Rettung und Heilung wuchs das Ansehen des Asklepios riesengroß. 
Die große Streitschrift des Origines gegen Celsus dreht sich zum 
Teil darum, ob Jesus der rechte Heiland sei oder Äskulap. Ein 
Teil der Beweisgründe der beiden Streiter wird heute von uns als 
seltsam empfunden. So macht Celsus den Christen den Vorwurf, 
daß sie sich nicht entschließen könnten, Asklepios, weil er vorher 
Mensch gewesen, Gott zu nennen. Origines verweist auf die ge- 
lungenen Krankenheilungen im Namen Jesu. Im übrigen meint 
er, daß in der Macht Kranke zu heilen, an sich nichts Göttliches 
sei, denn es ließen sich viele Beispiele von solchen anfuhren, die 
geheilt wurden, obgleich sie es nicht verdienten. Die neue christ- 
liche Lehre war zunächst die Religion der Heilung und sie sah in 
der tatkräftigen Sorge für die leiblich Kranken eine ihrer wichtig- 



') über Geburtsdarstellungen siehe bei dem Kapitel Schwangerschaft. 
2) AdolfHarnack: Medizinisches aus der ältesten Kirchengeschichte. 



l66 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. % 

sten Pflichten. Aus unübersehbarer Fülle schöpft Harnack sein 
Beweismaterial. 

Das Christentum ist medizinische Religion. — Die menschliche 
Seele ist krank und dem Tode verfallen von der Geburt an. — Die 
Taufe ist ein Bad zur Wiederherstellung der Gesundheit der Seele 
— das Abendmahl ein Pharmakon der Unsterblichkeit; Seelen- 
heilung und Seelenheilkunde verfolgt die alte Kirche mit ihrem 
ganzen kultischen Apparat. Sie gab sich fort und fort als die große 
Heilanstalt, als das Lazarett der Menschheit. Die Heiden, Sünder 
und Häretiker sind die Kranken, die kirchlichen Lehren und Hand- 
lungen sind die Arzneien, die Bischöfe und Seelsorger sind die 
Ärzte, aber als solche nur Diener Christi, des Arztes der Seelen. — 
Jesus hat wie ein trefflicher Arzt um der Heilung willen Ab- 
schreckendes untersucht und Ekelhaftes berührt, bei fremden Leiden 
selbst Schmerz empfunden und uns, die wir nicht nur krank waren, 
nicht nur an schrecklichen Wunden und eitrigen Geschwüren litten, 
sondern bereits unter den Toten lagen, aus den Abgründen des 
Todes durch sich selbst errettet; er, der Lebensspender, der Licht- 
spender, unser großer Ar/A, König und Herr, der Christus Gottes'). 
In der Kirchensprache wird der ausgedehnteste Gebrauch gemacht 
von medizinischen Vergleichen und Schlagwörtern. Das Gespräch 
steckt an wie die Pest; eine Rede greift um sich wie der Krebs. 
Das Bußverfahren wird mit dem Heilverfahren verglichen. In den 
apostolischen Konstitutionen LH, 41 lesen wir: Heile auch du 
Bischof wie ein mitleidiger Arzt alle Sünder, indem du heilsame, 
zur Rettung dienliche Mittel anwendest. Beschränke dich nicht auf 
Schneiden und Brennen und auf die Anwendung austrocknender 
Pulver, sondern gebrauche auch \'erbandzeug und Charpie; gib 
milde und zuheilende Arzneien und spende Trostworte als mildernde 
Umschläge. Wenn aber die Wunde tief und hohl ist, so pflege 
sie mit Pflastern, damit sie sich wieder fülle und dem Gesunden 
gleich wieder ausheile. Wenn sie aber eitert, dann reinige sie mit 
Streupulver, d. h. mit einer Strafrede. Wenn sie sich aber durch 

') S. Harnack S. 35 1. c. 



JESUS SOTER. i6y 



wildes Fleisch vero;rößert, so mache sie durch scharte Salbe "leich, 
d. h. durch /Androhung des Gerichtes ; wenn sie aber um sich frißt, 
so brenne sie mit Eisen und schneide das eitrige Geschwür aus, 
nämlich durch Auferlegung von Fasten; hast du dies getan, und 
gefunden, daß vom Fuß bis zum Kopt kein milderndes Pflaster 
aufzulegen ist, weder Ol noch Bandage, sondern das Geschwür um 
sich greift und jedem Heilungsversuche zuvorkommt, wie der Krebs 
jegliches (jlied in Fäulnis versetzt, dann schneide mit vieler Um- 
sicht und nach gepflogener Beratung mit anderen erfahrenen Ärzten 
das faule Glied ab, damit nicht der ganze Leib der Kirche verdorben 
wird. Nicht voreilig also sei zum Schneiden bereit und nicht zu 
rasch stürze dich auf die vielgezähnte Säge, sondern brauche zuerst 
das Messer und entferne die Abszesse, damit durch die Entfernung 
der innen liegenden Ursache der Körper vor Schmerzen geschützt 
bleibe. Triffst du aber einen Unbußtertigen und Abgestorbenen, 
dann schneide ihn mit Trauer und Schmerz als einen Unheilbaren 
ab.« Den kirchlichen Standpunkt können wir nicht beurteilen, aber 
diese medizinisch -chirurgischen Maximen der Wundbehandlung 
sind auch heute noch mustergültig. 

Adolf Harnack geht nun auch aut die uns näher liegende 
Frage ein, ob der Äskulaptypus vorbildlich für die Jesusdarstellung 
geworden sei. Wir entnehmen seinen Ausführungen folgende hier- 
auf sich beziehenden Worte. 

»Aber das läßt sich nicht erweisen, daß der für uns im fünften 
(vielleicht schon im vierten) Jahrhundert auttauchende Christus- 
typus , der dann in den bildlichen Darstellungen der herrschende 
geworden ist, dem Typus des Äskulap nachgebildet wurde. Zwar 
sind die Tvpen ähnlich, die Prädikate, die beiden gespendet werden, 
zum Teil identisch; auch ist es bisher nicht genügend aufgeklärt, 
warum das ursprüngliche Bild des jugendlichen Christus durch das 
neue Bild ersetzt wurde, aber es fehlen alle Mittel, um die Ent- 
stehung des kallistinischen Christustypus aus dem Urbilde des Äskulap 
abzuleiten. Diese Ableitung muß deshalb zurzeit als eine unge- 
nügend begründete, wenn auch beachtenswerte Hypothese gelten. 



l68 DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. ® 

Ein positives Zeugnis wäre für sie vorhanden, wenn die Bildsäule, 
welche in der Stadt Paneas (Cäsarea) im vierten Jahrhundert tür 
ein Bild Jesu galt, ein Äskulapsstandbild gewesen ist.« Eusehius 
(Hist. eccl. VII, iN) erzählt uns nämlich, er habe dort ein Kunstwerk 
an dem Hause gesehen, welches das von Jesu geheilte blutflüssige 
Weib aus Dankbarkeit habe errichten lassen. ,Es steht auf einer 
hohen Basis bei der Tür ihres Hauses das Erzbild eines Weibes, 
das auf die Knie gebeugt, wie eine Flehende die Hand ausstreckt, 
«[egenüber steht aus demselben Metall die Bildsäule eines aufrecht 
stehenden Mannes, der ehrbar in einen doppelt um den Leib ge- 
schlagenen Mantel gekleidet, die Hand nach dem Weibe ausstreckt. 
Zu seinen Füßen an der Basis wächst eine fremdartige Pflanze 
empor, die bis an den Saum des ehernen Mantels reicht und ein 
Heilmittel a;e2;en mancherlei Krankheiten ist. Diese Mannesgestalt 
soll nun das Bild Jesu sein; es hat sich bis aut unsere Zeit er- 
halten und ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Zu ver- 
wundern ist es nicht, daß ehemalige Heiden, die Wohltaten von 
dem Herrn empfangen hatten, sich auf diese Weise dankbar er- 
wiesen, da ich ja auch die Bilder seiner Apostel, ja Christus selbst 
in Farben ^emalt auf noch vorhandenen Gemälden sah.' Daß 
dieses Bild Jesu darstellen soll und von dem blutflüssigen Weibe 
errichtet worden sei, ist aus verschiedenen Gründen unwahrschein- 
lich , vielmehr ist anzunehmen, daß schon frühe von der christ- 
lichen Bevölkerung in Paneas eine Umdeutung des Asklepios Soter 
in Jesus Soter stattgefunden hat. Harnack sagt selbst tür den 
Fall, daß diese Bildsäule wirklich zunächst den antiken Gott vor- 
gestellt habe, ließe sich eine solche einmalige lokale Umdeutung 
nicht generalisieren. Eine bewußte Umdeutung habe überhaupt 
der Abscheu der früheren Christen gegen die heidnischen Götter nicht 
zugelassen. 

Als feststehend kann angenommen werden, daß die altchrist- 
liche Kunst der ersten Jahrhunderte Christus entweder symbolisch 
darstellte durch das Monogramm des Namens, den Weinstock, den 
Fisch, das Lamm, das Kreuz und ähnliche Embleme, mit denen 



JESUS SOTER. 



169 



man allerlei Gegenstände schmückte. Stellte man aber Jesus per- 
sönlich dar, so benutzte man das milde Gleichnis, das er selbst 
von seiner Mission gern gebrauchte: unter dem Bilde des guten 




PJuti, Alinari. 

Fig. 90. Evangeliendeckel 5. Jahrh. Elfenbein. Ravenna. Die Krankenheilungen. 

Hirten, der seine Herde bewacht, sie tränkt oder der das verlorene 
Schaf auf den Schultern heimträgt. A. Hauck^) zeigt uns aber, 

') Albert Hauck: Die Entstehung des Christustypus in der abendländischen Kunst, 
Gesammelte Vorträge, Heidelberg i88o. 



lyo DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. gj 

daß mit der Zeit dies unpersönliche Bild nicht mehr ausreichte. 
Als Schmuck der religiösen Kultstätten benötigte man statt der sym- 
bolischen Form jetzt eine mehr persönliche, welche weniger das 
lieblich Milde, als das göttlich Erhabene zum Ausdruck brachte. 
Eine authentische Überlieferung über das Aussehen Christi fehlt; 
der Christustvpus konnte demnach nur ein ideales Gebilde sein. 
Die ältesten Beschreibungen gehen allerdings weit auseinander; ein- 
mal wird behauptet, er sei gerade von Statur gewesen, die Augen- 
brauen zusammengewachsen, mit schönen Augen, die Nase stark 
gebogen, die Farbe anmutig, der Bart schwarz. Ein angeblicher 
Amtsvorgänger des Pontius Pilatus, »Lentulus« berichtet von ihm, 
daß er schwarzblaue Augen gehabt habe mit großer Fülle des 
Haares, das nach der Sitte der Nazarener in der Mitte gescheitelt 
sei, ebenso lief der nicht allzulange Bart in zwei Spitzen aus. Auch 
die dritte Fälschung aus dem 14. Jahrhundert basiert aut unkon- 
trollierbarer Überlieferung. Nicephorus Callistus behauptet im 
14. Jahrhundert, daß der Heiland sieben Schuh groß gewesen sei 
und goldgelbes, am Ende gelocktes Haar gehabt habe und ein ge- 
rötetes Gesicht. Im 5. Jahrhundert erscheint nun zuerst das 
Christusporträt, von dem wir soeben einige nach ihm gemachte 
Schilderungen schon hörten. Wir sehen hier in den Katakomben, be- 
sonders von S. Callisto und auch des heiligen Pontianus') den Typus 
des Bildes, das zu universeller Anerkennung gelangte, jenen Christus 
mit langen auf die Schultern fallenden Locken und kürzerem Barte, 
großen Augen und einer Mischung von Milde und Ernst im x\ntlitz. 
»Wenn die ältesten Denkmäler den Heiland ohne Bart in voller 
jugendlicher Schönheit darstellten, so war das dem Geiste der alt- 
griechischen Kunst, der darin noch fortdauerte, gemäß.« Diese Be- 
merkung W. Grimms erscheint namentlich mit Rücksicht aut den 
einzigen frühchristlichen Künstler, den wir dem Namen nach kennen, 
Hermogenes, berechtigt; jedoch entbehrt die Hypothese, daß die 
Hirtendarstellung, namentlich mit dem über den Schultern getragenen 
Lamm, sich an den antiken Hermes anlehne, der inneren Begrün- 

') Carl Maria Kaufmann, Handbuch der christlichen Archäologie, Paderborn 1905. 



JESUS SOTER. 



171 



dung. Wie verhält es sich aber mit der Behauptung, daß der 
spätere Typus, der sogenannte calhstinische aus dem Asklepios- 
typus hervorgegangen ist? Die Berufung auf die frühe Bronze in 
Cäsarea und das Votivbild der Blutflüssigen scheint mir deshalb 
unhaltbar, weil das beschriebene Standbild nicht einen einzitren 
Wesenszug einer antiken As- 
klepiosstatue verrät. Wie die 
Statue des Christus ausgesehen 
hat, die sich der Kaiser Alex- 
ander Severus hat machen las- 
sen, um sie neben den Bildern 
seiner Ahnen und des Abraham 
und Orpheus in seinem Lara- 
rium aufzustellen , wissen wir 
nicht mehr; auch von den an- 
geblichen Porträts, die die gno- 
stische Sekte der Karpokratianer 
besaß, haben wir nur Kunde. Es 
ist auch unwahrscheinlich, daß 
das eine oder das andere Bildnis 
sich durch Kopien so schneller 
Verbreitung erfreuen konnte. 
Eine bewußte Anlehnung an 
den Asklepiostvpus verbot wohl 
heilige Scheu und Widerwillen 
gegen die alte Gottheit. Es 
war eine Lebensfrage für die 
an Ansehen und Macht er- 
starkende Kirche, das persönliche Porträt des Stifters zu finden. 
In diesem Porträt eines erwachsenen Mannes sollte sich spiegeln, 
was gut und schön, milde, stark und erhaben in ihm war. Wohl 
ganz unbewußt lehnten sich die Kunsthandwerker jener Epigonen- 
zeit an das erhabene Vorbild an, das die beste und schönste 
Kunstepoche geschaffen hatte und verbanden mit diesem an manchen 




Phot. Alinari. Ki-iu. Mn^eujit Cristiufi. 

Fig. 91, Die Heilung des Blinden. 

Elfenbeioschnitzerei aus dem 6. Jahrhuodert. 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



Plätzen von ihnen gesehenen und durch Übermalen mit einem 
roten Kreuz unwirksam gemachten Heidenbilde die wohl über- 
lieferte Tradition der Scheitelung des langen Haupthaares ihres 
Christengottes. Dies und das Auslaufen des Bartes in zwei Spitzen 
wurde absichtlich betont. Um aber einen der großen Inner- 
lichkeit des Heilandes entsprechenden künstlerischen Ausdruck zu 
linden, dazu war die Kunst jener Zeit in zu schwachen Händen, 
und als in der Frührenaissance es darauf ankam, den Siegeszug der 
christlichen Kirche plastisch zu schildern , da lehnte sich Niccolo 
Pisano streng an antike Vorbilder an. War diese Anlehnung eine 
gesuchte, so wird man nicht fehlgehen, wenn man die Inspiration 
zu Beginn als eine ungewollte auffaßt, die nur der Ohnmacht der 
Bildner entsprang. So ist es auch zu erklären, daß die Unzufrieden- 
heit mit der Verbildlichung des Religionsstifters die folgende Zeit 
vom 7. Jahrhundert an veranlaßte, den idealen Christustypus in 
der Kreuzigungsszene zu suchen, entsprechend auch der neuen 
Richtung der Religion auf die Askese hin. Über die apokryphen 
Porträts von Jesus, die angeblichen Werke des Evangelisten Lukas 
und des Nikodemus und über das Aussehen des Veronikabildes, 
einer der großen Reliquien der Peterskirche, unterrichte man sich 
bei Kaufmann (S. 406). 

Von Heilhandlungen des christlichen Religionsstifters gibt es 
zahlreiche teilweise auch plastische Darstellungen. Im wesentlichen 
handelt es sich da um folgende Wunder: Die Hämorrhoissa, die 
Heilung des Gichtbrüchigen oder Paralytischen, die Blindenheilungen, 
die Heilung des Aussätzigen, die Heilung des Besessenen, die Her- 
vorrutung des Lazarus und die Erweckung der Tochter des Syn- 
agogenvorstehers Jairus. 

Zur Charakterisierung dieser Darstellungen erfahren wir durch 
Kautmann'), daß das blutflüssige Weib meist in kniender Stel- 
lung aut Sarkophagen vorkommt, mit erhobenen bittenden Händen. 
Von der Mitte des 4. Jahrhunderts ab ist das Wunder des Gicht- 
brüchigen überaus häufig plastisch verkörpert, meist in dem Schluß- 

-) Carl Maria Kaufmann, Handbuch der christlichen Archäologie, Paderborn 1905. 



JESUS SOTER. 



173 




174 



DIE HEILGÖTTER DES ALTERTUMS. 



akte, in dem der froh Geheilte sein Bett davonträgt. Um eine Ver- 
wechslung zwischen der Blindenheilung und der des Aussätzigen 
zu vermeiden, bildete sich der Typus heraus, daß bei der ersten 
Heilhandlung eine Berührung stattfindet') (s. Fig. 91), während 
bei der letzteren der Heiland nur in der Stellung des Redenden vor- 
kommt. Der Aussätzige ist dabei nicht näher charakterisiert, der 
Blinde nur dadurch, daß er geführt wird und einen Stab trägt. 
Die meisten bildlichen Darstellungen des Aussätzigen stammen aus 
einer Zeit, in der die Syphilis als exanthematische Krankheit in 
difFerentialdiagnostischer Weise die Deutung kompliziert. Da er- 
innere ich an die schönen Mosaiken der Kahrie-Moschee in Kon- 
stantinopel aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts, in der die Heil- 
wunder in den Zwickeln lebendig charakterisiert werden. Der nackte 
Aussätzige ist über und über mit Ausschlag bedeckt ohne sicht- 
bare Mutilationen und kann deshalb als Vorbild der späteren in 
ihrer medizinischen Deutung dann strittigen Darstellungen angesehen 
werden (s. Fig. 92). 



') R. Greeff, Über Darstellung von Blindenheilungen auf altchristlichen Sarkophagen. 
Zentralbl. f. prakt. Augenheilk. igoS. 




l'er^y. Ori^.-Aufn. 

Fig. 93. Bronzemünze von Pergamon. i. Jahrh. v. Chr. 

Rs. Asklepiou Soteros mit SchlaDgenstab. 
Vs. bekr. Kopf des Asklepios. 




EXV0T05. 

ANTIKE KÖRPER- UND ORGANDARSTELLUNG. 

en Göttern Geschenke darzubringen, war gern ertüllte Pflicht 
und Freude in der ganzen antiken Weh. ALs Weihgeschenke 
bezeichnet man alles, was man in den Tempel trug 
und den Göttern schenkte. Nach gewonnenen Schlachten und er- 
kämpften Siegen ehrte man sich selbst dadurch. Die Schatz- 
kammern in Delphi beherbergten Wunderdinge, die die Staaten und 
Städte gespendet, und als selbst Athen nur noch vom alten Ruhme 
lebte und gesunken war bis zum Niveau einer Provinzstadt, da 
liebten es noch die Herrscher der Welt, in die dortigen Tempel 
Weihseschenke zu stiften , als weithin sichtbare Zeichen ihrer 
machtvollen Persönlichkeit. Antike Berichterstatter gefallen sich 
darin, in Breite diese Geschenke zu beschreiben. So brachte man 
auch dem Asklepios Weihgeschenke, und wenn man sich im (leiste 
z. B. das epidaurische Heiligtum wieder erstehen läßt'), so war 
auch dieses angefüllt mit noch reicheren Kunstschätzen, als wir 
dies aus den Mimiamben des Herondas von dem Asklepieion 
in Kos soeben erfuhren. Die neuere Forschung scheint nun ge- 
neigt zu sein, in diesen zum Teil genrehaften monumentalen 
Darstellungen, wie z. B. dem Knaben mit der Gans, Episoden 
aus dem Mvthus des Heilgottes zu suchen und zu finden. Uns 
aber soll in den folgenden Kapiteln eine andere Art von Weih- 
geschenken beschäftigen, welche die Besonderheit der Genesungs- 
sottheiten ausmachte. Aus den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage 
hat sich die Sitte erhalten, daß der sich der göttlichen Gnade 
Nahende und Heilsuchende das Abbild seines Schadens spendet. 
Aus dem Schutte von Jahrtausenden hat man bei den verschiedenen 



') S. Rekonstruktion bei O. Ka.f,^c.?Aa. , to bpiv toü ' AzvXrjiwb ev Enioaüpu). Athen 1900. 



iy6 EXVOTOS. 



Kultstätten solche Zeugen von Erkrankungsfällen, Zeugen auch von 
Wundern hervorgesucht. 

Die Mutter-Gottes zu Kevlaar 
Trägt heut ihr bestes Kleid ; 
Heut hat sie viel zu schatten, 
Es kommen viel' kranke Leut'. 

Die kranken Leute bringen 
Ihr dar als Opferspend' 
Aus Wachs gebildete Glieder, 
Viel' wächserne Fuß' und Hand'. 

Und wer eine W'achshand opfert, 
Dem heilt an der Hand die Wund'; 
Und wer einen Wachsfuß opfert, 
Dem wird der Fuß gesund. 

So war es damals und dort vor 2000 Jahren, so ist es auch hier 
und heut. Unser Bild (s. Fig. 94) zeigt nun zwar nicht die kleine 
Heinesche Gottesmutter von Kevlaar, sondern die berühmte Madonna 
del Parto, deren Bildnis derartig mit Geschenken Gläubiger und 
Dankbarer behangen ist, daß das wundertätige, graziöse Werk des 
Sansovino (13 21) unter der Last von Kronen, Armspangen und 
güldenen Behängen kaum noch erkennbar ist. Mit blutendem und 
doch freudigem Herzen trennte sich vor ihm die dankbare Spenderin 
in rührender Hingabe von dem güldenen Kleinschmuck, der vielleicht 
ihr einziger sonntäglicher Staat war. An anderen Walltahrtspunkten 
versteckt sich das wundertätige Bildnis unter der Masse der für Krank- 
heitsfälle geweihten Glieder aus Wachs, oder aus wertvollem xMaterial; 
je nach dem Besitzstande des Wallfahrers opterte man zum Zweck der 
Genesung den körperlichen Schaden in effigie, oder man ließ und läßt 
als einfachsten und aufdringlichsten Wahrheitsbeweis für erwiesenen 
Heilerdienst Krücken und Fußstützen zurück'); selbst blutige und 
eitrige Verbandstoffe hängt man an das Gitter. Ausführlich werden 
wir dieses Erbe heidnischer Vorzeit noch besonders betrachten müssen. 
Während heutzutage der Operateur die von ihm glücklich ent- 
fernten Tumoren vor den Regalen seines Laboratoriums mit be- 
rechtigtem Gefühle stolzer Genugtuung einsam betrachtet, hing der 



') Einem japanischen Heilgott die alten Zahnbürsten. 



EXVOTOS. 



177 



antike Priesterarzt, wie später der mittelalterliche, reisende Schnitt- 
arzt und Scharlatan Krankengeschichte und entfernte Steine öffentlich 
aus; dieser an den Pfosten seiner Bude aut dem Markt, jener an 




rkrt. Anderson . Rotit. 



Fig. 94. Madonna del Parto von Sansovino. 

den Säulen der Tempel und häufte die Bildnisse behandelter Glied- 
maßen. Die aus Gold und Silber verfertigten verschwanden jedoch 
im Laufe der Zeit, teils wohl in den Schmelztiegel der Kirche'), teils 

') Aus den eingeschmolzenen silbernen Exvotos werden die Heiligenbilder mit silbernen 
Mänteln, die nur die Gesichter frei lassen, überzogen. 

Hollander, Plastik und Medizin. 12 



178 EXVOTOS. 



entführt und geraubt von der Hand tempelschänderischer Eroberer. 
Die billige Terrakottaware aber, die die wallfahrenden Bauern nebenan 
beim Händler gekauft hatten, wurde von Zeit zu Zeit vernichtet oder 
auf den Schutt geworfen. Aus der Umgebung dieser antiken Kult- 
stätten grub sie der Archäologe wieder aus. Doch die Mehrzahl solcher 
intakten körperlichen Weihgaben holte man sich aus den autgetun- 
denen Warenlagern, wie solche namentlich in der Xähe der großen 
Nekropolen Etruriens und Campaniens entdeckt wurden. Die meisten 
derartigen körperlichen Weihgaben hatten eine Ose zum Aufhängen. 
Der speziellen Betrachtung dieser Dinge, die manches tür uns 
Interessante fördert, müssen wir A'orbemerkungen vorausschicken. 
Über die wertvollen goldenen und silbernen Körperdarstellungen 
wurden Inventare geführt. Der Vorsteher eines Tempels war wohl 
für den Inhalt verantwortlich, und wir müssen uns eine Revision 
der Kostbarkeiten bei der Übergabe an den Nachfolger vergegen- 
wärtigen. Am Südabhang der Akropolis fand sich eine Inventar- 
inschrift, die allein über hundert Augen aus Edelmetall feststellt. 
Im Gegensatz zu der Fülle der athenischen Körperexvotos fand 
man in Epidauros nur die geweihten Ohren eines Ausländers. Die 
Gebräuche der verschiedenen Kulte waren offenbar verschiedene, 
wechselten vielleicht auch im Laufe der Jahrhunderte. In dieser 
Weise dürfen wir auch die verschieden beantwortete Frage be- 
handeln, ob man in der antiken Welt nur Dankvotive spendete oder 
auch Bittvotive bei Betreten des Tempels, also vor der Heilung. 
Nachweislich war wohl beides der Fall. Diese Frage hat ein ge- 
wisses Interesse bei der Beurteilung der Exvotos, welche Krank- 
heitszustände plastisch schildern. Es hat sich nämlich heraus- 
gestellt, daß neben der großen Anzahl geweihter Gliedmaßen und 
Organe, welche nur den entsprechenden gesunden Teil versinn- 
bildlichen sollen, sich eine kleinere Gruppe von Plastiken krankhatter 
Prozesse nachweisen läßt. Das besondere Interesse, welches wir 
diesem Gegenstande zugewandt haben, hat eine Anzahl von Tu- 
moren und Geschwüren und pathologischen Prozessen überhaupt 
zutage gefördert, so daß über die Tatsache selbst kein Zweitel mehr 



ig> VERSCHIEDENE PROVENIENZ. I79 

bestehen kann. Der weitere Aushau dieser Beohachtungen und 
ihre Kontrolle durch neue Funde muß für die Medizingeschichte 
von großer Bedeutung sein. Denn für diese Darstellung krank- 
hafter Teile kommt die »Tradition« in der Herstellung derselben 
und das Fabrikmäßige nicht mehr in Frage. Die Betrachtung der 
modernen »Lungeln« (s. unten) lehrt uns einer übertriebenen 
Wertschätzung solcher anatomischen Schilderung aus dem Wege 
zu gehen. Wie da in Oberbavern heutzutage bei dem einwand- 
freien Hochstand unserer anatomischen Wissenschaft der Sarg- 
schreinermeister nach dem ihm überkommenen Schema Lungen 
und Herz schnitzt als ^\'eihgabe, so arbeitete man in den etrus- 
kischen Töpfereien nach überkommenen Mustern. Hie und da 
aber imponiert ein gefundenes Stück durch den Realismus der 
Wiedergabe und den großen Abstand von der üblichen Ware. iMs 
Fundstücke derselben Gegend und gleicher Zeit können diese Teile 
nur wertvollere und darum auch für uns wichtigere Objekte einer 
besonderen Bestellung gewesen sein. Ungefähr in diesem Sinne 
müssen wir auch an die Deutung der pathologischen Plastiken 
herangehen. Flier muß für den Bildner persönliche Anschauung, 
oder doch zum mindesten eine genaue Beschreibung des Schadens 
Voraussetzung gewesen sein. So wenig wir also aus der plasti- 
schen Wiedergabe des Eingeweidesitus einen Rückschluß ziehen 



dürfen auf den Stand der damaligen Anatomie, so sicher kann 
uns die Betrachtung und Sammlung der zielbewußten Krankheits- 



darstellun2:en ein willkommener und gelegentlich auch wissen 



-t>^ 



schaftlich verwertbarer Gewinn sein. Die Aufgabe einer vergleichen- 
den Studie der Körperexvotos der verschiedenen Kultorte harrt 
noch der Lösuns:. Es werden sich dabei wesentliche \'erschieden- 



'&• 



heiten zeigen , die die natürlichen Grenzen lokaler Gewohnheiten 



überschreiten. Unsere Aufgabe besteht mehr in der Sammlung 
des Gemeinsamen und werden wir nur gelegentlich aut den Unter- 
schied griechischer^) und latino-etruskischer Donarien hinweisen. 



') Reisch, Griechische Weihgeschenke. Alih. des arch.-epigraph. Seminar der Univers. 
Wien. Heft 8, 1S90. 



l8o EXVOTOS. 



Das letztere Material hat erstmalig der Königsberger Anatom Lud- 
wig Stieda') untersucht. Das ihm zu Gebote stehende Material 
aus Rom und den etruskischen Nekropolcn ist neuerdings ergänzt 
und bereichert durch die Untersuchung dreier großer Sammlungen 
süditalienischer Provenienz, welche teils in die Museen von Capua 
und Neapel, zum größeren Teile aber nach Madrid gelangten. 
Hierzu kommen noch die eingehenden Untersuchungen der Kol- 
lektion des Bürgermuseums von Modena und einiger Dresdener 
Stücke durch Alexander^). Besonders wichtig war mir die 
Untersuchung der athenischen Magazine und der kleinen Floren- 
tiner Sammlung. 

Nach den Körpergegenden geordnet finden wir Köpfe und zwar 
halbe und ganze, ferner auch Gesichter und Halbmasken. Die ein- 
zelnen Gesichtsteile, Augen, Xasen, Lippen und Ohren wurden 
gleichfalls besonders hergestellt und geweiht. Den Extremitäten 
stehen als besonders wichtige und interessante Gruppe die Ein- 
geweide gegenüber, welche sowohl als Eingeweidetorsos und Ein- 
geweidetraktus, als auch in der Form singulärer Organe geopfert 
wurden. Eine Gruppe, deren Studium wohl eine spezialistische 
Bearbeitung erforderlich macht, um so mehr als dies Kapitel aus 
dem Rahmen unserer Zusammenstellung herauställt, ist die Dar- 
brinsuno der äußeren Geschlechtsteile. \'ielleicht genügt diese An- 
regung, um die Klärung mancher noch oftenen Fragen aut diesem 
Gebiete in die Wege zu leiten. 

Was zunächst die Darbringung von Köpfen betrifft, so wird 
in der überwiegenden Mehrzahl nur die Vorderseite des Koptes 
geweiht. Es liegt das aber, wie mir scheint, in der Technik dieser 
meist aus Terrakotta bestehenden Waren begründet, welche hohl 
waren und hinten eine Öse trugen zum Authängen. Auch die 
größeren Figuren sind so gearbeitet, daß die hintere Fläche unaus- 
geführt und flach erscheint, damit sie weniger Platz einnehmen. 



') Ludwig Stieda, Anatomisches über altitalische Weihgeschenke. Wiesbaden 1901. 
2) Alexander, Zur Kenntnis der etruskischen Weihgeschenke. Bonnet-Merkels anat. 
Hefte 1905. 



EXVOTOS. 



l8l 



Meist hat übrigens die hintere glatte Fläche ein kreisrundes Loch. 
Man wird nicht fehlgehen, wenn man einen Teil der Köpfe, deren 




> 



ta 



Hals nicht glatt abgeschnitten ist, sondern Bruchstellen aufweist, 
als Fragmente von größeren Weihgeschenken ansieht. Ein Blick 



l82 



EXVOTOS. 



auf die Kollektion verschiedener Donarien aus dem Heilbezirke der 
Diana am Nemisee (s. Fig. ^)) illustriert diese Ansicht. Mir fiel 
aber unter den auf langen Regalen in Neapel, Rom und Florenz 
aufgestellten Gesichtern das Überwiegen der weiblichen Köpfe auf, 
die sich zum Teil durch künstlerische und gekünstelte Haarfrisuren 
auszeichneten. 

Unsere Abbildung (s. Fig. 96) zeigt einen halben männlichen 

Kopf aus der Gegend von 
Tegea. Welche Krankheit 
insbesondere mit dieser Gabe 
gemeint war, ist ungewiß, 
wenn man nicht zu allge- 
meinen Koptschmerzen oder 
anderen nervösen Zuständen 
rekurrieren will. Jedentalls 
ist es auttällig , daß neben 
der Unmasse von einzelnen 
Ohren, Augen, Lippen, Na- 
sen — ja selbst vereinzelter 
Haarschmuck kommt vor — 
noch halbe und ganze Ge- 
sichter geopfert wurden. 
Neben den paarweise ge- 
weihten Augen finden wir 
auch einzelne. Dann liegt 
es wohl nahe , weniger an 
Sehstörungen zu denken, als an eine vielleicht äußere Erkrankung. 
Wir werden jedoch bei der Betrachtung der Skulptur der Blindheit 
einen interessanten gegenteiligen Fund machen können. 

Stieda nimmt an, daß die Gesichter manchmal porträtähnlich 
gewesen seien; das ist sicher vielfach der Fall ; doch daß dies nicht 
die Regel war, dafür spricht die Auffindung von Preßformen und 
die Tatsache der labrikmäßigen Herstellung. Wenn wir nun außer- 
dem die Tatsache nicht außer acht lassen, daß solche Köpfe und 




Orig.-Aufii . Berlin, Museum. 

Fig. 96. Halbkopf (Porträt) mit Untersatz. 



KOPFE. HÄNDE. 



183 



Gesichter auch an solchen Kultstätten sich massenhaft linden, die 
überhaupt keinen Heilcharakter hatten, so erscheint es immerhin 
möglich oder sogar wahrscheinlich, daß man beim Tempelbesuch 
sein angebliches Porträt als acte de presence zurückließ. Ein Vor- 
gang, der gewissermaßen dem heutigen Einschreiben in das Fremden- 
buch wesensverwandt ist. 

Hände gibt es in einer derartigen Menge, daß mehrfach die 
Vermutung ausgesprochen wurde, ob hier nicht vielmehr eine Sitte 




Phot. Alinari. 

Fig. 97. Schiffsbekleidung. ßronzehand mit noch daranhaftender Schiffswand. 

Aus dem Nemisee. 

plastische \'erkörperung gefunden hat, die wir auch zu anderen 
Zeiten unter anderen Völkern kennen lernten. Ich denke zunächst 
an das Schwurmotiv; sicher hat das Geltung für die rechten Hände 
mit flektierten vierten und fünften Fingern. Doch gibt es auch viele 
linke Hände in verschiedenen zum Teil noch unaufgeklärten Stel- 
lungen der Finger. Felix Regnault bildet eine Reihe von Hand- 
stellungen ah, die er als Krankheitsdarstellungen anspricht^). Ein 
anderes Motiv für Handbildung ist die Ableitung des bösen Blicks. 



') Felix Regnault, L'homme prehistorique 1910 Nr. 11, Les Exvotos pathologiques 
romains. 



i84 



EXVOTOS. 



Noch heute wehen solche ausgespreizten Hände die Orientalen in 
ihre Teppiche. Ohne weitere Erklärung und Unterstützung würde 
man sicher die schöne Hand- und Armskulptur (s. Fig. 97) für 
ein \'otiv ansprechen. Es ist aber ein Abwehrmittel gegen Gefahr, 
angebracht an dem Schiffsrumpf, ähnlich wie die großen Marmor- 
augen, die man in Piräus fand. Auch die Darbringung von l'üßen 
muß eine Einschränkung erfahren hinsichtlich ihres medizinischen 
Interesses, denn wir wissen, daß man den Göttern vor oder auch 
nach einer großen Reise solche weihte. Die Handstellungcn sind 
von den Bearbeitern vielfach falsch gedeutet; so ist mit Sicherheit 
die mehrfach sich wiederholende Pose der Berührung der flektierten 
Finger mit dem Daumen nicht, wie Regnault es will, auf die 

Stellung bei Paralysis agitans 
zu bezichen, sondern als Aus- 
druck einer beabsichtigten und 
irüher deutlichen Fingersprache. 
Wir müssen eben die Zeichen 
einer solchen kennen, wenn 
wir die reinen Krankheitsex- 
votos von Darstellungen aus an- 
deren Vorstellungskreisen unter- 
scheiden wollen (s. Fig. 98). W'n haben schon daran erinnert, 
daß die ausgestreckte rechte Hand mit dem eingezogenen vierten 
und tüntten Finger, von den altorientalischen Völkern angefangen, 
der- Ausdruck einer Schwurstellung ist. Der Gestus wurde später 
der Ausdruck des priesterHchen Segens in der katholischen Kirche, 
während der z. B. jüdische Priestersegen mit median geteilter und 
gespreizter Hand ausgeführt wird. Der allein ausgestreckte Zeige- 
finger oder die Berührung der Spitzen von Daumen und Zeige- 
finger galt als Abwchrmittel gegen den bösen Blick, die jettatura. 
Der mittlere Finger hatte bei (jriechen und Römern eine unan- 
ständige Bedeutung (digitus infamis). Jemandem den Mittelfinger 
zeigen, war ein böser Schimpf. Eine noch charakteristischere und 
auch heute noch deutliche Geste bestand darin, daß man den 




Orig.-Aitfji. Neapel, Etrusk. Saininl. 

Fig. 98. Votivhand. 



FINGER. 185 



Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger der geschlossenen Hand 
durchsteckte. Diese Fingerstellung heißt seit alters die Feige und 
erklärt dies sich ungezwungen daraus, daß sowohl das altgriechische 
sykon, wie auch das italienische Fica noch die andere Wortbedeutung 
hat. Auch diese Gebärde — wie alle manuellen Genitaldarstellungen 
— besaß eine mächtig abwehrende Kraft und schloß gleichzeitig den 
Ausdruck höchster Beschimpfung in sich. Der Hamburger Augen- 
arzt S. Seligmann') erzählt nach Sueton in seiner so überaus 
mühevollen und fleißigen Arbeit, daß Kaiser Caligula seine, in der 
Stellung der Fica zusammengeballte Hand den Gardetribunen zum 
Handkuß reichte, um sie wegen ihrer Feigheit zu beschimpfen. 
Meist machte man diese Bewegung in der Tasche oder unter dem 
Mantel, um den bösen Blick zu lähmen. Ich entnehme Selig- 
manns Werke den Bericht, daß noch der König Viktor Emanuel 
in der Schlacht bei Solferino ostentativ diese Geste machte, um sein 
Heer zu schützen. Die manofica war jedenfalls ein in Elfenbein, 
Silber und Gold gearbeitetes beliebtes Amulett; noch Abraham 
a Santa Clara sah auf dem hohen Frauenturm in Ingolstadt »ein 
großes Stück, worauf ein Feigen gemacht, das ist ein Daum zwischen 
den zweien ersten Fingern«. Wir erwähnten ferner in der »Karikatur 
und Satire« ein Kanonenrohr, dessen Kopfstück in diese Geste ausläuft 
(Abbildung s. Floß)'). In Neapel und in der Dresdener Sammlung 
sahen wir eine Reihe von Beweisstücken dafür, daß der antike Aber- 
glaube noch eine Verbindung des phallus mit der manofica schul. 
Die Wirkung einer solchen Kombination konnte nicht ausbleiben. 
An dieser Stelle müssen wir noch die »panth eistischen« Hände 
erwähnen, welche die Wirkung der verderblichen Faszination ver- 
hindern sollten. Eine solche Amuletthand zeigt an ihrer Basis vielfach 
die Fisur einer säugenden Mutter, Beweis dafür, daß in erster Linie 
ein junges Leben vor schädlichem Einfluß bewahrt werden sollte. 
An solcher Votivhand finden wir die Embleme der einzelnen Götter 
an den Fingern und an der Handfläche verteilt. Der ganze Olymp 



') S. Seligmann, Der böse Blick und Verwandtes. Herrn. Barsdorf, Berlin 191 o. 
2) H. Floß, Das Weib in der Natur und Volkskunde, 1902, Bd. I, S. 685. 



l86 EXVOTOS. 



drängt sich so auf einer Hand zusammen. Dieselbe Vereinigung 
der verschiedensten Amulette linden wir noch auf den sogenannten 
Amulettschüsseln. Das sind Teller, auf die eine s:anze Sammlung 
von Amulettkörpern gelegt ist. Unter den Handverzierungen er- 
kennen wir mit Vorliebe Porträts von Göttern, namentlich des 
Sarapis, meist aber vertritt das charakteristische Attribut die Gottheit 
selbst. Die Wünschelrute des Hermes, die Zange des Hephaistos, 
der zweihenkelige Kantharos des Dionys, das Füllhorn der Tvche, 
die Ähren der Demeter und die Schlange des Äskulap oder auch der 
Athena bilden den Dekor der Hand. Diese »plastischen Tätowie- 
rungen« verraten übrigens in den mir bekannt gewordenen Exem- 
plaren, die aus dem verschiedensten Material gearbeitet waren, nur 
einen geringen Kunstwert und stammen wohl aus späterer Zeit; es 
gibt auch ganz kleine Hände dieser Gattung, die selbst wieder als 
Amulett getragen wurden. 



SKELETT. 

Diese Gruppe ist von Stieda statuiert worden wegen eines 
Brustkorbes, der sich in den vatikanischen Sammlungen befindet 
(s. Fig. 99), und der insofern ein Unikum ist, als andere Knochen- 
teile wohl schon deshalb als Weihgeschenke nicht in Betracht 
kamen , weil man über isolierte Erkrankungen solcher keine in- 
timere Kenntnis hatte; wenn jemand ein Glied brach oder sonst 
eine schwere Verletzung des Knochens erlitt, so war es natürlich 
sinngemäßer, den ganzen Körperteil mit den Weichteilen als den 
Knochen isoliert zu opfern, von dessen Aussehen man keine richtige 
anatomische Vorstellung hatte. Die Auffassung, in diesem Marmor- 
stück keinen eigentlichen Votivgegenstand zu sehen, liegt ziemlich 
nahe. Welche Krankheit sollte auch der Opferer dieses Brust- 
kastens gemeint haben ? Woher der Gegenstand kommt, verschweigt 
der Katalog. Bisher hat niemand mit dem Stück etwas Richtiges 
anfangen können. Es steht neben einer anderen Marmorskulptur, 
die, nach der Arbeit zu schließen, sicher aus etwas späterer Zeit 



KNOCHENGERÜST. 



i8' 



datiert, und die einen geöffneten Körper darstellt mit einem Ein- 
geweidesitus. Obwohl wir diesen letzteren Gegenstand traglos zu 
den Donarien rechnen müssen, sträubt man sich, dies von dem 
Knochengerüst anzuerkennen. Wir finden im Gegensatz zu dem 
handwerksmäßigen Schematismus anderer Organdonarien bei dieser 
Arbeit das offenbare Bestreben nach wissenschaftlicher natur- 
getreuer Bearbeitung, und man hat sie deshalb auch als anatomi- 
sches Präparat angesehen. Man 
hat sich dabei auf die Diskussion 
eingelassen, ob man hier drei- 
zehn Rippen statuieren, oder ob 
man die erste Rippe als Schlüssel- 
bein ansehen soll. Es scheint 
mir diese Kontroverse im Hin- 
blick auf die absolut fehlerhafte 
Stellung der Rippen, die alle 
treppenartig verlaufen, indem die 
Einzelrippe in ihrem architek- 
tonischen Bau gänzlich verkannt 
und falsch befestigt ist , und 
ferner unter Berücksichtigung der 
falschen Insertion der unteren 
Rippen an das Sternum ziemlich 
überflüssig. Die ganze fleißige 
und genaue Arbeit lehrt, daß sie 
die Kenntnisse einer Zeit wieder- 
gibt, in der die Ivnorpelerhaltung und der komplizierte Bau der 
unteren Rippenapertur noch unbekannt war. Die Hinterfläche des 
Marmors ist nicht bearbeitet und macht einen rohen Eindruck. Es 
könnte nun jemand, der, wie Stieda, das Stück für jüngeren 
Datums hält, annehmen, daß es auch aus einem Sepulkralmonument 
herausgebrochen sei. Ich bin sogar in der Lage, für diese An- 
schauung, resp. für deren Möglichkeit das Monument des Dom. 
Bertini da Gallicano aus Lucca als Unterlage anzuführen (s, Fig. loo). 




Oi'ig -Atifn. Rom, l'aiihau. Satnwlntig 

Fig. 99. Marmorvotiv. 



i88 



EXVOTOS. 



Hier finden wir als architektonische Stützen die Wirbeisäule mit 
den beiden auseinander gelegten und umgekehrt vereinigten Becken- 
knochen, sowie zwei mit Schädeln verwandt. Dabei zeichnet sich 
die Bildung aller Knochen durch ungewöhnliche Naturtreue aus. Das 




rhoi. Aliiiari. 

Fig. 100. Grabmonument des Dom. Bertini da Gallicano aus Lucca. 

Denkmal stammt aus dem Jahre 1479. Daß es nicht besonders un- 
gewöhnlich war, Teile des Knochengerüstes architektonisch zu ver- 
wenden, das beweisen u. a. auch manche bildliche Darstellungen aus 
jener Zeit, siehe z. B. »Der Triumph des Todes« von Burgkmair^). 

'j Abbildung bei Holländer, Die Karikatur und Satire in der Medizin. Ferd. Enke 
1905, S. 23. 



KNOCHEN. 189 



Mir scheint aber diese Annahme gesucht. Ich glaube, daß es mit 
Sicherheit ein Weihgeschenk ist und aus dem Äskulaptempel von 
der Tiberinscl herstammt, wo es offenbar aufgestellt war, nicht als 
Exvoto eines Kranken, sondern als Geschenk eines Arztes. Wir 
wissen, daß die Ärzte zweimal im Jahre dem Asklepios Optcr dar- 
brachten, und daß auch die Stadtärzte, sei es aus Dank für gelungene 
Kuren, vielleicht auch aus Reklame, Weihgeschenke aufstellten. Hier 
hat offenbar das Weihgeschenk des Hippokrates, das berühmte Ske- 
leton in Kos, mit Wahrscheinlichkeit eine Nachahmung gefunden. 




yhct. Aliuari. Rom. Villa dt PiZpa Giitlio. 

Fig. loi. Griechisches Tongefäß in Astragalenform. 

Einzelne Skeletteile gehören sonst als Weihgeschenke zu den 
größten Seltenheiten. Ich habe nur einen Unterkiefer gefunden 
mit Andeutungen von Zähnen. Derselbe befindet sich im römischen 
Thermenmuseum. 

Hierher können wir noch den schön bemalten tönernen Astragalus 
des Museums in Villa Giulia rechnen. Derselbe zeigt, wie unsere 
Abbildung lehrt (s. Fig. loi) genau die äußeren Formen dieses im 
Altertum zum Knöchelspiel verwandten Fußknochens. Es handelt 
sich vielleicht um eine Weihgabe wegen besonderen Glückes im 
Spiel, vielleicht aber wurde auch aus anderen Gründen die bizarre 
aber im Altertum jedermann geläufige Form des Gefäßes gewählt. 



190 



EXVOTOS. 



EINGEWEIDE. 

Es bedarf keiner besonderen Motivierung, daß Arzt und Natur- 
forscher den antiken bildlichen Darstellungen der Eingeweide ein 
besonderes Interesse entgegenbringen werden. Da uns antikes Illu- 
strationsmaterial der medizinischen Klassiker nicht erhalten ist, ab- 
gesehen von den spärlichen Beigaben und Rekonstruktionen in 
späteren Manuskriptabschriften'), so ist für das Studium der antiken 
Anatomie derartiges in Stein gehauenes oder sonstwie plastisches 
Material Gewinn. Obwohl die Alten ihre Kenntnis der mensch- 
lichen Eingeweide auf keinen Fall auf Grund svstematischer Sektionen 
erworben haben, so war man doch einigermaßen orientiert, teils 
durch gelegentliche Beobachtung bei Verletzungen und am Kranken- 
bett, teils durch den korrespondierenden Beiund bei Tieren; hier 
lehrte wieder die tägliche Erfahrung beim Schlachten oder die ziel- 
bewußte Untersuchung der inneren Teile durch die Tierschau. Es 
ist klar, daß die Tätigkeit der Haruspices das Interesse der Bevölke- 
rung lür das Aussehen des inneren Tierkörpers frühzeitig erregen 
mußte. 

Die Anatomie des Corpus hippocraticum basiert zum Teil auf 
Hypothesen, Zufällen, Befunden und Zergliederungen von Tieren. 
Die Annahme einiger Autoren, daß menschliche Sektionen vor- 
genommen wurden, erscheint allgemein als abgetan. Auch Aristoteles 
hat sich wesentlich aus der Anatomie des Tieres Rat geholt. Er 
kennt zwar beim Menschen die einzelnen Organe, ist aber z. B. 
über den Zusammenhang von Lunge und Herz vollkommen im 
unklaren. Er erwähnt das Zwerchfell, Leber, (Gallenblase, Nieren- 
becken, Harnleiter, Harnblase und Hoden. Er beschreibt noch die 
Gebärmutter als zweihörnig und kennt nicht ihre Adnexe. Erst 
bei den Alexandrinern sind Leichensektionen, welche sich allerdings 
auf die Eröffnung der Bauch- und Brusthöhle beschränkten, sicher- 
gestellt. Die anatomischen Schriften des hervorragendsten dieser 



') über die anatomischen Abbildungen in den antil<en Handschriften , so z. B. bei Ari- 
stoteles, siehe bei Robert v. Tüply, Geschichte der Anatomie im Handbuch von Th. Pusch- 
mann, S. 191. 



EINGEWEIDE. 



191 



Alexandriner, Herophilos, sind verloren gegangen. Er hat aber, 
wie wir dies durch seine Nachfolger erfahren, sich hauptsächlich 
mit dem Nervensystem, der Eingeweidelehre und den Blutgefäßen 
beschäftigt. Die Anatomie des Galenos basierte auf den Unter- 
suchungen der Alexandriner des 2. Jahrhunderts. In der Beschreibung 
der Geschlechtsteile hält Galenos allerdings noch an der Ansicht 
des Aristoteles von der Zweihörnigkeit des Uterus fest und behauptet, 
daß die rechte Kammer für die männlichen, die linke für die weib- 
lichen Erüchte reserviert sei. Aber mit ihm ist ein Hochstand in 
der griechischen Anatomie erreicht, der über 1000 Jahre, bis zur 
Renaissance der Anatomie, für die wissenschaftliche Welt Richt- 
schnur war. 

Diese kleine historische Überlegung ist namentlich im Hinblick 
auf die plastische Darstellung der Votivgebärmutter von Wichtigkeit. 
Denn es zeigt sich hier eine ganz auffallende Dissonanz zwischen 
der antiken wissenschaftlichen Anatomie und der Volksanatomie im 
weiteren Sinne. Diese Unstimmigkeit hat den ersten Bearbeiter 
dieser altitalischen Weihgeschenke Ludwig Stieda') veranlaßt, die 
massenhaft in Italien vorkommenden tönernen Gebärmütter für die 
Vagina zu halten, nachdem er gründlich die übrigen Ansichten der 
Autoren, die diesen Körper für den Uterus oder einen Uterusvorfall 
(Neugebauer) halten, diskutiert und dann verworfen hat. Von allen 
Donarien sind diese »Uteri« genannten Körper am häufigsten. Das 
Gemeinsame ihres Äußeren ist ohne jeden Zweifel die ungefähre 
Kontur eines vergrößerten weiblichen Gebärmutterkörpers. Es findet 
sich bei allen ein plattes halbkugliges Gebilde, welches in einen Hals 
ausläuft (s. auf Eig. 93). Die Oberfläche desselben zeigt Wulstungen. 
Diesen gemeinschaftlichen Eigentümlichkeiten steht in erster Linie 
die Verschiedenheit der Größe, sodann aber namentlich die variierende 
Beschaffenheit des Halsteiles gegenüber. Die Größe wechselt von 
ungefähr Eaustgröße bis Eußgröße. Bei diesen letzteren muß man 
natürlich an die schwangere oder puerperale Eorm denken. Die 
-Behandlung des Halsteiles aber geschah unter der allerverschieden- 

') L. Stieda, Anatomisch-archäologische Studien, Bd. 15 i6. Wiesliaden 1901. 



192 



EXVOTOS. 



artigsten Formgebung. Wir finden da in der Regel als Grundtorm, 
daß die parallel laufenden Querfalten des Körpers hier in einen 
ringförmigen Wulst enden. Das Innere dieses Ringwulstes ist häufig 
einfach geschlossen. Oft aber ist auch hier eine Höhlung in den 
Ton eingegraben, so daß man dadurch die deutlichere Vorstellung 
eines Hohlorgans bekommt. Ich sah dabei viele solche Votiv- 
körper, bei denen diese Öffnung in zwei Teile geteilt war; auch 
Regnault') bildet einen solchen Körper ab. Diese von den 
meisten Autoren richtig als Muttermundsöffnung angesprochene 
Formation zeigt je nach den natürlichen Veränderungen gelegentlich 
eine punkt- oder schlitzförmige Öffnung, oft aber auch eine größere 
klaffende Spalte, wie nach einem Geburtsakt")- Auf diese Weise 
gestaltet sich dann die Formation der vorderen und hinteren Lippe 
verschieden. Regnault bildet eine ganze Skala solcher Orificia 
externa der tönernen Gebärmütter aus der Capuaner Gegend ab. 
Von den krankhaften Veränderungen, die er selbst daran zu er- 
kennen glaubt, erscheinen mir die beiden rundlichen Cysten der 
hinteren Muttermundslippe noch am ehesten als solche annehm- 
bar. Curat ulo hat solche Weihkörper gesehen, welche bicorn 
sind. Die Erklärung des römischen Gynäkologen, daß ein solcher 
Doppelkörper von einer Frau geweiht sei, die glücklich von einem 
Zwillingspaar entbunden wurde, notiere ich, ohne diese Behauptung 
unterstützen zu wollen. Die beiden Abbildungen solcher Gebär- 
mütter, welche von der Tiberinsel stammen und von Curatulo 
in seinem Buche abgebildet wurden, zeigen uns diese Variante des 
Gebärmutterhalses. Das auffallendste an dieser Körperbildung sind 
die Querfalten; diese sind auf der Abbildung (Fig. 102) deutlich 
sichtbar. Wir erkennen auch, daß der Körper meist auf einer 
Unterlage modelliert ist, so daß nur die Hallte körperlich er- 
scheint; einen beiderseits bearbeiteten Uterusvotivkörper habe ich 
nicht gesehen, kür die Querfalten findet Stieda keine passende 
Deutung. Dieselbe scheint mir aber doch auf der Hand zu liegen. 



') Felix Regnault, Las Exvotos pathologiques romains. L'homme prchistorique 1910, 
-) Besonders auffallendes Exemplar in der etrusk. Sammlung des Neapler Nat. -Museum. 



GEBÄRMUTTER. 



193 



Es ist von mehreren Autoren darauf hingewiesen, daß der so 
häufig voriiommende Gebärmuttervorfall namentlich nach Geburten, 
welche Dammrisse veranlaßten, eine naheliegende Möglichkeit ergab, 
das Organ zu sehen und abzufühlen. Bei einem solchen Vorfall 




L'rt^.-An/n. Florenz, Etrusk. ^fiiscjun. 

Fig. 102. Frauenleib mit Uterus und Adnex. Terrakottavotiv. 



aber präsentierte sich der Körper nicht mit seinem glatten Peri- 
tonealüberzuge, sondern mit den Wulstungen der Vagina. Doch 
diese Erklärung erscheint mir für die naive Auffassung des Volkes 
viel zu wissenschaftlich und zu gesucht. In dem Welligen, Ge- 
streiften suchte der Volksplastiker seinen Abnehmerinnen die Vor- 

Holländer, Plastik und Medizin. ^J 



194 



EXVOTOS. 



Stellung von der Kontraktilität des Organs nahezubringen. Im 
ausgedehnten gefüllten Zustande war der Körper glatt, nach Ent- 
leerung aber der Frucht mußte er sich einer naiven Auflassung 
entsprechend unter Faltenbildung zusammenziehen. Die Schwie- 
rigkeiten, welche Stieda in der Deutung des Uterus findet, ent- 
stammen zum Teil auch daher, daß er den von Bartels zitierten 
und skizzierten Florentiner Torso nicht aus eigener Beobachtung 
kennen gelernt hat. Denn mit der Betrachtung dieses seltenen 
Stückes schwinden alle Zweifel über die Bedeutung der Streifenkörper. 

Es ist hier ein weiblicher Unter- 
körper ziemlich roh und unge- 
schickt modelliert (s. Fig. 102). 
Deutlich ist die Vulva mit Me- 
dianspalte markiert. In ungefährer 
Höhe zwischen Nabel und Yuha. 
eingebettet liegt dann erst dieser 
Streifenkörper. Das kann nur die 
Gebärmutter sein ; hätte der Bild- 
ner die Scheide zur Darstellung 
bringen wollen, so hätte er sie 
in Kontinuität mit der \'ulva mo- 
delliert. Die Unmasse solcher 
Votivkörper spricht außerdem aber 
auch noch ein deutliches Wort. 
Die äußeren weiblichen Genitalien als Exvotos kommen relativ 
selten vor, wir sahen sie in Griechenland als Weihgeschenke von 
Hetären an Aphrodite. Wir finden sie gelegentlich in ähn- 
licher Form auch in dem etrusko-latinischen Kreise (s. Fig. 103). 
Die inneren weiblichen Organe aber mit dem ewigen Wechsel und 
den ewigen Störungen ihrer Funktion gaben von jeher die häufigste 
Gelegenheit für Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen und 
damit für Gelübde. Und gerade das scheue weibliche Geschlecht 
wandte sich damals in erster Linie an die offenen Heilstätten und 
Tempel der Götter, da der Besuch beim Spezialarzt für Frauen- 



Ro7ii, Museum in Villa Giulia. 

Fig. 103. Vulva. Terrakottavotiv. 



OVARIUM. 



^95 



leiden noch nicht zu den tägHchen Gewohnheiten einer feinen 
Dame gehörte. 

Scheint so dieser innere Körperteil der Frau vom medizinischen 
Standpunkt sichergestellt, so ist das in viel weniger einwandfreier 
Form von dem Körper der Fall, welcher sehr häutig in ungefährer 
Mitte des Fundus dem Uterus anliegt. Meiner Schätzung nach 
kommt dieser Nebenkörper ungefähr nur in einem Dritteil der von 
mir gesehenen Fälle vor (s. auch Fig. 93 u. 102). Bei der Er- 
klärung dieses Körpers befinden wir uns wiederum in einer Schwie- 
rigkeit und im Gegensatze zu den historisch überlieferten Kennt- 
nissen der antiken Griechenanatomie. Die Darstellung dieses 
rundlichen oder olivenartig geformten Nebenkörpers variiert da- 
durch, daß derselbe entweder mit oder ohne Verbindung zu dem 
Uterushalse zur Darstellung kommt. Meist allerdings sehen wir 
seine Verlängerung bis an den Rand des Orificiums herantreten. 
Hat aber der Keramiker an dem Muttermunde eine zentrale Öfinung 
angebracht, so habe ich keinen einzigen dieser Nebenkörper beob- 
achtet, welcher entweder in dieses Loch einmündet oder selbst eine 
Öffnung oder Delle hat. Diese sichere Beobachtung spricht schon 
ein gewichtiges Wort gegen die Auffassung, daß es sich um die 
Blase handeln könnte, wie Stieda meint. Denn es erscheint mir 
vom Standpunkt des naiven Spenders tür ausgeschlossen, daß der- 
selbe eine geschlossene Wasserblase in den Tempel tragen würde. 
Hatte er mit der Blase Schwierigkeiten, so werden diese in den aller- 
meisten Fällen wohl in der Entleerung des Wassers bestanden haben 
und er wollte auch am Votiv eine Öffnung sehen. 

Zu dieser Überlegung kommt noch die Erfahrung, daß der 
Nebenkörper auf beiden Seiten der Gebärmutter vorkommt, aller- 
dings immer einzeln. Eine Gebärmutter mit zwei Nebenkörpern 
ist mir nicht zu Gesicht gekommen. Curätulo hält diesen Neben- 
körper für den Eierstock. Stieda weist darauf hin, daß unter der 
Voraussetzung, daß die Alten die Bedeutung der Ovarien und ihre 
Beziehungen zum Uterus gekannt hätten, sie dann zwei solcher 
Nebenkörper hätten darstellen müssen. Er hält demnach diesen 



196 EXVOTOS. 



Körper, in konsequenter Auffassung des Hauptkörpers, als Scheide 
für die Blase. Wenden wir uns nun wiederum zur Auflösuno- 
dieses anatomisch-historischen Rebusses an die Florentiner Figur, 
so gibt diese uns wiederum eine, wie mir scheint, ziemlich exakte 
Antwort. Auf der Skizze, die Floß in seinem Werke gibt, fehlt 
dieser Nebenkörper, der in Wirklichkeit aber in besonders schöner 
Form zur rechten Seite des Streifenkörpers sich befindet. Es wäre 
eine Unmöglichkeit, die Wasserblase in dieser Weise zu schildern 
und dieselbe mehr als handbreit oberhalb der Vulva endigen zu 
lassen. Wir müssen also wohl oder übel diesen Nebenkörper als 
Adnex auttassen, obwohl uns die literarische Hinterlassenschaft der 



Griechenärzte in dieser Überlegung nicht unterstützt. Aristoteles 
scheint die Adnexe noch nicht gekannt zu haben, während Hero- 
philos, der Alexandriner, mit dem verschiedenen Verhalten des Gebär- 
mutterhalses auch der Eierstöcke und der Muttertrompeten Erwäh- 
nung tut. Der eigentliche Entdecker der Tuben, die dann 1330 
der Italiener Falloppia von neuem fand, war, wie Galenus be- 
richtet, der zu Aristoteles' Zeiten lebende Philotimos (290 v. Chr.). 
Bei diesen Überlegungen dürfen Avir aber nicht aus den Augen 
lassen, daß es sich schließlich hier um anatomische Vorstellungen 
der Etrusker gehandelt hat, deren Bildungsgrad uns ausschließlich 
aus ihrer sepulkralen Hinterlassenschaft bekannt wurde. Aus dieser 
aber dart, wie überhaupt aus Gegenständen religiösen Kultes, kein 
Rückschluß gezogen werden auf die Höhe gleichzeitiger wissen- 
schaftlicher Erkenntnis. Wir dürfen nicht vergessen, daß es sich 
um Volksvorstellungen handelt, bei denen die Tradition eine do- 
minierende Stellung einnimmt; wir dürfen ferner nicht vergessen, 
daß diese anatomischen Kenntnisse sich auf Tierschau gründen; 
das gibt uns wiederum die Aufklärung, wieso nur eine Adnex 
dargestellt wurde, weil bei Tieren an jedem Hörn nur ein Eier- 
stock sich befindet; diese Tradition pfianzte sich fort auf die 
Erben der Etrusker, auf die Römer; als das große römische Reich 
längst in Trümmern lag, als andere religiöse Vorstellungen die 
Weit erfüllten, da spendeten die christlichen Römerinnen immer 



DARME. 



197 



noch die etruskischen Genitalien, deren Konturen in die Gestalt 
und die Vorstellung einer Kröte überflössen. 

Außer dem Uterus kommen vereinzelt noch andere Innenorgane 
vor, doch gehören sie dergestalt zu den Seltenheiten, daß in Samm- 




Orig.-Aiifti. , 1'1,'rcnz, Etrusk Museum. 

Fig. 104. Darm. Terrakottavotiv. 

lungen von vielen Hundert Einzelexemplaren sich nur einmal der eine 
oder andere Gegenstand dieser Art vorfindet. Als zweifelloses Ab- 
bild können wir da zunächst einen Kehlkopf mit Trachea aus dem 



^.^^^ 




Orig.-Aujn. Florenz, Etrusk. Mus. 

Fig. 105. Mastdarm. Terrakottavotiv (ca. Vs verkl.). 

Thermenmuseum anerkennen. Die Ringe der letzteren sind so 
charakteristisch, daß eine Verkennung ausgeschlossen ist. 

Der in der Villa di Papa Giulio bisher als Schlund mit deut- 
licher Bildung von Gaumen und Zäpfchen angesprochene Körper 
hat sich als Gußform einer säugenden Frau herausgestellt (Dr. della 



198 



EXVOTOS. 



f 



f 




Orig.-Anfn. 
Florenz, Etrusk. Mus. 

Fig. 106. Organexvoto. 



Seta). Das Zäpfchen war die Cäsur zwischen den Brüsten; ein be- 
achtenswerter Hinweis auf diagnostische Re- 
serve. Die Sammlungen zeigen lauter Varian- 
ten, weil wohl alle diese Körper ihrer einfachen 
Form wegen aus der Hand modelliert und nicht 
gepreßt wurden. Daher ihre Unterschiede in 
Form und Gestalt. Wie man heute bei den 
Wachsziehern Süddeutschlands und in den 
Juwelierläden Griechenlands und der Türkei 
immer wieder dieselben Glieder und Formen 
aus Silberblech findet, so in der antiken Zeit 
in den Töpfereien. Doch glückt gelegentlich 
der Fund eines außergewöhnlichen Stückes. So 
fand ich in Neapel, Rom und Florenz je einen 
meist auf flacher 
Unterlage aufliegenden beutelähn- 
lichen Körper, der sich nach einer 
Seite halsähnlich verjüngt. Der Aus- 
führungsgang macht regelmäßig eine 
Drehung und öffnet sich dann wieder 
zu w'eiterer Mündung. Charakteristisch 
ist, daß eine doppeltkonturierte Linie, 
die über den Hohlkörper verläuft, sich 
auf den Hals erstreckt. Nehmen wir i 
nun an , daß die von uns gezeigten | 
Abbildungen (s. Fig. 106, 107 u. 108) 
von den Originalien in Neapel, Rom 
und Florenz denselben Körper vor- 
stellen sollen , und daß der größere 
aus dem römischen Antiquarium nur 
ein besser und detaillierter ausgeführ- 
tes Exemplar ist , so können wir in der Deutung des Exvoto nur 
zwischen der gewollten Darstellung des Herzens oder der Wasserblase') 





Oi-ig.'Aji/n. Florenz, Elrusk. Mus. 

Fig. 107. Organexvoto. 



') Waldeyer denkt laut brieflicher Mitteilung noch an die Gallenblase. 



BLASE. 



199 



schwanken. Die von anderer Seite ausgesprochene Ansicht, daß 
es sich um das Slcrotum handele, können wir wegen des eigen- 
artigen Halsteiles nicht zu der unsrigen 
machen; auch spricht die sonst so häufige 
Darstellung dieses Teiles als Exvoto in 
Zusammenhang mit dem xMembrum da- 
gegen. Namentlich die Gefäßzeichnung auf 
der Figur mit ihrer Teilung, lerner auch 





Orig.-.Uifn . Florenz. 

Fig. 109. Etrusk. unbestimmbares Körpervotiv. 



/ ^ 



Orig.-Aitfii. Koin, Atitiqttariinn . 

Fig. loS. Organexvoto (Herz?). 



die weite, wie kollabiert aussehende Mündung erinnert entfernt an 
ein herausgenommenes Tierherz (s. Fig. 108). Wir haben dabei schon 
gezeigt, daß tür diese Darstellungen 
einer Volkskunst die kontemporäre wis- 
senschaftliche Kenntnis oder Unkennt- 
nis kein Kriterium abgibt. Geben die 
Abbildungen der Florentiner Exvotos 
(Fig. 104 u. 103) einen deutlichen Hin- 
weis dafür, daß hier Dünndarm und der 
innereMastdarm dargestellt werden sollte 
(der letztere in Anlehnung an einen prolabierten Pferdedarm), so geben 
uns die mehrfach vorkommenden Körper (s. Fig. 109 u. 1 10) ein voll- 
kommenes Rätsel auf. Ihre Fundstelle zusammen mit unzweifelhaften 




Orig . - A n/n . Flor et, 

Fig. HO, Votiv? 



200 EXVOTOS. 



Donarien sichert aber ihre allgemeine Stellung, aber welches Organ 
im besondern gemeint war, das können wir nur vermuten und raten. 



EINGEWEIDESITUS UND -TRAKTUS. 

Im Mittelpunkte des Interesses der anatomischen Weihgeschenke 
überhaupt stehen nun die Stiftungen, welche einen Eingeweidesitus 
oder Eingeweidetraktus darstellen. Also kein einzelnes Organ, 
sondern gewissermaßen die ganzen Eingeweide zusammen. Ludwig 
„<->-*>^:.^ Stieda, welcher diesen Dingen zuerst seine 

""'! Aufmerksamkeit widmete, unterschied be- 
^jÄ reits aus einem relativ kleinen Beobachtungs- 
material zwei Gruppen , die »Torsos mit 
Eingeweidedarstellungen« und die sogenann- 
ten »Eingeweidetafeln« mit der Unterab- 
teilung der sogenannten »Budelle«. Wir 
wollen zunächst der Zweckmäßigkeit halber 
bei dieser Einteilung bleiben und zur Cha- 
rakterisierung dieser bildlichen Darstellungen 
übergehen. Das Material ist in allen Fällen 
mit Ausnahme einer einzigen Marmorarbeit 
der gebrannte Ton. Die interessantere 
Fig. III. Eingeweidetorso. Gruppe kennzeichnet sich nun dadurch, daß 

Der H a 1 s t e i 1 dokumentiert das Exvoto. - i i i * i t» r /^ • -^ t 

em nackter menschhcher Kumpt (mit Vor- 
liebe ein weiblicher) oder auch ein mit dünnem (icwandc be- 
kleideter einen geöffneten Bauch oder auch Brustkasten zeigt und 
daß man in ihm Eingeweide zutage treten sieht. 

Die andere Klasse umfaßt solche Darstellungen übereinstim- 
menden Inhaltes und Materials, bei denen jedoch die Eingeweide- 
platte nicht auf einem Körper aufsitzt, sondern isoliert zur Dar- 
stellung kam. Das Beobachtungsmaterial hat sich mit der Zeit 
erheblich vergrößert. Außer den elf von Stieda untersuchten Ein- 
geweidekörpern konnte ich in den Bereich eigener Beobachtungen eine 
weitere Anzahl ziehen und mich gleichzeitig auf die Untersuchungen 




EINGEWEIDE. 



201 



der Madrider sowie der Capuaner Sammlung durch Regnault') und 
der des Museon Civico in Modena durch Gustav Alexander') 
stützen. Die für mich in der Beurteilung dieser Fragen ausschlag- 
gebenden Stücke befinden sich in der etruskischen Abteilung der 
Vatikanischen Sammlung und vor allem in der schönen Kollektion 
in Florenz. 

Die Anordnung der Eingeweide und ihre Anbringung an den 
Torsos ist eine verschiedene. Wir können die Beobachtung machen, 
daß die erhaltenen ganzen Figuren entweder den Eindruck machen, 
als wenn sie tatsächlich von Haus aus für 
diesen Zweck hergestellt sind, d. h. wir 
finden z. B. einen Oberkörper, bei dem 
der Halsteil schon den unzweifelhaften 
Beweis liefert, daß er als Exvoto gear- 
beitet ist. Als Beleg dafür betrachte man 
das Weihgeschenk aus dem Thermen- 
museum (s. Fig. in) oder die Stücke aus 
Modena. Auf der anderen Seite aber finden 
wir Statuen, die zunächst ihrem ganzen 
Habitus nach zu anderen Zwecken geformt 
waren und in die dann später die Ein- 
geweideplakette gewissermaßen eingelassen 
ist, ähnlich wie bei den anatomischen Buch- 
illustrationen des i6. Jahrhunderts. Den 
deutlichsten Hinweis auf diese Vorgeschichte solcher Statuen liefert 
die schöne Figur aus dem Nemisee (s. Fig. 93). Auf dieser näm- 
lich sowie auch aut zwei von Stieda abgebildeten Figuren tragen 
diese Statuen ein Gewand. Auf dieses Gewand ist dann einfach 
das Eingeweidevotiv angebracht. 

Die Öffnung zur Einsicht in die innerlichen Verhältnisse ist 
meistens in der Weise vorgenommen, daß eine eirunde schüsselartige 




Fig. 112. Eingeweidetorso. 

Der Körper abgebrochen. 



') F. Regnault, Les Exvotos pathologiques romains. L'homme prthist. iqio. 
') Gustav .■\ lex ander, Zur Kenntnis der etrusk. Weihgeschenke. Bonnet-Merkels 
Anatom. Hefte. 1905. 



202 



EXVOTOS. 




Fig. 113. Eingevveideplatte. 



Platte zur Aufnahme der Eingeweide- 
bilder angebracht ist. Doch wird auch 
. ^^^^ ein medaillonförmiger Ausschnitt be- 

t ^^^ obachtet. Dafür, daß das Eingeweide- 

~ ^^^^ medaillon den Körpern einfach aufmon- 

tiert wurde, spricht auch das unpassende 
Größenverhältnis, indem gelegentlich so 
durch ein zu kleines Medaillon die Brust- 
einseweide in den Bauch verlegt werden 
(wie bei der schönen Gewandfigur aus 
Veji, jetzt im Besitz von Geheimrat Veit) 
oder auch indem das Medaillon tür die 
Statue viel zu groß ist, wie bei 

dem Fundstück aus dem Zeus- v^ 

tenipel in Terracina (jetzt Ther- 
menmuseum, Rom). 

Zu der zweiten Art dieser 
Eingeweide übergehend, finden 
wir zunächst ziemlich häufig das 
isolierte Medaillon. Hierzu können 
wir nicht diejenigen Stücke rech- 
nen (s. Fig. 1 1 2 u. 1 1 3), bei denen 
der offenbar vorhanden gewesene 
Rumpf teilweise zerstört wurde, 
sondern wir meinen die von 
S t i e d a und später auch von 
Alexander nachgewiesene Form 
des reinen Medaillons. Die Dar- 
stellung desselben variiert in der 
Weise, daß wir auf diesen Ein- 
geweideplatten entweder den noch 
näher zu beschreibenden Ein- 
geweidetraktus (viscere) finden iv,v.-.^„/„. Fio,-e«,. 

... . . Fig. 1 1 4. Gurgel, Lungen und Eingeweide. 

oder aber isolierte Därme in einer Euusk. Terrakotta 




EINGEWEIDETAFELN. 



203 



besonderen Form (Budelle) (s. Fig. 113). Diese Platten lauten ge- 
legentlich wie die Hände in runde stumpfe Handhaben aus, um sie in 
ein Loch (eine Figur) hineinzustecken. Zu diesen bisher beschriebe- 
nen Formen kommt nun aber noch eine weitere, bisher nicht beach- 
tete Gattung hinzu, die ich zunächst in der Vatikanischen Sammlung 
sah, später auch in Florenz gleich in einer Anzahl von ca. 13 Hinzei- 
stücken entdeckte. Diese zeichnet sich dadurch aus, daß hier die 
ganzen Eingeweide nicht im Hochrelief auf einer Platte liegend 




Orig.-Ait/n. Rom, T/u 



rtneiinniseunt. 



Fig. 115. Darmschlingen (Terrakotta-Exvoto). 

plastisch hervortreten, sondern daß gewissermaßen von den in toto 
herausgenommenen Brust- und Baucheingeweiden ein Abguß gemacht 
wurde, der sich als Rundplastik gibt (s. Fig. 114). 

Wir kommen jetzt zunächst zu einer wenn auch oberflächlichen 
Betrachtung der anatomischen Darstellungen selbst. Da jedes ein- 
zelne Stück verschieden ist, so läßt sich nur im allgemeinen sagen, 
daß von irgendeiner genaueren Zeichnung menschlicher Verhältnisse 
keine Rede sein kann. Mit Bestimmtheit ist immer nur in dem 
oberen Schnittwinkel der rundliche, oft aus dem Thorax zapfen- 



204 



EXVOTOS. 



förmig herausspringende Körper als das Herz anzusprechen. Zu 
beiden Seiten erscheinen dann die Kanten der Lungenflügel, unter 
ihnen der Magen, oft zu beiden Seiten die Nieren, dann fast mit 
großer Regelmäßigkeit die Därme und im unteren Schnittwinkel 
oftmals die Blase. Die Topographie dieser Keramiken ist aber eine 
derartia; ungenaue und wechselnde, daß es uns nur im wesentlichen 

darauf ankommen kann, die 
Absicht der Darstellung des 
menschlichen Situs anzuerken- 
nen. Hin und wieder treut 
man sich an der ungefähren 
Richtigkeit der Magenform, der 
Xierenlage oder eines Darm- 
abschnittes. Es ist meines Er- 
achtens für die Erkenntnis die- 
ses interessanten Gegenstandes 
von Wichtigkeit, daß wir, wie 
wir später sehen werden, aus 
ihnen eine Gruppe isolieren 
müssen, bei der mit Absicht 
tierische Eingeweide gezeigt 
werden sollten. Daß auch bei 
den menschlichen »Viscere« 
tierische Verhältnisse Modell 
saßen, ist eine andere Sache. 
Unter den Eingeweideplatten 
zeichnen sich einige durch bessere Arbeit aus, so besonders das 
große Konvolut von Darmschlingen aus dem Thermenmuseum 
(s. Fig. 113), bei dem man doch den Eindruck nicht los wird, daß 
hier der Plastiker menschliche Verhältnisse gekannt und abgebildet 
hat. Unter den Einzelheiten, die besonders interessieren, erwähne 
ich den Torso aus dem Magazin des Nationalmuseums (s. Fig. 116), 
bei dem in der oberen Schnittapertur durchschnittene Rippen in der 
Wunde sichtbar sind. Ich erwähne ferner, daß in Modena ein 




Orig.-Au/n. Rom, Diocl. Thernwu . 

Fig. 116. Exvoto (Eingeweidesitus). 



EINGEWEIDE. 



205 




zweifellos kindlicher Eingeweidetorso von Alexander be- 
schrieben und abgebildet wurde. Zu diesen an den verschiedenen 
Plätzen Italiens, namentlich auf der Tiberinsel, in Veji, in Lavi- 
nium, im Dianaheiligtum von Nemi, im Zeustempel von Terracina, 
in Capua gefundenen Eingeweidekörpern kommt nun noch als 
bekanntestes und schönstes Stück der Marmortorso aus dem \'^atikan 
hinzu. Diese Arbeit hatte, als ich ■-'" ^ 

sie vormals unter all den Trümmern 
klassischer Schönheit neben dem be- 
reits erwähnten Brustkorb stehend, 
fand, ein solches Interesse, daß ich 
sie für die mediko-historische Ab- 
teilung des Kaiserin Friedrich- 
Hauses abgießen ließ. Nach die- 
sem Guß ist unsere Abbildung her- 
gestellt. Es muß nun zunächst 
betont werden, daß nicht nur das 
edlere Material dies Stück voll- 
kommen von den bisher erwähnten 
Donarien unterscheidet, sondern 
daß auch die vollkommenere ana- 
tomische Darstellung diese Leistung 
von den anderen abrücken läßt. Die 




Darstellung verrät bereits größere 



Orig-Aicftt, Rom, l'hL^rmfyutiusettm. 

Fig. 117. Eingeweidetorso. 



Kenntnis und zwar ist dasjenige 
Moment, welches als prinzipiell trennender Faktor gelten kann, 
von Stieda übersehen worden, trotzdem es im Museumskatalog 
besonders betont ist: das Zwerchfell. Es scheint, daß auch sonst 
dieser so genaue und objektive Forscher sich an seine überaus 
unzulängliche Photographie gehalten hat, welche die tatsächlichen 
Verhältnisse in den wichtigsten Punkten verdunkelt. Ein Blick auf 
unsere Abbildung zeigt, daß hier zum ersten Male die Brusthöhle 
von der Bauchhöhle durch das Zwerchfell scharf getrennt ist. Die 
Lungen sind kollabiert, das spindelförmige Herz tritt zwischen den 



206 



EXVOTOS. 



beiden Lungenhälften zutage und erinnert in seiner Form an die 
isolierten Exvotos (Fig. io8). Es springt nicht aus dem Körper 
lieraus wie auf den Fingeweidetorsos, bei welchen man unwillkür- 
lich an ein Mvisektionsbild denkt. Von der Leber sehen wir den 
kleineren linken Lappen, der rechte ist fast ganz weggebrochen. 




Orig.-An/it. Madrid. 

Fig. u8. Eingeweidetorso (Gegend von Capua). 

Die Leber reitet auf einem riesig großen geblähten Magen; in der 
linken unteren Hälfte erscheinen noch Darmschlingen. Aut der 
linken Seite beobachten wir drei, rechts nur zwei offenbar kolla- 
bierte Luna,eniiügel. Im oberen Ausschnitt sind eben noch die 
untersten Tracheairinge erkennbar. Herausgebrochen ist nichts, 
wie Stieda annimmt; Bruchstellen des Marmors in der Höhle sind 



MACHT DER TRADITION. 



207 



auf dem Abguß nicht bemerkbar. Alles in allem im Verhältnis 
zu dem Schematismus und der Naivität der anderen Donarien ein 
topographisch erheblich fortgeschrittenes Sektionsbild. 

Es wäre nun ein Zeichen kurzsichtiger Beurteilung, wenn wir 
allein aus diesen verschiedenwertigen anatomischen Darstellungen 
Rückschlüsse ziehen wollten auf die Kenntnisse der Anatomie zu 
damaliger Zeit, resp. wenn wir aus der bekannten und lixierbaren 
anatomischen Erkenntnis einen Rück- 
schluß machen wollten aut ein verschie- 
denes Alter und Herkunft dieser Donarien. 
Denn es muß gerade bei dieser Art re- 
ligiöser Darstellung als mächtiger und 
gebietender Faktor die Tradition in 
Rechnung gesetzt werden. Kraft dieser 
malen noch heutzutage russische Heiligen- 
maler religiöse Bilder im Stile von By- 
zanz; Jahrhunderte sind tür religiöse Ge- 
bräuche und Sitten nur ein Tag; und 
so müssen wir annehmen, daß das, was 
uns die italische Erde gleichzeitig wieder- 
gab, zeitlich doch Jahrhunderte ausein- 
anderliegt. Die Sitte der Weihgabe von 
Eingeweiden blieb bestehen ; sie wurde 
von den Etruskern übernommen, dann in 
den römischen und später in den christ- 
lichen Kult eingefügt. In erster Linie wurde der Äskulap damit 
geehrt, doch beweisen die Funde bei den Kultstätten anderer Gott- 
heiten, welche allerdings auch lokalen Heilcharakter trugen, daß 
diese Sitte sich verbreitert hatte. Wir können nach allem dem von 
dem Marmortorso annehmen, daß er aus späterer römischer Zeit 
stammt und im Heiligtum auf der Tiberinsel aufgestellt war. 

Von einer etwss abweichenden Eingeweideplatte des Berliner 
Museums habe ich immer angenommen, daß hier rein tierische 
Verhältnisse nicht nur porträtiert waren, sondern auch absichtlich 




Ori^. -All/n. nach Gif'iabgu/s. l'atili. Samml. 

Fig. 119. Eingeweidetorso. 
Antiker Marmor. 



208 



EXVOTOS. 



geschildert wurden (s. Fig. 120). Dafür sprach mit Sicherheit die 
Krümmung des Halsteiles. Dieses Stücl^ zeigt tatsächHch ziemHch 
schematisch die ganzen herausgenommenen Eingeweide eines kleinen 
Säugetieres vom Schlünde bis zum Alter. In anatomischer Be- 
ziehung ist die Lappenbildung der 
Lunge, der Übergang des Magens zum 
Darm und die Kloakenbildung inter- 
essant. Meine Vermutung, daß die- 
ses Objekt mit der religiösen Tier- 
schau etwas zu tun hat, hat sich durch 
das Studium ähnlicher Donarien aus 
dem Tempel der Dea Fortia in \'ol- 
sinii zur Sicherheit verdichtet. Es 
handelt sich wohl um die etruskische 
Fortuna in Bolsena, welche Stadt später 
ja durch das Wunder, mehr noch durch 
Raffaels Wunderbild der Messe be- 
rühmt wurde. In einem kleinen Gar- 
tenraum des etruskischen Museums 
in Florenz hat der gelehrte Direktor 
Milani Fundstücke vereinigt, die für 
unsere Fratre von lundamentaler Be- 
deutung sind. Auf dem heiligen an- 
tiken Boden bei Volsinii bestand 
offenbar ein besonderer Dienst für die 
Tierschau der Haruspices. In einem 
kleinen Tempelbau ist alles zusammen- 
gebracht, was man an Ort und Stelle 
auch zusammengefunden hat: eine 
ganze Serie von Bronzestatuen der Haruspices; ihr ganzes Instrumen- 
tarium fand man, eigenartige Opfermesser und beinahe moderne 
Kornzangen in Menge, um die Eingeweide hervorzuziehen. Auch 
der Altar fehlt nicht, auf dem geschlachtet wurde. Man fand 
ferner eine Reihe von Goldblättchen, in welche Augen eingraviert 




Ori_^.-.-hi//i. Bcrl. alt. Museum 

Fig. 120. Tierischer Eingeweidetraktus, 

Exvoto der Haruspices. 



WEIHGABEN DER HARUSPICES. 



209 



waren, meistens Einzelaugen, doch aucli solche in paarweiser An- 
ordnung; sicher keine Votivaugen im Sinne des Exvotos für Ge- 
nesung von Augenleiden, sondern Dank- oder Bittgesuche von 
Auguren für einen giinstigen prophetischen Blick. Um das Maschen- 
werk lückenlos zu gestalten, fand man ebendort eine Reihe von 
Eingeweidetraktus. Diese Einge- 
weide aus Terrakotta sind gewisser- 
maßen x\bgüsse der von Schafen 
und Ziegen stammenden inneren 
Organe ; solche werden namentlich 
zur Osterzeit in südlichen Ländern 
als billigere Ware an Stangen her- 
umgetragen und feilgeboten. Der 
Schlund und die Gurgel mitsamt 
der Luftröhre sind nun regelmäßig 
bei diesen Tiereingeweiden ähnlich 
wie bei der Berliner Platte herum- 
gebogen. Die körperliche Form 
bringt es aber mit sich, daß diese 
Biegung die Hauptachse der Einge- 
weide im Winkel trifft und so einen 
Traghenkel für das ganze Einge- 
weidepaket bildet. i\n einem Exem- 
plar beobachtete ich noch die unter- 
sten Rippen und die extraperitoneale 
Lage der Nieren. Im ganzen sind 
diese Donarien von ziemlich gleicher 
Größe, doch ist das im Museum 
selbst ausgestellte Stück doppelt so groß und besser ausgearbeitet 
wie die anderen') (s. Fig. 121). 

Es ist jetzt zunächst die für uns wichtigste Frage zu diskutieren, 
zu welchem Zweck und bei welcher Krankheit man die Viscere 
und Budelle opferte. Der Annahme, daß dies bei solchen inneren 

') Ähnlich gestaltete Exvotos befinden sich in dem etrusk. Zimmer der Vatikan. Sammlung. 

Holländer, Plastik und Medizin. "* 




Orig.-Aufn. Florenz, Etrusk iMiiseuiil. 

Fig. 121. Eingeweidetraktus. 



2 I O EXVOTOS. 



Krankheiten geschah, deren Sitz man selbst nicht diagnostizieren 
konnte, kann man mit dem einfachen Hinweis begegnen, daß in 
solchen Fällen die Weihgabe männlicher oder weiblicher Körper am 
Platze war. Ciiratulo behauptet mit Sicherheit, daß diese Art von 
Exvotos dazu bestimmt war, einen operativen Eingriff in der Bauch- 
höhle zu bezeugen. Und da in jener Epoche der Kaiserschnitt die 
einzige Veranlassung für eine Laparotomie war, so nimmt er an, daß 
diese eigentümliche Form von Weihgeschenken der glücklichen Über- 
stehung dieser schweren Operation zu danken sei. Der Hinweis auf 
den männlichen und den kindlichen Eingeweidetorso erledigt allein 
schon diese gewagte Hypothese. Außerdem widerspricht die von 
diesem Autor in seinem schönen Buche selbst gebrachte Abbildune; 
der durchschnittenen Rippen dieser Auffassung. Dann ist wieder be- 
hauptet worden, daß es sich um anatomische Lehrpräparate handeln 
könne und man berief sich auf das Geschenk des Hippokrates in 
Kos. Diese Annahme fällt aber für die etrusko-römischen Weih- 
geschenke deshalb weg, weil wir in diesen vielfach handwerksmäßig 



j^x-^^iiv.,.....^ ^.v,^.ji..... •> ^J,, vvv.ll vv 11 1.1 Vll^j^ll V 1V.111H.H IJCIIH.1 \V l.lI\0111tlUlg 

ausgeführten Tafeln höchstens einen ideellen Hinweis auf ana- 
tomische \'erhältnisse erblicken können und weil andererseits die 
Aufstellung dieser Weihgeschenke mit Sicherheit auch an solchen 
Plätzen nachgewiesen ist, wo von einer Aledizinschule keine Rede 
sein kann, wie z. B. in Nemi. Wenn wir uns nach einer einiger- 
maßen plausiblen Erklärung für diese doch in Wirklichkeit höchst 
eigentümlichen menschlichen Eingeweidevotive umsehen, so werden 
wir auf den richtigen Weg geführt durch die analogen Donarien 
der Haruspices. Wir müssen es als sichergestellt annehmen, daß 
diese Priesterklasse ihrer Göttin neben Weihgeschenken in Gold auch 
tönerne tierische Eingeweide schenkte. Es ist ja möglich, daß, 
da wir heute die technische Seite dieser Tierschau nicht mehr 
kennen, in der verschiedenen Topographie dieser Dedikationen Hin- 
weise auf einzelne wirklich beobachtete besondere Befunde enthalten 
sind. Doch wahrscheinlich war der Vorgang nicht so kompliziert 
und das Eingeweidevotiv war das ofhzielle Geschenk der Tier- 
schaufunktionäre an ihre Gottheit. Lst diese Auffassung richtig — 



WEIHGABEN DER HARUSPICES. 



211 



und das Studium der Milanischen Zusammenstellung zwingt zu 
solcher Anerkennung — , so haben wir damit die einwandsfreie 
Aufklärung gefunden für die korrespondierenden Weihgaben mensch- 
licher Eingeweidetorsos. Sie stellen \\\-i hgesch enke dar der 
Ärztekaste an ihren Heilgott. Das Vorbild der Haruspices 
für die Dea Fortia in Volsinii steht mit Bezug auf die Art der 
Weihgabe nicht vereinzelt da; wissen wir doch, daß z. B. die San- 
dalenmacher der Göttin »Blaute« Sandalen weihten in natura und 
in effigie. Wie kann es da wamdcrn, wenn Ärzte dasselbe taten und 
die Verkörperung ihrer Tätigkeit in den Tempel trugen. Von diesem 




Orig.-Au/ti. AtlifH, Schliemann-Sammlnng, 

Fig. 122. Darmschlingen. Exvoto aus Stein (gef. in Myl^ene). 

Standpunkte aus erklären sich meines Erachtens ganz ungezwungen 
diese in Ton und Marmor gearbeiteten Darstellungen des Körper- 
inneren, welche bisher den Ausgangspunkt für aberteuerliche Hypo- 
these bildeten. 

Es wäre nun aber falsch, diese Behauptung in der Weise zu 
verallgemeinern, daß wir alle solche Eingeweideplatten in diese 
Erklärung aufnehmen. Entsprechend der Erkrankung innerer Organe 
und ihrer Diagnose werden unter diesen Donarien natürlich auch 
vereinzelte Krankheitsfälle sich befunden haben. Das wird man 
mit Wahrscheinlichkeit namentlich für diejenigen Eingeweideplatten 
annehmen, welche im besonderen nur ein Eingeweideteil, z. B. den 



212 



EXVOTOS. 



Darm plastisch verkörpern. So wird es auch heute nicht mehr zu 
entscheiden sein, in welche dieser Kategorien ein Eingeweidevotiv 
fällt, welches wohl als ältestes in Anspruch genommen werden 
darf. Ich meine das Paket Dünndarmschlingen, aus Stein sear- 
beitet, welches sich in dem Schutt von iMykene fand und vielleicht 
ungefähr um das Jahr 600 ante Christum zu datieren ist (s. Fig. 122 
u. 123). Den Gegenstand faiid ich unter den Schliemannschen Fund- 
objekten in Athen. Die Bearbeitung des harten Steines ist eine 
sorgfältige und ähnelt das Ganze oberflächlich den etruskischen 
Budelle. Die nähere Betrachtung zeigt aber den Unterschied, daß 
bei dem mvkenischen Stück die Beziehung des Gekröses zum Darm 




Orig-.-Aiifjt. Athen. 

Fig. 123. Die mykenischen Darmschlingen von der Seite. 

verkannt ist, und Strangulationen modelliert sind. Als Anathem 
aber offenbart es sich auch durch die glatte Basis, in welche tiefe 
Bohrlöcher gehen, die den Beweis bringen, daß es einstmals auf 
einer Unterlage befestigt war. 

Als sehr erwünschte Ergänzung dieser Untersuchungen können 
die Funde gelten, welche Felix Regnault an drei Kollektionen 
gemacht hatte, die bisher nicht veröffentlicht waren'). Die beiden 
ersten Sammlungen wurden einige Kilometer nördlich von Capua bei 
Calvi gefunden (1868); die erstere, welche mehrere tausend einzelne 
Stücke umfaßt, wurde vom Marquis von Salamanca dem Madrider 
Archäologischen Museum übergeben; die zweite, aus derselben 
Gegend, befindet sich im Museum von Neapel, wo ich sie kürz- 

') Regnault, Les Exvotos pathologiques romains L'Homme Prcliistorique. Nov. 1910. 



DIE VERSCHIEDENEN SAMMLUNGEN. 



213 



lieh untersuchen konnte. Offenbar stammen beide Kollektionen 
aus einer in der Xähe von Capua gelegenen Fabrik solcher Terra- 
kottawaren, die dort noch im 2. Jahrhundert n. Chr. existierte. 
Die dritte Kollektion befindet sich noch im Museum von Capua. 
Diese enthält mehrere tausend Stücke, und unter ihnen befindet sich 
eine große Anzahl von Gußtormen. Daß in dieser Gegend eine 
große Industrie von Terrakottamanufakturwaren war, dafür spricht 
auch das häufige \''orkommen von größeren Tonwerken : lebens- 
große Frauendarstellungen, die ein Kind tragen oder säugen (Venus 
Lucina, Hermaphroditen und \^enusdarstellungen)'). Um einen 
Begriff' von der Zusammensetzung der Madrider Sammlung zu 
geben, finden wir dort 3 Büsten, 940 Köpfe, 124 halbe Profilköpfe, 
329 Masken mit der oberen Gesichtshällte bis zum Munde, 21 Beine, 
516 Füße, 3 Arme, 140 Hände und )S6 Brüste, Gebärmütter und 
männliche Geschlechtsteile. Im Gegensatz zu den Gegenständen 
anderer Sammlungen finden sich in der Madrider weder Ohren 
noch Augen, noch innere Organe. Die als Gebärmutter ange- 
sprochenen Körper fehlen dagegen im Museum von Capua, statt 
dessen existieren einige wenige Augen und Ohren. Hin einziger 
Madrider Körper zeigt im Epigastrium eine große dreieckige Öff- 
nung, welche die Eingeweide erkennen läßt (s. Fig. 118). Der 
Liebensw^ürdigkeit des Sekretärs des Archäologischen National- 
museums, Francisco Alvarez-Ossorio, verdanke ich eine Aufnahme 
desselben. Aut den ersten Blick sehen wir, daß dieses Votivstück 
völlig verschieden ist von den etruskischen Vorlagen ; es verrät 
griechischen Geschmack. Vielleicht dürfen wir annehmen, daß der 
Torso auf eine archaische Jünglingsstatue zurückgeht. Das ana- 
tomische Interesse des Stückes ist gering; außer den deutlichen 
Darmwindungen erkennen wir noch die Ränder eines Organs, 
welches eventuell die Leber sein kann; ob man es wagen kann, 
zwischen den beiden Lappen die Gallenblase zu sehen, überlasse 
ich der Auflassung des einzelnen. 



S. auch die etruskische Kollektion des Vatikan. 



214 EXVOTOS. 



DIE ÄLTESTEN DARSTELLUNGEN DER LEBER. 

Obwohl dieser Gegenstand unsere Arbeit nur eben berührt, wollen 
wir doch im Anschluß an die etrusko-latinischen Votivgabcn von 
inneren Teilen die körperlichen Darstellungen der Säugetierleber er- 
wähnen. Drei plastische Leberdarstellungen aus antiker Zeit sind 
uns bekannt: die Bronzeleber von Piacenza, 1877 gefunden; ferner 
die Alabasterleber aus dem Museum der Stadt Volterra, und als 
weitaus ältestes Stück die babylonische Leber, die etwa aus dem 
3. Jahrtausend v. Chr. Geburt stammt. Über die vergleichend ana- 
tomischen Verhältnisse bei den in Betracht kommenden Tierlebern 
unter Berücksichtigung der Lappenbildung orientiere man sich in 
der wichtigen Arbeit von Stieda'); wir begnügen uns damit, seine 
Schlußfolgerung, daß es sich um die Darstellung einer Schafsleber 
handelt, testzustellen, und den wahrscheinlichen Zweck der Gegen- 
stände zu besprechen. Schon aus der oberflächlichen Betrachtung 
dieser Stücke sehen wir, daß es dem Bildner auf eine anatomische 
Darstellung ankam. Im Gegensatz zu dem Skizzenhaften der Weih- 
gaben ging man hier auf körperliche Details ein. Bei der Babvlon- 
leber ist die obere Leberfläche mit Schriftzeichen bedeckt, die 
Unterfläche ist durch sich kreuzende Linien in viereckige Felder 
geteilt, an den Schnittpunkten bchnden sich Löcher und \'ertiefungen. 
Die Bronzeleber ist von Handgröße und zeigt alle Seiten frei be- 
arbeitet, während die sogenannte x\labasterleber von einem liegen- 
den, sich auf den linken Arm stützenden Manne in der Hand 
gehalten wird. Unsere Abbildung zeigt die ganze Dcckelfigur dieses 
typischen etruskischen Sarkophages. Mit Wahrscheinlichkeit be- 
herbergte derselbe die Knochen eines Tierbeschauers, der als Sym- 
bol seiner Tätigkeit eine Leber in der Hand hält (s. Fig. 124). 
Bevor man diese Schafsleber als eine solche erkannt hat, stellte 
man darüber geistreichste Hypothesen auf. Die einen hielten den 
Gegenstand für ein Gerät, die anderen für eine Art Amulett, für 
das Bild eines etruskischen Tempels, für ein Instrument usw. Es 



') über die ältesten bildlichen Darstellungen der Leber. Wiesbaden 1901. 



@ LEBERDARSTELLUNGEN. 2 I j 

scheint ohne Zweifel zu sein, daß die Tierleher zum Unterricht tür 
die Haruspices i^edient hat, d. h. für Fachleute, die sich damit be- 
schäftigten, aus der Beschaflenheit der Hingeweide bei Tieropfern 
die Zukunft zu deuten Diese Kunst mußte natürlich eifrig gelernt 
sein. Auf der babylonischen Leber befinden sich nun Inschriften 
zur Deutung des Befundes; zu diesem Zweck ist die Leber in viele 



Orig.'Ait/n. Museum Votterra. 

Flg. 124. Etrusk. Alabastersarkophag eines »Haruspex« mit Leber in der rechten Hand. 

Felder geteih, jedes Feld hat eine bestimmte Bedeutung. Aus der 
Beschaffenheit der \'eränderung des einzelnen Feldes zog man seine 
Schlüsse. Bei der Leber wurde nach Deecke besonders geachtet 
auf das Ausfließen des Blutes, das allgemeine Aussehen der Leber 
und der Gallenblase, sowie auf die Lappenbildung der Leber. 

KÖRPEREXV0T05 AUS GRIECHENLAND. 

■ Zunächst muß die auffallende Tatsache registriert werden, daß 
im Gegensatz zu den vielen im athenischen Asklepieion gefundenen 



2l6 



EXVOTOS. 



® 



Votivgaben mit Nachbildungen der geheilten Körperteile, sich im 
Hieron von Epidauros nur eine einzige gefunden hat , und ;^\var 
die eines Ausländers, des Galliers Cutius, mit der Nachbildung seiner 
Ohren und einem lateinischen Distichon darunter: Cutius has auris 
Gallus tibi voverat olim, Phoebigena, et posuit sanus ab auriculis 
(s. Fig. 125). Svoronos nimmt an, daß Schritt und scharf- 
kantige Behandlung des Steins in\'erbindung mit der noch jetzt deut- 
lichen \"ergoldung den Eindruck hervorrufen sollte, daß hier ein 
Votiv aus reinem Gold gestittet sei und zwar von einem Gallier- 

- türsten; das Ganze, nament- 

; lieh aber die Bezeichnuno »vo- 

verat olim« spricht tür eine 
'V I :;/ _^ v "N ^ Schwindelreklame der Priester. 

Dagegen war die Fülle der 
1.^' Körperexvotos, die im athe- 

nischen Asklepieion einstmals 
existierte, eine sehr große; das 
ersehen wir mehr aus den 
Tempelinventarien , als aus 
den noch vorhandenen Fund- 
stücken. In ersteren werden 




^ 



\ 



■I 
.j 

Orig.-Aiijit. Athen, Nai.-Ahtseitm. 

Fig. 125. IVIarmorvotiv eines Galliers in Epidauros. 



natürlich nur diejenigen Stücke 



vollem Material verfertigt waren. Im 



erwähnt, welche aus wert- 
.^i. >,c.i^.,. .,,, großen und ganzen vertritt 
nämlich in Griechenland der Marmor die italische Terrakottamasse. 
Besonders nennenswert erschienen deshalb nur solche Gegenstände 
aus Silber und Gold, und welche besonders künstlerisch aus gerin- 
gerem Metall hergestellt sind. Girard') führt eine lange Liste von 
Gegenständen auf: ganze Gesichter und Teile desselben, Augen, 
Münder, Xasen, Kinne, Zähne, Ohren, Hals, Brüste, Hände, Finger, 
Knie, Beine, Füße, männliche und weibliche Schamteile, Schultern, 
Herzen. Um einen Überblick zu geben, wird in einem atheni- 
schen Inventar allein iiomal als Weibgeschenk das Auge notiert. 



'j Paul Girard, L'.-\sclcpieion d'Athünes. Paris 1SS2. 



GRIECHISCHE KÖRPERANATHEME. 



217 



Gelegentlich auch suchte man, wie wir schon sahen, eine reichere 
Spende dadurch zu markieren, daß man einfach marmorne Gegen- 
stände vergoldete. Ein charakteristischer Unterschied zwischen Italien 
und Griechenland besteht ferner darin, daß die griechischen Weih- 



f 








Orii^-Aii/ft. Bfrliu. 

Fig. 126. Marmorexvoto. 



f '/.■,■ ;«/..■ Berlin. 

Fig. 127. Marmorexvoto. 



gaben meist mit Inschriften versehen sind. Ob durch die Ent- 
zifferuna; dieser in svstematischer Arbeit etwas anderes heraus- 





tfi\ 






/ 



yi^' 



.Au/n FttrL'S. .\\it.M:iSt-titn. 



Fig. 128. Votivaugen. Fig. 129. Marmorexvoto. 

kommen wird als die Namen der Spender und der beschenkten Gott- 
heit, das muß der Zukunft überlassen bleiben')- Vom medizinischen 
Gesichtspunkte aus dürfte sich diese Arbeit kaum verlohnen. Das 
Interesse an ihnen ist ein erheblich geringeres als an den altitalischen 



») Die Literatur der griechischen Körperanatheme s. bei M. Bieber, Attische Reliefs in 
Kassel. Mitteil, des Kais. Deutsch. Arch. Inst. .Athen 191 0. 



2l8 



EXVOTOS. 



S2> 



Donarien, da wir außer den Herzexvotos, von denen mir übrigens 
keines zu Gesicht kam, keine Anatlieme innerer Organe besitzen. 





Orig.-Ait/n. Berlin. Museum Jiir l'olkerkunde. 

Fig. 130. Afrikanisches Negeridol. 

Unter der Unzahl anderer Zuwendungen für das Heihgtum finden 
wir auch Kassetten mit Parfüm, Spiegel, Fächer, Kleider, edle Steine; 





^^r 



Fig. 131. Augenexvoto. 



Atiu-n, Nat-Museuv 



auch chirurgische Instrumente, Sonden, Katheter, Drogenkasten aus 
parischem Marmor und ähnliche Dinge waren, wie Girard meint, 



AUGEN, BRÜSTE. 



219 



Geschenke von Ärzten für glückliche Kuren. Unter den Exvotos 
griechischer Provenienz des Berliner Museums befinden sich marmorne 
Brüste (s. Fig. 127 u. 129); die mit der Unterschrift »'Eoto^ta T^jjsiot«!) 
£'>/y;v« wurde angeblich am Nordabhang der Akropolis von Athen ge- 
funden. Gleichfalls aus pentelischem Marmor und von derselben Fund- 
stelle entstammen noch die Votivgaben eines Augenpaares mit Nasen- 
wurzel und ein weiblicher Unterkörper (s. Fig. 126 u. 128). Es muß 
festgehalten werden , daß dieser Zeus Hypsistos nicht identisch 
ist mit Asklepios; vielleicht ist er kvprischer Herkunft. Paul 
Perdrizet') beschreibt nämlich zwei ganz ähnliche Votive an 
einen Heilgott von Golgos, die bezeichnet sind als ©sip ü-liiatw avsQ-rjxsv. 
Die Untersuchung des jetzt vorhandenen 
Materials in Athen bringt eine große Ent- 
täuschung, Ohren, Augen, Brüste, Scham- 
teile, Finger existieren in mehrfacher An- 
zahl, sind aber ohne anatomisches Interesse ; 
dabei haben diese Organe noch teilweise 
heterogene Bedeutung. Die Darstellungen 
des Unterleibs werden inschrittlich als 
beliebte Widmungen von Hetären an Aphrodite bezeugt, und die 
großen Marmoraugen sind Schiffsornamente gegen den bösen Blick 
und zur Abwehr gegen des Meeres Gefahr; zahlreiche Doppelbrüste 
stellen Gewichtsteine vor. 

Die Häufigkeit von x^ugenkrankheiten wird nicht nur durch die 
Heilberichte bezeugt, sondern auch durch die Exvotos. Unsere Ab- 
bildung zeigt neben dem Berliner Marmor noch einen zweiten Augen- 
weihstein (Fig. 1 31), der Reste von Bemalung aufweist; ein besonders 
schönes Prunkstück, bei dem die Augen aus farbigem Marmor ein- 
gelegt sind, birgt das Magazin des Athenischen Nationalmuseum. 
Für diejenigen, die geneigt sind, bei dem modernen Augenvotiv 
an die heilige Lucia (Fig. 152) eine antike Formbeeinflussung an- 
zunehmen, bilde ich die Brustidole afrikanischer Herkunft ab, die 
an den Pfosten der Negerzelte aufgehängt waren (Fig. 130). 




Sainntlung fiir deutsche l'olkskujtde. 

Fig. 132. Modernes Augenexvoto. 



') Un sanctuaire du dieuguerisseurä Golgos. Bulletin de Correspondance Hellenique. 1S96. 



220 EXVOTOS. 



DIE VOTIVOPFER GESUNDER UND KRANKER 
GLIEDMASSEN AUS NEUERER ZEIT. 

Allgemein bekannt ist es, daß der katholische Kirchenkultus die 
Darbringung der den antiken Göttern gespendeten Dank- und Bitt- 
gaben aus der Heidenzeit übernahm. Die antiken Tempel waren, 
wie wir ja früher sahen, angefüllt mit Geschenken der verschie- 
densten Herkunft. Bildwerke in Erz und Stein, allerlei Gewebe, 
selbst Waffen und Goldsachen füllten die Schatzhäuser. Der Kirche 
war im Mittelalter und namentlich auch in der Renaissancezeit 
jede Gabe, die geweiht wurde, genehm. Es muß besonders dank- 
bar betont werden, daß auf diese Weise sie auch indirekt die 
iMittlerin war in der Förderung kunstgewerblicher Bestrebungen. 
Ein großer Teil der von uns bewunderten Altäre, Bilder und 
Kapellen entstammt der Weihgabe einzelner Personen oder auch 
Brüderschatten und Gemeinden. Ein direkter Übergang gräko- 
lateinischer und altorientalischer Sitte zeigt sich aber in der Gabe 
und Opferung kranker Körperteile. Die antiken Wallfahrtspunkte 
sowohl wie die modernen waren das Ziel heilsuchender Kranker. 
Der athenische Krieger, der etruskische Seefahrer und der apulische 
Weinbauer brachten ihre kranken Hände und Füße mit der Hoff- 
nung aut gnadenreiche Heilung in einen Tempel des Asklepios, 
wie noch heute der rheinische W^inzer oder der süddeutsche Bauer 
das Vertrauen zu seinem Spezialheiligen hat. Die Königliche 
Sammlung für deutsche W^lkskunde in Berlin ist durch die 
Überweisung der interessanten und wichtigen Sammlung der Frau 
Professor Andree in den glücklichen Besitz zahlreicher Votivgegen- 
stände gekommen, und man kann, da diese aus den verschiedensten 
Wallfahrtspunkten der Welt herstammen , vergleichende Studien 
machen. Aut diese Sammlung und ähnliche') sowie die treff- 
liche und eingehende Publikation des Herrn Professor Andree') 
über die W^eihgaben des katholischen \'olkes in Süddeutschland 



') Museum für österreichische Volkskunde. Wien i Börsengebäude). — Museum der 
historischen Gesellschaft, Athen. 

*) Andree, Die Weihgaben des katholischen Volkes. 



TIEROPFER IN DEUTSCHLAND. 



221 



Stützen sich die tolgenden Ausführungen. Die direkte \>rerbung 
heidnisch-römischer Vorstellungen läßt sich aus der äußeren Ge- 
staltung mancher Exvotos klar machen. Für die Meisten aber wird 
es erstaunlich sein zu erfahren, daß bis in die Jetztzeit hinein sich 
auch der antike Gebrauch des Opfers lebendiger Tiere erhalten hat. 
Ich meine damit nicht etwa die Opferung eines Stieres in diesen 
Tagen in den chinesischen Tempeln gegen die Lungenpest des 
Jahres 1911, sondern Tieropfer in Deutschland. 

Der heidnische Ursprung von Naturalopfern, bei denen der Satz 
pars pro toto gilt und galt, liegt klar zutage dort, wo man Fleisch 
von Tieren opfert. Der heilige Wolfgang von Kärnten bekommt 
noch heutzutage seine Sauhaxen und sind diese Schweinefüße nur 
ein billiger Ersatz für das ganze Schwein, das ihm früher geopfert 
wurde. Sowohl sühnende wie auch dankende Tieropfer ersetzten 
die zunächst auch bei den alten Germanen zweifellos vorhandenen 
Opfer von Menschen; Pferde in erster Linie, sodann auch Rinder, 
Schweine und Ferkel wechselten diese ab. Es ist erstaunlich, wie 
lange namentlich das germanische Pferdeopfer sich erhalten hat. 
Andree weist an einer Reihe von Beispielen nach, daß noch im 
16. Jahrhundert Pterdeopfer vorkamen. So erschien 13 14 dem 
Georg Weibtaler von Altheim der heilige Wolfgang und versprach, 
ihn von seinem Bruchleiden zu heilen, wenn er ihm ein Opfer 
bringe. »Also hat er verlobt, sein bestes Pterd zu optern.« Nach- 
dem dies geschehen, heilte der Bruch. Am längsten hielt sich das 
Opfern des lebendigen Geflügels. Wegen eines kranken Kindes 
opferte man 1393 zu Sankt Leonhard eine schwarze Henne, zwei 
Tauben und ein Pfund Wachs. In Inchenhofen vermehrte sich 
das Opfern von Federvieh derart, daß man besondere »Gockelämter« 
hielt. Noch um 1830 brachten Wallfahrer nach Sankt Leonhard 
lebende Gänse, Enten und Hühner, trugen sie dreimal um den 
Altar der Kirche und ließen sie dann durch ein Loch der Mauer 
in einen draußen angebrachten Hühnerhof laufen. Neben einigen 
anderen ähnhchen Kultgebräuchen in südbayerischen Kirchen zeich- 
net sich bis auf den heutigen Tag der Helfer gegen Epilepsie, der 



EXVOTOS. 



heilige Valentin in Marzoll dadurch aus, daß ihm Geflügelopfer 
genehm sind. Die Rückseite seines Altars ist durch zwei kleine 
Gittertürchen unterbrochen , durch welche der Opferer die Tiere 
nach dreimaligem Umkreisen des Altars, während des Gottesdienstes 
einläßt. Noch vor zehn Jahren sollen viele Hunderte von Hühnern 
und Tauben geopfert worden sein, während jetzt (1904) nur noch 
ca. 30 Hühner und 80 Tauben im Jahr geopfert werden; nur ganz 
selten ist ein Lamm dazwischen. Auch anderweitig opferte man 

dem Sankt \'eit eine Henne, die mit Vor- 
liebe schwarz war (bayerische Redensart; 
\ PJk-^^L. Warte, ich verlob schon eine schwarze Henne). 

■J' JÖNÜBL ^^"-^^ '^^^ gotischen Michaelskirche zu Schwaz 

^"^^^ " '-^«i in Tirol stammt das Holzbildnis (s. Fig. 133), 

welches darstellt, wie der St. Veit in einem 
Kessel gerade gesotten wird; in der rechten 
Hand hält der Heilige während seines Mar- 
tyriums einen Hahn. Ähnliche Darstellungen 
des Veit kommen öfter vor. Wenn wir nun 
die bildlichen Votivgaben selbst betrach- 
ten, so finden wir die klassischen Motive in 
mehr oder weniger veränderter Form wieder. 
Die Reliefdarstellungen sind allerdings etwas 
zu kurz gekommen. Hie und da erinnern 
Steintateln mit den knieenden Figuren betender Stifter an die antiken 
Anaglyphen, sonst aber verraten die »Täterin« nur handwerksmäßig 
den Dank der Geheilten und ihre Krankengeschichte. Die Votiv- 
malerei auf solchen Tafeln war das gelegentliche Erzeugnis von 
Doritischlern, Dekorationsmalern und allerlei Dilettanten der \'olks- 
kunst. Es sind das dieselben Meister, die auch Wirtshausschilder, 
Grabkreuze und Schützenscheiben herstellten. Daß sich gelegentlich 
einmal einer aus dem Bodensatz solcher Volkskunst emporarbeitete 
zur reinen Meisterschaft, das lehrt das Beispiel des Franz Lenbach, 
der mit 16 Jahren sein Brot mit der Anfertigung von Votivtateln 
verdiente. Diese Votivtafeln sind meist datiert und bezeichnet. Sie 




lUustr. aus Audret 

Fig. 133. 

Martyrium des St. Veit. 



MODERNE VOTIVTAFELX. 



223 



wurden als Dank gegeben und als Bitte. In der Wallfahrtskirche 
Alt-Ötting werden z. B. in den letzten Jahren noch durchschnittlich 
über tausend solcher Tafeln geweiht; zunächst waren alles Tafel- 
bilder, später wurde Leinewand oder Blech verwendet. Um den 
Inhalt solcher \\)tivtafeln zu charakterisieren, führe ich einige Bei- 
spiele an; dabei ist es interessant, daß sich diese Tafeln selbst als 
»Exvoto« bezeichnen. So bildet Andree eine Tafel ab aus einer 
bayerischen Marienkapelle, wo rechts und links der Bauer und die 
Bäuerin knieend beten, und man ein Kind aus dem Fenster stürzen 
sieht, mit der Inschrift: Exvoto 1748, d. h. die Eltern danken für 
glückliche Errettung des Kindes. An die Reklamegeschichten von 
Epidauros knüpft eine moderne Tafel an, die folgendes besagt: 
»Andere Leidende zu gleichem Vertrauen aufmunternd, bezeuge ich 
hiermit, daß ich auf die Fürbitte des heiligen Rasso von meinen 
sechs Jahre dauernden unheimlich und schmerzhaften Magenleiden 
gänzlich befreit wurde, November 1898. F. B., Kleidermacherin, 
München.« Ein österreichischer Soldat in Uniform schenkt sein 
Bildnis der Mutter Maria auf dem Hilariusberge, und darunter die 
Schrift: »Ich habe mich verlobt zu dieser Gnadenmutter in den 
vielen Gefährlichkeiten, denen ich ausgesetzt war in den Jahren 
18 13/14, da mir fünfmal durch die Montur geschossen und durch 
den Schutz Marien glücklich ungeschädigt davon gekommen, Gott 
und seiner jungfräulichen xMutter Maria opfere ich dieses Exvoto.« 
Und wie einstens dem Asklepios stiftete auch der Würzburger 
Fürstbischof von Hütten der Maria ein bei stürmischer Seefahrt 
gelobtes \'otiv. Ähnliche Yotive für Errettung aus allerlei Un- 
glücksfällen füllen die Wände der Berliner Sammlung; auch hier 
verloben die Kranken zu einer Wallfahrt, zu einem Opfer und 
lassen nach Erhörung durch den Heiligen ihre Krankengeschichte 
malen; oft liegt auf solchem Bilde der Kranke einfach im Bett, 
manchmal aber auch sieht man realistisch gemalte Blutstürze, wäh- 
rend im Hintergrunde der Arzt mit Medizinflasche eine Statisten- 
rolle spielt. Die Krankengeschichten konkurrieren vielfach mit den 
epidaurischen ; manchmal ist betont, daß »on al arzt« die Heilung 



224 EXVOTOS. §§> 

sich vollzog. Da sehen wir ein Freskogemälde in Alt-Ötting : 
einen nackten Mann und einen zweiten im Hemde. \'or ihnen 
liegen im Grase drei im Verhältnis zu den Figuren faustgroße Steine; 
aus der Unterschritt ersehen wir, daß je drei dieser Harnsteine 
diesen beiden Männern durch die Kraft der Heiligen ab2;es;ans:en 
sind. Ganze Gememden verpflichteten sich zu Votivbildern gegen 
die Pest oder gegen eine \'iehseuche. 

Bevor wir die Darstellung der plastischen Nachbildungen von 
Körperteilen betrachten, sei noch mit einem Worte der Opferung 
von Körperbestandteilen Erwähnung getan, die heute und damals 
das gläubige Gemüt dem Gott darbrachte. Der rührende Zug des 
über die ganze Erde verbreiteten Brauches, den wir ja auch für das 
Hellenentum bereits notierten , Frauenhaare zu opfern, geht hinein 
bis in unsere Tage. Wenn man aber in Tirol an die Querbalken 
des Kreuzes Frauenzöpfe autgehängt tindet, so entspricht das nicht 
dem Trauergetühl, das den Achilles veranlaßte, das Haupthaar ab- 
zuschneiden des Patroklos wegen, sondern es sollen meist aus- 
gekämmte Haare sein und die Votivgabe ein Vorbeugungsmittel 
gegen den Austall derselben. Erst der Kreisarzt mußte verhindern, 
daß man in Lauten am Inn die blutigen und eiterigen Verband- 
lappen vor einer Statue des Christus aufhing. Unter den Votiven 
der Berliner Sammlung fand ich vielfach operierte oder durch Eite- 
rung ausgestoßene Knochenstücke, Zähne, auch Waginalringe. Die 
im Oberösterreichischen und Salzburgischen aufgehängten roten und 
weißen Seidenfäden sollen nach unserem Gewährsmann Blutungen 
und Fluor albus symbolisieren. 

Der Aufschwung der Chirurgie, die Häufigkeit der blutigen Ein- 
grifle und die Wunder ihrer Ertolge veranlaßten, neuerdings wenig- 
stens, eine vermittelnde Rolle des Arztes anzuerkennen. In der 
Alt-Öttinger Gnadenkapelle hängt ein \'otivhild neuesten Datums, 
einen Operationssaal darstellend. \'ier Ärzte umstehen den Ope- 
rationstisch, auf dem ein Kind liegt. Die Inschrift besagt, der 
Fürbitte Mariens und der Geschicklichkeit des Herrn Professor X 
in München etc. 



DAS MATERIAL. 



225 



Geopfert werden ferner noch stockige Zähne oder deren Nach- 
bildungen aus Wachs und Gold. 

Die körperlichen Votivgegenstände sind den antiken durchaus 
analog geblieben. Die Übereinstimmung bezieht sich sowohl auf 
das Material als auch auf die Darstellungsweise; wir finden heut- 
zutage in den Kapellen aus der früheren und späteren Vergangen- 
heit Glieder in Silber, Eisen, Wachs und Holz gearbeitet; wir 
finden diese namentlich aus dem 17. und 18. Jahrhundert, ge- 
legentlich von Künstlerhand formvollendet, meist aber als billige 
Fabrikware. Die eisernen geschmiedeten Votive sind die ältesten 
und entsprechend der Schwierigkeit der Bearbeitung in der Schmiede 
von primitiver Struktur. Aus Holz gearbeitete Schnitzwaren kom- 
men meist aus den Alpenländern; nur Glieder aus Ton, im 
Altertum das beliebteste Material, fehlen last vollkommen. Als 
neues Material hinzugekommen ist das Papier. Auch der Vor- 
gang der Weihung ist derselbe geblieben, im Hrkrankungsflille 
verspricht man, »verlobt« man die Darbringung des Gliedes, opfert 
es aber oft erst bei der Genesung, und nur gelegentlich gibt ein 
vertrauensseliger Wallfithrer das Konterfei des erkrankten Gliedes 
einem Vertreter mit, was auch in der antiken Zeit zulässig war, 
und im Behinderungsfalle opfern Verwandte. Wir finden den 
Kopf, das Gesicht, Ohren, Augen, Nase, Lippen, Zunge, Rumpf, 
Brüste, den Nabel, Eingeweide und die Extremitäten entweder 
einzeln dargestellt oder auch im Zusammenhang. Diese Gegen- 
stände sind heute noch bei den Wachsziehern , in München z. ß., 
käutlich. Interessant ist es, dabei zu konstatieren, daß die Bauern 
in Kärnten und Bayern heutzutage noch die Köpfe opfern, deren 
Form aus dem 17. und iS. Jahrhundert stammt; die Tradition 
spricht hier ein deutliches Wort und warnt vor Irrtümern bei 
der Beurteilung und Altersschätzung auf Grund von Mode und 
Tracht. Im Gegensatz zu den etruskischen Köpfen wird hier das 
Votiv oft motiviert, meist ist es Kopfschmerz, Schwindel, manch- 
mal auch \'erletzung. 

Die Zahl der geopferten Hände ist eine große (s. Fig. 134); 

Holländer, Plastik und Medizin. i; 



226 



EXVOTOS. 




auch hier ist wieder die DifFerentialdiagnose zu erledigen, ob es 
sich nicht um Schwurhände gehandelt haben mag; das kann gewiß 

bei der rechten Hand zum Teil der Fall 
gewiesen sein; daß aber auch aus Krank- 
heitsgründen Hände geoplert wurden, datür 
sprechen sowohl die Krankheitsdarstellun- 
sen selbst als auch die Mirakelbücher. So 
zeigt die Berliner Sammlung eine Hand 
aus Holz geschnitzt mit deutlicher Kon- 
trakturstellung des Zeigefingers. Bei einer 
zweiten Handdarbringung sind offenbar die 
Mittelfinger gelähmt. So opfert im Jahre 
13 17 jemand, dem ein großer eiserner 
Nagel durch die Hand gegangen ist, eine 
wächserne Hand. 13 10 wallfahrtet aus 
Sachsen ein Wundergläubiger und \'er- 
trauender, dem die Hand abgeschlagen, 
mit einer silbernen 
Hand nach dem fernen St. Wolfgang. Einem ein- 
jährigen Knäblein begann 1392 die Hand zu 
zittern, durch das Opfern einer wächsernen Hand 
ist er geheilt. Solche Heilungen wurden dann in 
der Kirche verkündet. Nicht immer aber ver- 
fügten die Heiligen über des Asklepios göttliche 
Kraft und nicht immer glückte der Trug einer 
Scheinheilung. Die Geschichte von der kranken 
Hand des Petrik aus Cach in Böhmen ist amü- 
sant, der seltene weiße Rabe sang hier eine un- 
erhörte und unbequeme Melodei. Unter Dar- 
bringuna; einer silbernen Hand wallfahrtete näm- 
lieh der Petrik zum heiligen Blut nach Wilsnack; 
am dritten Tage proklamierte der Priester in 
der Kirche die Heilung »audite pueri miraculum«, der dreiste Prager 
Bürger aber erhebt sich inmitten der gläubigen iMenge und schreit 



Orig.-Aufn. 
Berltjt, kgl. Santmltingfür \'olksku}idi- . 

Fig. 134. Hand aus Holz. 




Orig- -Au/n . Berlin , 
kgl. Sammlung /Ur Volkskunde. 

Fig. 135. Exvoto. Brust 
und Bauch. 

Holzschnitzerei. 



GLIEDER. 



227 



mit erhobener Hand: »Priester, warum lügst du, manus mea est 
contracta sicut et prius.« (Johannes Hus Historia et monumenta, 
Norimb. 1338.) Unter den geopferten Armen, die wie Brennholz- 
scheite aufgestapelt, aus Holz geschnitzt, bemalt und unbemalt, 
seinerzeit in der Koloman-Kapelle am Bötberg lagen, interessiert ein 
Arm, den Andree abbildet, mit blauem Verbände am Ellen- 
bogengelenk; er behndet sich jetzt in Berlin. In der Kirche zum 
heiligen Kreuz in Schaftlar hei Tölz steht eine hölzerne Votivhgur 
mit verbundenem Vorderarmbruch. Die unteren 
Extremitäten wurden zunächst vieltach eisern 
gestiftet. Als Objekt einer Krankheitsdarstel- 
lung bringen wir das bemalte Frauenbein mit 
unregelmäßiger rot bemalter Geschwürbildung 
aus Piain in Salzburg (s. Fig. 136), jetzt in 
Berlin. Hier handelt es sich entsprechend der 
Lokalisation und dem Aussehen der Ulcera um 
sichere Lues. 

Aus dergleichen Sammlung ist noch erwäh- 
nenswert das Votiv einer komplizierten Fraktur 
mit aufgeschriebener Krankengeschichte und 
eine untere Extremität mit anscheinender Tuber- 
kulose. In der Wiener Sammlung befindet sich 
ein Schnitzbein, dessen typische Fußhaltung die 
Xaturabschrift eines paralytischenGliedes beweist. 

Wie bei den Alten finden wir auch die Brüste heutzutage als 
Exvotos bevorzugt. Das Bedürfnis der Wöchnerin mit geschwollenen 
Brüsten oder die Sehnsucht nach Milch, die Häufigkeit anderer 
Erkrankungen führte das scheue weibliche Gemüt mit \'orliebe zur 
Opferung einer Wachsbrust. Ganz entsprechend römischem und 
neapolitanischem Usus finden wir auch in Süddeutschland und in 
der griechischen Kirche ott edles Metall verwendet; Brüste aus 
dünnem Silberblech sind häufig, und in Maria Piain wird sogar 
1702 eine goldene votiert. Die Berliner Sammlung zeigt Wachs- 
brüste aus Spanien und Südamerika, die schön modelliert sind. 




Fig. 136. Votivbein, Lues. 



228 EXVOTOS. 



Zungen aus W^ichs, Silber und Gold werden geopfert, sowohl 
wenn Geschwüre oder dergleichen sie betallen haben, oder symbo- 
lisch als Bitte gegen die Stummheit. Noch heute verkauft man 
Opferzungen aus rotem Wachs, an welchem ein Stück Trachea sitzt. 
Die bekannte Brückenhgur des St. Nepomuk, der mit dem Zeige- 
finger an dem Munde dargestellt wird (als Märtyrer für die Bewahrung 
des Beichtgeheimnisses), gilt als besonderer Patron gegen Zungen- 
leiden. Man verkauft St.-Nepomuks-Zungen aus Stein in Silber 
gefaßt. Die heilige Katharina, die beredte Verteidigerin christhchen 
Glaubens gegen Kaiser Maxentius, sowie auch die heilige Richildis 
im Benediktinerkloster zu Hohenwart in Oberbayern, waren be- 
sondere Patrone der Stummheit. Ein Gedicht aus Ingolstadt (1670) 
läßt geheilte Stumme folgendes »Lobgesänglein auf die Heilige 
sumbsen«: 

Die an der Zung seynd gewesen stumm 

Von aller Sprach so gar kein trumm 

als a, a, a, getalckhet: 

Ein Glockh war ihr Wohlredenheit 

Damit sie haben weit und breit 

Ihr Notthurft't ausgeschalckhet. 

Jetzt höret an wie zart und mild 

das Lob sie trillern von Richild 

Die aufgelest ihr Zungen: 

Sie sprechen schön und sagen klar 

Richildis habe ganz und gar 

All Talckerey vertrungen. 

Auch der heilige Zeno bei Sterzing in Tirol kuriert Stummheit, 
namentlich bei Kindern : »Der heiige Zen macht Kinder reden und 
gehn«. Die Ohren wurden meistens in Silber, Wachs und Holz 
und in natürlicher Größe geopfert, sowohl wegen Krankheiten an 
denselben als auch wegen Taubheit. Ob auch im Sinne des 
antiken Ägypten Votivohren für Erhören eines Gebetes geopiert 
wurden, konnte ich nicht feststellen. Krankheitsdarstellung an 
diesen Organen wird gelegentlich auch einmal vorgekommen sein; 
doch fehlen mir dafür Belege. x\llgemeine Nachbildungen von 
Geschwüren aber wurden geopfert und wird von St. Leonhard 
ausdrücklich erwähnt, daß man dort »wächsin Geschwär« verlobte. 



ORGANE. 229 



Andrec bildet Seite iii ein wächsernes Gemächt ab, wie es 
noch heute in Wallfahrtskapellen zu hnden und bei den Münchener 
Wachsziehern zu kauten ist. Wie aus dem Original zu ersehen, 
zeichnet sich der eine Hoden dabei durch überdoppelte Größe und 
geschwollene Adern aus, so daß wir wohl annehmen können, daß 
eine Hodenentzündung dargestellt werden sollte. Was hat aber 
dem Gläubigen gefehlt, der die Vorderseite seiner Menschlichkeit 
in Holz geschnitzt beinahe lebensgroß opferte (s. Fig. 135)? 

Für den Mediziner am interessantesten sind die \'otive der 
inneren Eingeweide. 

Das geringere Interesse unter diesen beansprucht das Herz als 
Einzelorgan, denn nicht nur wegen körperlicher Erkrankungen 
wurde dies Organ geopfert, sondern meist wegen seelischen 
Leidens, Liebeskummer, Betrübnis, auch als Ausdruck feuriger 
Gottesliebe. Die gewöhnliche bekannte Opferherzenform, zwei- 
lappig, unten spitz, in dem Einschnitt oben meist mit der \"erzierung 
der Flamme versehen, erscheint erst im 13. Jahrhundert auf italieni- 
schen Bildern und ist die süddeutsche Form der Wachsherzen mit 
darauf angebrachten Symbolen von dem italienischen Fabrikat ab- 
hängig. Aut dem Trödelmarkt in Madrid erwarb ich ein schönes 
Herzvotiv von etwas abweichender Form; an einem zierlich ge- 
arbeiteten silbernen Stäbchen befindet sich, eingefaßt und oben in 
ein Büschel rot emaillierter Flammen auslaufend , ein dreilappiges 
Herz aus seltenem xMuschelkalk. 

Im Vordergrunde unseres Interesses stehen nun die »Lungeln«, 
welche Marie Eysn, die Gattin des Professor And ree, entdeckte. 
Es sind das ziemlich genau gleichwertige Bildungen mit den etrus- 
kischen und apulischen Eingeweidetraktus. An der Luftröhre hängen 
eine ganze Anzahl innerer Organe, Herz, Leber, Magen, Gallen- 
blase, bald alle zusammen, bald unter besonderer Ausarbeitung eines 
einzelnen Organs. Es ist charakteristisch genug, wie die gelehrte 
Frau ihre Entdeckung schildert: »Die erste ,Lungl' sah ich bei einer 
Quelle, über welche eine hölzerne Kapelle gebaut war, am Wege 
von Schneegattern nach Friedburg an der salzburgisch-oberöster- 



230 



EXVOTOS. 



reichischen Grenze. Der nahe Walltahrtsort Heiligenstatt bei Fried- 
burs; hat an seiner Kirche einen kleinen Anbau, in welchem eine 
große St. Leonhardtsstatue steht, neben der zahlreiche eiserne Arm- 
und Beinfesseln, Krücken, Zöpfe, Hunderte von Zähnen hängen. 
Auf dem Boden lagen, als ich das erste Mal diesen Raum betrat, 
ungetahr ein halbes Hundert , Lungin' aus Holz. Als ich 1899 
wieder dorthin kam, zählte ich nur noch zwanzig Stück, da die 
anderen, wie die Mesnerin sagte, verbrannt worden waren. Der 
Ranze übri2;e Raum ist mit Votivbildern bedeckt. In der Mitte der 
Kirche steht eine Marienfigur mit rotem Mantel, mit dem Augen- 





Orig.'Aufii. iiai/i den Stitchen der Berliner kgl. Santinlittig- für deuiscite VolkskuiLde. 

Fig. 137. Lungeln. 

kranke sich die Augen wischen(!); hinter dem Hochaltar ist im Fuß- 
boden eine vertiefte Stelle, wo sich stets etwas Wasser sammelt, 
in welches die Wallfahrer ihre kranken Füße, auf Heilung hoffend, 
hineinstecken. Noch jetzt schnitzt der Tischler Krug in Friedburg 
Lungin, das Stück für 1,30 Gulden.« 

Nun, der Tischler Krug hat nicht Anatomie studiert, und da 
hat er sich, als er die erste Bestellung bekam, wohl zunächst beim 
Schlächter die Sache angesehen, und nachdem er erst einmal in 
der Übung war, stilisierte er die einzelnen Organe darauf los und 
die Hauptsache war überhaupt die Bemalung; namentlich die Gallen- 
blase wurde grasgrün, die Leber braun gemalt, die geringelte Luft- 



LUNGELN. 



2U 



röhre weißlich, die lAingenflügel fleischfarben und das Herz sogar 
manchmal schwarz. Doch sein Konkurrent, in Simbach vielleicht 
oder anderswo, war in der Schule tüchtiger gewesen und kaufte 
sich als Vorlage für seine Bestellungen irgendein medizinisches 
Buch und schnitzte nach diesem; und daraus kann man dann ge- 
legentlich nach Höfler (Janus 1901) »eine Anordnung der Organe 
im Galenschen Sinne wiederfinden«. Irgendwelche Schlüsse aber 
für die anatomische Darstellung erübrigen sich demnach (s. Fig. 137 
u. 138). Vergleicht man etruskische Weisheit vor 2000 Jahren 





Orig.-Au/it. nach den Stücken der Berliner kgl. Sainmlurtg für l'olA-skuttde. 

Fig. 138. Lungeln. 

mit der Schnitzarbeit unserer Zeit, so müßten wir, wenn diese 
Motive gültige Repräsentanten unserer anatomischen Kenntnisse 
waren , bei den Etruskern Anatomie studieren ; besonders die Be- 
trachtung von Figur 138 aber zeigt sogar ^ eine gewisse Überein- 
stimmung der Darstellungsweise. Beweis dafür, wie die Kinder- 
Menschen überall gleich malen. In den Mirakelbüchern wird dieser 
Lungin keine Erwähnung getan; Andree nimmt an, daß ihre 
Darbringung bis in das 17. Jahrhundert zurückreicht. Doch auch 
ganz moderne, und gerade diese sind die stilisiertesten und ohne 
Vorbild oft kaum erkennbar, kommen vor, manchmal ist die 



2 5 2 EXVOTOS. 



Hinterfläche glatt und Namen und Jahreszahl der Spender stehen 
daran t. 

Das medizinische Interesse der Votivaugen ist ein sehr geringes, 
wir linden meistens beide Augen aus irgendeinem Material her- 
gestellt und durch einen Stiel verbunden. Unter den Exvotos dieser 
Art finden sich in der Berliner Sammlung für deutsche Volks- 
kunde auch ofl'enkundige Erkrankungsformen eitriger Art. Inter- 
essant, weil recht eigentlich Übersetzungen aus dem Klassischen ins 
Katholische, sind Augenpaare aut Holz oder auf einer Blechtafel 
gemalt, mit einer Verzierung und einer gleichlautenden Beischrift 
(s. Fig. 132). Als himmlische Augenärztinnen galten vor allen 
St. Lucia und St. Odilia. Erstere trägt eine Schale mit den eigenen 
schönen Augen, die ihr herausgerissen wurden. Ihr Patronatstag, 
der 13. Dezember, ist gleichzeitig auch der Tag der Elsässerin Odilia. 
Diese Tochter des Herzogs Eticho war blind geboren, wurde aber 
durch ihre Taufe sehend. Ihr Emblem ist ein Buch, auf dem ein 
Augenpaar liegt. Den Kultstätten beider entfließt genau wie in Hellas 
heilsames Wasser, das die Wallfahrer benutzen und in Flaschen 
mitnehmen. An einer anderen Stelle entspringt solch eine Ottilien- 
quelle den Wundmalen des Christusbildes. Die Mirakelbücher sind 
voll von Heilerfolgen bei Augenfluß, Blödigkeit und Fell über den 
Augen und selbst Stockblindheit. 

Zum Schluß dieser Betrachtung über Votivgaben wollen wir noch 
ein sonderbares Anathem besprechen und uns mit der Bärmutter- 
kröte beschäftigen. Im Salzburgischen, in Oberbayern, Tirol und 
benachbarten Alpenländern werden wächserne weiße und rote 
Kröten geopfert mit ausschließlichem Bezug auf weibliche Genital- 
zustände, mit Vorliebe wegen Unfruchtbarkeit. Die Sitte ist uralt '), 
dafür bürgen auch schon die geschmiedeten Kröten. Nach Bartels- 
Ploß stellen sich die Leute in den österreichischen Alpenländern 
die Bärmutter vielfach als ein Ding mit Eigenleben vor, was kriechen 
und hochklettern kann. Ob das Reste der hippokratischen Vor- 



') S. Hugo Magnus, Die plastische Auffassung der Gebärmutter in der Volksmedizin. 
Mitteil, der Schles. Gesellsch. für Volkskunde. Heft XV, 1906. 



GEBÄRMUTTER. 



233 



Stellung von den Wanderungen der Gebärmutter sind, oder vielmehr 
in dem Globus hystericus dieser Volksglaube seinen Ursprung hat, 
sei dahingestellt. Es scheint auch eine Vorstellung von der tieri- 
schen Natur der Gebärmutter in dem Gelübde zu stecken, »daß die 
Bärmutter den ganzen Tair gebissen« hätte und daß sie erst nach 
Verlobung einer wächsernen aufgehört habe, wie dies mehrfach die 
Mirakelbücher berichten. Eine solche wächserne Bärmutter sah nun 
aber wie eine Kröte aus. Nur das Hinterteil der gedrungenen Ge- 
stalt ist meist so gearbeitet , daß man das Tier aufstellen kann. 





Orig.-Aitfii. aus der Berliner bgl, Sariniumti; Jur l'clkikitnde. 

F'g- 139- Krötenbärmuttervotiv. 

Gleichzeitig zeigt die Kröte eine Halseinschnürung, um die eine 
Schnur zum Aufhängen gelegt werden kann (s. Fig. 139). Ploß- 
Bartels fügt der Beschreibung dieser Figur folgenden Passus bei: 
»Warum es nun gerade eine Kröte ist, mit welcher der Volks- 
glaube die Gebärmutter identifiziert hat, das ist ohne weiteres 
nicht zu verstehen. Daß eine oberflächliche Ähnlichkeit des platten 
dicken Uterus mit dem genannten Tiere hierzu die Veranlassung 
gegeben haben sollte, das ist doch in hohem Grade unwahr- 
scheinlich, da man nicht einzusehen vermag, wo denn dem Volke 
sich die Gelegenheit geboten haben sollte, eine menschliche Gebär- 
mutter in natura zu sehen. Auch Panzers Erklärung will uns 
nicht erheblich fördern; er ist der Meinung, daß die Krankheit, 



2 34 EXVOTOS. 



d. h. Hysterie, wie das Hin- und Herkriechen einer Kröte emp- 
funden würde. Es bleibt uns für das erste nichts anderes übrig, 
als die Tatsache hinzunehmen und eine befriedio^ende Erklärung; 
der Zukuntt zu überlassen.« Ich finde eine solche in der 
Verwandlung der antiken Form in die moderne. Die 
Bewohner der süddeutschen und österreichischen Alpenländer gaben 
als Weihgaben genau wie die Alten das Abbild des jeweilig er- 
krankten Gliedes : tür weibliche Genitalorganerkrankungen aber 
spenden sie kein Abbild eines Organes, sondern eine Kröte. Die 
Kontinuität der Vorstellung hat aber auch zur Beibehaltung der 
Form geführt; man wußte noch, daß diese massenhaft vorkom- 
menden rundlichen Körper mit Hals und Orificium, über die wir 
ausführlich berichteten, das \'otiv für Frauenleiden waren, hatte 
aber vergessen, daß die Alten in dieser Darstellung das wirkliche 
Abbild der Gebärmutter sahen. Schließlich führten vielleicht noch 
die besprochenen Volksideen zu der Vorstellung, daß mit diesem 
Exvoto eine Kröte gemeint sei; man setzte an den plumpen 
Körper einfach ein Paar Beine an und hatte dann die ungefähre 
Kröten- oder Schildkrötengestalt. Wem das Gesetz der Verwand- 
lungsfähigkeit von Formen und Vorstellungen im Laufe der Jahr- 
hunderte bei Dingen der Tradition nicht glaubhaft erscheint, den 
erinnere ich nur an die beinahe grotesk-komische Tatsache, daß 
sich als Broschen, Bischofskreuze und Amulette überhaupt aus der 
Antike Phallusdarstellungen erhalten haben, denen man eine mysti- 
sche Wirkung als Abwehrmittel gegen allerlei Krankheit und böse 
Zauberei zuschrieb und die fromme Gläubige den Gnadenbildern 
opferten. Die \'ütivkröte ist also nichts anderes als die mißver- 
standene antike Gebärmutter der Etrusko - Latiner, deren Gestalt 
man der veränderten Auffassung anpaßte. 

Ein geradezu klassisches Beispiel für die Bodenständigkeit von Ge- 
bräuchen, die allem Wechsel politischer und religiöser Anschauungen 
trotzen, verdanke ich dem Nachweis von Wilhelm Alexander 
Freund, ich meine »den Handel mit dem großen Zeh unseres 
heiligen Cosmas«. In dem Göttinger Taschenbuch von 1784 ist 



^ DIE GROSSE ZEHE DES HEILIGEN COSMAS. 233 

anschaulich o-eschildert , wie der srroßc Sammler und Altertums- 
forscher Sir William Hamilton in dem Abruzzenstddtchen Isa- 
gua bemerkte, daß eine Menge Weiber und Mädchen in Wachs 
geformte große Zehen des Schutzheiligen der Cosmas- und Da- 
miankirche käuflich erwarben, um dadurch Fruchtbarkeit zu erzielen. 
Der Gelehrte trat näher und erwarb eine solche Cosmaszehe, wobei 
er konstatierte: »daß das christliche Frauenzimmer in Isagua in 
Abbruzzo in einem christlichen Tempel im Jahre Christi 1780 um 
Fruchtbarkeit zu erlangen wahre Priapen opterte, die mit vieler 
Kunst in Wachs geformt waren«. Ein tester Preis war nicht vor- 
handen, die Mönche des Ortes versprachen aber tür den besseren 
Zahler die bessere Wirkung. Hamilton glaubt, daß an jenem 
Platze einmal früher Priapeja gefeiert wurden. Die Nachfolger des 
Heidentums hätten das gute Geschäft zum Nutzen der neuen Kirche 
fortgeführt unter einem etwas züchtigeren Namen; die Wachspriapen 
hätten durchaus die antike Form gehabt. Durch den Einfluß dieses 
großen Sammlers, der damals englischer Gesandter in Neapel war 
(und im Nebenamt noch Gatte der berühmten Geliebten Nelsons), 
wurde der Handel verboten. 




ALLGEMEINE KÖRPERDAR5TELLUNGER 



MODE UND KÜNSTLERSTIL. 




udolf \"irchow besprach in München gelegentUch der 
Xaturtorscherversammlung im Jahre 1861 des älteren Hol- 
bein »Heilige Elisabeth mit den Leprösen«, welche sich in 
der Pinakothek (Nr. 211) befindet. Charcot und Richer sahen in 
Venedig die groteske Maske an der Santa Maria Formosa'); die Ent- 
deckung der Übereinstimmung dieser mit dem Hemispasmus glosso- 
labial. hyst. gab ihnen Veranlassung, die französischen mediko-artisti- 
schen Studien zu inaugurieren. Man ist diesen Spuren in dem Grenz- 
gebiete der Medizin und Malerei nachgegangen und hat größere 
Berührungsflächen gefunden, als man zunächst vermuten konnte. 
Dieses zunächst einsame und auf Frankreich beschränkte Arbeitsgebiet 
ist derartig in Aufnahme gekommen, daß kaum irgendwo im \'er- 
borgenen Kunstwerke irgendwelcher Epochen existieren , die noch 
nicht auf ihren mediko-historischen Inhalt geprüft sind. Zuletzt, nach- 
dem die Ernte bereits unter Dach war und reife Früchte nicht mehr zu 
pflücken waren, ging ein ganz Naiver daran, den körperlichen Inhalt 
und die Konstitution der Leinwandmenschen zu untersuchen. Es ent- 
spann sich ein Kampf mit allerdings ironisch zugespitzten Waffen im 
Schöße der Berliner medizinischen Gesellschaft darüber, ob die Eva des 
van Eyck schwanger sei oder nur gesenkte Eingeweide besäße (!). 
Die nächste Folge solcher Gutachten wäre, bei der Venus von Tizian 
Pruritus vulvae anzunehmen und bei den Botticellischen Geschöpfen 
Gicht und Plattfüße. Derartige naive Übertreibungen eines unge- 
sunden Spürsinns sind nur geeignet, den wirklichen Wert solcher 
Untersuchungen herabzusetzen. Betrachten wir einmal die Illustra- 
tionen und den Buchschmuck früherer Medizinbücher, welche Lehr- 



') Charcot et Paul Richer, Nouvelle Icon. de la Salpetr. 1888. 



DAS OBJEKT. 237 



zwecken dienten; die Absicht des Autors wurde auch in der Illustra- 
tion übertrieben und unterstrichen, gewissermaßen überkorrigiert. 
Schilderte aber einmal ein Künstler, der zugleich Naturalist war, eine 
Krankheitserscheinung, so hat diese voraussetzungslose Arbeit ge- 
wissermaßen als Naturabschrift objektiven Wert, jedoch nicht für 
einen Medizinstudenten. Es gehört schon die ganze Kurzsichtigkeit 
eines Banausen dazu, anzunehmen, daß wir derartige Studien betreiben, 
um Objekte zu finden zur Unterstützung medizinischen Realstudiums. 
Hat man schon je gehört, daß der Abc-Schütze lesen lernt an der 
Marmorschritt antiker Denkmäler, hat man schon je gehört oder 
beansprucht, daß jemand durch das Studium holländischer Küchen- 
malerei kochen lernte oder Botaniker werde durch Betrachtung der 
Blumenstücke? Ist ein Schlachtenmaler reif für die Kriegsakademie? 
Daß es sich hier im wesentlichen nur darum handelt, historische 
Arbeit zu leisten und das Illustrationsmaterial zur Geschichte der 
Medizin mühevoll zu sammeln, liegt auf der flachen Hand; daß es 
sich ferner verlohnt, durch diese dem Gedächtnis besser haftenden 
Eindrücke den Unterricht in der Geschichte unserer Kunst und des 
medizinischen Standes reizvoller zu gestalten, als es bisher die trocke- 
nen Literaturangaben und historischen Daten vermochten, das wird 
nur übelgelaunte Mißgunst in Abrede stellen. Hin und wieder aber 
werden zweifellos auch diese Studien eine Autklärung bringen über 
Situationen und Kolorit, Gebrauch und Sitte, Persönlichkeit und 
Methode, die der wissenschaftliche Chronist als unwichtig überging, 
oder für die uns überhaupt literarische Hinterlassenschaft fehlt. Ganz 
besonders muß dem Medizinhistoriker daran gelegen sein, neben den 
Darstellungen, die sich auf bestimmte historische Begebenheiten be- 
ziehen, auch solchen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, die einen 
mehr allgemeinen Charakter besitzen und die verschiedenen Phasen 
des Lebens, den Szenenwechsel von Geburt und Säuglingsalter, Kind- 
heit, Mannbarkeit, Tod und Bestattung in der Kunst der einzelnen 
Völker aufzeichnen. Es ist ein nicht zu gering anzuschlagendes Ver- 
dienst der neuesten Epoche, daß gerade Ärzte in ihren Mußestunden 
sich der Bearbeitung einzelner Kapitel aus diesem Gebiete hingaben. 



238 ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. ® 

SO von allen Seiten die Bausteine mit Sachkenntnis zusammentragend 
zu einer Illustrierung der Medizingeschichte im weitesten Sinne. 
Wenn wir hier im Bilde vereinigen, was buckelig und miß- 
gestaltet durch die Kunstgeschichte hinkt, und die Krankengeschichten, 
in Erz gegossen und in Holz geschnitzt oder als keramische Arbeit 
gefertigt, sammeln, so war nicht unser Zweck, eine Vereinigung 
solch plastischer Invaliden im Stil eines Briefmarkenalbums an- 
zulegen. Die Absicht der Darstellung interessiert uns in erster 
Linie, da deren Kenntnis den Gegenstand erst für uns wertvoll 
macht. Schuf der Künstler voraussetzungslos, modellierte er die 
Natur, oder bezweckte er etwas besonderes damit? Selbstverständlich 
modifiziert die Tendenz den Beobachtungswert. Doch kann es auch 
vorkommen, daß der Künstler z. B. einen Leprösen porträtieren 
wollte und sich einen Syphilitischen zum Vorbild nahm. Deshalb ist 
auch hier Vorsicht geboten. Das illustriert z. B. im umgekehrten 
Sinne eine Beobachtung, die man auf der letzten Ausstellung in Rom') 
anstellen konnte. Dort war eine groß angelegte Plastik eines Serben 
ausgestellt, die mit Recht allgemeines Aufsehen erregte. Ein Weib war 
in die Arme einer hinter ihr Sitzenden zurückgesunken. Es hatte den 
Anschein, als wenn hier mit genauester Sachkenntnis eine Geburt- 
szene wiedergegeben war. Hinter der frisch Entbundenen saß die 
Wehmutter; die Hache ILmdstellung der Helferin deutete darauf 
hin, daß der Moment der Ausstoßung der Plazenta sachgemäß ge- 
schildert werden sollte; jeder Mediziner wird die ganze Komposition 
in diesem Sinne auffassen. Wir würden bei der Auffindung einer 
solchen Gruppe alle in ihrer Deutung einig sein. Meine Erkundi- 
gung jedoch zeigte, daß der geniale Künstler etwas ganz anderes im 
Auge hatte und dies auch durch die Bezeichnung »Witwe« zum 
Ausdruck gebracht hat. Aus diesen Überlegungen heraus 
sonderte ich die folgenden Krankheitsdarstellungen auch 
nach dem Motiv ihrer Entstehung. Diese ätiologische Berück- 
sichtigung war vor allem auch deshalb nötig, weil die Einzelobjekte 
medizinisch übertrieben bewertet und ihnen Spezialdiagnosen auf das 

') Internationale Jubiläumsausstellung 191 1. 



DIE TENDENZ. 239 



Gesicht geschrieben waren, die im einzelnen schlechtweg unhaltbar 
sind und die als Ganzes genommen auf falsche Wege führen. 

Bevor wir uns aber mit der plastischen Krankheitsdarstellung 
befassen, müssen wir die Grenzlinie studieren und uns darüber ver- 
ständioen, was ist normal, was ist krank? Hier ergibt sich sofort 
die Schwierigkeit, daß wir noch lange nicht berechtigt sind, jede 
Abweichung des Lebens von dem Kanon des »Normalen« krank zu 
nennen, sondern daß wir das Grenzgebiet abnormer Formenbildung 
abtrennen müssen. Das Statuieren körperlicher l'ormenschönheit, 
die Aufstellung des Normalkanon ist nun aber ein Grenzgebiet 
zwischen Kunst und Anatomie und ein Studium tür sich; was 
im Leben vom Arzte noch als normal durchgelassen wird, wirkt 
im plastischen Kunstwerk auffallend; denn im Leben hat manches 
als Erbteil einer Familieneigentümlichkeit Passierschein, was in Erz 
gegossen künstlerisch beanstandet, medizinisch kritisiert werden muß. 
Große Abweichungen vom künstlerischen Kanon mögen häßlich sem, 
sie brauchen aber deshalb nicht krankhaft zu sein. Hier spielen 
individuelle Anlagen, Vererbungen und vor allem Rasseeigentümlich- 
keiten eine führende Rolle. Auch diese Abweichungen von der Norm 
sind vielfach bereits Gegenstand spezialistischer Studien geworden. 
Indem wir auf diese verweisen müssen^, betonen wir, daß die Grenze 
zwischen Anormalem und Krankhaftem keine objektiv fixierbare ist. 
Will man z. B. ein Weib mit ausgesprochen infantilem Skelettbau 
als krank bezeichnen, obwohl es funktionell vollkommen intakt ist? 
Bei diesen kanonischen Anforderungen an den Körperbau muß man 
vor allen Dingen auch die Gesetze der Entwicklung, der Reife und 
des Alterns berücksichtigen. Der Mensch in mittleren Jahren, vor- 
zeitig senil kann Körperbau und Haltung besitzen, die man für eine 
spätere Lebensperiode als normal bezeichnen würde. Wir können 
diese Dinare hier nur andeuten, um vor einer übertriebenen Bewertung 
solcher Abweichungen in der Zeichnung und in der Plastik zu warnen, 

■) Literatur s. bei Choulant, Gescliiclite der anatomischen Abbildung. Leipzig, Weigel, 
1852 und Die äußeren Formen des menschlichen Körpers von Prof. Gaupp. Jena, Fischer, 191 1. 
Paul Richer, L'anatomie artistique , 1S90, und Canon des proportions du Corps humam, 
Paris, Delagrave, 1893. 



240 ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. ® 

denn ganz abgesehen davon, daß es sich oft um unbeabsichtigte Fehler 
in den Proportionen, um ein »Verhauen« in der Zeichnung, handelt, 
wird diese Grenze des Gewöhnlichen, Normalen verwischt durch Mode 
und Geschmack der Zeit, und durch den Stil des Künstlers. 
Ein Beispiel wird dies klar machen. Die primitive iMalerei sowohl in 
Italien wie in Holland und Deutschland, dementsprechend auch die 
Skulptur jener Zeit, liebte es, den nackten Menschen mit infantilem 
Körperbau zu zeigen. Nun ist behauptet worden, das käme daher, 
weil die Menschen damals so gewesen seien. Es heißt das an der 
Modetorheit up to-day blind vorbeizugehen und über den krampf- 
hatten Versuch einer modesüchtigen Jüdin mit untersetztem Körper 
und vollbusigem Fettreichtum nicht zu lächeln, äußerlich als Be- 
sitzerin eines geradlinig gestreckten Körpers anglikanischer Rasse zu 
gelten. Die überwiegende Mehrzahl sowohl der bildenden Künstler 
als auch der Käufer ihrer Werke sind immer Männer gewesen. 
Schon aus diesem Grunde finden wir das nackte Weib häufiger 
dargestellt wie den Mann. Hinzu kommt, daß der weibliche Körper 
in seiner Linienführung erheblich größeren Schwankungen aus- 
gesetzt ist, und dadurch lür die Phantasie und die Gestaltungskraft 
des Künstlers ein geeigneteres Modell abgab. 

Im ganzen können wir uns mit der Aufstellung von zwei Typen 
des menschlichen Körpers begnügen, welche noch innerhalb der 
Grenze des Normalen liegen. Nehmen wir den normalen Körperbau, 
wie ihn die Anatomie lehrt, als Grundtorm an, so kommen zunächst 
Abweichungen nach zwei Richtungen vor; entweder können wir 
annehmen, daß die natürlichen statischen ^>rhältnisse des Skelettes') 
dadurch verändert werden, daß eine abnorme Streckung der Wirbel- 
säule eintrat, welche die natürlichen Bogenlinien mehr oder weniger 
geradlinig ausgleichen (i n f a n t i 1 e r und E u n u c h e n h a b i t u s), oder 
das Gegenteil trat ein; gewissermaßen durch einen Druck von oben 
weicht die Wirbelsäule aus und noch in den Grenzen des Nor- 
malen werden die natürlichen Biegungen derselben prononcierter 
(Hottentotten habitus). Durch diese an und tür sich scheinbar 

') Rudolf Leniihoff, Konstitution und Kürperform. Beil. l<lin. Woclienschr. 1909, Nr. 9. 



DER KÜNSTLERSTIL. 24 1 



geringtügigen \'eränderungen der Wirbelsäule tritt eine Differenzierung 
des Typus ein. Im ersten Falle zeigt der infantile Typus gestreckte 
Wirbelsäule, geringe Beckenneigung, Sichtbarkeit der äußeren Geni- 
talien, Luttlinie zwischen den Oberschenkeln und langen Knochen- 
bau; Hand in Hand mit diesem Knochenbau pflegt auch eine 
geringe Entwicklung des Fettpolsters cinherzugehen, die Erhaltung 
der juvenilen Form, kleiner Brüste und fester, schwach entwickelter 
Nates. Der gegenteilige Typus nähert sich, medizinisch ausgedrückt, 
der rhachitischen Form: stark geschwungene Wirbelsäule, rundlicher 
Rücken, starke Beckenneigung mit der damit verbundenen Rück- 
wärtslagerung der Scham, prall aneinander liegende Oberschenkel 
und stärkere Entwicklung des Busens mit meist großer Fettfülle 
sind hier deutliche Stammeszeichen. Ein besonderer latiformer Tvp 
nähert sich der achondroplastischen Veranlagung, deren Krankheits- 
erscheinung mit der eigentümlichen Entwicklung im transversalen 
Durchmesser noch Gegenstand besonderer Betrachtung sein wird. 
Zwischen diesen Grenztormen pendelt die Darstellungsweise hin 
und her je nach Geschmacksrichtung und Mode ganzer Epochen, 
gleichzeitig ein wechselvolles Spiel künstlerischer Eigenart. Je nach 
der Übertreibung gewisser Dimensionen der verschiedenen Körper- 
teile im Rahmen des besonderen Typus ergeben sich dann die 
charakteristischen Eigentümlichkeiten eines Meisters. Der juvenile 
Stil, der Infantilismus in der Kunst, ist fast bei allen Primitiven 
vorhanden. Die langen Extremitäten, der lange Hals, die Schmal- 
brüstigkeit des Botticellischen kleals (Wahrheit und Reue in Florenz, 
die Geburt der Venus in den Uttizien) sind charakteristische Bei- 
spiele dieses Stils. Die Eva des Jan van Evck, namentlich aber der 
sogenannte Liebeszauber in Leipzig von einem Zeitgenossen und 
Schüler des Brüderpaares zeigt uns den übertriebenen Intantilismus 
als den Ausdruck der Geschmacksrichtung jener Zeit; verdeckt man 
sich den ganzen Körper dieser frühen Kurtisane unterhalb der Arme 
und enthüllt dann den Körper allmählich nach unten, so ist man 
geradezu entsetzt darüber, daß dieser kindliche Oberkörper derartig 
in die Länge gezogen ist (s. Fig. 140). Auch die sonstigen Kri- 



Holländer, Plastik und Medi, 



242 



ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. 



terien dieser infantilen Gestaltung, der aufgetriebene Leib, die Klein- 
heit der Mammae kommt hier übertrieben zur x\nschauung; doch 
wollen wir uns aut diese Details nicht einlassen. Nahezu den 




Fhot. Briickmann . 



Fig. 140. Liebeszauber, Leipzig. 

Schule der Brüder van Eyck. 



vollendet normalen Realtypus eines Weibes zeigt uns der wunder- 
bare liegende Akt von Velasquez in der Londoner Nationalgalerie, 
der wegen seiner Meisterschaft dem Größten zugeschrieben wurde. 
Jenseits der Linie des Normalen , dem rhachitischen Typus sich 



INFANTILISMUS. 



243 



nähernd, sind die gedrungenen Gestalten des Rubens; geradezu vor- 
bildlich hierfür ist die Toilette der \'enus in Wien mit der stark 
geschwungenen Wirbelsäule und der übertriebenen Beckenneigung 
und der typisch gestalteten Rautengrube; selbst den schwebenden, 
also vollkommen entlasteten Gestalten des Jüngsten Gerichtes ist 
dieser Tvpus eigentümlich; nach ihm lieben wir es, den Ausdruck 
einer reiten Frauenschönheit zu benennen. 

Auch die Tagesmode verwirft die voll entfaltete Blume, die 
Knospe ist Trumpf und mit dem Bluff des unentwickelten Körpers 
in Linie und Kleidung verbindet sich von selbst das Bestreben, dem 
normalen Entwicklungsgang des Alterns den Hemmschuh anzulegen 
und den alternden, fettansetzenden Körper in das Korsett jugend- 
licher Form zu pressen. 

Tn der Plastik läßt sich unschwer ähnliches beobachten, die 
Skulptur der primitiven Bildhauer folgte den Anschauungen der 
Malerei, nur mit dem Unterschiede, daß außer diesem Zwang noch 
das jeweilige Verhältnis des Meisters zur Antike maßgebend ist; 
denn während die antike klassische Kunst der Malerei so gut wie 
keine Vorbilder hinterlassen hat, erlebte die Skulptur ihre Wieder- 
geburt in der Anlehnung und Erinnerung an die klassische Kunst; 
so muß man bei jedem großen Meister der Bildhauerei immer zu- 
nächst nach seinem \'erhältnis zur Antike tragen. 

Aufgabe der Kunstgeschichte und Kunstanatomie ist es. auch die 
Veränderungen des Körperideals in der antiken Kunst zu studieren. 
\'om archaischen Typus bis zum fettreichen Astarteideal, von der 
ersten hellenischen Kunstblüte, von den wunderbar majestätischen 
Götterbildern des Phidias, der strengen Naturschönheit des Polyklet 
und dem kunstvollen Rhythmus eines Myron bis zum Höhepunkt 
des Praxiteles, der, auf alle Attribute verzichtend, als Aphrodite ein- 
fach ein in allen Teilen wunderbar schönes nacktes Weib hinstellte, 
war der Schönheitsbegriff in beständiger Wandlung. Wenn wir 
nun diese Göttergestalten eines unvergleichlichen Zeitabschnittes 
in der Geschichte der Skulptur immer vor Augen haben und mit 
ihrer Größe und Schönheit Neugeschaffenes vergleichen, so dürten 



244 



ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. 



wir uns doch nicht vorstellen, daß dtn-ch die Gassen Athens damals 
nur Menschen mit solchem Idealhabitus schritten, und daß unter 
dem Himation griechischer Bürgerinnen nur ein klassisch getormter 
Busen wogte. Wir dürfen es nicht vergessen, daß Götter dar- 
gestellt wurden, und daß es dem Genius jener Zeit gelang, vollen- 
detes Ebenmaß des menschlichen Körpers in solcher Reinheit plastisch 
zu formen, daß von solch Fehlerlosem \'orstellung und Begriff der 
Göttlichkeit ausging. Es sind uns nun wohl auch aus dieser 
großen Epoche statuarische Werke überkommen, in denen nicht 
Göttliches geschildert werden sollte, sondern .Menschen, Kämpfer, 
Athleten und Ringer; auch diese halten meist in ihrer Körperbildung 
den \"ergleich mit Göttern aus, wenn nicht das Häßliche bei ihnen 
des Charakters wegen besonders betont werden sollte. 

Es hieße hier sich auf den Seitenweg reiner Kunstgeschichte 
begeben, wollten wir für das Gesagte Beweise bringen. Aus der 
Gegenüberstellung des reifen griechischen kleals klassischer Linien- 
führung, welches tür uns die \'enus von Milo oder die esquilinische 
\"enus verkörpert, des ägyptischen Astartetypus mit enger Taille und 
weit ausladenden Hüften und Schenkeln — und den modernen Skulp- 
turen französischer Tänzerinnen mit torcierter Beckenneigung oder 
Wienerinnen mit wellenförmiger Silhouette ersehen wir den Wechsel 
des Typs, der Mode und des Frauenideals. Wie wir schon ausführten, 
pendelt der Geschmack in der Kunstrichtung; viel mehr aber noch 
als bei uns tührte sie in Griechenland und in Rom zur Zeit der Spät- 
antike zu einer perversen Körperbildung, zur besonderen Vorliebe 
der Darstellung weibischer Männeriormen und zur Vermännlichung 
des weiblichen Körpers'). Als formvollendetes, viel bewundertes 
Beispiel solcher Verherrlichung des juvenilen Stils bringen wir die 
Darstellung der sogenannten »Psyche« von Neapel (s. Fig. 141). 
Nicht nur die ikiche, festgefügte Form der freilich modern über- 
arbeiteten Brust, sondern namentlich die Wölbung des Thorax, die 
ungewöhnliche Schmalheit des Beckens, der straffe lange Leib, geben 



') Henri Meige, L'infantilisme, le fcminismc ut les Hermaphiodites Antiques. L' An- 
thropologie 1895. 



PERVERSER HABITUS. 245 



diesem Körper den Charakter einer \'irago. Umi;'ekehrt liebten es 
die i\lten , manchem männhchen Gott, /.. B. dem Apoll und dem 
Bacchus, weibische Formen zu geben (s. Fig. 142). 




t'hot. Annan. .\fa/>e/, i\ai.-A/iiseniii. 

Fig. 141. Sogenannte Psyche. Antike griech. Slvulptur. 

Als weiteres Gegenspiel der antiken Freude an der weibischen 
Degeneration des Mannes, der sogar gelegentlich Weibertracht an- 



246 



ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. 



legt, beobachten wir hunderttach Frauen in der Haltung und der 
Beschäftigung von Männern. Der Amazonenkampf ist eines der 
beliebtesten Themen antiker Darstellungen. Der Geschlechtscharakter 
einer Figur oder eines Koptes geht ott vollkommen verloren. Der 
naive Betrachter würde unter allen Umständen z. B. den einen 




Fig. 



Bacchustorso. 



Kopt der Doppelherme aus dem Athenischen Nationalmuseum') 
mit den weibischen Zügen und den langen auf die Brust lallenden 
Locken für eine Frau halten, ebenso wie er es unverständlich 
finden wird, daß die Archäologen darüber streiten, ob das neu aut- 
getundene schöne Mädchen :Von Antium wirklich ein Weib ist. 



') Aus dem Stadion. 



HERMAPHRODITISMUS. 247 



Die letzte Konsequenz dieser Vermischung der Typen war die 
Hermaphroditenbildung, die wir im folgenden austührlicher 
besprechen wollen. Aber schon an dieser Stelle, wo die Zwischen- 
stufen von Gesundheit und Krankheit diskutiert wurden, weisen wir 
auf die Plastik der Schwangerschaft hin, welche in ihrem normalen 
Verlauf die Linienführung des Körperbaus aut den Kopt stellt. 

HERMAPHRODITEN. 

Menschliche Zwitterbildung als Ausdruck tür den Herm- 
aphroditismus ist ^\'ortbildung mit falscher anatomischer Vorstellung; 
denn keine zweifache Körperlichkeit war dieser Bildung voraus- 
gesetzter Gedanke, sondern im Gegenteil die Vereinigung der kon- 
trären Körpercharaktere zu einem harmonischen Ganzen, zu einer 
Wesenseinheit. Das war des Bildners angestrebtes Ziel, das der 
künstlerische Reiz für die ganz Großen. Eine schon dekadente 
Kunst begnügte sich mit der Erregung des sinnlichen Kitzels durch 
raffinierte Darstellung des weiblichen Orgasmus, mit dem Zeichen 
errester Männlichkeit. Gelehrte archäologische Weisheit versuchte 
dem Dinge natürliche Entwicklung unterzulegen, wo das Altertum 
sich bequemer mit legendärer Erklärung zufrieden gab. Danach 
war der schöne Jüngling Hermaphroditos der Sohn der Aphrodite 
und des Hermes. Als er einst bei Halikarnaß in der Quelle der 
karischen Nvmphe Salmakis badete, wurde er von dieser mit so 
stürmischer Liebe umklammert, daß beide nicht mehr voneinander 
lassen konnten und zu einem Wesen verschmolzen. Die Kunst hat 
diesen Jüngling immer so dargestellt, daß, bei vollkommenem Vor- 
herrschen der weiblichen Bildung im übrigen Körperbau, eine männ- 
liche Scham vorhanden war, nie umgekehrt den Mann mit weiblichem 
Schoß. Das spricht für die Berechtigung einer anderen archäologischen 
Erklärung. Hermes, der Gott der Wege, der Gott auch der kos- 
mischen Befruchtung, wurde in früher Zeit an den Straßenkreuz- 
punkten verehrt durch Aufrichten von Steinhaufen; Spitzsäulen, auf 
deren obere Endigung man zunächst einen großen Phallus stellte, 



248 



ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. 



als das älteste Wahrzeichen hermischer \'erehrung. Zu diesem Zeichen 
kam der Gott des Herdenreichtums und überhaupt befruchtender 
Kraft durch die wahnsinnige Brunst, die der Anblick der Proserpina 
in ihm entfachte. Dann ging man später an die Errichtung der zahl- 
reichen Wegehermen, viereckiger Steinsäulen mit einem oder mehreren 
Köpfen und den entsprechenden männlichen Genitalien, die zuerst 
erigiert, späterhin jedoch nur angedeutet waren. Nun schmückte 




München, Ctyptothck. 



Fig. 143. Zeremonie vor einer Herme. 



man später diese Hermen auch mit den Kopien anderer Gottheiten, 
so des Priap, Fan, Dionvs, Herakles, Eros und anderer. Diese nannte 
man dann Hermopan, Hermathene, Hermherakles. Krönte nun der 
Aphroditenkopf die Säule, deren sonstige Verzierung unverändert 
blieb, so resultierte daraus die Hermaphrodite; solche Hermen sind 
erhalten. Wie solche Hermen verehrt wurden, das zeigt ein Hermes- 
idol, das zwei junge Mädchen mit Bändern bekränzen (Fig. 145). 
Dieses in der Münchener Glvptothek befindliche Relief bildet auch 
Floß (Seite ^i8i) ab unter der irrigen Bezeichnung »Fruchtbarkcits- 



HERMAPHRODITISMUS. 249 



Zauber«. »Daß beide die Bänder ihres Gewandes gelöst haben, 
spräche für die Wünsche, die sie vom Ciotte erflehen und die Zere- 
monien, die sie im Begriff stehen mit der Statue vorzunehmen«'). 
Medizinisch interessant ist die Haltung der rechten Frau; ihre Pose 
war so erklärt, daß sie ein Band fallen ließ und mit der Hand die 
Gewänder eben hochnehmen will; ich meine, sie hebt die Bindenrolle 
mit den Zehen aut". Die Figur ist eine Kopie der die Sandalen bin- 
denden Xike von der Balustrade des Niketempels (Akropolismuseum). 
— Wenn auch hie und da noch die Reste einer solchen i\phroditen- 
herme gefunden wurden, so weisen doch ältere Kulte und völkische 
Eigenheiten auf eine andere Herkunft des Hermaphroditenbegriffes. 

In der Vorstellung vieler primitiver Volker, vorzüglich aber orien- 
talischer, bestanden im Urbeginn bisexuelle Gottheiten ; oder das männ- 
liche und weibliche Prinzip vereinigten sich zur Schaffung eines allge- 
meinen (Isis-Osiris-Horus) oder auch umgekehrt. Aus der allgemeinen 
Dunkelheit wurden zwei geschlechtliche Prinzipien: Xacht und Tag. 

Und nicht nur der Urbeginn war geschlechtslos oder vielmehr 
androgyn und spaltete sich geradeso in die zwei Geschlechter wie das 
Primordialei durch Teilung fortbesteht; nicht nur die Gottheit trug 
diesen zwiefachen Charakter, sondern auch die ersten Menschen. 

Aristophanes, der berühmte Komödiendichter, übernimmt es, in 
dem bekannten »Gastmahl« des Plato diese Naturphilosophie zu 
karikieren. Aus der Geschichte der Menschenerschaffung sucht 
er in diesem antiken Meistersingerstreit über das Thema der Liebe 
die verschiedenen Arten derselben naturphilosophisch zu erklären. 
Piatos beißender Spott ist dabei vielfach als bare Münze aus- 
aeseben worden. Da in des Aristophanes Rede vielfach Anklänge 
an andere Mvthen vorkommen, so bringen wir diesen Teil seiner 
Rede im Auszuge (Piatos Gastmahl, 14. Kapitel). 

»Unsere Natur vor alters nämlich war nicht die nämliche, welche 
sie jetzt ist, sondern eine anders beschaffene. Denn erstens gab es 



') Sachlich unrichtig. Die Tracht ist die gewöhnhche des Lebens: die spartanischen 
Mädchen trugen genau dieselbe Tracht, wie die linke Figur. Da der Körper vollkommen 
offen lag, wurden diese Spartanerinnen scheizweise 'iaivoji-ri&ios; (die »Nacktschenkel«) ge- 
nannt. 



250 



ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. aß 



drei Geschlechter der Menschen, nicht wie jetzt bloß zwei, männlich 
und weiblich, sondern hierzu kam noch ein drittes aus diesen beiden 
gemeinsam vereinigtes, wovon jetzt nur der Name übrig ist; Mann- 
weib nämlich war damals eine Gestalt und ein Name, wirklich aus 
beiden, sowohl dem Männlichen als auch dem Weiblichen, gemein- 
sam vereinigt; jetzt aber ist es nur ein als Schimpt geltender Xame.« 
Aristophanes gibt nun im tolgenden eine detaillierte Schil- 
derung eines solchen Primärmenschen mit vier Beinen, vier Händen, 
zwei Gesichtern und zwei Geschlechtsteilen. Diese Urmenschen, 
an Kraft und Stärke gewaltig, beschlossen, durch Hinaufsteigen 
in den HimnK'l die Götter anzugreiien. Zeus war in \'erlegen- 
heit, da er sie nicht wie die Giganten durch den Blitz erschlagen 
w'oUte, um nicht das ganze Geschlecht zu vernichten. Er machte 
nun das in aller Stille, was unser Pariser Kollege Doyen (unter 
Assistenz des Kinematographen) mit seiner brillanten Technik 
machte, er schnitt diese Doppelmenschen auseinander, drohte aber, 
wenn das nicht genüge, sie zu vierteilen, so daß sie dann nur aut 
einem Bein sich fortbewegen könnten, wie die Leute beim Dionysos- 
tanze auf dem Pelle eines geschlachteten Bockes. Zeus erwies 
sich anscheinend bei diesem operativen Eingriff als ein Plastiker 
ersten Ranges und nähte die halbierten Menschen mit der Tabaks- 
beutelnaht zusammen, wie der jetzige technische Ausdruck ist. 
Plato aber sagt »wie bei den Geldbeuteln, welche zum Ziehen sind«. 
Die Stelle, wo er die Naht \-erknüpfte, blieb natürlich etwas un- 
regelmäßig, das wurde der Nabel; die übrigen Runzeln am l^auche 
aber glättete er, wie der Schuster das Leder glättet, absichtlich aber 
ließ er einige Palten stehen (Inscriptiones tendin.) als Denkzeichen 
des früheren Zustandes. Die Pointe dieser phantastischen Er- 
klärung und der aristophanische Witz bezieht sich nun aut den 
verkehrten Sitz der Geschlechtsteile. Die Körper, im eigentlichen 
Sinne doch immer nur Hälften, seien innig bestrebt, ihre Konter- 
marke wiederzuhnden und sich mit ihr zu vereinigen. Die Haltte 
eines Mannes, der im Vorstadium ein Mannweib gewesen, sei 
weiberliebend, 2;enau wie die Weiber männcrliebend geworden. 



HERMAPHRODITISMUS. 25 I 



Den durchschnittenen Doppehfiännern und Doppelweibern sei aber 
Männerireundschaft und Tribadentum angeboren; »das Begehren 
aber und \'erfolgen des Ganzen heißt Eros«. 

Auch nach tahnudischer Cberheferung soll Adam vor Eva schon 
eine Gefährtin, die Lilith, gehabt haben, mit ihr erzeugte er ein 
Titanengeschlecht, das im Übermut seines Kraitgefühls den Kampf 
gegen Gott aufnahm, aber besiegt wurde. Einen Hinweis aut diese 
Lilithlegende gibt die Genesis Kap. 6, \'ers 2 und 4, wo von einer 
Vermischung der Kinder Gottes mit den Töchtern der Menschen die 
Rede ist, aus denen Gewaltige in der Welt und berühmte Männer 
wurden (Ahrimans). Der Hinweis von Jean Ictis^) aut die 
biblische Schöpfungsgeschichte als Analogon zu dieser platonischen 
Doppelgeschlechtigkeit der ersten Menschen ist insofern berechtigt, 
als im ersten Buch Mosis Kap. i, Vers 27 zunächst steht, daß Gott 
den Menschen schuf, männlich und weiblich. \'on diesem aus Erden- 
kloß gemachten Menschen , dem er lebendigen Odem eingeblasen 
hatte, fand (jott dann später (Kap. 2, Vers 18 ff.), daß es nicht gut 
sei, daß er allein sei, und machte ihm eine Gehilfin. Er ließ ihn in 
tiefen Schlaf fallen und nahm ihm seiner Rippen eine und schloß 
die Stelle mit Fleisch, und er machte aus ihr eine Männin; und weil 
die »Männin« Fleisch von des Mannes Fleische war, so begehrte beides 
wieder zusammen in dem Maß, daß der Mann X'ater und Mutter 
verlassen muß, um zum Weib zu gelangen und wieder ein Fleisch 
zu werden. Demgemäß wird behauptet, daß die Rabbinen Ben Israel, 
Maimonides u. a. den Adam für zweigeschlechtlich gehalten haben"). 

Interessant ist es, einen Seitenblick zu werfen darauf, wie sich 
die antiken Völker nun tatsächlich bei gelegentlichem Vorkommen 
von hermaphroditischen Personen (im medizinischen Sinne ge- 
sprochen) verhalten haben. Xun, zunächst glaubten die Alten mit 



') Jean Ictis, Les hermaphrodites (ctude paramcdicale). Presse mcdicale igio. 

-) Zu diesen Auslegungen erhielt ich noch folgenden Zusatz. ;\Iidrasch Rabbach ; Es 
sprach Rabbi Jirmeja ben Elieser: In der Stunde, da Gott den ersten iMenschen schuf, schuf 
er ihn androgyn, denn es heißt I. Mos. I. 27: »Männlich und weiblich schuf er sie.« Ral^bi 
Samuel ben Nachman sprach: Mit zwei Gesichtern erschuf er ihn, dann spaltete er ihn und 
machte ihn zu zwei Rücken , ein Rücken von hier und ein Rücken von dort , denn es heifk 
Ps. 139. 15: »Von hinten und von vorne hast du mich geformt.-. 



252 



ALLGEMEINE KORPERDARSTELLUNGEN. 



Bezug auf Plinius und Aristoteles, daß es in Atrika ein ganzes 
Volk solcher Zwitter gäbe. Griechen und Romer in der Irühesten 
Epoche sahen in der Geburt hermaphroditischer Kinder das ominöse 
Vorzeichen unglückseliger Ereignisse; um ihnen zu entgehen, wart 
man die abnormen Geschöpfe in das .Meer und die Tiber. Noch 

Bauhinius taßte im 16. Jahr- 
hundert diese Wesen, die halb 
Weib, halb Mann waren, tür 
eine Beleidigung der Xatur aut, 
die man mit dem Tode be- 
straten müßte. i\llmählich aber 
erkannte man, daß diese Miß- 
geburten nur unglückliche Men- 
schen wären, und man ließ ihre 
Taute zu, verbot ihnen aber 
noch zunächst die Ausübung 
aller bürgerlichen Pflichten und 
Rechte. A m b r o i s e P a r e 
vertrat den Standpunkt, daß 
sich solche Zwitter tür das bei 
ihnen ausgesprochenere Ge- 
schlecht entscheiden sollten, daß 
sie sich unter Androhung der 
Todesstrate nur dieses bedienen 
dürften . \' o 1 1 a i r e '), der gran- 
diose Spötter, schuf seinen 
Hermaphrodix, Sohn des Inkubus 
und einer Benediktinerin, der das Recht erlangte, seine doppelte 
Natur, die männliche am Tage und die weibliche in der Nacht, zu 
betätigen . . . 

Im Altertum war die berühmteste Statue eines Hermaphroditen 
von Polvklet. Die spätere Kunst versuchte nicht nur durch die 
Kombination weiblicher und männlichei; Körperteile das Zwitterhatte 




Orig.-Fliot. des Deutsch, arch- Inst. Athen, .\'at.-AJnscnni. 

Fig. 144. Hermaphrodit (Terrakotta). 



La Pu Celle, N'oltaire, Chant. 4 und 17. 



HERMAPHRODITISMUS. 



253 




Orig.-Au/n. Stanibnl, Ottoni. Miiscuu 

Fig. 145. Hermaphrodit aus Pergamon. 



234 ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. ^ 

ZU charakterisieren, sondern sie suchte aus der \'erschmelzung beider 
Geschlechtstypen ein harmonisches Ganzes zu schaffen. Nach dieser 
Richtung hin ist der stehende Hermaphrodit des Berhner Museums, 
der aut ein Originahverk der Schule Polvklets zurückgeht, muster- 
gültig und, worauf schon Richer aufmerksam gemacht hat (1892 Ic), 
eine wirkliche Mischung von Mann und Weib. Ähnlich wirkt eine 
Tanagrafigur des Athenischen Xationalmuseums (s. Fig. 144). Noch 
tormvollendeter, aber unter viel stärkerer Betonung weiblicher Ver- 
hältnisse, ist der zum Teil bekleidete Hermaphrodit aus Pergamon, 
der sich jetzt in Konstantinopel befindet (s. Fig. 143). 

Viel bekannter durch die häufigen Repliken sind die späteren 




J\o/ji, Xat.-Mtiseiim. 

Fig. 146. Hermaphrodit. Antike j\Lirmorstatue. 

Darstellungen des schlafenden Hermaphroditen (s. Fig. 146). Im 
Gegensatz zu der aus Erz gearbeiteten Statue des Polyklet (Plinius 
XXXI\^, 80) wird das Original dieses liegenden Hermaphroditen 
aus Marmor gewesen sein. Die Vorstellungen sinnlicher Art, die die 
Betrachtung dieses in wollüstigem Traume Daliegenden voraussetzen, 
werden durch Marmor besser als durch Bronze der Vollendung nahe 
gebracht. Amclung') sagt von der Replik im Römischen National- 
museum: »Die weiche Drehung des ganzen Körpers, das Fließen der 
Formen an dem zarten Rücken ist ganz außerordentlich schön, das 
Weibliche in der Gestalt ist stark betont. Das Raffinierte in der 
ganzen Auffassung weist das Original in die spätere hellenistische 
Zeit. Man kann ohne Rückhalt bewundern, wie die höchste Kunst 



') W. Amelung, Führer durch die Antiken in Florenz. 1S97 



DIE ERSTEN MENSCHEN. 255 



einen derartig unpoetischen Stofl" zu adeln vermag.« Was wir vom 
ärztlichen Standpunkt besonders betonen zu müssen glauben, ist, 
daß hier der Orgasmus eine künstlerische und doch naturalistische 
Darstellung gefunden hat. An diesem in unruhigem Traume sich 
bewegenden Körper ist nur das Eine männlich. Durch die Fort- 
lassung dieses Teiles (wie bei der Replik im Athenischen Museum) 
würde bei vorausgesetzter Unkenntnis der anderen Wiederholungen 
dieser sich im Traume wälzende Leib für ein richtiges Weib gelten. 
Die Attribute weisen diesen antiken Zwitter in den Kreis des Dio- 
nysus. Das Pantherfell, oft auch das Tvmpanon, liegen ihm zur 
Seite. Vielfach sind uns Gruppen erhalten (wie z. B. in Berlin 
und Florenz, Ulfizien), wo sich ein Hermaphrodit der erotischen 
Angriffe eines Satyrs erwehrt; verständlicher erscheint uns die 
Szene in der Nuance, wie wir sie mehrfach auf pompejanischen 
Fresken fanden; an eine schlafende Schöne macht sich heimlich 
ein Satyr heran; der komische Augenblick ist geschildert, in dem 
der die Schlafende entblößende Lüstling entsetzt über das Spiel der 
Natur zurückfahrt. 



ADAM UND EVA. 

An dieser Stelle wollen wir noch einen Moment verweilen, um 
die Körperdarstellung der ersten Menschen zu betrachten. Zunächst 
bietet vom naturwissenschaftlichen Standpunkt die Lrschaflung der 
Eva kaum Interessantes. Wir sehen den Vorgang vielfach dargestellt. 
Meist ist die Männin selber schon am Leben; aus der aufgebrochenen 
Seite Adams wächst die Gefährtin heraus oder Gott entwickelt 
den einen Körper aus dem andern (s. Fig. 147 u. 148). Im Dom 
zu Orvieto jedoch sieht man, wie der jugendliche Gott dem schla- 
fenden Adam eine Rippe herausschneidet (Fig. 149). Gewöhnlich 
liegt Adam schlafend auf der linken Seite. Auf den Erztüren am 
Dom zu Augsburg zieht aber Gott die Eva aus der linken Seite 
des Brustkorbs hervor. 

An der Körperdarstellung von Adam und Eva interessieren 



256 



ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. 



Einzelheiten. Wir wollen hier nicht auf die fehlende Charakteri- 
sierung der heiden männlichen und weiblichen Leiber eingehen, 
sondern nur die Tatsache feststellen, daß die ostchristliche Mönchs- 
kunst es liebte, x'Vdam und Eva zunächst geschlechtslos darzustellen. 
Die Weiblichkeit der Eva wird allein durch die längeren Haare 
angedeutet. Die Legende und der \'olks\vitz taten sich zusammen 




RfHc/ am Citnipauilt' zu Ftcrenz. 

Eig. 147. Giotto. Erschaffung Evas. 

zu der Behauptung, daß dem Ahnherrn des Geschlechtes vor Schreck 
ein Stück des verbotenen x^pfels in der Kehle stecken geblieben sei, 
und demgemäß bildete die christliche Symbolik zunächst den Adam 
mit besonders derber Hervortreibung seines Adamaptels ab. 

Eine andere Überlegung entsprang dem naturhistorischen Ge- 
wissen der Klerisei. Ein scholastisches Gezanke entstand darüber, 
ob Adam und Eva einen Nabel gehabt haben. Als nicht vom 



m 



ADAM UND EVA. 



hl 



Weibe geboren, sondern von Gott erschaffen, müsse ihnen der 
Nabel gefehlt haben. Joseph Kirchner') berichtet, daß endlich 
eine Synode der griechisch-katholischen Kirche den Gegenstand zu- 
gunsten der Orthodoxie entschieden habe: der Nabel habe den ersten 
Paradiesesmenschen gefehlt. An diese Entscheidung haben sich 
jedoch, wie es scheint, nur die frühen Künstler des christlichen 




Fhrcuz, Ajtdrtct dt'lla Rübbia .- 

Fig. 148. Die Erschaffung Evas. 



Ostens gehalten. Jene Richtung nahm Adam und liva den Nabel 
und gab ihnen datür den Nimbus. Die abendländische Kunst aber 
machte es umgekehrt. Hier schlichtete den Streit nach Kirchner 
ein französischer Meister, der eine Szene bildete, in der Gottvater 
als letzte Tat dem fertigen Adam mit dem Zeigefinger den Nabel 



') Joseph Kirchner, Die Darstellung des ersten Menschenpaares in der bildenden 
Kunst. Ferdinand Enke 1903. 

Holländer, Plastik und Medizin. 17 



258 



ALLGEMEINE KÖRPERDARSTELLUNGEN. 



in den Bauch stößt. Unwillkürlich wird man dabei an die gran- 
diose Schöpfung und die künstlerische Tat des Buonarotti in der 
Sixtinischen Kapelle erinnert. Gottvater, im weiten Mantel, in den 
Lüften, hat eben den Adam geschaffen, und mit dem Zeigefinger 
der rechten Hand läßt er auf den linken Adams gewissermaßen den 




Fitot. Aliitari. Kathedrale z'on Orz'ieto. 

Fig. 149. Erschaffung der Menschen. 



Funken lebendiger Kraft überspringen; das Leben erwacht in dem 
Manneskörper, und ungeschickt versucht er die ersten Bewegungen 
seiner Gliedmaßen. Konnte die Inkarnation des Geistes oder viel- 
mehr das zum Willen werdende l'leisch wundervoller zum Aus- 



druck gebracht werden ? 






SCHWÄNGERSCHAFT, 




ie groben Veränderungen, welche die Schwangerschaft an 
dem weiblichen Körper hervorruft und hinterlaßt, sind 
in der monumentalen Kunst mit Stillschweigen über- 
gangen. Mit scheuem Blick wendet sich der Künstler von einem 
Zustand ab, der ein graziöses und graciles Kunstwerk zerstört und 
aus einer vollendeten Linienführung eine bizarre Silhouette macht. 
Doch nicht nur die Deformation des Körpers ist es, welche das 
rätselhafte große Geheimnis öffentlich zur Schau tragt; auch die kolo- 
ristischen Veränderungen und vor allem der undetinierbare Gesichts- 
ausdruck der Graviden sind Probleme, deren Schilderung ebenso 
schwierig wie künstlerisch reizlos sein mußte. Es ist seltsam, daß 
gerade ein so ideal veranlagter Maler, wie Raftael es war, diese 
charakteristischen Schwangerschaftsmerkmale erfaßte und sie mit 
seinem Pinsel fixierte. Nach dem Gesichtsausdruck der »Donna 
Gravida« aus dem Pittipalast würde der Arzt schon allein die richtige 
Diagnose stellen, auch wenn Raffael den körperlichen Zustand selbst 
weniger deutlich geschildert hätte. Die klassische Mythologie und 
die Geschichte des Marienlebens gaben die \'eranlassung tür italie- 
nische und deutsche Künstler der Renaissancezeit, häufig zwei 
Schwangerschaftsvorwürfe auszuführen. Das beliebte Sujet aus der 
Antike ist die Entdeckung der Schwangerschaft der Nymphe Callisto 
durch Diana. Diese mit ihrem Gefolge, von meist neun nackten 
Schönheiten, schickt sich an, im heiligen Quell zu baden; die an- 
deren haben bereits ihre Gewänder abgelegt, nur die unglückliche 
Callisto, welche von Jupiter, als sie vor Monden im Walde schlief, 
überrumpelt wurde, zögert. Ihre Genossinnen entreißen ihr, die 
den Schoß verdecken will, die Gewandung. Vor und nach Tizian 
nun zeigen diese Gemälde keinen nennenswerten Realismus, im 



26o 



SCHWANGERSCHAFT. 



Gegenteil, die Schwangere selbst, als unvorteilhaftes Objekt, tritt 
in den Hintergrund, während die Vorderszene von jugendlicher 
Mädchenschönheit beherrscht wird. Es war Monnot vorbehalten, auf 
seinem Marmorrelief im Marmorbade von Kassel den geschwollenen 
Leib der Nymphe ostentativ in den \'ordergrund zu stellen. 

Der Besuch der Maria bei Elisabeth ist eine häufig gemalte 





Jim 



Orig.-Ait/n. Berliti, Altes Muscuiit. 

Fig. 150. Hellenistische Terrakottafigur. Fig. 151. Dieselbe Figur von der Seite. 

Szene. Doch mildern die Mäntel und Kleider den ott nur an- 
gedeuteten Schwangerschaftszustand der beiden Frauen. Es kommt 
hinzu, daß die Tracht der deutschen Patrizierinnen im i6. Jahr- 
hundert vielfach den Status gravidus als Mode imitiert, wie dies 
die Trachtenbilder Holbeins deutlich illustrieren. Gelegentlich aber 
bildete der primitive Künstler die beiden Frauen auch in der ein- 
deutigen Weise, daß sie sich gegenseitig betasten oder daß in 



SCHWANGERSCHAFT. 



261 



ihrem geschwollenen Leibe die beiden Embrvonen sichtbar werden 
(Abbildung s. bei Floß Fig. 373). 

Der Realismus unserer Zeit sucht nach neuen, auffälligen Motiven, 
die des Ausstellungsbesuchers flüchtigen Fuß stocken lassen. So staute 
sich die kleine Zahl der Besucher der Berliner Secession vor der natura- 




I 'rii^.-Au/n . Be7-lin , Altes Museum. 

Fig. 152. Schwangerschaft. Terrakottafigur. 

listischen Szene einer Entbindung. Ein andermal hatte ein eigen- 
artiger Genrezeichner selbst diesem dramatischen Vorgang, ich kann 
nicht anders sagen als wirklichen Humor abgerungen (Zille). Das 
Wagnis der malerischen Darstellung einer hochschwangeren nackten 
Frau aber hat meines Wissens bisher keiner unternommen, zu 
seinem Glück. \"om Standpunkt des Bildhauers gar erscheint eine 



202 



SCHWANGERSCHAFT. 



solche Verkörperung beinahe als Unmöglichkeit. Die Ehrfurcht, die 
ein solcher Zustand einflößt — selbst dem sonst rücksichtslos stra- 
fenden Gesetzgeber — , verbietet scheinbar von selbst seine Paro- 
dicrung. Es gehört schon ein gewisses künstlerisches Genie dazu, 



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Orig. -Alt/n. Berlin, Museum. 

Fig. 153. Gravidität. Tanagrastatuette. 



trotzdem diese Wirkung hervorzubringen. Die kleine, leider kopf- 
lose hellenistische Statuette des Berliner Antiquariums zeigt un- 
zweifelhaft die Veränderungen, welche die Gravidität bei einer schon 
etwas bejahrteren Frau hervorruft (s. Fig. 131). Das Unschöne ist 



SCHWANGERSCHAFT. 



26: 



besonders betont; die großen hängenden Brüste, der stark vor- 
gewölbte Bauch kontrastieren zu der schämigen Beinstehung, in der 
sich diese alte Phryne zeigt. Die Tatsache, daß diese kleine Terra- 
kotta sich mehrfach wiederholt, spricht dafür, daß es Kopien einer 




Ori^.-Au/n. Bcrlhi, Mtiseuiit, 

Fig. 154. Schwangerschaft. Tanagrafigur. Vorige Statuette im Profil. 



größeren, vielleicht im Altertum berühmten Statue sind. Die Ver- 
heerungen, die die häufige Wiederkehr dieses Zustandes hervor- 
ruft, schildert die Statuette einer Geschlechts- und Zeitgenossin der 
Venus von Milo. Obwohl das Weib, Gott sei Dank, in den Falten 



.64 



SCHWANGERSCHAFT. 



des Chiton und des Mantels steckt, werden ähnliche Formen wie 
bei der eben besprochenen Griechin sichtbar (s. Fig. 132). Man 
kann dieser rohen und flüchtig hingeworfenen Skizze der alternden, 




Oyig.-Au/n. Eigener Besitz. 

Fig. 155. Gravidität. Hellenische Terrakottafigur. 

sich mit ihren drei Kindern schleppenden Frau eine gewisse Bewun- 
derung nicht versagen. Dieselbe Darstellung, doch in das Liebliche, 
Erfreuliche iibersetzt, spiegelt eine Tanagrafigur (s. Fig. 133 u. 134) 



SCHWANGERSCHAFT. 



26 



■') 



wieder; bei dem überaus graziösen Spiel mit ihrem kleinen Kind- 
chen strafft sich ihr Gewand derartig, daß im Profile, namentlich 
im Gegensatz zu dem schlanken Bau der anderen Tanagrafigurinen, 
ihr Zustand auffällig zutage tritt. Dem Künstler kam es offenbar 




Orig.-Au/n. Athen, Nai.-Mjtseuiii. 

Fig. 156. Gravidität. 

Attische Terrakotta. 




Orig.-Anjn, Atiu n, -Wit .-Mi,.\t-n/ii. 

Fig. 157. Gravidität (Binde). 

Helleoistische Terrakottafigur. 



darauf an, vorhandenes und kommendes Mutterglück zu schildern. 
Der auf unserer Abbildung weniger, im Original dagegen umso deut- 
lichere Zustand der Gravidität der kleinen Tanagrafigur des Athe- 
nischen Nationalmuseums (s. Fig. 156) ruft bei der davon Betroff^enen 
entgegengesetzte Gefühle hervor, die sie in Schluchzen ausbrechen läßt. 



266 



SCHWANGERSCHAFT. 



Aus Athen stammt eine weibliche Tonligur, welche ihren graviden 
Zustand deutlich genug markiert. Die Haltung des Kopfes, die \>r- 
legung des Schwergewichtes nach hinten, die Stellung und die 
Form der durch das Gewand sichtbaren Schenkel ist von oroßem 
Realismus (s. Fig. 153). Handelt es sich hier offenbar um die 
Darstellung dieses heiligen Zustandes einer Sterblichen, so scheint 
dieselbe Lage bei einer Göttin zum Ausdruck gebracht zu sein in 

einer ziemlich großen Statuette des Athenischen 
Nationalmuseums (s. Fig. 137). Die Zahl sol- 
cher Figuren aus der hellenistischen Kleinkunst 
laßt sich noch vergrößern. 

Die Satire und die Karikatur sind im ganzen 
aus einer gewissen Scheu heraus davor zurück- 
geschreckt, diese Detormierung des Körpers 
ihren Zwecken Untertan zu machen; wenn sie 
es taten, so war Absicht und Zweck durchaus 
Irivol. Als Beleg dieser in der antiken Welt 
trotz allem beliebten Obszönitäten bringen wir 
die Statuette eines hochschwangeren Herm- 
aphroditen aus dem Athenischen National- 
museum (s. Fig. 138). 

Wenn irgendein körperlicher Zustand einen 
Bittgang zu den höheren Mächten nahelegt, so 
ist es die Schwangerschaft. Es wäre demnach 
eine ungewöhnliche und der besonderen Er- 
klärung bedürftige Erscheinung, wenn für die 
glückliche Niederkunft nicht besondere Votiv- 
opfer dargebracht worden wären; solche müssen massenhaft wir- 
kommen. Alles spricht dafür, daß die latino-etruskischen Uteri, die, 
wie wir zeigten, neuzeitlich Krötenform annahmen, diesem Zwecke 
dienten. Den entsprechenden Ersatz jedoch bei den Griechen auf- 
zuspüren, ist bisher nicht gelungen. Allerdings finden wir unter 
den hellenistischen Krankheitsdarstellungen auch Figürchen mit 
starkem Leib, so z. B. die kleine Darstellung eines weiblichen Torso 




Orig.-Aiifn. Athen, Xat.-Mitscit. 

Fig. 158. Schwangerer 
Hermaphrodit. 



GEBURTSDARSTELLUNG. 267 



aus Kos, den Meyer-Steineg fand, und dessen Krankheitsbild 
er als Aszites auffaßt (s. Fig. 139). Obwohl die äußere Formation, 
die geringe Entwicklung des Oberkörpers und der Brüste, diese 
Diagnose befürwortet, so glaube ich doch, daß bei der ziemlich 
rohen Arbeit es in erster Linie darauf ankam, einen starken Leib 
zu zeigen, und daß demnach eher Schwangerschaft in Frage kommt. 
Auch andere unzweifelhafte Schwangerschaftsdarstellungen zeigen 
nämlich eine auffallend geringe Entwicklung der Brüste. 






OWj-. K. P/wt. von Meyer- Fig. I 59. VotivfigUr ? 

Steineg, Jena. _^ _ _ aUS KoS. 




DIE GEBURTSDARSTELLUNG. 

Daß es in der antiken Welt ein Erfordernis künstlerischen An- 
standes war, die Linienform zu mildern, ersehen wir auch aus 
den ägyptischen Schwangerschaftsdarstellungen, von denen wir an 
dieser Stelle noch das Reliet mit der schwangeren Königin Ahmes, 
der Mutter der Königin Hatschepsut, die von den Göttern in das 
Geburtszimmer geführt wird, bringen (Fig. i6o). Das Relief ent- 
stammt dem Tempel zu Deir el Bahari ^). 

Kunstwerke, welche den Moment der Geburt in Stein gearbeitet 
testhalten, gibt es als größere Monumente meines Wissens nicht; 
dagegen ist dieser dramatische Moment der Trennung der neuen 
Existenz von der Mutter mehrfach in der Kleinplastik wieder- 
gegeben. Wir finden bei den Inkas bereits eine solche Darstellung 

1) Näheres s. Naville, Temple of Deir el Bahari II. Tafel 49. 



268 



SCHWANGERSCHAFT. 



(s. Fig. i6i)'). Das Museum für Völkerkunde in Berlin besitzt auch 
aus Bali (Niederländisch-Indien) Terrakottengruppen, welche die 
Geburtshilfe veranschaulichen. Ein frühes Beispiel der Entbindung 
auf einem Lager bietet eine antike Kalksteingruppe aus Cypern, 
welche in dem Prachtwerke von Cesnola") abgebildet ist, und, 
in dem Tempel von Golgoi gefunden, sich jetzt im Metropolitain 
Museum of Art in New York befindet. 

H. Floß bildet diese Szene mit den ergänzten Köpfen in seinem 

Werke (Seite 201) ab. Die Gruppe ist 
übel zugerichtet, wird von Cesnola 
als Votiv aufgefaßt und stand am nörd- 
lichen Eingang des (Artemis- ?)Tempels 
in Hagios Photios. Cesnola stellte 
lest, daß die cypriotischen Hebammen 
sich noch heute der gleichen niedrigen 
Stühle bedienen, wie sie die kleine 
Plastik aufweist. 

Floß bildet (Seite ]C)^) eine inter- 
essante spätägyptische Entbindungsszene 
nach Witkowski ab. Das Basrelief 
aus der Ptolomäerzeit stellt die Nieder- 
kunft der Göttin Ritho vor. Die Stel- 
lung der Kreißenden ist eine sonder- 
bare. Sie kniet und erhebt dabei den rechten Arm hoch in die 
Lutt, den eine hinter ihr stehende Person stützt. Mit dem linken, 
nach rückwärts erhobenen Arm hält sie sich am Halse dieser 
Dienerin fest. Die vor ihr kniende Hebamme hält den Neu- 
geborenen. Dahinter steht eine Frau mit ausgebreiteten Armen. 
Eine ähnliche ägyptische Geburtsszene zeigt unsere Abbildung 
(s. Fig. 162). Bei dieser Gelegenheit erwähnen wir, daß die eigent- 
liche ägyptische Geburtsgöttin Heqt mit Krötenkopf dargestellt wird. 




Reproduktion . 

Fig. 160. 
Die schwangere Königin Ahmes. 



') Näheres s. im Inkakapitel. 

^) Cesnola, L. P. di, A descriptive .^tlas of the Cesnola Collection of Cypriote Anti- 
quities 1885. 



GEBURTSDARSTELLUNG. 



269 



Floß erinnert dabei mit Recht an die auch von uns besprochenen 
Beziehungen, welche im Volksglauben zwischen Kröte und Gebär- 
mutter bestehen. 




Ori^. -Alt/n. Berlin { Dahlem^, l\<[kerkundeiniiseu7H, 

Fig. 161. Geburtsdarstellung auf einem peruaniscliem Huaco. 

Im Neapeler Nationalmuseum fand ich eine antike Eltenbein- 
schnitzerei, welche wohl als Verzierung irgendeines Hausgeräts 




.\ atli tili)! 



akkaiaJ! 



Fig. 162. Ägyptische Niederkunft. 

gedient haben mag. Ich glaube, daß diese Darstellung eine Ent- 
bindungsszene vorstellt; die Kreißende sitzt im Freien auf einem 
Gebärstuhle, ihre Füße ruhen auf einer Fußbank (s. Fig. 163). Die 



2^0 SCHWANGERSCHAFT. 



Haltung ihrer Arme ist beinahe identisch mit unserer x\bbildung 
einer ägyptischen Entbindung aus den Gräbern von Sakkarah in 
Fig. 162, sowie der von AVitkowski (Floß Seite 199) beschriebe- 
nen ägyptischen Entbindungsszene der Göttin Ritho. Die Schwan- 
gere, wohl eine Göttin, stützt sich mit der hoch erhobenen Rechten 
auf einen Stab; der linke Arm ist maximal nach oben geschlagen 
und umklammert den Hals einer hinter ihr stehenden Ferson, welche 
ihrerseits mit ihrer Linken die Seite der (jebärendcn stützt. Xor dieser 




' ^rig.'Au/n. Neapel. 

Fig. 163. Geburtsdarstellung. Antike Elfenbeinschnitzerei aus Pompeji. 

sitzt in einer famos getroffenen Stellung die Hebamme, welche in 
ihrer rechten Hand einen rundlichen Gegenstand hält (Schwamm ?), 
mit ihrer linken Hand aber die entblößten Beine der Frau auseinander- 
zudrängen versucht. Das linke Bein der Kreißenden stemmt sich 
gegen den Fuß der Hebamme, hinter der Hebamme steht eine von 
Gewändern dicht verhüllte Matrone, welche mit den beiden aus- 
gestreckten Händen entweder Segen spendet oder auch das Neu- 
geborene zu empfangen bereit ist. Diese als häusliche Szene im 
Katalog beschriebene, gut erhaltene Schnitzerei stammt aus Pompeji. 



WOCHENSTUBE. 



271 



Viel häutiger ^Yie der Moment der Geburt selbst ist die Wochen- 
stube Gegenstand der darstellenden Kunst geworden. Es bedarf 
keiner weiteren Erklärung, daß die Wochenstube dem Künstler m 
jeder Beziehung ein erfreulicherer Vorwurf war. Daß aber die 



Fig. 164. Die Geburt der Jungfrau. Basrelief vom Tabernakal Orcagnas. 
Orsanmichele, Florenz. 

Vielheit der Personen und die immerhin doch bewegliche Hand- 
lung sich besser für die Malerei eignete als für die Behandlung in 
sprödem Stein, das ergibt schon ein Blick in die zusammenfassende 
treffliche Arbeit Robert Müllerheims'). Wir wollen hier nur 

') Robert Müllerheim, Die Wochenstube in der Kunst. Ferdinand Enke 1904. 



272 



SCHWANGERSCHAFT. 



die schöne Szene von dem Tabernakel Orcagnas in Orsanmichelc 
zu Florenz wiedergeben (Fig. 164). Die erfreuliche Szene schildert 
uns die Geburt der Jungfrau und, mit der stolzen Betrachtung des 





Athen, Xut.-Mi(scu!ii . 

Fig. 165. Fig. 166. 

Lelcythos, der Tod der Theophante. Lekythos, einen Entbindungstod darstellend. 

Neugeborenen, die Liebkosung der Mutter, die ein Lächeln auf den 
Zügen des Kindes hervorrufen will. 

Im Gegensatz zu solch froher Familienszene interessieren aber 



TOD IN KINDSNOTEN. 



273 



den Arzt mehr die Darstellungen des Todes der Wöchnerin. Aut 
antiken Grabsteinen finden wir solche Darstellungen ziemlich häufig. 
Im Athenischen Xationalnuiseum befindet sich unter Nr. 749 eine 
Grabstele mit sehr Hachem, beinahe wie ein Bild wirkendem Re- 
liet, welches in dem attischen Oropos gefunden wurde (s. Fig. 167). 
Stais, der gelehrte Ephore des Museums, beschreibt dieselbe fol- 
gendermaßen: »Unsere Grabsiiule reproduziert die autregende Szene 
der letzten Momente einer frau in Kindesnöten; die Sterbende ist 
dargestellt in dem iMomente, in dem sie, von einer Dienerin unter- 
stützt, rückwärts auf ihr Lager fällt. Eine ältere Frau, wahrscheinlich 
die Mutter, stürzt zu ihrer Hilfe und hält sie am Arme fest; ein 
bärtiger Mann, ohne Zweifel der Gatte, assistiert der Szene, vor 
Schmerz gebrochen, das Haupt gestützt auf die linke Hand. Wenig 
fleißige Arbeit, aber nach der Form der Lettern unter dem Giebel 
aus dem Anfang des 4. Jahrhunderts.« Wir möchten noch vom 
medizinischen Standpunkte aus folgendes hinzufügen. Obwohl das 
Lager der Frau eher ein Sessel ist, allerdings hinten ohne Lehne, 
und statt dessen mit Kissen, scheint nach der gespreizten Haltung 
des rechten Beines die Frau vorher gestanden zu haben, und sie 
wirft sich nun in den letzten Zügen zurück auf ihr Lager, mit den 
Händen überall nach einem Halt suchend. Gerade die Dissonanz 
zwischen den Bestrebungen der Dienerin, welche die Frau sacht 
auf die Kissen zu ziehen bemüht erscheint, und der vor ihr Ste- 
henden, welche sie wiederum zu halten bestrebt ist, ergibt sich 
eine aufregende Situation des dramatischen Lebensschlusses. Das 
Kind ist offenbar noch nicht geboren, sonst würden wir es auf 
dem Relief wiederfinden. Leider ist das Gesicht der Sterbenden 
total verstümmelt; wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, 
daß der Mund leicht geöffnet war, um den Todesschrei der Ärmsten 
anzudeuten. Die Gebärde des Mannes drückt völlige Gebrochenheit 
aus. Er verhüllt sein Haupt und schließt die Augen, um seinen 
Schmerz nicht sehen zu lassen. 

Der Gatte auf einer gleichartigen Lekvthos, welche den Tod 



der Theophante zeigt, faßt sich verzweiflungsvoll an die Stirn. 

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Holländer, Plastik und Medizin. 



274 



SCHWANGERSCHAFT. 




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Orlg.-rhot. des Deutscli. Arch. Inst. Allu-ii. 

Fig. 167. Attisches Grabreliei 4. Jahrh, Tod in Kindsnöten. 



TOD IM WOCHENBETT. 



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Die junge Frau scheint im Begriffe zu sein, zusammenzusinken 
(s. Fig. 165). Älmliche Auffassung zeigt noch eine andere Lekythos 
(s. Fig. 166). Ein viel poetischeres Gemälde, 
welches noch heute dem Beschauer Gefühle 
von Mitleid und Wehmut einflößt über das .< 
menschliche Los überhaupt und über das 
grausige Schicksal, das dieses schöne atti- 
sehe Weib betroften hat, zeigt uns der Grab- 
stein Xr. 819 des Athenischen Museums. 
Dieser 1839 in Piräus gefundene pentelische 
Marmor gibt sich als hervorragende Arbeit 
aus dem Anfange des 4. Jahrhunderts (siehe 
Fig. 173). Wir sehen da auf einem reichen 
Fauteuil eine auffallend üppige Frau, umgeben 
von klagenden Gestalten, besonders die der 



Toten gegenüberstehende drückt den tiefen 




Orig.-Au/n. Berlin. 

Fig. 16S. Terrakotta. 
Spitzbauch. 



Schmerz in ihrer ganzen Haltung aus. Daß es 
eine Wöchnerin war, die hier im Tode ver- 
ewigt werden soll, beweist das Neugeborene, welches eine Dienerin 
in den Händen trägt. Auf das kleine Köpfchen des- 
selben, welches in einer Mütze steckt, legt eine andere 
Frau schützend die Hand, welche 
allein von dieser noch erhalten ist. 
Ob der Gatte noch auf dem Steine 
porträtiert war, erscheint zweifel- 
haft; auf ihrem Schöße hält die 
Verstorbene einen Kasten , der 
vielleicht ihre Juwelen enthielt. 
Sicherlich sind diese von uns 
gezeigten Grabbilder nur Tvpen 
aus der großen Zahl e:leicharti2:er. 





Orig.-Aii/n. Berlin, Mitseittn. 

Fig. 169. 
Attische Terrakotta. 



in ihrer Einfachheit großartigen 
und wirkungsvollen Totensteine. 
Das Rührende, welches in diesen 




Orig. -Au/n . 
Berlin, Musenui. 

Fig. 170. 
Von der Seite. 



276 



SCHWANGERSCHAFT. 



marmornen familiären Ahschiedsszenen überhaupt liegt, zeigt sich 
dann erst in seiner ganzen Größe und zum Herzen sprechenden 
Eindringlichkeit, wenn man die Schilderung solcher Szenen vergleicht 
mit einem Meisterwerke aus der Renaissancezeit. Hier steht eine 
der Antike angeborene reine Größe des Getühls und des Taktes 





Orig.-Au/n. Athen, .Xal.-Miiseum. 

Fig. 171. Anlegung einer Brustbinde. 



Orig.-Ati/n. Ailieu, Sat,-I\lHscii)ii . 

Fig. 172. Attische Terrakotta. 



gegenüber der meisterhaften Beherrschung des modernen Könnens. 
Auf der einen Seite wird weihevolle Stimmung auch in den Räumen 
des Museums noch ausgelöst, während dieselbe Szenenschilderung 
uns nur mit Bewunderung erfüllt vor dem Genie eines Verrocchio. 
Das figurenreiche Relief (s. Fig. 176) im Bargello in Florenz zeigt 
den Tod der Gemahlin des Giov. Tornabuoni, nachdem sie soeben 



ENTBINDUNGSTOD. 



277 



Zwillingen das Leben geschenkt hat. Dieses aus dem Jahre 1477 
stammende Kunstwerk des Andrea Verrocchio befand sich ursprüng- 
lich als Grabmalschmuck in der 
Kirche Santa Maria sopra Minerva; 
es besteht aus zwei Pendants, von 
denen das eine den Tod der jungen 
Mutter veranschaulicht. Sie liegt 
halb aufgerichtet aut ihrem Lager, 
umgeben von ^^^eibern, welche alle 
Grade leidenschaftlicher Erregung 
und Trauer zum Ausdruck bringen: 
von der zu Füßen des Bettes kauern- 
den stummen Resignation bis zum 
hysterischen Schreikrampf und wil- 
den Schmerzparoxvsmus. Das Gegen- 
stück versucht es wenigstens, die 




Lotidon, l'ikioria :nid Alhcrt Ahtsa 



große 
lösen, 



Fig. 173. Bronzeplakette, 
künstlerische Autgabe zu Bacchantin Milch in ein Rhyton spritzend. 

i- Ti T • 1 1 r^ C" \ ^ Donatello zugeschrieben. 

die Mischung der Getuhle 

zwischen der Freude über den Anblick der Neu- 
geborenen und der Trauer über den Verlust in 
überzeugender Weise plastisch zum Ausdruck 
zu bringen. 

Ploß erwähnt in seinem Meisterwerke einige 
holländische Grabsteine portugiesischer Jüdin- 
nen, denen der Tod bei der Entbindung trau- 
riges Schicksalslos war. Die Gläubigen fanden 
Trost in der Geschichte ihres ^'olkes und er- 
Lomion, viktoriau. Albert Mus. jnnertcn auf deu Grabmonumenten an den Tod 

Fig. 174. Die Jungfrau mit u , i r i -i^- 1 t: l .1 /r n 1 

dem Jesusknaben. der Rahel aut dem W ege nach hphrath (I. Buch 

Von Antonio AbOT^dio aus Mailand, jvioses, jj.Kap.).' »Da Ihr aber die Gcburt so 

schwer war, sprach die Wehmutter zu ihr, 
fürchte dich nicht, denn diesen Sohn wirst du auch haben. Da ihr 
aber die Seele ausging, daß sie sterben mußte, hieß sie ihn Ben- 
Oni, aber sein Vater hieß ihn Ben-Jamin.« Die plastische Dar- 




278 



SCHWANGERSCHAFT. 



stelluno; dieser Szene auf dem Grabsteine ist der einziehe diskrete 
und rührende Hinweis auf die Todesart der Verstorbenen. 




Athfti, S\at.-3lHsctttn. 

Fig. 175. Grabmonument einer Wöchnerin. 4. Jahrh. 

Wir müssen an dieser Stelle noch die Verheerungen kurz er- 
wähnen, welche die Gravidität an dem Frauenkörper hervorruft. 
Ohne daß wir berechtigt sind, von Krankheitscrscheinunoen zu 



DER. TOD DER RAHEL. 



279 




28o SCHWANGERSCHAFT. 



sprechen, linden wir doch die Verunstaltungen des Frauenkörpers, 
namentlich die puerperischen Veränderungen des Bauches und der 
Brust vielfach drastisch und selbst in grotesker Betonung dargestellt; 
allerdings mit Vorliebe oder beinahe ausschließlich in der helle- 
nistischen Kleinkunst. Uns, die wir gewohnt sind, das körperliche 
Schönheitsideal der Aphrodite in tausendfacher Schilderung vor 
Augen zu haben, fällt es schwer, beim Anblicke dieser Hängebäuche 
und Schlotterbusen (s. Fig. i68 bis 172) daran zu denken, daß das 
vormals Geschlechtsgenossinnen der Phryne und Aspasia waren. 
Die Spitzbäuche und Faltenbildungen suchte man damals wie heute 
zu verhindern und ihnen zu begegnen. Wir sahen bereits eine 
Göttin mit einer Schwangerschaftsbinde, wir zeigen hier noch 
die sich häufiger wiederholende Form einer Brustwicklung bei einer 
Tanag-rastatuette des Athenischen Nationalmuseums. 

Das Trinken der Kinder an der Mutterbrust ist von alters her 
eine beliebte Darstellung; gewesen. Namentlich Isis ist tausend- 
fältig in kleinen Bronzestatuetten dargestellt mit ihrem Kinde an 
der Brust. Der griechisch-römischen Kunst lag dieses Sujet we- 
niger. Die christliche Kunst dagegen sah in dem Nährakt den 
schönsten Vorwurf für eine künstlerische Betätigung. Darstellungen 
der Madonna mit dem trinkenden Jesusknaben sind Legion. 









KRÄNKHEITSDÄRSTELLUNGEN. 

s hieße die Grenzen von Malerei und Plastilc bestimmen, 
wollten wir uns darauf einlassen, die Vorzüge dieser Kunst- 
leistungen gegeneinander abzuwägen. Tatsache ist es, 
daß im Altertume, wenn wir den Schriftstellern und namentlich 
Plinius Glauben schenken sollen, die Plastik die Malerei allmäh- 
lich verdrängt hat. Zum Schluß, als in Rom die Begierde nach 
Luxus den guten Geschmack und künstlerischen Sinn vernichtet 
hatte, ging man daran, unter Verwendung der verschiedensten 
Marmorarten, von Bronze und selbst Gold, plastische Gemälde zu 
schaffen. Diese Kombination von Farbenkunst und Plastik, welche 
für unser Auge durchaus unkünstlerisch wirkt, ist neuerdings ver- 
wendet worden, um realistische Krankheitsbilder herzustellen. Zum 
Lernen und Lehren hat man das bunte Bild auf den natürlichen 
körperlichen Untergrund gebracht und die bemalte Moulage ge- 
schaffen. Diese gibt beinahe restlos die Vorstellung einer oberfläch- 
lich aeleoenen Krankheit mit vollendetem Realismus. Namentlich 
die Dermatologie hat aus dieser Form des Anschauungsunterrichtes 
schon seit langem Nutzen gezogen und gelegentlich sogar von 
Krankheiten, die sich über die ganze Körperoberfläche verbreiten, 
statuarische Nachbildungen mit natürlicher Farbenbildung geschaffen. 
Schließlich aber werden diese Leistungen des Kunsthandwerkes 
zwar zum Lehrzweck Anerkennung finden, aber kaum ästhetische 
Befriedigung bereiten. Man kann über den Naturalismus in der 
Kunst denken, wie man will; auch Krankhaftes und Frbärmliches 
kann, durch Künstlerhand gebildet, unsere Bewunderung hervorrufen. 
So berichtet schon C. Plinius in seiner Naturgeschichte (Buch 35, 
Kap. 36, 19) von dem berühmten Aristides aus Theben, daß er einen 
Kranken gemalt habe, welcher unendlich gepriesen wurde. Von dem- 
selben Maler stammt auch der rührende Zug, der so oft seit jener 



282 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ® 

Zeit, namentlich bei der Darstellung von Epidemien Nachahmung 

gefunden hat, daß ein Säugling die Brust der toten Mutter verlangt. 

Auch die Anatomie hat mit Vorliebe in \\'achs gearbeitete, oft 




■mmmiä 



Orig.-Aufn. Bet-liu- 

F'g- '77- Wachsplakette der mediko-histor. Sammlung im Kaiserin-Friedrich-Haus. 

künstlerisch bedeutende anatomische Präparate (s. Fig. 177) geschaffen. 
Zur eigenen Belehrung und zum Studium für andere haben her- 
vorragende Künstler diesen Lehrpräparaten neben der \\'ahrhaftigkeit 
und Naturtreue in der Darstellung oft auch künstlerischen Wert 
zu geben versucht. Wer einmal /. B. die sorgfältigen, wirklich 



KÜNSTLERSTUDIEN. 283 



vollendeten anatomischen Wachspräparatc des Florentiner Clem. 
Susini aus dem i8. Jahrhundert gesehen hat, wird dies bestätigen. 
Es ist aber auch als Ausdruck der historischen Tatsache, daß die 




Orig.'I'hot LofuioH, i'iktoria u. Albert Micseum. 

Fi". 178. Anatomische Wachsstudie von Michelangelo zum Bacchus. 

Anatomie ihre eigentliche Wiedergeburt unter Beistand hervorragen- 
der Künstler erlebte, unter denen das Genie des Lionardo da Vinci 
voranleuchtet, bedeutsam, daß die darstellende Anatomie einen künst- 
lerischen Einschlag erhielt. Betrachten wir doch nur die anatomi- 
schen Druckwerke bis in das iN. Jahrhundert hinein. Da stehen die 



284 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 




Ori^rPhot. London, l'ikt. u. A16. Mus 

Fig. 179. 
Metallguß nach Wachsmodell. 

Früher Michelangelo zugeschrieben als 

Studie zu einem Marsyas. 

Wahrscheinlich florent. Arbeit des 

17. Jahrh. 

(Cigoli oder Marco Agrate.) 



Skelette und die Muskehiienschen in monu- 
mentaler Pose, Ott auch noch in irgendwelche 
Rüstung oder theatralisches Gewand ge- 
kleidet. Eigentümlich berührt es uns heute, 
die wir die reine Wissenschaft gänzlich ohne 
künstlerischen Glorienschein lieben , die 
Skelette des Vesalius in der Haltung eines 
Totengräbers dargestellt zu sehen, oder in 
Nachdenken versunken ; oder Muskelmänner 
schreiten durch eine heroische Landschaft. 
Grotesk direkt wirken die etwas späteren 
Nachzügler dieser künstlerischen Darstel- 
lungsart. Um z. B. den inneren Situs eines 
Weibes zu zeigen, zeigt man eine aut ein 
elegantes Pfühl gelagerte Frau, die sich selbst 
den geöffneten Leib auseinanderhält. Oft- 
mals wurden allerdings Holzschnitte anderer 
Herkunft verwendet, in die man die ana- 
tomische \^orlage einlegte, was dann das 
Bizarre erklärt. Diese eigenartige »Kunst- 
anatomie« schuf gelegentlich durch die 
Meisterhand eines Plastikers Statuen von 
Muskelmännern von solcher Schönheit, daß 
sie auch heute noch als eine Zierde der 
Renaissanceplastik gelten (s. Fig. 178). 
Oftmals waren es zunächst nur \'ersuche 
von Künstlern zur eigenen Belehrung; im 
Kensington-Museum bewahrt man solche 
a-natomischen Vorstudien in Wachs auf, die 
man wohl deshalb auf Michelangelo zu- 
rückführt, weil wir von ihm auch sonst 
Zeichnungen dieser Art kennen und weil 
ihre Haltung mit der ausgeführten Statue 
übereinstimmt (s. Fig. 179). 



KÜNSTLERSTÜDIEN. 285 



Es wäre eine ganz interessante Aufgabe, die plastische Dar- 
stellungen dieser Art einmal zu sammeln. Schließlich handelt es sich 
bei ihnen doch immerhin nur um kunstanatomische Studien, die 
eben von Meisterhand ausgeführt sind, und die deshalb für unsere 
Aufgabe nur eine Nebenrolle spielen. Mit der ausgesprochenen 
Absicht eine Krankheit plastisch zu schildern, nicht als voraus- 
setzungsloses Kunstwerk, sondern im Dienste der Medizin, haben 
nun sreleq-entlich Bildner auch Krankheitstvpen modelliert und zwar 
nicht nur solche, deren Wesen an der Oberfläche hattet. Ich 
spreche hier nicht von den erwähnten plastischen ^Abgüssen der 
Lepra, Lues oder selbst der Psoriasis, sondern von der Skulptur 
der Veränderungen des Skelettes in seiner Haltung und Form, wie 
sie angeborene oder auch erworbene Krankheiten hervorbringen. 
Hier muß feiner künstlerischer Sinn und großes plastisches Können 
zusammengehen mit dem geschulten Blick des Mediziners; wirklich 
Vollkommenes wird nur dann geleistet werden, wenn alle diese 
Eigenschaften in einer Hand vereinigt sind. Ich denke hier in erster 
Linie an die vollendeten plastischen Schöpfungen von Krankheits- 
typen durch den Akademiker Paul Rieh er, den berühmten und 
bedeutenden Mitarbeiter des großen Charcot')- Die Fortschritte 
auf dem Gebiete der Reproduktionskunst, namentlich aber auch die 
bildliche bewegliche Vorführung solcher Anomalien der körper- 
lichen Haltung und Bewegung haben aber der medizinischen Beleh- 
rung andere Wege gewiesen. 

Wir haben schon mehrfach des Skeletons erwähnt, das der 
Altmeister unserer Kunst in Kos als Weihgeschenk aufgestellt hat. 
Es ist immerhin möglich und von mehreren Seiten auch betont 
worden, daß sich der auftallige Befund hellenistischer Keramiken 
an mehreren Punkten Kleinasiens, namentlich aber in der Gegend 
von Smvrna so erklären lassen, daß diese kleinen realistischen 
Kunstwerke zu Unterrichtszwecken gedient hätten; namentlich Felix 



') S. Nouvelle Iconographie de la Salp. Bd. XI, 1S9S. Henry Meige, Sur une 
Statuette representant Linfantilisme myxoedemateux mit einer Statuette von Richer, ferner 
Statuetten von primitiver Myopathie, Parkinsonscher Krankheit usw. 



286 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ® 

Regnaul t hat die Gau din sehe Sammlung antiker hellenistischer 
Terrakotten von diesem Gesichtspunkte aus eitrig studiert und an 
verschiedenen Stellen die koroplastischen antiken Darstellungen als 
Krankheitstvpen formuliert, nachdem schon vorher der griechische 
Kollege Tsakvroglos den Gegenstand zusammenfassend bearbeitet 
hatte'). Wenn er auch meines Erachtens in der Deutung dieser 
Werke hellenistischer Kleinkunst sowohl in ihrer allgemeinen wie 
speziellen Auffassung vielfach zu weit gegangen ist, so bleiben 
doch einzelne Terrakotten übrig, bei denen man die Idee nicht 
vollkommen von der Hand weisen kann, daß hier vielleicht auch 
zu Lehrzwecken Krankheitsdarstellungen geschaffen wurden. Wir 
müssen uns an dieser Stelle mit dem Hinweis auf diese Möglich- 
keit begnügen, da wir noch im Laute dieses Kapitels uns speziell 
mit diesen Terrakotten aus Smvrna beschättigen müssen. 

ANTIKE EXVOTOS MIT KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 

Aus der Gruppe der plastischen Krankheitsdarstellungen inter- 
essiert uns wohl am meisten das Krankheits-Exvoto; der naive und 
gläubige Mensch nähert sich dem Gotte mit der aus ärmlichem 
Dasein geborenen Vorstellung eines Bittgeschenkes. Es ist dabei 
für den Kundigen betrüblich, daß selbst bei diesem göttlichen Ge- 
schäfte sich das alte Sprichwort bewährt »vom Tauschen und Be- 
trügen«. Denn wer in Not und Pein der Gottheit eine goldene 
Statue oder einen Tempel verlobte, befriedigt geheilt sein Gewissen 
durch Stiftung eines vergoldeten Figürchcns. Am ehesten ver- 
ständlich sind diese Beziehungen zwischen göttlicher Macht und 
Menschtum im Rahmen der semitischen Weltauffassung; die \^or- 
stellung einer strafenden Gottheit hatte als naturgemäße Folge- 
rung deren Versöhnung durch Geschenke, die Entsündigung durch 
Weihgabe. Daß solche Weihgeschenke überall , wo sie über- 
haupt gemacht wurden, Körperform annehmen konnten, das sahen 



') 'l7rnciv.f/ativ.ä nprjtiiita -qtoi -r, icdf/'.y.Tj iv Tfi xspajiEiv.r^ z'ffi Sjiypvr);. Athen 1905. 26 S. 
151 Abbildungen. 



ANTIKE EXVOTOS. 287 



wir bereits. Wir fanden solche Objekte aus prähistorischer Zeit 
in Cypern, in xMvkene und anderwärts. Daß aber auch krank- 
hafte Körperform frühzeitig als \'otivgabe geopfert wurde, dafür 
ist uns ein willkommener literarischer Beleg die Geschichte der 
Philisterpest. 

Um das Jahr lefe^Tbr Chr. nahmen die Philister den Israeliten 
die Bundeslade ab und brachten sie in das Haus Dagons und 
stellten sie neben ihren Gott. Am nächsten JMorgen aber landen 
sie den Gott auf dem Gesicht zur Erde liegen vor der Bundeslade; 
nachdem sie ihn auf dem alten Platz wieder aufgestellt hatten, 
fanden sie ihn am anderen Morgen mit abgehauenen Händen und 
enthauptet zur Hrde; dann schlug die Hand des Herrn die Leute 
von Asdod mit Beulen. Und die Philister von Asdod erkannten, 
daß die Lade Unheil brachte und schickten sie ihren Landsleuten 
nach Gath, einer anderen Hauptstadt des Landes. 

»Da sie aber dieselbe dahin getragen hatten, ward durch die 
Hand des Herrn in der Stadt ein sehr großer Schrecken und schlug 
die Leute in der Stadt, beide klein und groß, also daß an ihnen 
Beulen ausbrachen.« Und sie gönnten die Lade einer dritten Haupt- 
stadt Ekron. Die aber merkten den Braten und versammelten alle 
Fürsten und \'olk und sprachen: »Sendet die Lade des Gottes 
Israels wieder an ihren Platz. Und welche Leute nicht starben, 
die wurden geschlagen mit Beulen, daß das Geschrei der Stadt aut 
gen Himmel ging.« Und nachdem die Lade sieben Monate im 
Lande der Philister war, berief man die Priester und Weissager 
und sie sprachen: »W^ollt ihr die Lade des Gottes zurücksenden, 
so sendet sie nicht leer, sondern mit Schuldopfer, aut daß ihr ge- 
sund werdet, fünf güldene Beulen und fünf güldene Mäuse. So 
müsset ihr nun machen Bilder euerer Beulen und euerer Mäuse, die 
euer Land verderbet haben . . . Und nun nehmet einen neuen 
Wagen, legt die Lade auf den Wagen und die güldenen Kleinode, 
die ihr zum Schuldopfer gebt, tut in ein Kästlein neben ihrer Seite.« 
»Dies sind die güldenen Beulen, die die Philister dem Herrn zum 
Schuldopfer gaben« (Samuelis I, Kapitel 6). 



288 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEX. 



-^ 



Zweierlei geht aus dieser Geschichte mit Sicherheit hervor, daß 
ein Krankheits-Exvoto im elften vorchristlichen Jahrhundert aus 
Gold gespendet wurde, und daß gleichzeitig mit einer Bubonenpest 
eine iMäusepIage auftrat. Aus der gleichzeitigen Votivgabe der 
Mäuse resultiert, daß die Philister irgend einen inneren Zusammen- 
hang zwischen Pest und Mäuseplage angenommen hatten. 

Ein größeres \'erständnis für göttliche Gnade setzte die Gepflogen- 
heit voraus, dem Gotte das Abbild eines gesunden Gliedes oder 
Körperteiles zu stiften, in der Meinung und Hoftnung, dafür selbst 




Orisr.-Au/ii. Rom, Etriisk. Alusetnn. 

Fig. iSo. Terrakottavotiv einer Brust auf quadratischer Basis. 

an dem gespendeten Körperteil zu genesen. Erscheint auch zu- 
nächst dieses Geschäft eindeutig und durchsichtig, so gibt es doch 
Falltüren und Nebengassen. Nehmen wir z. B. ein Erkranken der 
weiblichen Brust an, tür deren Häufigkeit außer unserer ärztlichen 
Erfahrung auch die Unmasse der gespendeten Teile spricht, so 
finden wir aus jedwedem Material Einzelbrüste und Doppelbrüste. 
Schon bei Vorhandensein des ganzen Busens tritt die Frage in den 
Vordergrund, sind denn auch beide Brüste krank gewesen? Ich 
neige dazu, diese Frage zu verneinen und anzunehmen, daß es 



KRANKHEITSEXVOTO. 289 



Weihgeschenke waren , mit Bezug auf die aUgemeinere Funktion 
derselben bei jungen Müttern oder gelegenthch auch auf derselben 
Ideenrichtung beruhend, die die Hetären veranlaßte, der Aphrodite 
das Abbild ihres Genitale zu opfern. Lehrreich iür die Auffassung 
solcher Spende ist eine Terrakotta aus der Etruskischen Sammlung 
in der \'illa di Papa Giulio. Da sehen wir auf einer quadratischen 
Basis nur die eine Brust geformt, die entsprechende Stelle der an- 
deren rechten Seite jedoch freigelassen, nicht etwa abgebrochen! 
(s. Fig. 180}. Hier müssen wir eine einseitige Brusterkrankung an- 
nehmen. Offenbar war die dargestellte linke Brust erkrankt, die 
rechte gesund und deshalb auch von der Hilfesuchenden nicht 
berücksichtigt. Hs liegt aber nahe anzunehmen, daß absichtlich, 
damit der Gott sich nicht irrte, die Kranke diese Darstellung ge- 
wählt hat und sich nicht mit der Darbringung einer Einzelbrust 
begnügte. Das Dogma von der Allwissenheit göttlicher \"orstellung 
existierte noch nicht und deshalb war man bestrebt, sein Leiden 
auch überzeugend dem Gotte zu schildern, (jing man nun per- 
sönlich in den Tempel des Heilgottes, so zeigte man seinen Schaden 
und opferte dafür. Wie wir sahen, schickte man aber auch seine 
\"erwandten oder Diener zur Inkubation in den Tempel, und diese 
nahmen dann, wie ich annehme, gewissermaßen zur Illustrierung 
des Krankenberichtes, zur Unterweisung des Heilgottes, die Krank- 
heit in efhgie mit. Eine eintachere Erklärung tür die allerdings 
wenig zahlreich gefundenen Krankheitsdarstellungen in Heilbezirken 
kann ich nicht recht finden. Daß man dann später das kranke 
Glied oder Organ als Weihgeschenk aufstellte, dafür ist einwand- 
freier Beweis die kleine 23 cm breite und 13 cm hohe Marmor- 
basis, die Gaetano Gigli^) beschreibt und abbildet (s. Fig. 181). 
Der Inhalt der Widmung lautet: Neochares Julianus weiht dem 
Asklepios, dem größten Gott, dem Retter, dem Wohltäter, durch 
seine Hände von einem Milztumor befreit, das xA.bbild der (kranken) 
Milz in Silber. 

Der besondere Hinweis »durch seine Hände« läßt tür die Ver- 



') Gigli, Bulletino della Commissione Archeolog. Communale di Roma, 1S96, Bd. 24. 
Holländer, Plastik und Medizin. '9 



290 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 









mutung Raum, daß dieser griechische Freigelassene durch einen 
operativen Eingriff gerettet wurde. Wenn auch dieser große 
silberne Milztumor, der frühzeitig in einen Schmelztiegel ge- 
wandert ist, dessen Befestigungsklammern auf der Marmorbasis 
aber noch ersichtlich sind, in Wirklichkeit modelliert dastand, so 
ist es für mich doch sehr zweifelhaft nach den Befunden ähn- 
licher Art, ob hier wirklich das Modell z. B. einer Malariamilz 
geweiht war oder nicht vielmehr ein Stück silberner Phantasie. 

Diese Phantasie spielt leider auch 
eine große Rolle bei der Diagnosen- 
stellung von Krankheitsformen, die 
eine oft primitive Kunst, manch- 
mal aber auch die flüchtige Ar- 
beit eines Kunsthandwerkers schul. 
Wir müssen uns vielfach damit be- 
snüoen, mit Bestimmtheit die Ab- 
sieht einer Krankheitsdarstellung zu 
erkennen und froh sein, Wahr- 
scheinlichkeitsdiagnosen stellen zu 
können. Eine erfreuliche Ausnahme 
hiervon bietet eine Widmung, die 
gleichzeitig als erste dieser x\rt be- 
schrieben wurde. 

A. Keirte') weist in seinem 
interessanten Aufsatz »Bezirk eines 
Heilgottes« zuerst auf eineKrankheitsdarbringung ungetähr folgender- 
maßen hin. »Ein nach links stehender bärtiger Mann umfaßt mit 
vorgebeugtem Oberkörper mit beiden Händen ein kolossales Bein, 
das vor ihm auf dem Boden steht und ihm bis an die Brust reicht 
(s. Fig. 182) . . . An dem Kolossalbein tritt sehr auffallend eine 
starke Ader hervor, die sich von der linken Hand des Mannes bis 
zum Knöchel erstreckt. Ohne Zweifel soll sie das Leiden andeuten, 
von dem der Kranke durch den Gott befreit wurde. Er litt eben 

') Mitteilungen des Kaiserl. Deutsch. Archäolog. Institutes. Athen 1893, Bd. 18. 






Reproduktion aus Bulletino Arch. di Roma, 

Fig. iSi. Votivbasis f. t^eheilte Milzkrankheit, 



KRANKHEITSEXVOTO. 



291 



,<^' 




I 



Orig.-Au/n. Atheji, Xaf .-Museum Magazin. 

Fig. 182. Votivrelief mit Krampfadern Athen. Asklepieion. 



292 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEX. 



an Krampfadern. Daß die Szene im Heiligtum spielt, lehren die 
beiden Füße, welche links von dem Bein in einer Nische aufgestellt 
und ebenfalls als Weihgaben autzutassen sind.« Zu diesen Aus- 
führungen macht Stieda') die Bemerkung, daß der neben dem 
Bein stehende Mann das Bild seines kranken Beines dem Gotte 
vor der Inkubation darbringt. »Der Mann ist nicht geheilt worden — 
solche Leiden waren damals vollkommen unheilbar, sie sind es 
auch zum Teil noch heute.« 

Über die uns zwar nebensächlich erscheinende Frage, ob als 
Dank für die Heilung oder als Bittgesuch zur Heilung das Körper- 
idol in den Tempel gebracht wurde, läßt sich doch nicht aut diese 
Weise zu Rande kommen; denn wenn Weihgeschenke nur nach reell 
erfolgter Heilung gegeben worden wären, so würde wohl die Zahl 
dieser Weihgeschenke eine recht geringe sein, und das ist auch 
für mich das Hauptargument dafür, daß man vorher das Bild des 
kranken Gliedes opferte. Und dann noch eins! Die alten Ärzte 
und die neueren nicht weniger haben die sonderbare Erfahrung 
gemacht, daß die Dankbarkeit der Patienten schwindet mit dem 
erreichten Ziel, und daß die, welche zu Beginn der Kur goldene 
Berge ungebeten »verlobten«, geheilt meist in einem Abgrund ver- 
schwanden. Sollten Asklepiospriester so divergente Erfahrungen 
gemacht haben? Der häufige Hinweis auf Honoraransprüche in 
den Heilberichten spricht nicht dafür. Doch kommen wir zurück 
zu unserem Dedikanten Lysimachides, des Lysimachos Sohn aus 
Acharnä. Er hatte Krampfadern, wahrscheinlich an beiden Beinen, 
und weihte diese jedenfalls auch schon im Altertume als originell 
empfundene Reliefdarstellung. Er sieht sich vielleicht im Geiste 
schon geheilt und hat deshalb in der Nische die Abbilder der ge- 
heilten Füße angebracht. Absichtlich hat wohl der Künstler an 
diesem Fußpaar den Unterschenkel des einen Beines verkürzt, 
um die fehlende Krampfaderbildung auf der Innenseite zu zeigen. 
Die Argumentation Kört es, daß wir uns durch die Anbringung 
dieser beiden Exvotofüße als in einem Hciltempel befindlich ver- 



EXVOTOS. 



293 



setzt wähnen sollen, wird man wohl nicht autrecht halten können. 
Zu welchem Zweck sollte das geschehen sein? Der Votivstein 
fand ja im heiligen Bezirk Aufstellung, und jeder Beschauer wußte 
den Zweck. Wollte er besonders diesen Eindruck hervorrufen, 
so hätte wohl der Kunsthandwerker, der diese Platte schuf, der- 
selben, wie wir dies an den anderen Weihreliefs gesehen haben, 




-- 


M 


HP 






1 



London, British Miisciitn. 

Fig. 1S3. Die Stele des Xanthippos, 

die übliche Tempeleinfassung gegeben. Noch ein Wort über die 
Darstellung selbst. Der moderne Chirurg, der übrigens, wie ich 
mit Hinblick auf die Bemerkung Stiedas betonen möchte, doch 
häutig Gelegenheit hat, solche Zustände durch Operation zu heilen, 
wird mir bestätigen, daß eine Krampfaderentwicklung, wie die aut 
dem Votivbein geschilderte, kaum vorkommt. Die fehlende Kolla- 
teralbildung ist so ungewöhnlich wie die Lokalisation und trotzdem 



294 



KRANKHEITSDARSTELLUXGEN. 



die Krankheitsschilderung so eindeutig, daß keine andere Krankheit 
in Frage kommt; doch spreche man nicht von realistischer Kunst, 
sondern lieber von einer stilisierten \'ena saphena magna. Den- 
jenigen, welche diesen interessanten \'otivstein vergeblich im 
Athener Museum suchen, die Mitteilung, daß er, in zwei Stücke 
gebrochen, vorläufig im Magazin aut bewahrt wird. 

Es wäre unrecht, an dieser Stelle dem Leser die Stele des 
Xanthippos vorzuenthalten (Fig. 183). Wir sehen da in erheblich 
besserer Arbeit im Stile des Parthenonfrieses einen Mann von mitt- 
leren Jahren sitzen, der in seiner rechten Hand einen Fuß hält, 
welchen er mit einer ausgesprochen ostentativen Geste vorzeigt. Die 
Dimensionen dieses Fußes sind diesmal dieselben wie des eigenen. 
Über die Deutung dieses Reliefs besteht schon eine größere Literatur. 
Die Bildsäule geht unter dem Namen: »Grabsäule des Schusters Xan- 
thippos«. Ich selbst hielt sie zunächst für ein dem vorigen analoges 
Votivbild. Der Katalog des Britischen Museums (Xr. 628) gibt diese 
Möglichkeit zu, während Fr ie derichs-Wol ters den Stein des 
Xanthippos als Grabstele eines Schusters bezeichnet und den in der 
Hand befindlichen Fuß als Leisten ausgibt. Es muß unbedingt zuge- 
geben werden, daß diese Möglichkeit besteht. Daß aber ein Schuster 
mit so feinem Kopt und noch eleganteren Fingern den Ehrgeiz hat, 
noch im Tode allen Menschen als Schuster zu gelten, und außer- 
dem noch materiell dazu in der Lage ist, das ist schon ungewöhn- 
lich, und die Bäckersfrau mit ihren Brezeln auf dem Campo santo 
in Genua wird gegen diesen antiken Rivalen Protest erheben. Und 
noch eins. Mehr noch wie aut dem Bilde drücken aut der Marmor- 
tatel die beiden Töchter eine staunende \'erwunderung oder Be- 
wunderung aus, die sich ausdrücklich dem Votivfuß zuwendet. 
Was gegen ein N'otivbild spricht, ist der dem Grabreliet typische 
Giebelabschluß und ferner, daß Xanthippos sitzt. Nun, das letztere 
erklärt sich vielleicht aus der Tatsache, daß er wegen seines Fuß- 
leidens nicht stehen konnte. Aus diesen Gründen sind wir doch 
vielleicht berechtigt, dies schöne und besonders gut erhaltene Relief 
den A'otivsteinen mit ei2:enartis:er Fassun"; zuzuzählen. 



VOTIVSTEINE. 



295 



Im Anschluß an diese \'otivsteine und zur Erläuterung derselben 
habe ich in Sniyrna einen Votivstein aufnehmen lassen (s. Fig. 184), 
der ein Bein mit Oberschenkel auf freiem Felde zeigt; der zu- 




UA':^ 




Orig.-Att/H. Sinyrfta. 

Fig. 184. Votivstein an Urania aus Koula. 

gehörige Fuß sieht stark geschwollen aus und wurde auch für er- 
krankt angesprochen. Der ^\■)tivstein stammt ungefähr aus dem 
I. Jahrhundert n. Chr. und wurde von einem Stifter Lukios der 
Urania geweiht für seinen Zögling. Die Annahme, daß es sich hier 



1^6 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



um eine Krankheitsdarstellung handeln könne, für deren Heilung 
die Urania zu Hüte gerufen wurde, bestätigt sich aber trotzdem 
nicht. Obwohl die Urania, die Muse der Astronomie, natürlich 
auch einmal als wirksame Göttin in Anspruch genommen werden 
konnte, und die Beziehung des Heilgottes zu den Musen ja bekannt 
ist, so finden wir auf einem zweiten Stein, ebenfalls in Koula 



\ 







L... 



Orig.-Au/n. Siityrna. 

Fig. 1S5. Votivstein an Hermes aus Koula. 

gefunden, ein Relief bein in grauem Marmor gearbeitet, welches 
irgendwelche Krankheitssymptome aber vollkommen vermissen läßt. 
Dieses Votivbild ist dem gerechten und gütigen Gott Hermes, des 
Hypheistos Sohn, gewidmet zugunsten von Philippikos. Die Tat- 
sache nun, daß wir gelegentlich auch beide Füße rcsp. beide Beine 
auf einer Votivstele finden, und daß dieselben auch dem Hermes 



VOTIVSTEINE. 



297 



geweiht waren, spricht dafür, daß mit Wahrscheinlichkeit überhaupt 
gar keine Krankheitsbilder geweiht werden sollten, sondern daß 
ein steinernes Bittgesuch für das gute Gelingen einer langen Reise 
der Angehörigen vorliegt. Diesem Zweck entsprachen ja auch 
schon ein Teil der zahllosen altitalischen Fuß-Exvotos aus Terra- 
kotta. Unbeschadet dieser Annahme erinnern wir daran, daß 
Hermes') mehrfach als lokaler Heilgott galt (so in Amorgos). 

Im Anschluß hieran wollen wir mit einigen Worten der Ano- 
malien gedenken, die tatsächlich bei den zahlreichen Votivfüßen 
vorkommen, welche in großer Menge vorhanden sind. Die Füße 
sind meistens in Terrakotta so gearbeitet, daß ein kleines Stück 
oberhalb des Knöchels die Tonmasse sich schließt und nur ein 
zentrales kleines Loch bleibt. Gelegentlich ist das Ende auch in 
abweichender Weise verarbeitet. Wir können als \'otivfüße nur 
solche ansprechen, bei denen die Form keine Zweifel läßt, daß nur 
der oder die Füße dargestellt werden sollten, da sonst die Annahme 
berechtigt ist, daß es sich um ein Bruchstück einer Statue handelt. 
Solche Votivtüße in natürlicher oder verkleinerter oder winziger 
Form sind so zahlreich, daß sie beinahe jeder kleinere Antiquar in 
Italien noch heute in seinem Lager vorrätig hat. Meist handelt es sich 
um nackte Füße, gelegentlich tragen sie aber auch Sandalen und 
r>chuhwerk (besonders in Cypern). Felix Regnault hat (1. c.) hier 
aut die \^eränderungen und die Verschiedenheiten der Zehenstellung 
hingewiesen ; er hat Füße mit Fächerstellung der Zehen abgebildet, 
auch Andeutung von Hammerzehen und Plattfuß. Ohne diesen 
Darstellungen eine größere medizinische Bedeutung beizumessen, 
glauben wir mit diesem findigen Autor besonders darauf hinweisen 
zu müssen, daß diese Zehenstellungen zum Teil die Folge der antiken 
Fußbekleidung sind, ^^'as aber mir selbst auch an den großen, mit 
wunderbarer Technik gearbeiteten xMarmorstatuen der besten Zeit 
autgefallen ist, das ist die Behandlung der kleinen Zehe, besonders 
an den Statuen des Lysippos. Dieser Meister bildet mit \'orliebe eine 
ganz verkümmerte kleine Zehe in Kantenstellung und es wäre vielleicht 

'~l Es ist auch möglich, daß Hermes hier Personenname ist und der Vater des Philippikos. 



298 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 




interessant, diesen Stileigentümlichkeiten ähnlich wie bei den Ohren 

der verschiedenen Meister in den verschiedenen Epochen nachzugehen. 

Im hiesigen Museum befindet sich ein Frag- 
ment eines Rumpfes, welches mit Sicherheit ein 
altitalisches Donarium ist und außerdem auch 
einen erkrankten Körperbau vorstellen soll. Das 
eine geht aus der Fundstelle hervor, das andere 
aus der Konfiguration des kleinen Bildwerkes. 
Obwohl die verschiedenen Drehungen und Ver- 
biegungen der W^irbelsäule im Sinne einer Lordo- 
skoliose erst deutlich werden, wenn man den 
Gegenstand in die Hand ninmit und von allen 
Seiten betrachtet, habe ich es doch versucht, eine 

oris.-A.^n.B.r,!n.^ruseu,.. Vorstellung dcs Fuudes zu geben (s. Fig. 186). 

Fig. 186. Lordoskoiiose. Wir scheu den Rumpf von der Seite, die starke 

Terrakottavotiv. i- i i j n • i i i i- i 

\ orbucntung der Rippen, welche deutlich mar- 
kiert sind und erl;ennen auch noch die Drehung der lordotischen 
Wirbelsäule um ihre Achse. 

Ein glücklicherweise unversehrtes Gegenstück fand ich im Anti- 
quarium von Rom. \on derselben Größe, 
zeigt dieses aut dem Esquilin gefundene Terra- 
kottastück dieselben pathologischen Verände- 
rungen der Wirbelsäule mit einer sorgfältigeren 
Bearbeitung der Rippenbiegung. Das Stück 
charakterisiert sich als Votivgegenstand dadurch, 
daß an der Abgangsstelle von Armen, Beinen 
und Hals glatte Ränder mit kleinen runden 
Löchern vorhanden sind (s. Fig. 1S7). Unter 
der großen Zahl von persönHch von mir unter- 
suchten Weihgeschenken konnte ich weitere 
Exemplare dieser Gattung nicht mit Sicherheit 
feststellen. Dagegen ist die Reihe ungeheuer lang der Darstellungen 
von Wirbelsäuleerkrankungen aller möglichen und unmöglichen Art 
aus dem Gebiet der Kleinplastik mit divergenter Tendenz. Wir 




Ori^.-Aii/ji. Kt'j/i, Atitiquarhim. 

Fig. 1S7. Lordoskoiiose. 
Votiv aus Terrakotta. 



SKELETTVERÄNDERUNGEN, 



299 



werden diese Buckligen noch zusammenhängend bespreclien. Immer- 
hin ist es mögHch, daß unter ihnen sich auch Votivkörper be- 
finden. Es ist dies deshalb aber so schwer mit Sicherheit fest- 
zustellen, weil die kleinen Terrakottafiguren derartig zerbrochen 
sind, daß eine sichere Entscheidung über den Zweck der Dar- 
stellung nicht erbringlich ist. So könnte ja das eine oder andere 
ganz vorzügliche kleine realistische Werk als Votiv einer Rückgrats- 
verkrümmung und als ernste Studie' gelten, wenn wir nicht mit 
Sicherheit aus besser erhaltenen ähnlichen Darstellungen diese Stücke 




-t 



Orig.-An/n. Berlin. Museuu 

Fig. 188. Fig. iSg. 

Kypholordose. Kypholordose. 



Louvre. 

Fig. 190. 
Lordose. 




Fig. 191. 
Kyphose. 



den Grotesken zuweisen müßten. Jedenfalls zeigen wir hier im 
Bilde einige solcher Thoraxanomalien, teilsaus dem hiesigen Museum, 
teils auch aus dem Louvre, die möglicherweise als Exvotos gelten 
können (s. Fig. 188 — 191). 



BRÜSTE. 

Wenn ein Leiden zur plastischen Verkörperung des Krankhaften 
prädestiniert ist, so wären es die Tumoren, besonders die der weib- 
lichen Brust; diese können ja großen Umfang annehmen und eine 
sichtbare Deformierung anrichten. Solche war ja auch im Altertum 
schon bekannt und beschrieben; es wäre auch für den Bildhauer 



500 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



^ 



oder den Künstler überhaupt eine ungemein leichte Aufgabe ge- 
wesen, diesen Schaden plastisch zum Ausdruck zu bringen. Ein 

ganz einwandfreies \'otiv 
dieser Art habe ich aber 
weder persönlich gefun- 
den , noch auch ist ein 




^3^-.. 



derartiges bisher nachge- 



\( }(ri Mttjop Utain Museum of Art. 

Fig. 192. Traubiger Tumor der Brustgegend. 

Marmorvotiv aus Cypero. 



;i wiesen. Am ehesten in 
i\ Betracht kommt noch der 
-f traubige Tumor, der mit 
v-l anderen sicheren Votiv- 
gegenständen bei Golgoi 
in Cvpern ausgegraben 
wurde und sich jetzt im 
Metropolitain Aluseum ot 
Art in New York befindet^) 
(s. Fig. 192). Dieses auch von Kronfeld") abgebildete Votiv steht 
isoliert da. Der Naturalismus anderer cypriotischer Darstellungen 
läßt jedoch erhoffen, daß uns von dieser Stelle alter Kultur noch 
Überraschungen kommen. Die Brüste 
selbst sind nicht ergriffen ; es liegt 
unterhalb derselben ein Tumor von 
so exquisit traubiger Beschaffenheit, 
daß Krön fei d die Vermutung aus- 
spricht, daß der Künstler unwillkür- 
lich diese Ähnlichkeit noch über- 
trieben habe. Selbst einen Stiel hat 
die Traube. Ganz abgesehen von 
der Lokalisation, würde man auch 
sonst kaum an einen Tumor der 
Milchdrüse denken können. Immer- 
hin kommt, wenn der Bildhauer sich 



«TSE 




Orig.-Phpt. von Mcyer-Stcineg, yena. 



Fig. 193. Marmorvotiv. 

Mammatumor ^ 



') The Cesnola-Collection of cypriote Antiquities in tlie Metropol. Museum. New Vork. 
-) Vortrag in der Gesellschaft der Wiener Ärzte, 1909. 



BRUSTTUMOREN. 



301 



nicht allzusehr verhauen hat, eine maligne Geschwulst dieser 
Gegend in Frage. 

Ähnlich liegen die \^erhältnisse bei einem Oberkörper aus 
Marmor, den Meyer-Steineg in Griechenland gefunden hat. Hier 
ist, soweit dies aus der mir von ihm gütigst überlassenen Photo- 
graphie (Fig. 193) ersichtlich ist, die linke Brust Sitz eines Tumors. 
Es erscheint mir aber bei der Kleinheit des Marmors traglich, ob der 
Gegenstand überhaupt ein Votiv war, und 
zweitens ob der Tumor nicht eine andere 
Deutung zuläßt. Es wäre immerhin mög- 
lich, daß das Abbrechen eines vor die Brust 
gehaltenen Gegenstandes ein Trugbild ge- 
schaffen hat. 

Bedenken dieser Art fallen weg bei einem 
weiblichen Körper, der nach Meyer-Steineg 
sich in Smvrna in dem Museum der evan- 
gelischen Schule befindet'). Hier ist die 
kraterförmige Intumeszenz so naturalistisch 
zum Ausdruck gebracht, daß jede Skepsis 
übertrieben wäre. Dagegen fehlt hier wieder 
der Nachweis, daß es sich um einen Votiv- 
gegenstand handelt. 

Unter den Einzelbrüsten aus Terrakotta, 
sowohl den tegeatischen als auch den etrus- 
kischen, die ich sah, hat sich bisher kein 
Beweismaterial für die Bildung von Tumoren 
ergeben. Wohl bildet Regnault eine kleine Sammlung von patho- 
logischen Brustformen ab. Wir wollen es dabei in suspenso lassen, 
ob die prall gefüllten Brüste mit verstrichener Brustwarze Milch- 
stauungen versinnbildlichen. Auch anerkennen wir die verschiedene 
Profilierung derselben und die manchmal abnorme Bildung der Warze 
und des Warzenhofes. Ob dies aber Bezug auf Funktionsstörung 




V/i,-.-/'/^'/. Vi>n .Mtyer-Striiic^, Jena. 

Fig. 194. Zerfallener Brust- 
tumor, Smyrna. 



1) Ich selbst habe ihn nicht mehr dort gefunden. — Museum und Bibliothek der evang. 
Schule, Direktor Dr. Polovio A rg yropoul os. 



302 KRAXKHEITSDARSTELLUXGEN. §§ 

hat oder ob hier nur die Phantasie des Töpfers im Einldang mit 
den Wünschen der Besitzerinnen die Formvariation veranlaßte, er- 
scheint fraghch. Nur bei einer exquisiten Hängebrust, die Reg- 
nault abbildet, bei der sich ganz exzentrisch am unteren Pol die 
Warze befindet, erkennen wir gerne den zu Stein gewordenen 
Wunsch einer älteren Dame aut Wiederherstellung jugendlicherer 
Formation an; dieselbe Brusttorm zeigt ein analoges Stück im 
Neapolitanischen Magazin, dort wird sie als Bauch mit Xabel an- 
gesprochen. 

GESICHTER. 

Unter der großen Anzahl von Witivköpten, welche als gemein- 
schaftliche Gabe in fast allen Heiligtümern der verschiedenen Götter, 
nicht nur der Heilgötter deponiert wurden, tand ich eigentlich nur 
zwei Köpfe mit ausgesprochener Krankheitsbildung. Der eine Kopt 
steht im Magazin des Nationalmuseums in Neapel. Er ist ziemlich 
roh gearbeitet und im Gegensatz zu der Mehrzahl der Kopte, die 
hohl sind, massiv (s. Fig. 193). Der ihn verfertigende Arbeiter war 
kein Meister; und es ist nicht ausgeschlossen, daß der Kranke sich 
selbst porträtierte. Wir sehen einen Mann in mittleren Jahren, 
dessen Kopf und Gesicht mit rundlichen, knotenförmigen Erhaben- 
heiten bedeckt ist, frei ist nur die Gegend um die Augen und die 
Nase, deren vorderer Teil abgebrochen ist. Die Größe der flachen, 
rundlichen Warzen schwankt. Die Lippen scheinen zerstört, jeden- 
falls ist es ganz besonders auffällig, daß bei diesem Kopt der Mund 
offen und die Zähne sichtbar sind, was sonst nicht der Fall ist. 
Die Brust und der Hals zeigen gleichtalls pathologische Verände- 
rungen. Hier sind die rundlichen Eruptionen durch kreisförmig 
angeordnete ringförmige Eindrücke in den Ton markiert. Die 
Augenlider zeigen eine deutliche Cilienbildung. Was soll hier dar- 
gestellt werden? Ein Krankeitszustand doch wohl zweifellos. 
Auffallend ist jedentalls und wohl auch Richtschnur tür eine even- 
tuelle Diagnosenstellung das Freibleiben der haarlosen Gesichts- 
haut. Die vergleichende Betrachtung der übrigen Gesichter der ver- 



GESICHTER. 



:)^j 



schiedensten Provenienz lehrt zunächst, daß in der überwiegenden 
Mehrzahl die Männer bartlos dargestellt wurden; gelegentlich aber 
sind auch bärtige Männergesichter abgebildet. Es braucht hierbei 
nur daran erinnert zu werden, daß die Haartracht und die ver- 



^'«^^ 




Orig.-Aitfti. Neapel, Nat.-Mitseuin. 

Fig. 195. Exvoto. Krankheitsdarstellung im Gesicht und an der Brust. 

schiedene Bildung der Frisuren mit einer besonderen Meisterschaft 
behandelt wurde, um anzudeuten, daß auch der Bartwuchs der alten 
Kunst Untertan war. Im \'atikanisch-Etruskischen Museum fiel mir 
das Porträt eines Rasierten auf, bei welchem an Bart und Lippen 
durch zahlreiche Nadelstiche in den Ton der Eindruck frischer Rasur 



304 



KKANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



'^1, - 



überraschend geschildert war. Es ist also kaum daran zu denken, daß 
diese breiten, linsenartigen Auflagerungen eventuell als ungeschickte 
plastische Behandlung von Bart- und Haupthaar angesprochen wer- 
den können, dagegen spricht auch die Technik der Augenbrauen 
und der Lider. Die Spezialdiagnose dieses Zustandes überlassen wir 

dem medizinisch geschulten Be- 
trachter, warnen aber ausdrück- 
lich vor weitgehenden Schlüssen. 
Am ehesten Icäme wohl die para- 
sitäre Sykosis in Betracht, wenn 
nicht die Eruption der ringförmig 
gestellten Ettioreszenzen am Ober- 
körper dagegen spräche. 

Es ist ein seltsamer Zufall, 
daß auch der andere von mir ge- 
fundene Votivkopf eine ganz aus- 
gesprochene Erkrankung der be- 
haarten Kopfhaut aufweist (siehe 
Fig. 196). Dieser Kopf, dessen xA.b- 
bildung deutliche Sprache spricht, 
tand sich bei der Durchstechuns: 
des Quirinal und befindet sich jetzt 
mit den anderen dorther stammenden \"otivgegenständen im Römi- 
schen Antiquarium. Wir sehen einen schön gelockten Jüngling, der, 
um es kurz zu sagen, an Alopecia areata leidet. Die Haare sind ihm 
in typischer Weise ausgefallen, die Basis der Kopfhaut ist glatt und 
läßt die von mir genau daraufhin untersuchte technische Herstellung 
des Votivkopfes eine andere Deutung (Abstoßen der Locken) kaum 
zu'). Ob der Kopt des blinden Griechenjünglings, der sich jetzt 
in Orleans befindet und auf den wir bei dem Kapitel der Blindheit 
noch zurückkommen, ein Anathem darstellt, ist möglich, aber un- 
wahrscheinlich; auch seine Blindheit wird in Abrede »estellt. 




Alt/n, Rotn, Aitiiquarhcjii. 



Fig. 196. Votivkopf mit Darstellung von 
Haarausfall ? 



') Dr. Hoffa vom Deutsch. Arch. Inst. Rom glaubt doch laut brieflicher Mitteilung Ab- 
stoßen der Locken annehmen zu müssen. 



EXTREMITÄTEN. 



305 



Literarisch vermerkt als Weihgeschenke mit krankhaften Ciesichts- 
zügen sind einige Köpfe, welche aus Cypern stammen und in dem 
großen Tafelwerke von Cesnola') abgebildet sind. Das masken- 
artige Gesicht ()])), auch von Margarete Bi eb er") erwähnt, zeigt 
nur in primitiver Kunst etwas auffallend starke Entwicklung der 
unteren Gesichtshälfte. Ähnliches kann man von den beiden Dar- 
stellungen Xr. 930 und 933 desselben Werkes sagen. Soweit es 
die Kleinheit der Abbildung zuläßt, muß die Notiz Augen und ver- 
schwollener Mund ohne Nase dahin berichtigt werden, daß hier aut 
einer Basis die Darstellungen von Augen und Mund in der üblichen 
schematischen Weise erfolgte. Der Mund ist mit allerdings auffallend 
dicken Lippen ausgestattet, die außerdem noch rot angestrichen sind. 



EXTREMITÄTEN. 

In seiner Arbeit über die altitalischen Donarien bildet Stieda 
unter Nr. 4 der Tafel II eine linke Hand ab, welche an der Volar- 
seite eine runde Geschwulst trägt. Es sei dies die einzige unter 
allen Händen gewesen, die eine krankhafte Veränderung zeige. 
Nachträglich korrigiert derselbe Autor diese Ansicht und hält den 
Inhalt der Hand eher für eine Lrucht. Ich sah eine ganze Reihe 
solcher Votivhände, in denen Kuchen oder andere Optergaben aus 
derselben Tonmasse gebildet waren ; solche Hände tragen oft Zapfen, 
mit denen sie in die bereits vorhandenen und schon zur Aufstellung 
gelangten Körper hineingesteckt wurden^). Die Kuchen oder I'rüchte 
waren gelegentlich bemalt. Sonst finden wir auch, daß die Hände 
geschlossen waren mit ausgesparter Öffnung, um irgendwelche 
Wedel oder Blumen hineinzustecken*). Regnault'') bildet eine 
Reihe von Krankheitsveränderungen der Hände ab, die er als zum 
Teil atrophische bezeichnet. Denselben Zustand zeigt eine Hand 

') Collect, of Cypriot. Antiquities in the Metrop. Museum of Art. New York. 
-) M. Bieber, Attische Weihgesclienke. Athen. i\Iitteilungen 1910. 
') s. Cesnola, Cypriotische Altertümer Abb. 732. 
*) S. namentlich die Donarien in Modena. 

°) L'Homme Prehistorique, Les Exvoto Pathologiques romaines. Paris ig 10, par Dr. Felix 
R e g n a u 1 1. 

Holländer, Plastik und Medizin. 20 



3o6 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



der Berliner Sammlung; die Innenhand ist hohl, die Finger spitz 
zulaufend (s. Fig. 197). Anstatt aber in einem solchen Bildwerk 
die Darstellung einer gelähmten und atrophischen Hand zu sehen, 
finde ich es viel näher liegend und vor allem ungesuchter, hier die 
dürftige und oberflächliche Arbeit eines Stümpers anzunehmen. 

Datür spricht schon mit Sicherheit die 
miserable Zeichnung des Handgelenks. 
Auch über die anderen Attitüden und 
Handstellungen, die Regnault als cha- 
rakteristischen Ausdruck und Wiedergabe 
der »Paralysis agitans« anerkennt, läßt sich 
nur mit der größten Vorsicht urteilen. Ich 
halte diese oftmals auttälligen Darstellun- 
gen nicht iür Krankheitsbilder, sondern 
tür häufig wiederkehrende svmbolische 
Handstellungen (s. oben). Daß jedoch 
tatsächlich auch unter den Handvotiven 
Krankheitsdarstellungen vorkommen, datür 
spricht die Tatsache einer Votivhand mit 
sechs Fingern, welche Dautresne in 
einer Doktorthese beschreibt'). Die von 
L. S am hon") erwähnte Hand mit kno- 
tenförmigen Tumoren und eine andere mit oftenbar abgerissener 
Strecksehne habe ich nicht zu sehen bekommen. Dagegen be- 
fanden sich unter den Fundstücken aus dem Athenischen As- 
klepieion Marmorfinger, welche in rechtwinkliger Stellung und 
Knickung geformt waren; diese von mir als Fingerkontraktur an- 
gesprochene Darstellung mag ja auch entsprechend ihrem Fundorte 
als Votivgegenstand von einem Patienten verwandt worden sein; 
es muß aber festgestellt werden, daß solche abgeknickten Finger 
mit nach unten sich etwas verbreiternder Basis als Reibsteine für 




Orig.- Ali/n. Berihi, Aites Musi'iiiit. 

Fig. 197. Votivhand. 



') Epidaure: These doctorate. Paris igog. 

^) Luigi Sambon, Donaria of Medical Interest in the Oppenheimer Collection of 
Etrurian and Roman Antiquities British Medical Journal, 1895. 



EXTREMITÄTEN. 



JU/ 




Orig.-Anft!. Athen, Askiepieiou. 

Fig. 198. 
Kontrakter Finger. 



Farben und andere Dinge vieltach vorkommen 
und auch von mir beobachtet wurden. Die 
etruskischen Donariensammlunoen enthahen 
auch vielfach EinzeIHnger; diese kommen in 
verschiedener Größe und Stellung vor. Ein wohl 
unzweitelhatt krankes Glied mit stark kolbig 
verdrückter Handphalange sah ich in der Samm- 
lung der \'illa di Papa Giulio (s. Fig. 199). 

Unter den sicheren Votivgegenständen befindet 
sich ein Bein mit Spitzfußstellung aus Terrakotta 
(Berlin. Museum), welches von unten bis oben ge- 
wickelt ist (s. Fig. 200). Oben ist ein kleines Loch 
daran, um dasselbe aufzuhängen. Leider sind die 
Zehen abgebrochen. So unscheinbar der Gegenstand 
auch ist, so redet er doch eine deutliche Sprache. 
Leider können wir das nicht sagen von zwei Bruch- 
stücken, die meines Erachtens zusammengehören und 
sich auch an derselben Stelle befinden (Antiquarium 
Rom). Den Ellenbogen mit einem Stück Ober- und 
Unterarm hat schon Sambon (1. c.) abgebildet und 
beschrieben. Er bezeichnet die rundlichen 
x\uflagerungen als diskusähnliche, erwähnt die gesunde und - ♦^ 
normal aussehende Zwischenhaut und glaubt die Diagnose J^^ 
auf ein multiples Exanthem, mit Wahrscheinlichkeit Psoriasis 
stellen zu sollen. Diese Möglichkeit wächst durch den Fund 
eines Knies, welches dieselben rundlichen Erhabenheiten aul- 
weist. Obwohl die Bruchstellen keinen Rückschluß ge- 
statten auf das Aussehen und den Zustand des Weihge- 
schenks vor der Zertrümmerung, läßt sich doch aus dem 
gemeinschaftlichen Fundort vermuten, daß Knie und Arm 
vielleicht einem Körper angehören, der eine sehr intensive f,"i^Äu'Mus 
Hauterkrankung zeigte. Dem Beschauer der /\bbildung Fig. 200. 
wird schon von selbst die Ähnlichkeit auttallen mit dem tes Bein. 
Gesichtsausschlage im Neapler Nationalmuseum. Wir Terrakotta. 




Orig-. - A iijn . Kam, 
Villa di Papa Giulio. 

Fig. 199. 
Panaritium. 



3o8 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



müssen uns bescheiden und können als nur teststehend betrachten, 
daß hier eine intensive Hautveränderung, welche mit Knotenbildung 
über den ganzen Körper verläutt, zur Darstellung kommen sollte. 
Weitere Schlüsse haben nur einen hypothetischen Wert. Hier an 
dieser Stelle erübrigen sich diagnostische Überlegungen, die wir 
im einzelnen bei den altperuanischen Terrakotten anstellen müssen; 
man kann allerlei Gelehrsamkeit verfechten, aber nichts objektiv 
Sicheres beweisen. Spekulationen aber aut diesem Gebiet führen 
ins Märchenland. Wie vorsichtig man sein muß, das lehrt die 



J 




,v 




Fin. 201. Elleiiboaen mit Knoten besetzt. 



Ori^.-Aii/n. Rom, Aittiquariiiin. 

Fig. 202. Knie mit Tumoren besetzt. 



Betrachtung eines Silen aus der \\\\\ Albani (s. Fig. 203). Die 
rauhe Haut, die auch sonst namentlich die Bauch- und die Streck- 
seite solcher Waldmenschen einnimmt, hat hier den ganzen Körper 
überzogen. Fände man einen solchen Ober- und Unterschenkel 
isoliert, so ist die pathologische Diagnose fertig. 



AUGEN. 

Obwohl wir in einem besonderen Kapitel die Skulptur der 
Blindheit noch ganz ausführlich abhandeln müssen, erwähne ich 
die Augen aus dem Museum von Capua, die Regnault abbildet, 
welche sich dadurch vor der Unmasse von Finzelaugen aus Terra- 
kotta auszeichnen, daß nicht nur die Lidspalte und die Pupille ge- 
bildet ist, sondern auch eine Anzahl hochgezogener Faltenbildungen 
der Stirn. Diesen auffallenden Befund erwähnt Regnault be- 
sonders, ohne ihn zu erklären. Wir werden später bei der Skulptur 



AUGEN. OHREN. 



309 



der Blindheit auf diese Faltenbildung zurückkommen. Außerdem 
aber werden von demselben Autor zwei Köpfe erwähnt, von denen 
der eine einen Strabismus convergens, der andere einen extremen 




nila Albani. 



Fiy 



205. büen. 



Hochstand der Pupillen und eine auffallende Kleinheit der linken 
Lidspalte erkennen läßt. 

OHREN. 

Die Struktur des Ohres ist so verschieden nuanciert wie die der 
Nase; nur pflegen wir die b'orm derselben weniger genau zu be- 
achten wie im Leben so auch in der Kunst. Ist aber erst einmal 
die Aufmerksamkeit auf dieses Gebilde gelenkt, so flndet man bald 



:io 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



die gröberen und feineren Unterschiede in der Größe und Form. 
So gelang uns schon in der Ohrform des jugendlichen Asklepios 
im Vatikan eine Stütze für die Auffassung zu finden, daß hier eine 
Porträtstudie vorliegt. Wir besitzen aber auch eine Reihe von Dar- 
stellungen erkrankter Ohren aus der klassischen Antike. Wie heute 
die sportlichen Sieger sich einer großen Popularität erfreuen, so 




Ori^.-Aii/it. Athen, Xat.-Miisfitiii. 

Fig. 204. Bronzebüste eines olympischen Siegers im Faustkampf. 

auch und dies in noch erhöhtem Maße in der alten Welt. Die 
Sieger in den t)lympischen Spielen wurden in Stein und Bronze 
verewigt. Beim Faustkampf aber, dem beliebten Vorbild unseres 
modernen Boxkampfes, waren Ohren und Nasen besonders in 
Gefahr. Denn man verminderte nicht der Fäuste W'ucht durch 
Polsterhandschuhe, sondern erhöhte ihre Durchschlagkraft durch 
scharfe dicke Lederriemen. Die brutalen Einwirkungen des Faust- 
kamptes, namentlich auch auf Augen, Nase und Ohren, zeigt am 



OHREN. . I j 



besten die berühmte Bronzestatue des ausruhenden Faustkämpfers 
in dem römischen Thermenmuseum. An dieser vorzüghch er- 
haltenen Statue sind selbst die frischen Verletzungen, das Springen 
der Haut und die Hämatome zum Ausdruck «-ebracht. 




Orig-Au/,,. /V . ■,,'•- ... .', ,':toin. Museum. 

Fig. 205. Antikes Original eines ausruhenden laustkämpfers (Lebensgröße). 

Wir bringen hier das weniger bekannte, ganz hervorragende 
Porträt eines olympischen Siegers aus Athen deshalb, weil die 
Othämatome so vorzüglich an dem Kopf betont sind. Die Bronze 
eignet sich zur Darstellung dieser Veränderungen besser wie der 



312 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^ 

Marmor. l'rt)tzdeni sind dieselben Veränderungen auf der schönen 
Marmorfigur des ausruhenden Kämpfers in Konstantinopel so deut- 
lich, daß sie zur Erklärung der ganzen prachtvollen Schöpfung der 
besten griechischen Kunstblüte die Unterlage bilden. 



GENITALIEN. 

Ein paar \\\)rte sollen wenigstens gesagt werden über krank- 
hafte Veränderungen an den Genitalien'). Zunächst die \'or- 
bemerkung, daß eine Unzahl männlicher Genitalien als offenbare 
Votivgegenstände gespendet wurde. Nachweisbar wurden sie dabei 
nicht nur einer Gottheit gestiftet, sondern man fand sie außer in 
den etruskischen Nekropolen auch in den verschiedensten Tempel- 
bezirken. So fand ich sie in dem Tempel der Fortuna im alten 
Präneste. Es ist nun ja schon vielfach darauf hingewiesen worden, 
daß die antiken Statuen, auch der besten griechischen Zeit, die ab- 
norme Bildung des I-'räputiums zeigen, die wir als Phimose be- 
zeichnen. Eeider sind wir ja in vielen xMuseen durch die unan- 
ständige Anbringung grotesk wirkender Feigenblätter an der Be- 
obachtung dieses Körperteiles verhindert. Es kann aber als ab- 
solut ausgeschlossen gelten, daß durch diese Bildung ein Krank- 
heitszustand markiert werden sollte, oder daß die tatsächlichen 
Körperzustände in jener Zeit so beschaffen waren; das griechische 
Schönheitsideal sollte vielmehr nur zum Ausdruck gebracht werden. 
Die Reihe der Darstellungen abnormer \'erhältnisse dieser Sphäre, 
und nicht nur bei Objekten hellenistischer Kleinkunst, ist eine sehr 
große. Es ist nicht ausgeschlossen, dai}> das eine oder andere Mal 
der Krankheitsprozeß eine ernsthafte Schilderung erfahren sollte; in 
der überwiegenden Mehrzahl aber handelt es sich um groteske Bil- 
dungen mit ausschließlich erotischer 'Fendenz. 

Obwohl sich dieser Gegenstand kaum für eine Besprechung in 
einem Buche mit breiterer Basis eignet, so müssen wir doch mit 



') F. Regnault, Les Maladies des Organs genito-urinaires dans Ticonographie antique. 



Annales des Mal. des Org. genit. urin. XXVL 



BUBONEN. 



TT"» 



einigen Worten noch aut die krankhafte Verbildung der männhchen 
GenitaHen bei einer Gruppe statuarischer Werke hinweisen. Als 
Beispiel hierfür eignet sich besonders der berühmte Pugillatore im 
Thermenmuseum. Die gespreizte Beinhaltung ermöglicht, wohl 
nicht ganz ohne Absicht des Künstlers, eine genaue Inspektion der 
Gegend. Wir konstatieren hier eine besonders naturalistisch aus- 
geführte \'erunstaltung desMembrum; dasselbe ist spiralförmig nach 
oben geschlagen und zeigt ein deutliches Ödem des Präputiums. 
\'on irgendeiner Inhbulation oder einer Ligatur, wie sie z. B. auf 
der berühmten Ficoronischen Cyste vorkommt, ist nichts zu be- 





Orig^.-Au/n. J-'lori-iiz. Eirusk. Musennt. 

Fig. 207. 
Sog. Bubonen (von oben gesehen). 



merken. Einen ganz ähnlichen Zustand, der mit Sicherheit etwas 
Unedles, Häßliches bedeuten sollte, zeigen viele Darstellungen von 
Faustkämpfern und Flötenbläsern. Über das Wesen und die Er- 
klärungen der verschiedenen Formen der Inlibulation bei Griechen 
und Römern sind die Ansichten nicht einheitlich'), ihre Deutung 
nicht befriedigend. Jedenfalls beruhen alle diese Veränderungen 
auf bleichen Voraussetzungen. 

Es sind dann von allen Autoren , die über diesen Gegenstand 
gearbeitet haben, die Körper erwähnt und abgebildet worden, welche 



') Ludwig Stieda, Anatomiscli-Archäolog. Studien: Die Inlibulation bei Grieclien und 
Römern. Wiesbaden 1902. 



314 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEX. 



als sogenannte Bubonen angesprochen wurden. Diese kegel- oder 
pyramidenförmigen Körper, die an ihrer Basis einen Kranz von Er- 
habenheiten oder Höckern tragen, sind seit Stieda als krankhafte 
Veränderungen der Genitalsphäre rubriziert (s. Fig. 206 u. 207). 
Die Bedienten der römischen Museen nannten sie Bubone. Dieser 
erste Autor meint aber, daß es sich eher um eine krankhaft veränderte 
Eichel gehandelt haben möge; spätere x\utoren, wie Alexander, 
halten sie tatsächlich tür Bubonen, resp. Drüsenschwellung vor dem 
Aufbruch der Eiterung. Kronteld geht sogar so weit, an diesen 
Körpern Anhalt zu suchen tür eine Motivierung der antiken Sv- 
philis. Ich habe diesen Körpern eine besondere Aufmerksamkeit zu- 
gewandt und gefunden, daß ihre Darstellungsart ungemein variiert. 




Orig -.-111/11. Rotit^ Aniiqtiariutn. 

Fig. 208. Sog. 1 Bubonen':, stilisiert in verschiedener Form. 

Es wechselt die Höhe der Pyramide von einer flachen Erhebung 
bis zu zuckerhutartiger Form, fast stets aber zeigt die Oberfläche 
keine gleichmäßige Rundung, sondern meist drei bis vier flache, 
nach der Spitze zu laufende Einkerbungen. In der Sammlung der 
Villa des Papstes Julius finden sich auch solche ganz platte Körper, 
also gewissermaßen nur der Kranz von Erhabenheiten ohne jeden 
pyramidenförmigen Autbau; teilweise sind diese angeblichen Infil- 
trate, um mich ganz allgemein auszudrücken, rot gefärbt. Zunächst 
tchlt jegliche Sicherheit über die Organbestimmung überhaupt, 
bloß der Charakter als Weihgabe scheint nach dem gemeinschaft- 
lichen Fundorte außer Frage. Die Meinung der Kustoden ist wert- 
los, sie waren nach meiner Beobachtung über analoge andere 
Körpergaben gänzlich ununterrichtet. Am ehesten glaube ich noch, 
daß es sich um die Darstellung von Üpferkuchen gehandelt 



TRUGBILDER. 



313 



.^•' 



haben mag, dafür sprechen die getlirbten Phitten und die wech- 
selnde Form der Pyramiden. Bei anderen wird man unwillkürHch 
an die Darstellung von Früchten denken. Einen Anhalt über den 
Sinn dieser Pyramiden bietet eine Kollektion solcher Körper, die 
sich bei der Durchstechung des Quirinals gefunden hat. Es läßt 
sich hier eine Entwicklung der Form von der beschriebenen Pyra- 
miden- und kegelförmig ansteigenden Spitze und der unregelmäßig 
höckertörmigen Basis zu einem Gebilde 
von gleicher Größe und Form, aber 
von rein architektonischem, regelmäßi- 
gem Bau, feststellen (s. Fig. 208). Die 
Knospe wächst aus einem Kranz von 
Blättern heraus wie bei einer Frucht. 
Es liegt um so näher an eine stilisierte 
Frucht oder etwas Ähnliches zu denken, 
weil solche glatt gehaltene Pinienzapfen 
mit verzierter Basis in größerer Form als 
häufige Autsätze auf Gräbern gefunden 
wurden. Ob es sich also hier um 
O p f e r k u c h e n oder die Darstellung 
von O p f e r fr ü c h t e n oder etwas Ähn- 
liches gehandelt hat, oder ob vielleicht 
ein menschliches oder tierisches Ge- 
bilde durch diese Weihgabe versinnbild- 
licht werden sollte, das läßt sich zurzeit nicht feststellen; es aber 
als Bubonen zu charakterisieren, dafür tehlt meines Erachtens bis- 
her jeder Anhalt. 

Der Herr Kollege M ey er-Steineg-Jena hat mir aus seiner 
schönen Sammlung den Marmortorso einer Frau zur Veröffentlichung 
gegeben, der vielleicht an diese Stelle gehört. Es hat in der Tat 
die Auffassung von geschwollenen Leistendrüsen mit geschwürigen 
Prozessen in der Nähe der Vulva zunächst etwas Bestechendes an 
sich; ich persönlich glaube aber, daß hier ein Trugbild dadurch 
zustande kam, daß ein Gewandzipfel, welcher von der Hüfte zur 




Orig.-Phot.vofi Meyer- 
Steifieg, Jena. 

Fig. 209. Exvoto? 



5 1 6 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ® 

Innenseite des Oberschenkels ging, an der Marmorfigur abriß; durch 
diesen Zipfel war eine detaillierte Behandlung des Schoßes unmög- 
lich (s. Fig. 209). 



PORTRÄTSTATUEN. 

Gelegentlich finden wir ein plastisches Krankheitsbild im Porträt. 
Doch dies zunächst grenzenlos erscheinende Gebiet engt sich bei 
näherer Betrachtung erheblich ein. Das liegt teils im Wesen der 
Plastik, teils in der Natur der menschlichen Psyche begründet. 
Der veredelnde, verschönende Trieb läßt Runzeln glätten und 
Häßlichkeiten mildern. Der Porträtist wird meistens seinen Kunden 
eher befriedigen, wenn er die Züge verjüngt; der Schieläugige stellt 
sich dem Photographen im Profil. Wie weit der Ausgleich von 
Defekten geht und der nivellierende \\'unsch , datür bietet ein 
klassisches Beispiel das Grabdenkmal des Götz von Berlichingen 
im Kreuzgang des Klosters Schöntal. Von dem, was diesem 
Ritter den berühmten Beinamen gab, sieht man nichts; im Gegen- 
teil: der Geharnischte hat beide nackten Hände betend gefaltet. Statt 
dessen kniet der Ritter als Hinweis auf seine sterblichen Tage aut 
einen großen eisernen rechten Handschuh. Vielleicht verkörpert 
diese Darstellungsweise den Gedanken der Auterstehung. 

Nicht umsonst gilt Rafiaels Porträt des schielenden Kardinals 
Inghirami als auffällig und einzig. Doch gab es Zeiten, wo die 
Moderichtung der Kunst den Naturalismus aut den Thron ge- 
hoben hatte. In dieser Zeit kam auch die Häßlichkeit, das Ab- 
norme zum Wort. Da wurden Körper geschildert, die dem Arzt 
gelegentlich ein Interesse bieten. Auch die Tradition schut Krank- 
heitstypen, und der Bildner nahm dann gelegentlich wohl seine 
Zuflucht zu wirklichen Modellen. In der klassischen Skulptur sind 
Beispiele dieser Art besonders Homer und Asop. Ob beide je 
gelebt, darüber brauchen wir an dieser Stelle nicht die Meinungen 



o 



wiederzugeben, es genügt der Hinweis, daß beider bildliche Dar- 
stellungen offenbar freie Erfindungen sind, wie dies für Homer schon 



Äsop. 3 1 7 



Plinius betont. Über die vielen Büsten des großen griechischen 
Sängers werden wir bei der Slailptur der BHndheit sprechen. 
Auch die berühmte Statue des Fabeldichters in der Villa Albani 
ist vom ärztlichen Standpunkte aus vieltach untersucht und be- 
sprochen worden. Ist doch dieses Kunstwerk auch prädestiniert, 
medizin-artistische Studien zu veranlassen. Seitdem Charcot und 
Dechambre') mit ihrer eingehenden Kritik das medizinische 
Studium solcher Gegenstände der Kunst inaugurierten und test- 
stellten, daß es sich hei der Wiedergabe dieser kranken Körperlich- 
keit um ein offenbares Porträt eines Menschen mit Malum Pottii 
handelt, ist der Gegenstand namentlich in Frankreich weiter verfolgt, 
und ich erinnere nur an die zusammenfassende bedeutende Arbeit 
von Henrv Meige") über diesen Gegenstand. Paul Richer hat 
nicht ohne Grund in seinem Werke »L'Art et la Medecinecc diese 
bis in das Einzelne gehende wissenschaftliche Analyse des dar- 
gestellten Krankheitsfalles wörtlich wiedergegeben. Wenn ich meine, 
daß diese Beschreibung einer meisterhaften klinischen Vorlesung 
gleichkommt, so ist das zu wenig gesagt, denn die Augen des 
Künstlerarztes erfassen erst ganz Architektur und Detail dieser 
Büste. Die wechselvolle Ausbiegung der Wirbelsäule in den 
verschiedenen Segmenten, die Kopfhaltung, vor allem aber die 
Bilduno; des Brustkorbes sind von brutaler Wirklichkeit. Ich habe 
versucht, die Zerstörung, welche diese meisterhafte Naturabschrift 
durch die Aufkleisterung und A'erunstaltung der Schamgegend er- 
litten hat, am Gipsabguß wieder gut zu machen, aber die Photo- 
graphie des Gipses versagt. Obwohl, wie Charcot schon be- 
merkt, die Stelle der lokalen Wirbelsäulenkaries nicht ersichtlich 
ist, hat offenbar doch eine isolierte Knocheneinschmelzung die 
ganze Deformierung veranlaßt. Durch ein Spiel des Zufalls kam ein 
2;anz analoß-er Fall, der fast in allen Punkten mit dem vielleicht 
von einem Lvsipp geschilderten Krankheitsbilde übereinstimmt, mir 



') Charcot und Dechambre , Gazette hebdomadaire de medecine et de Chirurgie, 1857. 
-) Henry Meige, Le Mal de Pott dans l'Art antique. Travaux de neurologie chirur- 
gicale, 1897, t. II, p. 98 et suiv. und in der »Nouvelle Iconographie«. 



3 1 8 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



gerade in diesen Tagen unter die Augen; auch dieser Mann zeigte 
auftällig genug den Kontrast zwischen Kopfbildung und Körper- 




Pkot. Alinari. Rüin, l'iila Albani, 

Fig. 210. .4sop. Antike Marmorskulptur. 



torm, der bei dem antiken Meisterwerke, an dem übrigens nur die 
rechte Schulter ergänzt ist, so sehr das Ganze beherrscht. Sicher- 
lich gingen viele an dem Porträt vorbei, ohne darüber zur Klarheit 



® Äsop. 3J9 

gekommen zu sein, daß hier das Bildnis eines entsetzlich verkrüp- 
pelten Menschen meisterhaft geschildert wurde. Angezogen durch 




Phot. AUiiari. Ront, l'iUa Albttni . 

Fig. 211. Äsop. Antike Marmorskulptur (von der Seite). 

das Geistvolle des klugen Kopfes, haftet der Blick des Beschauers 
an den listigen Aueen des Erzählers, und er hält das Ganze für 



320 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



eine Porträtbüste. Der Charakter der griechischen Fabel äußert 
sich didaktisch. »Das Lehrhatte erreicht der Fabeldichter durch eine 
gewisse schlaue Verschlagenheit. Das ist auch die Wafi'e dieses 
schwachen Krüppels, aus dessen Augen kluge Überlegenheit kraft- 




Xt-apel. 

Fig. 212. .\ntike Bronzebüste des Scipio .\fricanus. 

voll uns entgegenleuchtet. (c Hinter diesem Meisterwerk verschwinden 
die anderen auf Äsop bezogene Bildnisse. 

Aus der Anzahl von Porträtköpfen, welche Abnormitäten zeigen, 
wollen wir nur das eine oder andere Beispiel erwähnen. Beson- 
ders sinnfälliges Material liefern die langen Reihen der Porträt- 



SCIPIO AFRICANUS. 



!2I 



köpfe aus der späteren griechischen und namenthch römischen 
Epoche nicht. 




r'u't, Aüiuir 



-\ t-apti. Xat.-Mttseutn. 



Fig. 213. Porträtbüste aus Bronze des Lucius Cäcilius Jucundus (Fibroma pendul.). 

Es ist schon eine für die römische Porträtkunst bemerkens- 
werte und auch auffälhge Tatsache, daß z. B. die angebliche Biciste 
des Scipio Africanus tiefe Narben auf der linken oberen Schläfen- 

Holländer, Plastik und Medizin. 21 



322 



KR AN KHEITSDARSTELLUNGEX, 



partie zeigt, die er im Kampfe rühmlich erworben. Diese Säbel- 
schmisse, welche auf allen Wiederholungen vorkommen, am deut- 
lichsten auf einer marmornen Replik in der Münchner Glypto- 
thek, bieten sogar mit ein Hilfsmittel die angebliche Identität 
des Besiegers Hannibals festzustellen. (Siehe auch die Marmor- 
büste im Kapitolinischen Museum zu Rom.) Unsere Abbildung 
(s. Fig. 212) zeigt eine antike Bronze aus dem Nationalmuseum 








Floreuz. 

Fig. 214. Basrelief des Herzogs von Urbino Friedrich von Montefeltro. 

15, Jahrhundert. 

in Neapel, welche aus Herkulaneum stammt. Dasselbe Museum 
bietet außerdem noch eine uns interessierende Herme mit einem 
ganz vorzüglich realistischen Porträt. Nicht nur der nußgroße 
aus der linken Wangengegend hervorspringende glatte Tumor 
stempelt sie zu einem sehr naturalistisch gehaltenen Kunstwerk. 
Die Porträtähnlichkeit ergibt sich beinahe aus jeder Falte, vor 
allem auch aus der auffallend häßlichen Bildung der Ohren. Wir 
sehen den jovialen Herren lebendig vor uns. »Der freigelassene 



PORTRÄTSTATUEN. 



323 



Felix setzte diese Statue dem Genius des Lucius Cäcilius Jucundus« 
(s. Fig. 213). 

Erwähnenswert ist, daß die antike Plinthe unten einen bronzenen 




.!>: w-;/;, Cojist'r-'atoren/'tilast, 

Fig. 215. Bronzebüste des Michelangelo Buonarroti. 

Phallus zeigt. Gesicht, Augen und Mund namentlich drücken eine 
gewisse Selbstzufriedenheit verknüpft mit Schalkheit aus. Man 
kennt die Persönlichkeit dieses Mannes aus seinen Rechnungs- 
büchern, die man in seinem Hause in Pompeji gefunden hat. Die 



324 



KRAXKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Geldgeschäfte, die er gemacht hat, scheinen nicht so ganz sauber 
gewesen zu sein; er gab Darlehen zu einem Zinstuß von 2 Prozent 
pro Monat mit ungemein schneller \'erfallzeit. Während die Porträt- 
bildnisse der guten Zeit solche Auswüchse und Unregelmäßigkeiten 
in der Gesichtsbildung ignorieren, werden sie von den späteren 

Porträtisten eitrig kopiert; sie passen 
in die veristisch ausgeführten Gesichter 
eines Cicero, eines Seneca, während 
sie z. B. in dem glatten Renaissance- 
kopf des Herzogs von Urbino wirken 
wie die Nägel an seinem Harnische 
(s. Fig. 214). 

Am glanzvollen Mediceerhote er- 
weckte der junge Michelangelo den 
Neid seiner Mitschüler, einer von ihnen, 
Pietro Torrigiano, versetzte ihm im 
Garten von S. Marco einen so hef- 
tigen Schlag ins Gesicht, daß das 
Nasenbein des jungen Meisters zer- 
trümmert und er dauernd entstellt 
blieb. Die breite Nase ohne Profil 
kam auf fast allen Bildnissen realistisch 
zum Ausdruck, die in der Engelsburg 
gelegentlich der Jubelteier vereinigt 




Orig.-Aufji. Berliner l'olkerkuTtdemiiseutn 

Fig. 216. Porträt eines Häuptlings 
aus Kamerun. Ascites. 



waren. Wir bringen die bekannte 



Bronze aus dem Conservatorenpalast 
in Rom (Fig. 213). Wir begnügen uns mit dem kurzen Einblick 
in diese Seitengasse und wollen nur noch als vortretl^liches Beispiel 
solcher realistischen Porträtierkunst aut ein naives Werk der Neger- 
kunst') hinweisen. Die Figur eines Häuptlings aus Bangulap (Ka- 
merun) (Fig. 216) zeigt die unzweifelhaften Symptome des Ascites. 
Im Gegensatz zu großer Abmagerung der Extremitäten ist der Bauch 
tonnenartig geschwollen, selbst der typische Nabelbruch ist markiert; 



') Berliner Museum für Völkerkunde. 



BÖSER BLICK. 



323 



das Gesicht verrät eine gewisse Ängstlichkeit; der Mund ist weit 
geöffnet als Symptom des Lutthungers, und in der Rechten hält 
der Dargestellte ein Trinkhorn als Ausdruck des unstillbaren Durstes, 



der wohl als Krankheitsursache gilt. 




BÖSER BLICK UND BUCKEL. 

Es hieße an einer Unzahl von Zeichen und Gegenständen des 
Altertums ohne Erkenntnis vorbeigehen, und das Leben in seinen 
täglichen kleinsten Ausschnitten verkennen, wenn man dem ver- 
schiedenartigen Ausdruck abergläubi- 
scher Vorstellungen tremd gegenüber- 
stände. Noch in den heutigen Ländern 
um das Mittelmeer herum ist der Ge- 
danke der Abwehrmittel gegen allerlei 
Unheil und Mißgeschick so lebendig 
wie in der späteren Antike. Hals- ^l|^ 
bänder und Amulette jeglicher Gat- 
tung schützten damals wie heute, be- 
sonders wenn sie den Namen oder 
das Emblem eines Gottes (Tvche, 
Sarapis, Harpokrates) trugen. Das 
Studium solcher Abwehrmittel, welche 
aus dem Erdreich, Pflanzen- und 
Tierreich stammen, ist eine Wissen- 
schaft für sich. Wir erwähnten bereits 
die großen Augen aus ALu'mor, welche 
das Schiff des Odvsseus sicherten und seitdem viele andere. Im 
Athenischen Nationalmuseum werden solche Marmoraugen auf- 
bewahrt, die aus dem Piräus als nicht verwesbare Reste von 
Schiffen gefunden wurden. \'or und nach Admiral Nelson trugen 
Kriegsschiffe Hufeisen am AList. Besonderen Schutz gaben 
Steine und namentlich Edelsteine, Krötenstein, Achat, Katzen- 
auge, Malachit, Smaragd, Türkis usw. Der Augenarzt Selig- 




(2i^ 



Orig.-Aufn . 
Berlin, Altes Museum. 

Fig. 217. Buckliger. 

Antike Bronze. 



Orig.'Au/n. 
Bttlin, Altes Museum. 

Fig. 218. Buckliger, 

Aotike Bronze. 



326 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



man^) erwähnt eine Unmenge von Pflanzen und Bäumen, die 
bösen Zauber wehren: Aloe, Baldrian, Eisenkraut, Knoblauch, 
Kampler, Waldrebe, Rosmarin, Meerzwiebel, Nachtschatten, Ein- 
beere, Eberesche und wie sie alle heißen. Wir sahen schon, daß 
auch menschliche und tierische normale Körperteile, vor allem aber 
das Auge, Hände mit und ohne bestimmte Gesten gegen die Jetta- 
tura von großer Wirksamkeit sind. Ein Teil solcher Abbilder wurde 
vielfach mit Körper-Exvotos zu Heilzwecken verwechselt. Als eins 
der bekanntesten Abwehrmittel dieser Art galt 
das Gorgoneion, welches mit Vorliebe auf Schil- 
dern und Gefäßen angebracht wurde oder auch 
als Stirnziegel auf Tempeln und Gebäuden. Die 
Geste der herausgestreckten Zunge, offenbar vom 
offenen Maule eines wilden Tieres hergenommen, 
hat heute noch drohende Bedeutung. 

Unter der Unzahl von solchen Abwehrbildern 
figurieren nun in der antiken Gedankenwelt 
allerhand menschliche Mißgestalten, Zwerge, 
Bucklige und überhaupt Krankheitsdarstellungen 
in grotesker Form, vor allem auch alles das, was 
heute bei den Antikenhändlern des Orients unter 
dem Xamen des »Satvrs« geht. l:in solches 
Apotropaion wandelt sich aber von selbst in die 
Wirstellung des Portc-bonheurs. Es ist müßig, der Herkunft solcher 
Ideen nachzugehen, sie kommen und gehen und wachsen wie die 
Blumen auf dem Felde. Wenn auch Erziehung nach dieser Richtung 
hin wieder ihrerseits apotropäischen Einfluß hat, so sollte doch die 
gebildete Welt die Bedeutung solcher Vorstellungen nicht unter- 
schätzen; besonders in romanischen Ländern sind diese fetischisti- 
schen Ideen unausrottbar. Katastrophal wirken solche Anschauungen 
in der Hand von Kurptuschern. Daß auch heute noch körper- 
liche Mißgestalten solche Zauberkratt ausüben, erfuhr ich jüngst 
durch eine operationsscheue Spanierin. Sie drängte sich auf der 




Orig.-Au/n. Berlin, Altes Mus 

Fig. 219. Buckliger. 



Antike Bronze. 



') 1. c. 



APOTROPÄISCHE MISSGESTALT. 



327 



Straße an einen Buckligen, berührte ihn im Gedränge und bat mich 
nun um schleunige Vornahme einer Operation, die sie bisher ver- 
weigert hatte, mit der Motivierung, daß ein zutällig gesehener 
Buckliger verheißungsvoll sei, seine Berührung aber glückbringend. 
Seligman erwähnt, daß der Dramatiker Pierre Wolft aus Aber- 




Ori^.-Aitrn. 

Fig. 220. Buckliger auf einem Tiere. Hellenistische Terrakotta. Apotropaion. 

glauben und um den Erfolg seiner Stücke zu garantieren, in jedem 
derselben einen Buckligen vorkommen ließe. Über analoge Vor- 
stellungen in der antiken und späteren Komödie müssen wir noch 
besonders abhandeln. 

Von diesem Standpunkte aus wird man die Anhäufung buckliger 
Figuren in der hellenistischen Kleinkunst betrachten müssen. Es 



328 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



waren Nippes und glückbringende gern gesehene und vielleicht auch 
gern verschenkte Kleinigkeiten, wie heute die Meißener Engel aus 
Porzellan. Schon den ersten Bearbeitern dieser kleinen statuarischen 
Werke war die Häufigkeit derselben autgetallen. Sie haben vom 




Orig -An/n. 

Fig. 221. Buckliger auf einem Tiere. Hellenistische Terrakotta. 



pathologischen Standpunkt aus alle diese \'er\vachsenen studiert; 
besonders intensiv und liebevoll hat sich mit ihnen Henry Meige 
abgegeben '). 

Die Wiener Sammlung; sowie auch der Louvre weisen eine 



') Henry Meige, Les Xains et les Bossus dans l'Art. Xouv. Icon. de la Salp. 1S96. 
Charcot u. Richer, Les Difformes et les Malades dans l'Art. Paris, Lecrosnier 1889. 
E. Garnier, Nains et Geants. Bibl. des Merveilles 1S84, p. 57. 



APOTROPÄISCHE BUCKEL. 



329 



ganze Kollektion solcher kleinen antiken Bronzen von Buckligen 
und \'erwachsenen aut; Richer hat die aus der Pariser Sammlung 
in seinem Werke abgebildet; es berechtigen die Kampfstellungen, 
in denen sich ein Teil solcher Buckligen befindet, auch zur Be- 
zeichnung Pvgmäen. Auch die Berliner Sammlung besitzt einige 
interessante Dokumente dieser Abart darstellender Kunst. So 
zunächst einen knickbeinigen 
Verwachsenen mit dünnen 
Beinchen und einem kahlen 
Schädel, der gleichfalls difform 
ist. Das unzufriedene Ge- 
sicht ist teilweise auch auf 
das Konto der Lädierungen 
zu setzen. Mit der rechten 
Hand bearbeitet sich der arme 
Schelm mit einer Strigilis (siehe 
Fig. 218). 

Bei einem Pendant sind 
die Arme verloren gegangen 
(s. Fig. 217). Medizinisch 
interessanter ist eine kleine 
Bronze derselben \^itrine (siehe 
Fig. 219). Da linden wir einen 
bizarreiT Körper, der erstens 
eine \'erbiegung der Wirbel- 
säule, außerdem aber noch den 
Verlust des rechten Beines und Armes zu beklagen hat. Der Bein- 
stumpf erscheint auf dem Bilde oberhalb des Oberschenkels. Im 
Gegensatz zu dem auf die Brust gelegten kräftigen linken x^rm ist 
der rechte atrophisch und wie kontrakt. Auf dem Bilde unsichtbar 
ist noch eine Betteltasche, die der Kleine trägt. Ein famoses Bei- 
spiel dieser Art fand ich bei Smyrna; aut einem kleinen Pterdchen 
sitzend, reitet eine groteske Figur. Der Kopt zeigt difTorme Verhält- 
nisse, außerdem aber springt ein mächtiger Buckel vor. Es scheint. 




Orig.'Aufn. Berlin, Museum für Völkerkunde. 

Fig. 222. Buckliger. Altmexikanische Steinplastik. 



330 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



/-Ol 



als wenn dieser eine Lähmung der unteren Extremitäten herbei- 
oeführt habe (s. Fig. 220 u. 221). Jedenfalls machen im Verhältnis 
zum übrigen Körper die kleinen Beinchen diesen Eindruck. Eine 
ähnliche Terrakotta besitzt das Berliner alte Museum. Wir werden 
noch Gelegenheit haben, von der apotropäischen Kratt der Genitals- 
sphäre und ihrer pathologischen Veränderung zu sprechen. Der An- 
blick dieses buckligen Reiters weist schon darauf hin. Diese Figur 
erwähne ich schon deshalb, weil diese kleinen Grotesken sehr selten 

intakt gefunden werden, während 
es große Sammlungen von iso- 
lierten Köpfen gibt. 

Von einem gewissen Inter- 
esse muß die altmexikanische 
Darstellung einer Wirbelsäule- 
erkrankung bei einem Volke sein, 
über dessen Krankengeschichte 
uns wenig bekannt ist. Im hie- 
sigen Museum für \'ölkerkunde 
befindet sich eine uralte Stein- 
plastik, welche oftenbar einen 
Buckligen, vielleicht mit Läh- 
mungserscheinungen an den Füßen 
darstellt. Dafür, daß der kleine Mann an den Beinen gelähmt ist, 
spricht die enorme Entwicklung der oberen Extremitäten und die 
Haltung der Beine. Die Stellung des Kopfes, der sich mühevoll 
aus dem Thorax heraushebt, scheint trefflich nach dem Modell 
gearbeitet zu sein (s. Fig. 222). Bucklige kommen übrigens in 
mehreren altmexikanischen Kodizes vor. Dem freundlichen Nach- 
weis von W. V. d. Steinen verdanke ich die Originalzeichnung 
eines solchen aus dem Mixtekischen Kodex Colombino (s. Fig. 223). 
Ausdrücklich wird auch für die primitive ägyptische Kunst die Bei- 
gabe difformer Körper in Gräbern bestätigt, angeblich um die Toten 
zu erfreuen'). 

') Des Dt-buts de I'Art en Egypte par Jean Capart. Brüssel 1904, S. 21-t. 




A'atr/i einer Originalzeichnung von v. d. Steinen. 

Fig. 223. Buckliger aus altmexikanischem Kodex. 



GROTESKKOPFE. 



331 



GROTESKKÖPFE. 

Felix Regnault hat die Unmasse solcher Köpfe, deren Kör- 
per verloren gegangen ist, vom medizinischen Standpunkt unter- 
sucht und an ihnen eine ganze Reihe von Erkrankungen statuieren 




Or;'^ -All/n. Atlun. \at ■ Miiscittii. 

Fig. 224. Groteskköpfe. Hellenistische Karikaturen. 

wollen'). Fr hat Lähmungszustände angenommen, Erblindungen, 
einseitige Augenerkrankungen, Akromegalie, Idiotie, Verwundungen, 
Tumoren und ähnliches. Ich bringe hier einige solcher asymme- 
trischer Köpfe mit allerlei Abnormitäten sowohl aus der Stambuler 





(.hii;. Au/ii SiaiiU'icl, J\Iust-!int. 

Fig. 225. Groteskkopf. Hellenist. Karikatur. 



Orig -Aiit'ii . Staiitl'ul. Mu.fiiui. 

Fig. 226. Groteskkopf. Hellenist. Karikatur. 



als der x\thenischen Sammlung (s. Fig. 224—232). Es sind Pracht- 
stücke darunter und bei fast jedem ließe sich eine schöne Diagnose 



') F. Regnault, L'oeuvre pathol. de Coroplastes de Smyrna. Congres de Clermont- 
Ferrand 190S. 






KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 




Athen, Xat. -Museum. 



Fig. 227. Serie von Groteskküiifcii. 

zurechtzimmern. Ich glaube aber, daß solchen Studien nur dann 
Wert beizulegen ist, wenn sie sich auf Figuren beziehen, bei 
denen der ganze Körper miterhalten ist und aus ihm mit Sicherheit 





Orig .-Aii/n. Staiubttl, Mitsetim. 



Orig.-Au/n. Stambut, Museum. 



Fig. 22S. Groteskkopf. Fig. 229. Groteskkopf. 

hervorgeht, daß hier eine reale Körperschilderung beabsichtigt wurde 
und nicht dessen karikaturistische Verzerrung. Es ist ja nicht in 
Abrede zu stellen, daß gelegentlich auch wirkliche Krankheits- 




Orig.-Au/n, Athen, Nat. -Museum. 

Fig. 230. Groteskküi.fe. Hellenistische Terrakotten (das dritte Bild ein Skelettschädel). 



GROTESKKOPFE. 



333 



zustände für diesen Zweck kopiert wurden, aber wer ist schon auf 
die Idee gekommen, die Illustrationen des Simplizissimus oder 
Kladderadatsch medizinisch zu sondieren! Hins der schönsten Stücke 
der Gaudinschen Sammlung im Louvre zeigt einen ausgesprochenen 
»doppelten Buckel«, wie wir Rheinländer die tuberkulöse \'er- 




I h ! ^.-.l!(l n . StiiDii'iil, Mrtsciiiit. 

Fig. 231. Groteskkiipf. 




Ijifii. S/,iiji/-ii/. Muifiiiii 



Fig. 232. Groteskkopf. 



biegung des Rumpfes nach vorne und hinten humoristisch be- 
zeichnen; die riesenlange Nase und die kautschukartige Verzerrung 
der Gesichtszüge zeigt den wahren Charakter des kleinen Kunst- 
werkes'). Für diejenigen aber, denen die Autlösung solch diagno- 
stischen Rätselspieles Freude macht, habe ich eine ganze Serie 
solcher pathologischen Köpfe aufnehmen lassen. 



MASKEN UND VERWANDTES. 

Unter dem Gesichtswinkel der Abwehr, der Beschwörung, der 
prophylaktischen Gegengeste müssen wir noch eine sonderbare 
Form der Ornamentik betrachten. Wir sahen bereits auf Türmen 
und Toren ausgestreckte Hände, deren Finger zu einer »Feigen« 
geballt waren. Ähnliche Wirkung hat seit den Tagen des Gor- 
gonenhauptes die ausgestreckte Zunge. Es ist ein Schutzmittel aus 

') S. auch; Die antiken Terrakotten, im Auftr. d. Arcli. Inst, des Deutschen Reiches her- 
ausgegeben von R. Kekule v. Stradonitz. Die Typen der figürhchen Terrakotten von 
Franz Winter. 1903. 



334 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



den Tagen der Kindheit des Menschen. Frühe kleinere bemalte 
Terrakotten, einst als Stirnziegel verwandt, betinden sich im Mu- 
seum der Akropolis. Schon bei Homer trägt Agamemnon solch 
Schreckbild mit heraushängender Zunge, großer Nase und hervor- 
quellenden Augen auf seinem Schild. Es ist das Bild des Löwen, 
welcher den Rachen aufreißt. Für die Universalität solcher Ideen 
bietet die ganz identische Darstellung bei den Altperuanern Zeugnis 
und Beweis. Da nun auch alles Mißgestaltete und Obszöne schützte, 
ist es nicht schwer, dem Ideengang zu folgen und von der Kom- 
bination der Drohgeste mit xMißgestalt oder dem Genitale eine ge- 
steigerte Wirkung zu erwarten. Unter dieser Voraussetzung formte 
man die »Oscilla«, Verbindungen von Phallus und Gesicht, oder 
ließ Verwachsene die Fikagebärde machen. Mit solchen Phylakterien 
schmückte man allerlei Gerät des täglichen Lebens bis hinunter zu 
den Grabsteinen (siehe Seligman). Es bedarf keiner besonderen 
Motivierung, daß solche eingewurzelten Volksvorstellungen den 
Regierungswechsel einer Religion überdauern. Nach Sturz der 
Götteroligarchie, mit der Entthronung der Schutzgötter schüttete 
man die bösen Geister alle in den einen Höllenkessel, und jegliche 
Kraft und Zaubermittel wirkten nun gegen Teufel und Antichrist. 
Und man ging dem Bösen zu Leibe mit Vorstellungen aus der 
Antike. So findet man an früheren Kirchen solche Schreckbilder 
mit herausgestreckter Zunge, die als eine einfache Groteske an 
einem Gotteshause keinen Sinn haben. R icher (1. c.) erwähnt eine 
ganze Reihe solcher Köpfe und bildet einige von den Fassaden der 
Kirchen in Reims und Semur ab; die berühmten »Chimeres« an 
der Notre Dame zu Paris, wo man mit dem Teufel den Beelzebub 
austreibt, zeigen gleichfalls die lange ausgestreckte Zunge. 

Hier erinnert man sich an den Ideengang der Alten von dem 
tötenden Blick des Fabeltieres »Basiliscus«, gegen das es nur die 
eine Rettung gab, die Vorhaltung des Spiegels. Es wird durch 
den Anblick der eigenen Scheußlichkeit getötet. 

Medizinisch am interessantesten ist der Maskaron an der Santa 
Maria Formosa in Venedig. Die greuliche Verzerrung dieses Schreck- 



MASKEN. 



335 



bildes gab nämlich dem großen Charcot schon frühzeitig Ver- 
anlassung, als erster in die Beziehungen zwischen Plastik und 
Medizin einzudringen. Er erkannte in dieser Fratze nicht ein 
Phantasiegebilde, sondern die ausgesprochenen Symptome des hyste- 
richen Hemispasmus glossolabialis (s. Fig. 233). Solcher ornamen- 
taler Fratzen mit irgendwelcher Tendenz gab es und gibt es viele^), 
z. B. am Magdalen College in Ox- 
ford"). Ein besonderes Beispiel seit- 
wärts herausgestreckter Zunge ferner 
an der Kirche Strattord-sur- Avon. 
In frühchristlicher Zeit schreckte man 
sooar vor ganz obszönen Darstellun- 
gen als Abwehr- und Schreckbildern 
an Kirchen nicht zurück. An wen- 
dischen Kirchen, am Schloß von 
Blois, an der Kathedrale von Ronen 
befinden sich Gesimse mit solch ein- 
deutigen Darstellungen, daß keine 
Baupolizei der Welt solchen selt- 
samen Schmuck heutzutage durch- 
gehen lassen würde. Auch die dra- 
matischen Masken der Alten wurden 
als Abwehrmittel verwandt. Den 
Schrecken, den solche auslösen kön- 
nen, zeigt eine niedliche Kinderszene 
auf einer Freske in Resina, Abbildung s. bei Thom. Wright') 




Flg. 



Ri-prodiiktioti nach Charcot. 

Maskaron von der Santa 
;\Iaria Formosa in Venedig. 



S. 



Das Wort Maske soll übrigens nichts zu tun haben mit 



dem arabischen Maskara = Possenreißer, sondern kommt von Baska 

aus dem griechischen Baskania = Fascina, d. h. Mittel gegen die 
Faszination (s. bei Sei ig man S. 307). 

Wähnte man so durch Anbringung häßlicher und satirischer 



') Thomas Wiight, Histoire de la Caricature et de la Grotesque. Paris 1867, L. IX. 
^) Abbildung s. bei Eduard Fuchs, Das erotische Element in der Karilcatur. Beriin 1904. 
^) Thomas Wriyht, Histoire de la Caricature et de la Grotesque. Paris 1S67, Ch. IX. 



336 



KR AN KHEITSDARSTELLUNGEN. 



Masken Mißgunst, Neid und Zauberei zu bannen, so erklären sicli 
aus dem Kreis solcher Wahnvorstellungen heraus auch religiöse 
öffentliche Zeremonien, bei denen solche Masken Verwendung 
fanden. Namentlich dort, wo ursprüngliche Volkssitten und \'olks- 
charakter sich rein erhalten konnten, linden wir geeignetes Material. 
So bei fast allen australischen und afrikanischen Naturvölkern. 

Ein Teil der Possenspiele bei christlich-kirchlichen Festen, bei 
denen Masken getragen wurden, gehört auch hierher. In einigen 
Volksmuseen werden solche Volksmasken aufbewahrt, und finden wir 





Orig.-Aufn, Berlin, Museum fiir l'blkerkunde. 

Fig. 234. Maske aus Ceylon mit Darstellung 
des typhösen Fiebers. 

Stadium der Blindheit. 



Orig.-Au/n. Berlin, Museum Jiir l "ölkerkufide. 

Fig. 235. Maske aus Ceylon mit Darstellunj; 
des typhösen Fiebers. 

Stadium der Lähmung. 



manchmal interessante Spezimina unter denselben; so naive Toten- 
schädelmasken oder auch solche mit großen Gesichtsauswüchsen. 
Es wäre aber verlorene Arbeit, diese Fastnachtsscherze medizinisch 
zu klassifizieren; dagegen interessieren singhalesische Masken des 
hiesigen Völkermuseums, die ich dem Nachweis des Herrn Professor 
Grünwedel verdanke. Es sind zwei aus einer Reihe von 18 Sannis 
oder Sannvä, welche Stadien eines tvphösen Fiebers darstellen sollen 
(s. Fig. 234 u. 233). Die Öffnungen unter den Augen zeigen, daß 
die Masken vorgehalten wurden. xMaske Fig. 234 stellt das Stadium 
Kanasanniyä vor, in welchem dem Kranken das Gesicht versagt. 
Die nächste Maske zeigt das Stadium Korasannivä, in welchem er 



MASKEN. 



337 



sich einseitig gelähmt fühlt. Die plastische Verkörperung der Blind- 
heit und der einseitigen Lähmung bedarf keiner besonderen Illu- 
stration. Ähnliche Masken finden wir vielfach auch in Japan; bei 
der mir vorliegenden ist die Blindheit durch geschlossene und vor- 
getriebene Augenlider markiert; der Mund und selbst die Zahnreihe 
hängen links tief herab; es soll sich um die Darstellung eines 
blinden iVIasseurs handeln, die vielfach auch jetzt noch mit ihren 
langen Stöcken die Straßen durchwandern und häufig dargestellt 
werden. Der Freundlichkeit des Direk- 
tors der asiatischen Abteilung im 
Völkerkundemuseum, Dr. Kümmel, 
verdanke ich auch eine japanische 
Maske eines blinden Sängers und ihre 
Erklärung. iMehrere Sagen beschäf- 
tigen sich mit diesem Sänger, eine 
davon macht ihn zum Sohne des 
Kaisers Daige (regierte 898 — 930). 
Dieser verbannt den Blindgeborenen 
in die Berge, wo er ein mächtiger 
Lautenspieler wird. Dort findet ihn 
seine Schwester, die wegen ihrer Wahn- 
sinnsantälle gleichfalls vom Hofe ver- 
bannt wird. Diese Geschichte ist der 
Inhalt eines Schauspiels (Nospiel), 
welches angeblich von Kwanze Motokijo (1373 1433) verfaßt 
oder doch wenigstens von ihm eingerichtet wurde. In diesem lyri- 
schen Drama wurde eben diese Maske verwendet (s. Fig. 236). Die 
Phthisis der Augen wird durch die ringförmige Delle der oberen 
Lider ausgedrückt. 

In der Kunsthalle zu Basel befinden sich sechs Groteskmasken, 
die zu einer gewissen Berühmtheit gelangten, weil der große Maler 
A. Böcklin sie geschaffen hat; uns interessieren diese modernen 
Nachzügler alter Tonbilder besonders auch deshalb, weil der Künstler 
unter ihnen verschiedentlich Krankheitszustände mit Humor porträ- 

Holländer, Plastik und Medizin. 




Orig.-Au/n. Asiat AU. d. Berlin. Mus./, l'ölkerk. 

Fig. 236. 
Jaiianische Maske eines blinden Sängers. 



338 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



tierte, so namentlich das scheußliche Zahnweh mit vollkommener 
Verschwellung einer Gesichtshälfte, sodann die volkstümlichen 
angeblichen V^eränderungen des Riechorgans durch chronischen 



Alkoholismus. 



ZWERGENWUCHS. 

Demselben Ideengang zufolge hatten auch die Zwerge eine 
amulettartige Wirkung. Die Vorliebe für diese Darstellungen tritt 
besonders bei Betrachtung der pompejanischen Kunstschätze hervor. 




.Vfa/'i-/. -Vtit -Museittii. 

Fig. 237. Zwerg mit Hahn, i\Iosail< aus Pompeji. 

Es wäre sonst nicht ohne weiteres verständlich, daß der rein satirische 
Sinn eine so häutige Veranlassung gewesen wäre zur Darstellung 
solcher Verunstaltungen (s. Fig. 237). Gerade bei den Zwergen 
aber kommt das Erotische wie von selbst dadurch zur Betonung, 
daß mit der Verkleinerung des übrigen Körpers eine scheinbare starke 
Vergrößerung des Genitale verbunden ist. Wir haben schon mehr- 
fach darauf hingewiesen, daß gerade die Nudität eine besonders 
starke Wirkung als Abwehr hatte. Die Verkrüppelungen bilden eine 



ZWERGE. 



339 



lange Kette von Darstellungen in der Kleinkunst des Altertums 
und reichen bis hinauf in die Renaissance, und zwar wurde die 
Bronze als Material besonders bevorzugt. Es war Mode, dieser 
Darstellung noch einen humoristischen Ausdruck dadurch zu ver- 
leihen, daß man diese kleinen Ungeheuer in Stellungen verkörperte, 
die in Kontrast zu ihrer Mißgestalt standen, z. B. krummbeinige 
Knirpse als Gladiatoren und Faustkämpfer, Tänzer usw. Im übrigen 





Orig.-Anf>i. Athen, l\at.-Mi(S. 

Fig. 238. Weiblicher karikierter Zwerg. 



Orig.-Phot. vom Deutsch, äg. arji. liist. Kairo, Museum. 

Fig. 23g. Zwerg Khnoumhotpou. 



sei betont, daß der gute Geschmack und eine gewisse Scheu vor 
dem weiblichen Geschlecht es nicht zuließ, solche weiblichen Miß- 
gestalten zu bilden. Es kommen aber Ausnahmen vor (s. Fig. 238). 
Der Kampf der Pygmäen mit den Kranichen gab fernerhin den Vor- 
wurf, gelegentlich Krankheitsbilder eigener Art zu schaffen. Eine 
Vase des Berliner Museums zeigt diesen Kampf, und die hier ge- 
schilderten Pvgmäen haben alle das Aussehen kongenitaler Lues, wie 



340 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



man sie nicht schöner malen könnte. Henri Aleige') hat diese 
antiken Krüppel einer interessanten medizinischen Analyse unterzogen 
und dieselben eingeteilt in solche von rachitischem, idiotischem, 
mikrozephalischem, hydrozephalischem, myxödematösem, infantilem, 
skrofulösem, adipösem Habitus mit Gelenkdeformitäten (Spitzfuß, 
Genu valgum), und solche mit atrophischen oder hypertrophischen 
Zuständen der Muskulatur. Dabei kann natürlich ein Individuum 





Orj^.-Au/'ii- Berlin, Altes Museum. 

Fig. 240. Zwerg. Hydrozephal. Typus. 

Antike Terrakotta. 



London, Victoria and Altert Museum. 

Fig, 241. Achondroplast. Zwerg. 

Renaissancebronze. 



gleichzeitig mehreren Gruppen angehören; tür alle diese Möglich- 
keiten gibt es antike Beispiele in der Kunst. Wir beschränken uns, 
auf diese medizinische Systematisierung hingewiesen zu haben und 
bringen nur einige Beispiele, die von allgemeinem Interesse sind: 
plastische Gegenstücke zu den berühmten Zwergen des \'elasquez. 
Zunächst das Bildnis des Zwergs aus dem Museum von Kairo, 
welches schon Charcot heranzog und den Rieh er abbildete (siehe 



') Henri Meige, Les Nains et las Bossus dans lArt. Nouv. Iconogr. de la Salp. 1S96. 



ZWERGE. 



341 



Fig. 259). Der Mediziner wird sofort erkennen, daß hier ein typi- 
scher Achondroplast porträtiert wurde. \'on diesem Zwerge Khnoum- 
hotpou wissen wir, daß er \\-)rsteher der Partumabteilung des Königs 
war. Ein weiteres Beispiel ägyptischer Zwerge bildet Rieh er nach 
Rosselini') ab. Neben einem Zwerg steht ein Mann mit aus- 




,ifi' 





Ort^.-Au/n . Berlin, Altes Alust'iint . 

Fig. 242. Zwerg. Hydrozephalischer Typus. 



Orig.-Au/n. Berlin. Altes Museum 

Fig. 243. Fig. 242 von links. 



Antike Terrakotta. 



gesprochen beiderseitigen Klumpfüßen. Hinter diesem befindet sich 
aber noch ein Buckliger, der bisher nicht beachtet wurde. Auch 
Maspero"), den Rieh er zitiert, erwähnt diesen Buckligen aus 
der Umgebung des Prinzen Minieh nicht. Diese Gesellschaft am 



') Rosselini, Monuments de l'Egypte et de la Nubie. 
°) Maspero, lArchcologie egypt. p. 205. 



342 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Pharaonenhofe gibt davon Zeugnis, daß die Neigung der Großen, 
sich mit menschlichem Mißwachs zu umgeben, uralten Datums ist. 
Bei solcher Sitte konkurriert offenbar die Vorstellung einer Kon- 
trastwirkung mit der der Blitzableitung. 

Ein noch trefflicheres Beispiel eines solchen Zwerges, dessen 
Gliedmaßen durch vorzeitige Verknöcherungen seiner Knorpel- 
scheiben mißgestaltet wurden, bietet die 
schöne Renaissanceplastik aus dem 
^'ictoria and Albert Museum, die unter 
dem Namen desÄsop geht (s. Fig. 241). 
Unsere Aufnahme läßt besonders die 
\'erkrüppelung des Oberarms deutlich 
genug erkennen. Dem hvdrozephali- 
schen Typus gehören mehrere antike 
Terrakotten des Berliner Museums an 
(s. Fig. 240). Man sieht, der eine Kleine 
ist sehr vergnügt und hat bei guter 
Nahrung schon ein höheres Alter er- 
reicht. Das andere Exemplar ist me- 
dizinisch interessanter. Der enorme 
Wasserkopf scheint nach der Nasen- 
bildung ein Porträt eines Neugeborenen 
zu sein; der übrige Körper, in eine 
Toga gekleidet, ist karikaturistisch hin- 
zugefügt (s. Fig. 242 u. 243). 
Als weiteres Bild eines Achondroplasten bringe ich dann noch 
die als Gewicht dienende antike Bronze eines Zwerges mit der 
Strigilis (Fig. 244). Der Henkel setzt sich aus zwei Füchsen zu- 
sammen und läuft unten in Schwanenhälse aus. Die Mehrzahl 
solcher Mißgestalten ist nicht wiederzugeben wegen der enormen 
Hypertrophie ihrer Genitalien. Ich erinnere hier besonders an die 
Tanagraiiguren des Athenischen Nationalmuscums, welche often- 
bare Karikaturen römischer Imperatoren vorstellen. Bekannt ist 
die in Aviijnon befindliche ähnliche Zwergenkarikatur aut Caracalla. 




Orig.-Au/n. Xeapel. Aat.- Museum 

Fig. 244. Zwerg. Achondropl. Typus, 

Antike Bronze aus Pompeji. 



ZWERGE. 



)4) 



Salomon Reinach^) bildet außerdem noch in seinem Repertoire 
über ein Dutzend solcher Pvgmiien und Zwerge ab. 

Auch Richer hat sich eingehend mit den kleinen Statuetten 
beschäftigt, welche Zwerge, Buffonen und Idioten vorstellen. Er 
bringt in seinem großen Werke (1. c.) die schönen Exemplare aus 
dem Louvre, denen er die Bezeichnung von Pygmäen gibt. Die 
Mehrzahl zeigt ausgesprochen achondroplastischen Typus, der sich 
durch den großen Kopf und großen Rumpt und Kürze der Extre- 




j:':../. AlhiaH. Florenz. Xal ,1/;, .,■•■,;<,■. 

Fig. 245. Zwerg von Valerio Cioli da Settignano (1530 — 1602). 

mitäten auszeichnet; doch auch rachitischen Mißwachs zeigen viele. 
Nächst dem Louvre besitzt die Wiener Sammlung die schönsten 
Exemplare*). Gelegentlich tragen diese Figurinen, die meist in 
leidenschaftlicher Bewegung dargestellt sind, auch die Bezeichnung 
eines Silen. Solch krummbeinigen, alten, flötenblasenden Silen, 
dessen Zwergenhattigkeit besonders absticht gegen den schlanken 
Wuchs der Nymphen, finden wir z. B. auf einer dionysischen Pro- 



') Repertoire de la Statuaire. Paris 1S98. 

^) E. V. Sacken, Die antiken Bronzen des k. k. Münzenkabinetls in Wien, 1S71. 



344 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Zession in der Villa Albani (s. Fig. 246). Ein naher Verwandter 
dieses Wesens ist der flötenblasende geschwollene Zwerg aus dem 
Kensingtonmuseum , der mit dem Stock seine Beleibtheit stützen 
muß; er korrespondiert wieder vollkommen mit der antiken Sta- 
tuette, Silen bezeichnet, aus dem Louvre- Museum, die Rieh er 
abbildet; nur trägt dieser Zwerg Trauben und Trinkbecher; sein 
Mvxödemtvpus ist von R icher detailliert geschildert. Es inter- 
essiert vielleicht noch die Mitteilung, daß auch in der Sammlung 




FSwt. Alinari. Mihi AllHtui, Rctn. 

Fig. 246. Dionysische Prozession. Antil<es Relief. 

Goethes in Weimar sich ein Zwerg mit infantilem Charakter vor- 
fand^). \'iel seltener begegnen wir Groteskdarstellungen, bei denen 
die umgekehrten Proportionen zu einer körperlichen Karikatur ver- 
halfen , kleiner schmächtiger Körper und kolossal lange Extremi- 
täten. Dieser Typus wird mit Recht als der Eunuchentypus be- 
zeichnet. Hier wie dort aber bleibt stabil die gleichmäßig große 
Form des Membrum. Charakteristische Exemplare dieser Art, die 
trotz ihres seltsamen Vorwurfs große Künstlerschaft verraten, birgt 



') Jahrbuch des Kaiserl. Deutsch. Arch. Instituts. Berlin 1S97, S. 49. 



BES— PATAIKOS-PTAH. 



345 



das Gabinetto segreto im Neapeler Museum. 

Sie zeigen übrigens ganz ähnliche Verhältnisse 

wie der infibulierte Sänger und Lautenspieler 

des Museo Kircheriano in Rom (s. Fig. 248). 

Interessant ist, bei allen 
diesen Veränderungen 
die Schädeltorm zu 
studieren ; sie zeigt, daß 
wir es hier ott mit 
wirklichen Beobach- 
tungen zu tun haben, 
nicht mit Phantasie- 
gebilden der Künstler. 
Entsprechend ihrer 
Körperlichkeit haben 
viele dieser Figurinen „ ,, ... , . 

O Korn, Mitseuin hirdifrianum. 

nämlich die typischen Fig. 24s. Antike Bronze. 

Infibulierter Eunuch. 

begleitenden Verände- 
rungen des achondroplastischen oder rachitischen Schädclbaues. 





London, Victoria and Albert Museum. 

Fig. 247. Zwerg. Adipose Form. 

Antike Bronze. 



BES— PATAIKOS— PTAH. 

Wir haben bisher die Abbilder dieser Zwergen und Mißgestalten 
unter dem Gesichtswinkel ihrer Zweckdienlichkeit betrachtet; nicht 
allein die Freude am Grotesken veranlaßte ihre beinahe fabrik- 
mäßige Herstellung, sondern sie dienten, wie wir sahen, als Apo- 
tropäa gegen bösen Blick und allerlei feindliche Gewalt. Fs liegt 
nun auf der Hand, daß eine besondere Kraft einem mißgestalteten 
Zwerg beiwohnen mußte, der selbst göttlicher Herkunft ist. Da die 
griechische Mythologie keine geeignete derartige Persönlichkeit aut- 
weist, so adoptierte man ägyptische Gottheiten. In erster Linie spielt 
hier der Gott der alten Ägypter B e s eine allerdings wenig klare Rolle. 
Seine Gestalt wird als zwerghaft und verkrüppelt angegeben. An- 
geblich war er ein Gott der Kunst, des Gesanges und der Freude, 



346 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



doch sollte er später auch bei den Entbindungen eine Rolle spielen 
und vermöge dieser Eigenschaft in den Tempeln besondere Gemächer 
beherrscht haben, welche man Mommisi nannte. Er wird auch dar- 
gestellt, wie er die Laute schlägt. Adolf Er man') sagt von diesem 
Gott, daß er nur einer sei aus einer Schar von Volksgöttern, die man 
etwa den Satvrn der Griechen gleichsetzen könnte. Sie sind halb 
Tiere, halb Menschen, die die Götter durch Musik und Tanz er- 
freuten ; sie bieten aber auch Schutz gegen böse Wesen. Die 










Orig.-Aiiflt. 


Bt-rlin, Altes Museum, ägypt. Abt. 


Fig. 249. 


Fig. 250. 




Fig. 251. 


Der Gott Bes. 


Pataikos. 




Pataikos auf Krokodilen stehend 



Hauptkonkurrentin des Bes in der Volksgunst ist die Toeris, ein 
auf den Hinterfüßen stehendes weibliches Xilpterd, dessen Wesen 
durch das Schriftzeichen für »Schutz«, welches sie mit den mensch- 
lich gestalteten Armen festhält, deutlich signalisiert wird. In der 
griechischen Zeit Ägvptens scheint Bes an Bedeutung zugenommen 
zu haben. Seine verkrüppelte Gestalt hat er zwar beibehalten, er 
tritt aber als Schutzkrieger mit einem Schwerte aut und beschützt 
jetzt auch die Toten. Zum Schluß, mit dem Auttreten des Christen- 
tums, galt er als böser Dämon, der nach den Vorübergehenden 
schlug, die davon blind, taub, lahm oder stunun wurden. Die 



') Adolf Erman, Die ägyptische Religion. Handbücher der Kgl. Museen zu Berlin. 



PATAIKEN. 



347 



Betrachtung der merkwürdigen Figur des Gottes zeigt, daß er 
eigentlich nichts Verkrüppehes an sich hat; sein Gesicht mit dem 
stets vorhandenen seithchen Backenbart, vor allem aber das um- 
gelegte geschwänzte Löwenfell, auch die oft breit ausladenden und 
kurzen gebogenen Extremitäten erinnern an eine autgerichtete Tier- 
ligur. Als Zeichen seiner apotropäischen Kraft streckt er die Zunge 





Orig.-Aufn. Berlin, Altes Museum, (igypt. Al't. 

Fig. 252. Pataiken. 

heraus: ein besonderes intermvthologisches Zeichen. Die Ver- 
schmelzung seiner Person mit anderen Dämonen führt zu Misch- 
figuren; als charakteristisches Attribut sollte ihm die Federkrone nie 
fehlen. Von diesem Gott Bes und seiner monströsen Form ist nun 
frühzeitig schon behauptet worden, daß er der Typus eines Achon- 
droplasten sei^) und von einem solchen Form und Figur habe"). 

') Literatur; Virchow, Verhandl. der Berl. Ges. für Anthropol. 189S. Die Phokomelen 
und das Bärenweib. Parrot, Sur l'origine d'une des formes du dieu Ptah. Rec. de trav. rel. 
ä Ja Philologie et rarcheol. egypt. et ass. II. 18S0. Kiffer, l'Achondroph. Corresp. medic. VI 
120. 1899. Außerdem bei Richer, Äleige. 

-) Ähnlicher Ideengang bei Friedrich Schatz, Die griech. Götter und die menschl. Miß- 
geburten. Wiesbaden 1901. 



348 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 




Viel mehr aber wie dieser Gott Bes, der eigentlich doch nur 
eine tierische Figur zeigt, interessiert uns eine ägyptische Götter- 
figur, über die wir so gut wie gar nichts wissen , da Literarisches 
über sie, außer durch eine Stelle bei Herodot III, 37, nicht bekannt 
ist. Dieser berichtet, daß Kambyses in den Tempel des \'ulkan 
ging und sehr über das Götzenbild lachte, denn das Bild des Wilkan 
sei den P a t a i k i s c h e n Göttern der Phönizier sehr ähnlich, 
welche dieselben an den Vorderteilen der Galeeren anzubringen pfleg- 
ten. »Wer diese aber nicht gesehen hat, 
dem will ich anzeigen, daß sie die Ge- 
stalt eines Zwerges haben.« Man nennt 
nun Patäke (Pataikos) einen kleinen 
Volksgott, der die typischen Erschei- 
nungen und Veränderungen des Ske- 
lettes zeigt, wie sie bei rachitischem 
Zwergenwuchs vorkommen. Diese 
Figuren, meistens der Kleinplastik an- 
gehörend, oft mit einem Ring zum 
Aufhängen versehen, müssen eine ganz 
außerordentliche Verbreitung gehabt 
haben, wie man aus der Unmasse der 
vorkommenden Figürchen schließen 
kann. Die spätere Magie benutzte diese 
Volksgötter sowohl als Schutzmittel in 
orig.-phot. Form von Amuletten oder indem man 

Fig. 253. :2iahr. Perser mit überein- ^j^ .^j^ HaUSgötter aufstellte. Da UUU 
stimmendem Korperbau wie Fig. 252. ^ 

auch das H o r u s k i n d selbst vor den 
bösen Tieren errettet worden war, so scheint Bes, Patäke (Pataikos) 
und Horuskind die Trias der Kardinaldämonen gegen bösen Blick, 
böse Tiere und wohl auch böse Krankheiten gewesen zu sein. So 
sehen wir z. B. auf unserem Bilde einen Pataiken auf zwei Krokodilen 
stehend (s. Fig. 231). Nach Art der Amulettschüsseln und der pan- 
theistischen Hände glaubte das naive Volk ein Allerheiligenmittel in 
der Zusammenfügung und Verschmelzung dieser apotropäischen 








PATAIKEN. 



349 



Dämone zu haben , und man schuf Mischgestahen aus Bes, Isis, 
Horus und anderen Göttern. 

Der Gott Ptah ist an und für sich von durchaus normaler 
Struktur, er ist der Vater aller Götter; eine \'erwirrung ist nur 
in seiner Autfassung anscheinend dadurch gekommen, daß Pataiken 
z. B. der Berliner Sammlung am Fußende noch das Zeichen des 
Gottes Ptah tragen. 

Rieh er nimmt nun mit anderen an, daß die kleinen Pataiken 
als juvenile Form des Ptah angesprochen werden sollen und weist 
auf deren Schädelbildung hin, die eine gewisse Übereinstimmung 
mit Neugeborenen zeigt. Auf unserer Abbildung zweier Pataiken 
aus der Berliner Sammlung sehen wir, daß der größere tatsächlich die 
Locke trägt, die allen jugendlichen Göttern eigentümlich war (siehe 
Fig. 252). 

Wenn wir nun das Material zusammenfassen, so können wir 
folgendes sagen, ohne wohl zu weit vom Ziele zu visieren. In 
Ägypten existierten eingeborene oder wohl auch von den Phöni- 
zieren übernommene Gottheiten, die mißgestaltet waren. Diese 
Mißgestalt war teils nach tierischer Schablone geformt, teils beruhte 
sie auf wirklich zwergenhafter Bildung, oder auch embryonenhatter 
und dem ersten Säuglingsalter entnommener Gestaltung. Schon im 
eigenen Lande traten Verschmelzungen der mythologischen Vor- 



stellungen ein. Allen diesen in der Volksgunst hochstehenden 
Dämonen wohnte eine Schutzkraft inne, zunächst gegen böse 
wilde Tiere, später aber auch gegen bösen Blick und böse 
Krankheit. 

Diese ägyptische Gottesfigur scheint nun auch in Hellas und 
den Inselkolonien Eingang gefunden zu haben, wenn auch die 
Figur falsch verstanden und fitlsch reproduziert wurde. Jedenfalls 
finden sich massenhaft in Griechenland ausgegrabene Objekte der 
Kleinplastik, die allerlei Zwergenwuchs zeigen und ziemlich miß- 
gestaltet sind, und die als Pataiken bezeichnet werden. Wir bilden 
eine solche hockende kleine Figur ab (s. Fig. 234). Diese beson- 
dere Stellung wiederholt sich oft. Die Arme sind meist bei den 



>) 



o 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



hockenden Gestalten auf dem Bauch zusammengelegt; die Perücke 
weist nach Ägypten. Andere zwergenhafte Gestalten zeichnen 
sich durch kolossale Fettentwicklung aus; sie sitzen dann meist 
mit gespreizten Gliedern, so daß die Genitalien deutlich sichtbar 
werden. 

Allen diesen Abnormitäten und Scheußlichkeiten, die als Gegen- 
sätze z. B. zu den sonstigen Sujets einer Tanagraindustrie beson- 
ders auffallen, muß starker Heilzauber innegewohnt 
haben. In Ägypten jedenfalls überdauerten auch 
diese kleinen Heilpatrone die triumphierenden Stel- 
lungen der großen Götter, wie auch des Askle- 
pios Macht über alle anderen hellenischen Götter 
triumphierte. 

Erman schließt seine »Ägyptische Religion« 
mit ungefähr folgender melancholischer Betrach- 
tung: Das Heidentum nahm ein trauriges Ende, 
die Tempel standen verödet, oder man baute sie 
zu Kirchen um. Ein böser Dämon spukte in den 
Tempelruinen, den man Bes nannte, aber der 
heilia;e Moses wußte ihn zu beschwören. So 




Orig.-Aufn. 



Fig. 254. Hellenischer ^.^^^^ jjg Götter des alten Glaubens die Gespenster 

Pataikos. 

des neuen geworden. Doch einen Zufluchtsort 
fanden sie noch bei den Zauberern und Quacksalbern. Wenn diese 
auch von den neuen christlichen Formeln Gebrauch machten , so 
lebte in ihnen doch die alte Tradition. Wenn ein Kind Eeibweh 
hat, so denkt der Mann, der es besprechen soll, noch immer an 
das Horuskindchen, und wenn er auch mit dem Herrn Jesus endet, 
so beginnt er doch seinen Zauberspruch unter Anrufung dessen, der 
die Sonne zum Westen trägt und den Mond zum Ost, und der 
die sechs Sühnsterne trägt. Oder der christliche Magier rutt bei 
Schlaflosigkeit die beiden Schwestern Isis und Nephthys an, die 
betrübt und traurig sind. 

So sind denn die Quacksalber und Scharlatane in Ägypten zu- 
letzt noch die Träger einer Religion, die die Tempel von Karnak 



SATYRSPIEL UND KOMÖDIE. 



351 



und Memphis baute und ein großes Volk Jahrtausende lang 
leitete. Und Kastor und PoUux tauchten in die Seelen und Körper 
der arabischen christlichen Ärzte, der Märtyrer Kosmas und Damian. 
Und der Buckel ist heute noch ein Porte-bonheur. 



SATYRSPIEL UND KOMÖDIE. 

Als Begleiter des Dionysos belustigten das Volk auf dem 
Lande grotesk komische Gesellen. Später kam der Satyr auf die 
athenische Bühne und erfreute durch seine komische Figur und 
drolligen Sprünge das gemeine Xolk, wie er durch versteckte 
tiefsinnige Weisheit Ernsteren und Gebildeten Genuß bot. An- 
geblich um das große Publikum zum Anhören der Tragödien zu 
veranlassen und seine ausharrende Geduld zu unterstützen folgte 
als Zugabe das Satyrspiel. Um die 70. Olympiade herum wurden 
nun tür die Schauspieler Larven und Masken eingeführt, welche 
teils den tragischen, vornehmlich aber auch den lächerlichen Ein- 
druck verschärten sollten. Zunächst waren solche komischen Larven 
aus Baumrinde, Leder oder Stoff, später aber wurden sie von Bild- 
hauern verfertigt nach Angabe der Dichter. Alle aber hatten über- 
triebene Züge und einen meist gräßlich großen Mund mit dem 
Sprachrohr (Chalkophonos). Über diese lächerlichen Masken macht 
sich schon Lukianos lustig. Im alten Lustspiel, wo man noch 
lebende Personen kopierte, richtete sich die Maske auf Porträt- 
ähnlichkeit ein. Es kam vor, daß ein Schauspieler wechselnde 
Stimmung in einem Stück an den Tag legen mußte, dann bildete 
man die Maske so, daß das eine Profil vergnügt, das andere 
ernst dreinschaute, und je nach dem Spiel zeigte der Schauspieler 
die eine oder die andere Seite. Die Anfänge der dramatischen Kunst 
in Rom waren etruskischen Ursprungs. Zunächst Tänze nach der 
Melodie der Flöte, daraus entwickelte sich ein heiteres Spiel mit Ge- 
sang und Tanz. Die römischen Histrionen betonten das übertrieben 
Lächerliche und benutzten große lederne Anhängsel. Auch sie 
trugen zunächst Larven mit aufgesperrtem Munde. Unter den 



352 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Lustigmachern in den mimischen Zwischenspielen werden bucklige 
Stock narren mit unförmlichen Köpfen erwähnt. Eine ziemlich 
feststehende Figur in den Atellanen (Possenspiele , die nach dem 
kampanischen Atella genannt sind) war der M i m u s a 1 b u s oder 
Maccus; er war weiß gekleidet mit unförmigem Kopfe, einer großen 
herabhängenden Nase, hinten und vorne trug er einen großen Buckel. 




Ori)^.- All/n. 

F'g- 255. Buckliger aus einem Satyrspiel. 

Antike Terrakotta aus der Gegend von Smyrna, 

FlögeP) bildet einen derartigen Histrionen ab, der 1727 in der 
Nähe von Rom ausgegraben wurde mit großer Nase, die allerlei 
Verbiegungen zeigt und der seine bucklige Gestalt in einem hemd- 
artigen Gewände zu verbergen sucht. Die Bronze hat silberne 
Augen und in beiden Mundwinkeln »Sannae«, silberne Kügelchen; 
die übergroßen Füße stecken in Sandalen, Schädel und Haarbildung 



') Geschichte des Grotesk-Komischen von Friedrich W. Ebeling. Leipzig i8S6. 



SATYRSPIEL UND KOMÖDIE. 



353 



wiederholt sich auf ähnlichen Figuren in der \\'eise, daß der X'order- 
kopf eine Glatze zeigt und nur in der Mittellinie eine Haarlocke 
vorspringt. An dem Antlitz selbst ist es natürlich nicht sichtbar, 
daß eine Larve das Gesicht bedeckt. 

Von diesem Maccus, von dem in der Umgebung von Neapel 
eine zweite Bronze ausgegraben ist, soll der süditalienische Pulci- 
nella abstammen. Über die Herkunft des Wortes Pollichinelle 
oder PuUicinelle gibt es mehrere Erklärungen'). Uns kann es 
gleichgültig sein, ob sich das Wort aut das bei Lampridius vor- 
kommende Pullicenus (Hühnchen) bezieht, oder aut einen zur Zeit 
Karl von Anjous tätigen Paolo Chinella. 
1683 erschien der Policinello zum ersten 
Male auf der französischen Bühne in einer 
italienischen Truppe; gegen Ende der Re- 
gierung der Stuarts trat er als Punchinello 
in England auf, um bis zu dem heutigen 
Tage als Punch eine führende Rolle in der 
satvrischen Literatur zu spielen. Uns inter- 
essiert besonders die Mitteilung, daß Cam- 
panien heute noch vornehmlich solch mon- 
ströse Menschen hervorbringe, die den alten 
römischen ALicci ähnlich sehen, und welche 
nach ihrer Körper- und vor allem Schädelbildung eine ausge- 
sprochene \'erwandtschaft zu der Akromegalie haben'). Außer 
diesen tvpischen 'Lheaterhguren kommen bei Griechen und 
Römern Popanze vor mit gräßlicher Gestalt, womit auch die 
Kinderwärterinnen ungehorsame Kinder schreckten und bedrohten. 
Ich erinnere nur an die Mormo und ähnliche Erscheinungen. 
Lessing sah in dem »Parasitus«, dem Schmarotzer der alten 
Komödie, den späteren Harlekin^). Seiner Kleidung nach ist 
dieser Nachfolger des römischen Histrionen »Hundertfleck« Cen- 




Fig. 256. Antikes Vorbild des 
Policinello. 

Antike Bronze. 



') Riccoboni, Histoire du thcatre italien II, 317. 

') Maccus Polichinelle et lacromegalie, par le Dr. A. Souques, Xouvelle Iconogr. 1S96. 

') Lessings Dramaturgie I, 138. 

Holländer, Plastik und Medizin. 23 



5 r A KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



tunculus, dessen Gewand sich aus verschiedenfarbigen Lappen zu- 
sammensetzte. 

Des Parasitus Tracht war typisch, er trug einen Stecken, Striegel 
und Öliaug. Die Parasiten — der Hofstaat des reichen Mannes — 
teilen sich nach Flögel in drei Unterarten: Spaßmacher, die sich 
selbst durch Mißhandlungen jeglicher Art zum Gespött bieten, 
solche, welche ewige Speichellecker ihrer Gönner sind, und dann 
die dritte Schattierung, die Therapeutiker, Gegenstücke zu den 
»Femmes d'Intrigue«, welche sich zu allerlei Lug und Betrug ge- 
brauchen lassen. Alle drei in der ausgesprochenen Absicht, sich 
am reichen Tische ihrer Gönner satt zu fressen. Aus diesen und 
ähnlichen Vorstellungskreisen entsprangen allerlei typische Figuren 
mit Mißgestaltung aller Art, welche dem zeitgenössischem Leser 
und Theaterbesucher gute Bekannte waren. Unter den kleinen 
antiken Figurinen m i t p a t h o 1 o g i s c h e n ß i 1 d u n g e n be- 
findet sich nun zweifelsohne auch eine Reihe von 
Reminiszenzen an die Bühne. Der \'erdacht der Zugehörig- 
keit zur Schaubühne verträgt aber keine medizinische Analyse. Es 
mögen ja immerhin Originale gelegentlich Modell gestanden haben, 
die beabsichtigte Lächerlichkeit aber entkleidet die Gestalt des 
wissenschaftlichen Interesses und wirft sie in den Puppenkasten. 

DÄMONISCHE KRANKHEITEN. WAHNSINN. 
ALKOHOLISMUS. 

Den Kennern der Medizingeschichte ist es bekannt, daß die dämo- 
nischen Krankheiten zuerst im Mittelpunkte mediko- artistischen 
Interesses standen. Das lag daran, daß zufällig ein großer Nerven- 
arzt es war, der mit seinen Künstleraugen dieses Gebiet zu seinem 
SpezialStudium gemacht hatte. »Les Demoniaques dans L'Art«, Paris 
1887 von J. M. Charcot und Paul Richer ist das grundlegende 
Werk, in welchem die konvulsivischen Darstellungen Besessener in 
der Kunst unter die medizinische Lupe genommen wurden. Die 
Darstellungen des Exorzismus fallen meist in eine trübe Zeit, und 



DÄMONIE. 



j)3 



SO linden wir mit Vorliehe solche Teufelsaustreibungen al fresco 
gemalt oder in Mosaik gearbeitet. Unter der großen Masse des 
illustrativen Materials finden sich eigentlich nur ganz unbedeutende 
Arbeiten in plastischer Form. Wenn solch hgurenreiche Szene sich 
höchstens für Reliefdarstellungen 
eignet, so mußte die leidenschaft- 
liche Bewegung des Einzelkorpers 
den Künstler zur \'erkörperung rei- 
zen. In der Antike waren es die 
wilden dionysischen Feste und Züge, 
welche exaltierte Körperhaltung 
hervorriefen. Zustände äußerster 
Erregung, teils hervorgerufen durch 
übertriebenen Weingenuß, teils auch 
wohl durch die Autosuggestion des 
Tanzes; orgiastisch sinnliche \'or- 
stellungen förderten Körperstellun- 
gen, die den hysterischen Konvul- 
sionen verwandt sind. Die Antike 
bildete die rasenden Bacchantinnen 
mit Vorliebe in der Weise, daß sie 
in erregter Stellung mit wallenden 
Gewändern, die zum Teil den Kör- 
perentblößen, und mit zurückgewor- 
fenem Kopfe und fliegenden Haaren 
den Thyrsusstab schwingen und sich zum wilden Zimbelschall 
korybantisch bewegen. Oft halten sie dabei in der Hand einen 
Teil eines Opfertieres. Berühmt sind die Reliefs im Louvre und in 
München. Aus der großen Zahl dieser mit Vorliebe auch als Vasen- 
schmuck verwendeten Darstellung bringen wir das schöne Relief 
zu Rom aus dem Konservatorenpalast (s. Fig.237). Die Unruhe, 
die dieses schöne junge Weib erfaßt hat, drückt sich hier mehr durch 
die fliegenden Gewänder aus und die in wildem Bewegungstriebe 
geschwungenen Arme. In der Rechten hält sie das Opfermesser, 




J'-io: Aihuiri. Rom. Konse*~z-atorenpalast. 

257. Menade. Antikes Relief. 



3^6 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^ 

während die Linke ein Mertel des soeben geopferten Tieres schwingt. 
Diese hacchische Raserei nimmt alle Formen an. Aut einem Floren- 
tiner Relief (Uffizien) sehen wir auch das erschöpfte Hinfallen 
nach dem rasenden Taumeltanz. Aut anderen zeigt man uns, wie 
.Männer voll des süßen Weines hinstürzen oder auch ihre Trink- 




Koiii. latikan. 

Fig. 258. Griechisches Puteal mit dem berauschten Satyr. 

gefäße verlieren. Im Gegensatz zu diesen Wirkungen des Rebensaftes 
auf Halbgötter und Menschen finden wir den Dionysos selbst meist 
in göttlicher Ruhe, nur gelegentlich auf Ampelos, den schönen Jüng- 
ling (Weinstock) gestützt. Nur Satyrn und Silene und das ganze 
Gefolge des Gottes wird berauscht vom Weine. Eine solche Szene 
schildert ein berühmtes griechisches Puteal im Vatikan (s. Fig. 238). 
Allen diesen bewegten Szenen des Rausches, sowohl des Sinnen- 
rausches als auch des Tanz- und Weinrausches entgegengesetzt 



BACCHISCHE RASEREI. 



357 



ist die sich in verschiedenen RepHken wiederholende Darstellung 
dessen, was man richtig eigentlich nur mit dem technischen Volks- 
ausdruck »stiller SufF« bezeichnen könnte. In voller Seligkeit umarmt 
die Alte den Riesenweinkrug, den sie liebend auf dem Schoß hält. Mit 




Phot. Alinari. Rom. Musruin KapilnL 

Flg. 259. Trunkenheit. Antiker Marmor. 



frühzeitig gealterten Gesichtszüge blickt die Alte beseligt nach oben 
und ihr zahnloser Mund singt das hohe Lied auf Bacchus (s. Fig. 239)'). 
Doch solche Seligkeit dauert nicht allzu lange, die Stimmung 
schlägt auch bei Trinkfesten um und dann ereignet sich das, was 
auf griechischen Trinkvasen gelegentlich dargestellt wird (s. Fig. 260). 

') Bei der kapitolinischen Statue ist der Kopf ergänzt. 



338 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Mit einem erfrischenden Naturalismus hat der Vasenmaler die Szene 
geschildert, auf der bei einem Symposion einer der Gäste nicht 
weiter kann und er führt sich mit dem rechten Zeigefinger ein 
Instrument') in den Rachen, nachdem ihm bereits vorher vor seinem 
Lager eine große ßrechschale hingesetzt ist. Eine Tischgenossin 
hält ihm dabei lächelnd den Kopf. Solche Wirkungen des Trinkens 




Koiti, Museitm Grt'gorian. 

Fig. 260. Szene eines Symposion. 

waren als Zierde von rotfigurigen Schalen beliebt. Hine ähn- 
liche Szene einer vomierenden Ägypterin aus Theben bildet 
Thomas Wright") ab. 

Wir wollen diese Reminiszenzen aus früherer Zeit verlassen 
und einige plastische Darstellungen nervöser und psychischer Er- 



') Auf vielen andern Vasenbildern wird nur der nackte Finger eingeführt. 
-) Th. Wright, Fig. i aus Sir Gardener Wilkinson , Manners and Customs. 



NAUSEA. 



3)9 




3 6o KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^ 

krankungen vorführen. Gelegentlich finden wir ja auf Sarkophagen 
oder auch bronzenen Kirchentüren oder elfenbeingeschnitzten Buch- 
deckeln plastisch geschildert, wie Teufel ausgetrieben werden. Es 
befinden sich dabei auch die glücklich Befreiten oftmals in inter- 
essanten Stellungen. Meist sieht man dann auch einen kleinen Teufel 
entweder schon in der Lutt oder auch aus einer Körperöffnung 
sich flüchtig entfernen. Auf der Erztür zu Verona in der Kirche 
des heiligen Zeno befindet sich so z. B. eine Figur mit einem voll- 
kommenen Cercle. Der Bogen, der hier angeblich von der Salome 
gestellt wird, die sogenannte große hysterische Attacke, ist ein wirk- 
lich kreisrunder Clownismus. Bei Gelegenheit der Heiligenbehand- 
lung werden wir weitere Darstellungen dieser Art wiederfinden. 
Wegen seiner tvpischen Stellung des hysterischen Zirkels führen 
wir aber schon an dieser Stelle das Relief des Niccolö Pisano aus 
Bologna vor. Links und rechts geschehen Heilwunder von den 
Schülern des heiligen Domenikus. Bei der zurückgeworfenen 
Krampfstellung der Mittelfigur mit nach auswärts gerolltem Arme 
und stark kontrahierter Fingerstellung müssen wir überzeugt sein, 
daß der Künstler Gelegenheit hatte, solche hysterische Krisen zu 
beobachten (s. Fig. 261). 

Früher im Garten des Amsterdamer Irrenhauses, jetzt im Staats- 
museum befindet sich die Statue eines Weibes, welche den Wahn- 
sinn, den akuten Ausbruch maniakalischer Verwirrung darstellt 
(s. Fig. 262). OhneZweifel hat der Künstler, der diese Statue Anfangs 
des 17. Jahrhunderts modelliert hat, Studien im Irrenhause gemacht. 
Die Attitüde, die dieses wahnsinnige Weib einnimmt, ist von un- 
glaublich künstlerischer Geschlossenheit. Obwohl sie sitzt, ist alles 
an ihr in leidenschaftlicher Erregung. Der Kopf mit dem weit aut- 
gerissenen Munde und den schmerz- und angstverzerrten Zügen 
wird von ihr selbst durch Zug und Gegenzug an ihren langen 
Haaren in schräger Balance gehalten. Nachdem sie sich die Kleider 
vom Leibe gerissen, scheint sie eben im Begriff, in wilder Erregung 
aufzuspringen. Doch der Körper wird von einem Bewegungs- 
drange beherrscht, welcher keine koordinierten Muskelbewegungen 



HYSTERISCHE KONVULSIONEN. 



361 




Orig.-Aii/tt. Amsicrtiain, Staaismuseuni. 

Fig. 262. Wahnsinn {früher im Garten des Irrenhauses), 



362 



KRANKHEITSDARSTELLUXGEN. 



zuläßt. Dr. C. E. Daniels, der die Güte hatte, dieses Monument 
mit den Köpfen am Sockel lür mich photographieren zu lassen, 
datiert das Denkmal früher als 1591. Der Künstler ist unbekannt. 
Meige und R icher glauben das Werk Hendrick de Kijeser 
(1565 — 1621) zuschreiben zu dürfen. \'on den vier Sockel- 




Fig. 263. Detail vom Amsterdamer Denkmal. 



köpfen sind zwei leider sehr verstümmelt. Auch diese Masken 
stellen porträtierten Wahnsinn vor. Leider ist die Erhaltung eine 
schlechte. Die Köpfe sind aber in der Weise angebracht, daß es 
dem Künstler offenbar vorschwebte, als wenn sich hier Wahn- 
sinnige aus dem Kerker ihres Irrenhauses befreien wollten. In 
dieser Weise aufgefaßt erscheint das Denkmal als eine Tendenz- 



WAHNSINN. 



363 



Skulptur, würdig als Vorbild für die Malereien eines Wiertz. Das 
Hinauswollen aus der Luke markiert hei dem verbundenen Kopfe 
des alten Mannes die unter dem Kinn sich vordrängende Hand 
(s. Fig. 263). Geradezu aber von einem überraschenden Natura- 
lismus und von imponierender Größe ist der Kopf Fig. 264, den 




Orrt;.-Ait/'>i_ Amsterdam. 

Fig. 264. Detail vom Amsterdamer Denkmal. 



ich für einen Frauenkopf halten würde, wenn nicht ausdrücklich 
die Denkmalsbeschreibung Daniels von Männerköpfen spräche. 
Dieser Kopf hat eine ganz auffallende Ähnlichkeit mit dem Frauen- 
kopf auf dem großen Rubensschen Gemälde in Wien, »der heilige 
Ignatius Besessene heilend und Kinder erweckend«. Es zeigt nun 
aber eine Studie des Rubens, welche sich im Wiener Museum be- 



3 64 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ® 

findet und von Ch a reo t- R icher in ihrem Buche (1. c.) wieder- 
gegeben wird, eine derartige Übereinstimmung, daß die Annahme 
berechtigt ist, daß Rubens vielleicht von diesem Denkmale be- 
einflußt worden ist; weniger ist das meines Erachtens bei dem 
Gesichte der Statue selbst der Fall, wie dies Rieh er 1. c. S. 108 
annimmt. 

Im Verhältnis hierzu ist der Giebelstein der Jan van Arckel- 
Stiftung in 's Hertogenbosch, die Arbeit eines Anonymus aus dem 
Jahre 1686, eine schwächere Leistung. Jedenfalls sehen wir Wahn- 
sinnige vor uns, von denen drei hinter Schloß und Riegel sich 
befinden und ofifenbar gemeingefährliche Kranke vorstellen sollen, 
während zwei andere Entfesselte gewissermaßen als wilde Männer 
das Stiftungswappen halten. Den Sinn der Darstellung restlos 
zu enträtseln ist schwierig; die beiden großen Figuren werden 
essend dargestellt, allerdings beißt der eine in seinen Arm mit ge- 
fletschten Zähnen, obwohl er in der Rechten, wie es scheint, etwas 
Eßbares hält; es soll wohl die Sinnlosigkeit seiner Handlung aus- 
drücklich betont werden. Die übrigen Gesichter sollen wohl die 
verschiedenen Formen schwerer psvchischer Krankheit vorstellen. 
Daß es sich um Tobsüchtige handelt, verraten die schweren eisen- 
beschlagenen Türen mit den kleinen Luken und die eisernen Ketten, 
die früheren Panaceen gegen die Tobsucht. 

Im Boboligarten in Florenz stehen drei Steinfiguren , welche 
dem Dadda zugeschrieben werden und als Possenreißer bezeichnet 
werden. Dem Mediziner ist es bald klar, daß diese Figuren Studien 
aus dem Narrenhause zur Voraussetzung haben. Wir erinnern ims 
dabei mit einer gewissen Beschämung, daß im 16. und selbst im 
17. Jahrhundert Geisteskranke im günstigsten Fall als Narren be- 
handelt wurden und zur Belustigung und zum Gespötte des Publi- 
kums dienten. Wir erwähnten bei Betrachtung eines holländischen 
Irrenhauses') den Gitterkasten, in dem Maniakalische gewisser- 
maßen wie die wilden Tiere öffentlich ausgestellt wurden. Gegen 
Entree konnte man dann durch Stochern die Eingesperrten zur Wut 

') S. Holländer, Die Karikatur und Satire in der Medizin. S. 121. 



WAHNSINN. 



365 




366 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



bringen. Jene Zeit hatte an solclien seltsamen Genredarstellungen eine 
offenbare Freude; muten doch diese drei »Mattaccini« wie zu Stein 




gewordene Figuren des berühmten Jacques Callot an. Die mittlere 
Figur mit dem scheußlichen Profil und totenähnlichem Kopfe er- 



DER BLICK. 367 



scheint als ein gefesselter Maniakalischer, die beiden anderen sind 
Gegenstücke. Die Haltung der kontrakten Arme und der gelähmten 
Hände ist eine von den Künstlern seit alters beliebte Darstellung. 
Auch aus dem Altertume besitzen wir eine Reihe solcher atro- 
phischer Armstellungen, wie sie infolge einer schweren nervösen 
Störung vorkommen'). Der Kopf des einen Possenreißers erinnert 
mit der seitwärts ausgestreckten Zunge an den Hemispasmus 
hystericus und korrespondiert hiermit auch der maximale Schulter- 
hochstand (Fig. 266). 

Gern erinnern wir uns bei diesen Florentiner Figuren , daß es 
gerade ein Florentiner Arzt war, \'incenzo Chiarugi, der als leitender 
Irrenarzt als einer der ersten für eine freiere Behandlung von 
Geisteskranken eintrat. Sein Werk »Della Pazzia in genere e in 
specie« erschien 1793. In seinem Hospital waren Schläge streng 
verboten. Er war ein Pionier für die bessere Krankenpflege und 
Behandlung von Geisteskranken und Tobsüchtigen. 



DIE SKULPTUR DER BLINDHEIT. 

Es liegt in dem Wesen der Plastik, daß die Darstellung des 
lebendigen Blickes ein Hauptproblem der Porträtkunst ist. Nicht 
nur das Farbenspiel der Regenbogenhaut, welches in Verbindung 
mit der sonstigen Pigmentierung den brünetten oder blonden 
Tvpus bestimmt, fällt für die Skulptur weg, sondern auch die 
vielfachen Lichtreflexe und die dem individuellen Auge eigentüm- 
lichen Krümmungsverhältnisse des Augapfels. Wenn wir die Skulp- 
tur der primitiven Völker betrachten, so linden wir, daß zunächst 
die Wiedergabe einigermaßen anatomisch richtiger \'erhältnisse des 
Auges mühsam gelernt werden mußte. Sowohl die Behandlung 
der inneren und äußeren Lidwinkel als auch des Raumes zwischen 
Braue und Lid, die Lage des Augapfels im Skelett, machen der- 
artige Schwierigkeiten, daß der Künstler noch gar nicht daran 



')S. Felix Regnault, Une Collection de Terres cuites pathologiques de rEpoque 
Alexandrine. 



368 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



denken kann , an die Wiedergabe der Wirgänge im Augeninnern 
zu gehen. Wenn wir unser angewöhntes Übersehen solcher Dar- 
stellungsfehler in Abzug bringen, so müßten wir einen großen 
Teil archäischer Gesichter eigentlich tür blind erklären, jedenfalls 
fehlt noch in den hochgelegenen Augäpfeln mit geringer Aus- 
arbeitung der umgebenden Weichteile jede Andeutung des Blickes. 
Die Augen erscheinen vorstehend und ausdruckslos; der antike Be- 




\ 





^ 



Orig.'Phot . Stant/'ul , Ottt^m . Museiijn, 

Fig. 267. Augenausdruck. Detail vom sog. Ale.xandersarkophag. 

trachter konnte sich durch die nachgewiesene Bemalung der Augen 
an einem lebendigeren Ausdruck erfreuen. Das gilt namentlich 
auch tür Holzskulpturen. Die späteren Epochen, vielleicht seit 
des Phidias Zeit, bestreben sich, die anatomische Lage des Auges, 
das Verhältnis des Apfels zum oberen Orbitarande anatomisch 
richtig zu gestalten und die Glotzaugen zu vermeiden, und nament- 
lich auch tür die umgebenden Lidspalten eine tvpische Form zu 
finden. Noch in der Zeit der ersten Blüte ist der Augapfel selbst 
fiist immer glatt gehalten, und wenn auch die umgebenden Weich- 



DER BLICK. 



369 



teile in ihrer lebendigeren Gestaltung schon den Versuch unternehmen, 
dem Auge einen Ausdruck zu verleihen, so ist doch noch eine große 
Zurückhaltung nach dieser Richtung zu verspüren. Die Augen des 
Praxiteles, Skopas und Lvsipp erstreben schon eine Nachahmung der 
Regenbogenhaut und der Pupille. Die Charakterisierung der Gefühle 
von Schmerz und Zärtlichkeit wird durch den Gesichtsausdruck zart 
und weich angedeutet und reflektiert auf das Auge; die ausdrucks- 
vollere Stirnbildung, die Darstellung der Augenbrauen, der Nasen- 
wurzel, die verschiedene Wöl- 
bung des Auges selbst, geben 
dieser Epoche ihre charakteri- 
stische Note. In der späteren 
Zeit werden alle diese Momente 
leidenschattlich gesteigert, die 
Falten, Buchten, Höhen und 
Tiefen in der Umgebung des 
Auges ertahren eine größere 
Betonung; Pupille imd Iris er- 
fahren eine eindringliche Bear- 
beitung: der Blick ist jetzt im 
Willen der Meisters. Keusch 
und jungfräulich kann er ge- 
geben werden, ängstlich und 
lüstern; die plastische \'er- 
körperung sucht immer mehr 
die xA.ufgaben der Darstellung 
von Schmerz und Wut, den letzten Blick vor dem Versinken in das 
Dunlcel und alle psvchischen Erregungen zu bilden. Welche Meister- 
schaft in der Wiedergabe solchen Augenausdruckes erreicht worden 
ist, dafür ist der sogenannte Alexandersarkophag ein Zeugnis. Es 
fehlen die Worte der Bewunderung und der Schilderung solcher 
imposanten Leistung. Jeglicher Kopt enthüllt mit den Augen seine 
Gedanken. Wir sehen die Angst vor der Walle des Feindes, das 
x-\bschiedswort von der sonnigen Natur und der liebenden Frau vor 

Holländer, Plastik unil Medizin. -4 




Neapel. 

Fig. 268. Kopf eines Ringers (Lysippisch). 
Antike Bronze. 



370 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



dem Empfang des Todesstreiches und den Triumph des Siegers, 
LUid alles dies nur in den Augensternen, da das übrige Gesicht 
durch die Tracht der Barbaren verluillt ist. Hin Blick auf den ab- 
gebildeten Kopf (s. Fig. 267) wird davon eine Wirstellung geben, 
die natürlich die Betrachtung des Originals nicht ersetzen kann. 
Denn die Farbengebung, die an dieser einzigen Alarmorarbeit treff- 
lich erhalten ist, erhöht noch die Lebendigkeit des Ausdrucks. 
Alle diese Momente, die hier nur schematisch angedeutet werden 
konnten als \'orbemerkungen, haben eine intime ^^Tirdigung ge- 
iimden durch die Untersuchungen von Hugo Magnus'). Dieser 
kunstgelehrte Augenarzt stellt sich in dieser Studie aut die Seite 
Herders (Plastik 1862, Bd. 13, S. 48): »Einige Statuen haben Aug- 
äptel. ^^'o es erträglich sein soll, muß er nur angedeutet sein, und 
die meisten und besten haben keinen. Es war schlimmer Geschmack 
der letzten Jahrhunderte, da man, statt schön zu machen, reich machte 
und Glas und Silber hineinsetzte. Ebenso war's Jugend der Kunst, 
die noch aus hölzernen Denkmälern hervorging, da man die Statuen 
tärbte. In den schönsten Zeiten brauchten sie weder Röcke noch 
Farben, weder Augaplel noch Silber; die Kunst stand wie \'enus 
nackt da, und das war ihr Schmuck und Reichtum.« Die Be- 
strebungen, den Skulpturen die Lichteflekte des Auges zu er- 
obern, verfolgten die verschiedenste Technik ; wir sahen schon den 
Ersatz der Regenbogenhaut durch Bemalung. Man nahm auch 
in der antiken Skulptur farbige Smaltsteine; man hat Augen ge- 
funden, die aus Bernstein und Hörn gebildet waren, und nicht 
nur begnügte man sich, Iris und Pupille aut diese Weise leben- 
diger zu geben, sondern man umgab auch die gedrehten Aug- 



äpfel mit einer Schicht von bearbeitetem Silber, um das feucht 
Schimmernde der Skleren herauszubekonunen. Wer die aut uns ge- 
kommenen Werke der antiken Porträtkunst gesehen hat, und nament- 
lich die farbigen Büsten aus römischer Zeit und die Bronzen mit 
den silbernen Augen, wird von diesen Bestrebungen keinen be- 



'i Hugo Magnus, Die Darstellung des Auges in der antiken Plastik. Leipzig, .\. See- 
mann 1892. 



HOMER. 



371 



sonderen Eindruck gewonnen haben; zugeben aber müssen wir wohl, 
daß an den berühmten Gold-Elfenbeinstatuen mit diesen Mittehi 
wahrscheinHch ein ganz anderer Effekt erzielt wurde als z. B. mit 
den Silbereinlagen bei Bronzeköpfen (s. Fig. 268). Wenn wir uns 
diese Situation vergegenwärtigen und dabei auf die hellenische 




Plu^t. Aiinari. Xcapi'l, Nat .-Museum. 

Fig. 269. Homer. 

Skulptur als den Höhepunkt rekurrierten, so haben wir schon die 
ganze Schwierigkeit der Skulptur der Blindheit entwickelt. Schon 
die Tatsache, daß erst von der ersten Blütezeit dieser Kunst an der 
Versuch gemacht wird. Blick, Richtung und Augenausdruck in- 
dividuell zu gestalten, zeigt die Unmöglichkeit, in hocharchaischer 
Zeit die Blindheit überhaupt plastisch zu gestalten. Nachtragen 
müssen wir dabei, daß die Ausfüllung der Augenhöhle als solche 



572 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



oftmals überhaupt unterblieb. Die Wirkung der leeren Augen- 
höhlen bei einer Plastik ist eine derartige, daß mit diesen tech- 
nischen Hilfsmitteln beinahe dieselbe Wirkung erzielt wird, wie 
mit der Behandlung der ausgefüllten Augenhöhle durch einen 
glatten Augapfel. Der Ausdruck wird erst in beiden Fällen 
durch das Mienenspiel gewährleistet, zu dem die Wirkung 




Fig. 270. Hdmer von der -Seite. Antiker MaLiii.ii. Aus Herkulanum. 

der Beleuchtung hinzukommt. Die antiken Büsten des 
Homer geben uns die breiteste Unterlage für die Betrachtung 
der Frage, wie die griechische Plastik die Blindheit charakterisierte. 
Wenn auch die 17 Büsten, die Hugo Magnus aufzählt, offenbar 
auf dasselbe Original zurückgehen, so ist doch bei den Iiinzel- 
köpfen von den Bildhauern so viel künstlerische Freiheit ver- 
wandt, daß das Problem der Skulptur der Blindheit mit ganz ver- 



HOMER. 3 y 3 



schiedenem Erfolge gelöst wurde. Außer den Büsten sind uns 
noch figurenreiche Reliefs und Statuen erhalten, welche meist die 
Apotheose des Dichters verkörpern. Auf diesen aber und auf 
Medaillen und Gemmen wird das Gesicht des Dichters im Profil 
eingestellt, eine für die Blindendarstellung höchst ungünstige Rieh- 
tung. Die antike Vorstellung verlangte bei der Darstellung des 
Homerkopfes in erster Linie die Porträtierung eines hochbetagten 
Mannes mit ausdrucksxollem gewaltigem Kopfe, dessen Haupt eine 
bedeutende Haartülle umgab. Der Mund ist wohl in allen Fällen 
halb geöffnet, da aus ihm die berühmten Gesänge flössen. In ein- 
zelnen, sonst wohlgelungenen Köpfen vermissen wir aber auch den 
\'ersuch einer Blindencharakterisierung, in anderen (namentlich den 
Kopten in Neapel und Rom Palazzo Doria [s. Fig. 271], ferner auch 
in der Büste aus Sanssouci) ist die Blindheit realistisch zum Aus- 
druck gebracht. Das charakteristischste Symptom, welches bei dem 
Neapler Hcmier (s. Fig. 269 u. 270) auch dem naiveren Beschauer 
autfällt, ist die Kleinheit der Augäpfel. Fs ist, als wenn tat- 
sächlich die Spannung des Bulbus verloren gegangen wäre, gleich- 
zeitig scheint das ganze Fettpolster der Augenhöhle beträchtlich ge- 
schwunden, was seinerseits wieder eine tiefe Faltenbilduna: der um- 
gebenden Weichteile, namentlich am oberen Augenlid und dessen 
Übergang zu dem Orbitalrande hervorgerufen hat. Erhöht dies den 
greisenhaften Ausdruck im allgemeinen, so erregt die auffallend 
kleine Lidspalte die Aufmerksamkeit im besonderen. Es kommt 
noch hinzu, daß diese Lidspalte an dem linken Auge des neapolitani- 
schen Kopfes kleiner ist als die rechte, wodurch dieses Auge schein- 
bar weiter geöffnet erscheint als das linke. Der Künstler hat da- 
durch dem Greisengesicht einen matten erloschenen Augenausdruck 
gegeben. Die genauere Betrachtung zeigt aber, daß auch die Wölbung 
der glatt gehaltenen Augäpfel eine nach außen etwas stärker ab- 
fallende ist, so daß gewissermaßen eine Divergenz des leeren, in die 
Unendlichkeit gerichteten Blickes herauskommt. Ähnliche \'erhäli- 
nisse, wenn auch nicht so prägnant zum Ausdruck gebracht, finden 
wir bei dem kapitolinischen Homer (s. Fig. 273). Zu dieser Ver- 



374 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^ 

körperung kommt bei dem Homer des Pahizzo Doria noch eine 
ausgesprochenere Leerheit der geschrumpften Augäpfel hinzu mit 
stärker vorspringenden Lidern. Wir haben es bei dieser Bhnden- 




Anderson. Kont, Falazzi^ J'oria. 

Fig. 271. Homer. Antiker IMarmor. 



darstellung offenbar mit einer reahstischen Naturkopie zu tun. 
Der Meister des Originals hatte ein iModell zur Hand, aber nicht, 
wie manche annahmen, einen staarblinden Alten, denn diese Krank- 



HOMER. 375 



hcit in ihren verschiedenen Formen bringt keine Schrumpfung der 
Augäpfel und der Lider zustande. Das anatomische W'rhahen der 




FItot. Aiinari. Kotn, Museum Kapital. 

Fig. 2-2. Homer. ."Xntiker Marmor. 



Augen deutet mehr darauf hin, daß eine erworbene schwere Ent- 
zündung des \orderen Auges zur Bhndheit führte. Die Häufigkeit 



376 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



von Augenent/ündungen dieser Art hat sich bis heute in den 
Mittehncerländcrn gehalten. 




Fig 273. Homer. Antiker Marmor. 



Museum Kapitoi. 



Unter den Rephken , welche individuelle Eigentümlichkeiten 
zeigen, ist der antike Bronzekopf aus dem archäologischen 



HOMER. 



377 



Museum in Florenz erwähnenswert; einmal zeigt hier der Kopt 
eine leichte Senkung, sodann verrät die Behandlung der Augen 
eine besonders realistische Auffassung. Die Phthisis der Bulbi 
ist besonders ausgesprochen, die Augenlider hängen über bei- 
nahe leeren Augäpfeln, Haare und Bart sind in ihren Pro- 
portionen verändert, und der ganze Kopf sieht eher wie der eines 





«iäMni^ 



Fliot. Alinari. Mttseum Kapitol. 

Fig. 274. Homer, .\ntiker Marmor. 

weisen Rabbi aus (s. Fig. 275). Das imponierend Große des 
Kopfes ist ganz geschwunden aus einer Terrakottabüste der italieni- 
schen Renaissance, die ich bei einem Florentiner Antiquar fand; ich 
erwähne dieselbe ausdrücklich, weil von allen mir bekannten Homer- 
köpfen hier die Blindheit einen mehr abstoßenden als großartigen 
Ausdruck gefunden hat. Er erscheinen auf diesem Original die 
Augenhöhlen wirklich leer. Der weit geöffnete Mund und das 



378 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Tragische des Gesichtsausdruckes geben dieser Komposition etwas 

Fremdes (s. Fig. 276). 

Auf zwei Punkte noch, als charakteristische ßegleitsymptome der 

Bhndheitsdarstellung, müssen wir unsere besondere Aufmerksam- 
keit lenken. Das erste ist die 
gehobene Haltung des Kopfes, 
welche angedeutet fast alle 
Homerköpte zeigen, am meisten 
der der Galleria Doria, und 
dann die I-altenbildung an der 
Stirn. Man hat früher in dieser, 
dem Himmel zugewandten 
Stellung den Ausdruck der Ent- 
zückung sehen wollen, der be- 
geisterten \'isionen des Sehers 
und Dichters. Augenärztlich 
(s. Magnus) wird nun be- 
richtet, daß nur S(.)lche Hrblin- 
dungsformen zu einer Hebung 
des Koptes nach oben führen, 
deren Ausgang vom hinteren 
Pol und durch die lichtem- 
phndenden resp. leitenden Or- 
gane bedingt ist. (Gleichzeitig 
sollen bei derartigen Frblin- 
dungstormen die Brauen nie- 
mals beschattend nach unten 
zusammengezogen sein, im 







I-toreiiz. Anhiipl. Museum, 

I*'g- 275. Antike Bronzebüste des Homer. 



Gegenteil, solche Erblindete heben die Brauen derartig 



daß 



bogenförmige Falten auf der Stirn entstehen. Umgekehrt zeigen 
aus einer Erkrankung der vorderen Augapfelhülse Erblindete das 
umgekehrte Verhältnis; das Haupt wird gesenkt, die Brauen werden 
stark nach unten gezogen, die Stirnhaut zwischen den Brauen zeigt 
senkrecht verlautende Falten. Alles Ausdrücke der Lichtscheu. 



KÜNSTLERISCHE KOMBINATION. 



379 



Nehmen wir diese Maximen von Hugo Magnus als richtig an, 
so kontrastiert tatsächhch die Haltung des Homerkopfes und die 
Mimik seines Gesichtes mit der Darstellung des Augapfels. Es ist 
also ein Unterschied zwischen rein ärztlicher Beobachtung und 
künstlerischer Ausführung. \\'ie sollen wir uns diesen Kontrast 
erklaren? Wollen wir den fachmännischen Ausführungen des Augen- 
arztes folgen und hier in der gehobenen Kopfstellung und den 
aufwärts gezogenen Brauen die Entzücktheit des Dichters dargestellt 
hnden, oder sollen wir lieber an- 
nehmen , daß Beobachtungsfehler 
vorliegen , und der Künstler zwar 
persönliche Studien an Erblindeten 
machte, aber die verschiedenen 
Svmptome bei den verschiedenen 
l'>krankungen zusammcnwarl und 
zu einem Bilde vereinigte. 

Wir stoßen dabei wieder auf den 
Punkt, der manchen Bearbeiter in 
dem Grenzgebiete zwischen Kunst 
und Medizin zu Irrtümern und 
Trugschlüssen Veranlassung gab. 
Die voraussetzungslose Kunst schafft 
ja gelegentlich veristische Natur- 
abschreibungen auch krankhafter 
Körperlichkeit, die nachträglich me- 
dizinische Gelahrsamkeit bis in die feinsten Nuancen als richtig 
beobachtet nachweisen konnte. Im allgemeinen aber kombiniert 
der Künstier menschliche Eorm aus einer Summe von Beobach- 
tungen, und auf dem Wege zu einem Idealkanon schafft er sich 
seinen Idealtypus. Wo finden sich Praxitelische Epheben und Götter, 
wo Michelangeleske Hirten und Herzöge? Die häufige Betrachtung 
einer solchen künstlerischen Einheit wird zur Gewohnheit und zum 
Schema. Aus Lichtblindheit und Lichtempfindlichkeit, Reizung 
und Lähmung prägt der Künstler sich meines Erachtens die Blind- 




■UMta 

Orii;;;.-AfiJ'n. 

Fig. 276. Renaissance-Terrakotta. 



38o 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



heitshieroglyphe gleichsam wie ein musikalisclics Moti\' für die Blind- 
heit. Die Beobachtung zeigte ihm, daß Erblindete gelegentlich mit auf- 
wärts erhobenem Kopte sich vorwärts tasten, und daß hierbei, wie 
überhaupt bei angestrengtester nervöser Konzentration eine heftige 
und leidenschaftliche Aktion der Stirnmuskulatur eintreten kann, 
dann besonders, wenn der Blinde, aus der Lethargie seines Daseins 
erwachend, eine Handlung begehen will. Er wandte fehlerhaft aber 




Florenz. 

Fig. 277. Kopf des Schleifers. Antike Marmorstatue. 



diese Kopfhaltung auch in der Ruhelage an und bei der Darstellung 
von Erblindeten, bei denen eine noch vorhandene Lichtscheu eine 
Senkung des Kopfes hervorrufen mußte. 

Es mag ein Beobachtungstehler von mir sein, aber ich habe den 
sogenannten Schleifer von Florenz (Fig. 277) immer für blind ge- 
halten. Die in steilem Bogen parallel mit den Stirnfalten aufstrebenden 
Augenbrauen, das erhobene Augenlid, die weitgeötinete Lidspalte, 
die leichte Koordinationsstörung, die maximal nach oben gewandten 



FARBENWIRKUNG. 3 8 1 



Pupillen hei erhobenem Kopte sind alles Symptome tür eine Er- 
krankung des lichtlcitenden Gewehes. Nimmt man hierzu den 
wehmütigen Ausdruck seines vernachlässigten Gesichtes, so spricht 
das ftir das Mienenspiel eines Erblindeten oder fast Erblindeten. 
Hierzu kommt der Kontrast zwischen der Handlung und der Körper- 
haltung. Der Mann schleift ein Messer; er soll nach der Erklärung 
der Archäologen zur (iruppe des den Marsyas schindenden Apoll 
gehören. Er, der Skvthe, soll »grinsend sein Opfer betrachten mit 
dem rohen Ausdrucke stumpfer Neugier«. Nun, er wird sich dabei 
in die Einger schneiden, wenn er nicht autpaßt. Meines Erachtens 
sieht hier ein erblindeter Messerschieiter (ein jetzt noch tür Er- 
blindete beliebter Berut) nicht aut das Messer, weil diese Kopt- 
haltung zwecklos ist; er fühlt ja mit den Eingern der linken Hand, 
die wir uns statt ihrer talschen Ergänzung leicht gekrümmt denken 
müssen, die Schärte des Instrumentes; sein (jesichtsausdruck verrät 
dabei nur den angespannten Grad des inneren Sehens und des 
Eühlens. Dem realistisch bildenden Künstler, der die harte Haut an 
den Ealten knochiger Glieder und Gelenlce naturalistisch betonte, 
ist die Unmöglichkeit zweier sich ausschließenden Handlungen 
(dem angeblich blutgierigen Betrachten des Opfers und gleich- 
zeitigem Schleifen des Messers) nicht zuzutrauen. Wenn diese 
Rundskulptur überhaupt der Marsvasgruppe zuzuschreiben ist, so 
ist die Eigur nur in der von mir geschilderten Eorm auttaßbar, 
daß er das Messer schleift, welches Apollo selbst benützen wird. 
Daß eine der Ealtenbildung der Stirn des Schleifers analoge 
Form für die Blindheit charakteristisch und typisch war, das er- 
sehen wir aber ohne Zweifel auch aus den Anathemen. Wir haben 
bereits bei den etruskischen Weihgeschenken auf die Häufigkeit der 
Augenexvotos hingewiesen; meist sind es schematische Darstellungen 
der ganzen Orbitalgegend, es werden aber auch Einzelaugen aus 
Terrakotta gefunden, bei denen eine bisher unaufgeklärte, ganz 
intensive Ealtenbildung des oberhalb der Augenbraue mit zur Dar- 
stellung kommt. Regnault bildet zwei Augen aus dem Museum 
von Capua ab, bei denen diese Ealtenbildung eine exzessive ist. 



38: 



KRANKHEITSDARSTELLUNG. 



Hier handelt es sich oflenbar um die Darbringung erbhndeter 
Augen, für die man Heilung erbat. 




.\<-„/,-/, Nal.-Mnseinil. 



Fig. 27S. Schidone. Die Nächstenliebe. 

Die Flächenkunst hat es ja mit ihrer Farbenwirkung leichter, 
das Blinde zu verkörpern , aher der Wirwurf als solcher ist nicht 
reizvoll. 



INDIREKTE SCHILDERUNG. 383 



Unter den häufigen Blindendarstellungen illustriert solch direkt 
koloristische Schilderung ohne Beiwerk ein berühmtes Bild, welches 
wir als äußersten Gegensatz zu den Leistungen der Skulptur im 
Bilde zeigen. Um diesen Effekt zu erzielen, malt Schidone einen 
indianerhaft braun gefärbten Jüngling, der dem Beschauer sein 
Gesicht voll zuwendet mit weit aufgerissenen Augenhöhlen, in 
denen mit scheußlichem Naturalismus die diffusen weißen Leukome 
uns statt einer Pupille entgegenstarren; namentlich an dem linken 
Auge scheinen unter der Narbenmasse noch Irisreste durch. Im 
Gegensatz dazu sind die sehenden Augen der anderen Figuren, 
welche die christliche C^aritas verkörpern sollen, vollkommen 
beschattet, nur der Bambino zeigt entzückende italienische Kinder- 
augen. Die Verbreitung und die Berühmtheit dieses Bildes des 
Schidone, von der auch die Wachsbossierung im Braunschweiger 
herzoglichen Museum Zeugnis ablegt, steht in keinem Verhältnis 
zum Wert der recht gesuchten und theatralischen Komposition mit 
ihrem ungesundem Naturalismus. 

Solchem grausamen Attentat auf den guten künstlerischen Ge- 
schmack gegenüber, versuchte schon Irühzeitig die echte Kunst die 
indirekte Schilderung der Blindheit und hat das Problem auch mit 
wechselndem Glück gelöst. Zunächst erinnern wir uns hier an die 
häufige Darstellung der Blindenheilungen durch göttliche Kraft. 

Aus der Flut solcher Darstellungen tritt kein Werk hervor mit 
besonders geistvoller Lösung des Vorwurls. Meist kniet der Licht- 
arme vor dem Heiland, und dieser legt spendend die segnenden 
Finaler aut dessen last immer geschlossene Augen. Charcot und 
Richer haben schon in ihrem Beitrag über die Blinden in der Kunst') 
einiger geistreichen Lösungen dieser Autgabe Erwähnung getan. 
So der Raff'ael-Karton in South Kensington, darstellend wie Bar Jesu 
(Elymas) mit Blindheit geschlagen wird (siehe Apostelgeschichte 13, 
6 — 12). Die von Raffael dargestellte Szene, wie der plötzlich durch 
die Hand des Herrn Erblindete die Hände tastend vorstreckt, einen 
Führer suchend, lehnt sich aber präzis an die Darstellung an : »und 



') Les Aveugles dans Tart, Nouvelle Iconogr. de la Salpctr. iSSS. 



384 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^ 

von Stund an fiel aut ihn Finsternis und Dunkelheit und ging um- 
her und suchte Handleiter.« 

Es wird kein Zufall sein, daß sich ein Rembrandt an die 
große Aufgabe machte, die Tobiasgeschichte zu illustrieren. Die rea- 
listische Schilderung der Blindenheilung des Alten versuchte er in einer 
ganzen Reihe von Studienblättern und Gemälden: in Gegenwart des 
Engels läßt der große Realist an dem Alten eine Staroperation vor- 
•nehmen^). Aber weitaus die kühnste und einfachste Schilderung 
glückte ihm in der Radierung »Tobias geht seinem Sohne ent- 
gegen«; der autgeregte Alte wirft das Spinnrad um und will den 
wohlbekannten Weg zur Tür hinaus. Dabei verfehlt er den Weg 
und läuft tastend gegen den Türrahmen. 

Die Holländer haben den Vers des Evangelisten Lukas: »Kann 
wohl ein Blinder einen Blinden führen, fallen nicht beide in eine 
(jruber« wörtlich aufgefaßt, und namentlich der alte Breughel hat 
aut diese von ihm mehrfach gemalte und radierte Szene seinen 
köstlichen goldigen Humor ausgeschüttet: man vergißt bei dieser 
Leinwanderzählung das Grauen der aufwärts gerichteten, das Licht 
suchenden leeren Augenhöhlen. 

Felix Regnault widmet einen Artikel (»La Presse Medicale« 
Nr. 22, 191 1) den Augenerkrankungen in der antiken Kunst. Die 
Abbildungen, welche er bringt, beziehen sich, wie auch seine Spezial- 
untersuchungen im wesentlichen auf die Arbeiten der antiken Koro- 
plasten und die Fundstücke, die beim ßahnbau in der Umgebung 
von Smyrna gemacht wurden. Wir haben schon an anderen Stellen 
darauf hingewiesen, daß uns diese Fragmente einer auf das Gro- 
teske gerichteten Kunst nicht so einwandfrei erscheinen, daß wir 
hier die Verkörperung krankhafter Bildung rückhaltlos anerkennen 
können. Überlegungen dieser Art bestimmen uns besonders bei 
dem Thema der i\ugenkrankheiten. Die Köpfe, die da Reg- 
nault abbildet, mögen gewisse entfernte Ähnlichkeiten aut- 
weisen mit den von Regnault statuierten Krankheiten (Glaukom, 
Synechie, Chemosis, Blindheit). Es mag auch das Krankheitsbild 

') Greeff, Remhrandts Darstellungen der Tobiasheilung. Ferd, Enke. 



BLINDE MUSIKER. 



385 



offenbar unbeabsichtigt die Symptome der gestellten Diagnose 
rechtfertigen; die Tatsache allein, daß diese zerbrochenen Kunst- 
werke außerdem andere grobe Verzerrungen und Verbildungen des 
Gesichtes aufweisen, vermindert ihren diagnostischen Wert außer- 
ordentlich. 

Der treue Begleiter des Erblindeten ist wohl immer sein Hund 
gewesen. Zahlreiche Darstellungen zeigen, wie unter seiner klugen 
l-'ührung sich die Blindheit vorwärts tastet; vielleicht ist auch die 
unter dem Namen Diogenes segelnde antike Statuette aus der Villa 
Albani in Rom so aufzufassen. Sollte das wirklich der nudus 
Cynicus sein? Der Stab mit beiden Armen ist neu (s. Fig. 279). 
Die Körperhaltung des robusten Mannes mit der eingesunkenen 
Halswirbelsäule, dem mühevollen gehobenen Kopfe und den kleinen 
ausdruckslosen Augen, das Unbeholfene, Unsichere seiner Haltung 
sprechen meines Erachtens eine deutliche Sprache. Das Vorhanden- 
sein des Hundes, dessen Extremitäten antik sind, hätten der Re- 
konstruktion einen anderen Weg zeigen sollen. Man gebe den 
Stab in die rechte Hand und schaffe eine Verbindung der Linken 
mit dem Hunde durch eine Leine. 

Das Problem der Blindheitsdarstellung ist auch in der neueren 
plastischen Kunst mehrfach angegriffen. Das k. k. Blinden- 
er Ziehungsinstitut Wien hat seit langem eine Sammlung 
künstlerischer Blindendarstellungen begonnen, und der jetzige ge- 
lehrte und kunstsinnige Leiter desselben, Alexander Meli, hat diese 
Sammlung auf eine unglaubliche Höhe gebracht. Es gibt wohl 
kaum irgendein größeres Kunstwerk mit Blindendarstellung, welches 
wenigstens als Reproduktion hier nicht vertreten ist. Die große 
Sammlung wird, wie ich höre, selbständig herausgegeben werden, 
ihr Leiter und dessen kunstliebender Sohn hatten die Güte, für 
mich allein 63 plastische Blindendarstellungen zu sammeln. Aus 
der Zahl dieser erwähne ich zunächst den großen Grabdenkstein des 
blinden Orgelvirtuosen Konrad Paumann'); derselbe befindet sich an 
der Außenseite der Münchener Kirche »Zu unserer lieben Frau«. 

') Alexander Meli, Enzyklopäd. Handbuch des Blindcnwesens, Wien 1900. 

Holländer, Plastik und Medizin, 25 



386 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



\'or seiner Anbringung an der 1488 beendeten Frauenkirche war 
das Original in der Wand der St. Michaelskirche eingelegt. Wir 
sehen auf demselben inmitten von anderen Musikinstrumenten, wie 
Laute, Harfe, Flöte, den blinden Musiker, mit der rechten Hand 




Örig,-Aufn. nach Gipsaiy^itjs. Rom, l'illa Aiduiii. 

Fig. 279. Der sog. Diogenes. 



die Orgeltasten rührend, mit der linken das Gebläse handhabend. 
Die Blindheit ist durch Lidschluß zum Ausdruck gebracht. 

Ein prachtvolles Gegenstück hierzu ist der Grabstein des blinden 
Musikers Francesco Landini in der Basilika di San Lorenzo zu 



BLINDHEIT. 



387 



Florenz; der 1323 zu Fiesolc yeboren und 1397 gestorbene Meister 
verlor als Kind durch die Blattern das Augenlicht; von ihm haben 
sich noch Kompositionen erhalten. Diesen schönen Grabstein be- 
nutzte man 100 Jahre später, drehte ihn herum und machte aus 
ihm den Denkstein für den gelehrten Arzt Bernardo Torni, der 
1497 starb. 

Es befinden sich in der Sammlung des Institutes ferner die Ab- 




Orig .-Aicfn. nach Gipsabgu/s im Kaiseriti-Friedrich-Hatis, Berlitt. 

Fig. 280. Grabstein des blinden Orgelvirtuosen Konrad Paumann von Nürnberg 1473. 

güsse berühmter Blindenbüsten, so Aliltons Kopf, ferner die 
Porträtbüste des einäugigen Hussiteniührers Z i s k a. Die »Ö d i p u s«- 
darstellung als Plastik von I. B. Hugues, ferner »Belisar« von einem 
Knaben geführt, Originalgruppe von Laporte, die Statue des er- 
blindeten berühmten Naturforschers Lamarck, sowie ein Relief- 
porträt des großen Holländers Georg Eberhard Rumphius, 
1627 — 1702, wie der erblindete Naturforscher mit seinen Händen 



388 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 







^^>^ 



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suiiuiuuiiis mm Bi 




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Fig. 281. 



Orig.-F/iot. äfs k. k. Bltnä,n-j:rzii-k - 1 mt . . I! .,■■. 

Grabstein des durch Blattern erblindeten Musikers Landini (gest. 



1397)- 



Schaltiere abtastet. Auch von dem Philosophen Asklepiades aus 
Phlius existiert ein Bildnis nach einer antiken Büste. Von diesem 
Asklepiades berichtet Cicero (Tusc. V, 39), er habe auf die Frage, 



BLINDHEIT. 



389 



welchen Vorteil ihm die Blindheit gebracht habe, geantwortet, daß 
er dadurch einen Knaben mehr in seiner Begleitung habe. Es 
fehlen in der Sammlung nicht die Porträts des blinden und letzten 
Königs von Hannover, Georg V., und der berühmten Ameri- 
kanerin Helen Keller. Erwähnen will ich, daß die Schutzpatronin 
der Musik, besonders der Kirchenmusik, Cäcilia, welche wahr- 
scheinlich 210 hingerichtet und in den Katakomben des Calixtus 
an der Via Appia bestattet wurde, angeblich blind gewesen ist. Die 
Sammlung enthält jedenfalls zwei solche Darstellungen; es ist aber 
ja bekannt, daß fast alle Hauptgemälde, welche an Berühmtheit 
und Schönheit wetteifern, unter andern die von Raftael in der Pina- 
kothek von Bologna und von Dolci in der Dresdner Galerie, diesen 
Zustand nicht berücksichtigen. Die Verinnerlichung, die eine offen- 
bare Folge der Erblindung ist, legt es nahe, diejenige Kunst zu 
betreiben und auszuführen, zu deren vollem Genuß auch die Hell- 
sehenden die Augen schließen. 

Ist das die innere Begründung für die Bevorzugung der Musik 
durch Erblindete und Blinde, so hat auch praktische Lebens- 
betätigung schon seit alters beides zusammengeführt. Mehrfach 
führen uns altägyptische Reliefs solche blinde Musikanten vor. 
Bekannt ist das im Gipsabguß auch im Kaiserin-Friedrich-Hause 
befindliche Denkmal blinder Musikanten aus einem Grabe von Teil 
al Amarna (c. 1373 ante Chr.), s. Davies Rock Tombs of el tmarna I, 
Taf. 23 (laut Mitteilung von G. Steindorff). Weniger bekannt 
und besser erhalten ist das Relief aus Sakkärah. 

Unsere Abbildung (s. Fig. 282) entstammt einem Originale eines 
oberägyptischen Tempels aus Sakkärah ungefähr 1300 v. Chr. 
Sänger werden von einem blinden Harfenisten unter Lautenschlägen 
begleitet. Die Charakterisierung der Augen ist in sehr einfacher 
Weise erfolgt. Die Lidspalte erscheint im Gegensatz zu den mandel- 
förmigen Öffnungen der Sehenden stark verengt. 

Angeblich wird ja durch den Verlust eines Sinnesorgans eine 
Verschärfung der anderen beobachtet; dies wird auch vom Ge- 
schmack behauptet. Im Garten der Champagnerfabrik des Hauses 



390 



KRAXKHlilTSDARSTELLUXGEN". 



^ 




Fig. 2S2. Blinde iNIusikanten. Relief vom Tempel in Sakkärah. 



Moet und Chandon erhebt sich die Statue des blinden Dom Perie;- 
non (1638 — 1715), des berühmten Erfinders des Weins der Cham- 
pagne, durch dessen feine Zunge Weinmischungen vollkommenster 



DAS TOTENFELD VON ANCON. 



391 



Art bestimmt wurden. Erwähnen wollen wir noch, daß unter den 
modernen Skulpturen, die viellach auch die Blindenanstalten ver- 
schönen, die verschiedenen Beschäftigungsarten, welche die Blinden- 
pädagogik mit so bewundernswürdiger Geduld geschaffen hat, 
plastisch zum Ausdruck kommen. Als Gipfel solcher Leistungs- 
fähigkeit empfehlen wir die plastischen Arbeiten zu betrachten, 
die in dem Wiener Blindenerziehungsinstitut aufbewahrt werden, 
als Schülerarbeiten von Blinden. 

DIE ANTHROPOMORPHEN TERRAKOTTEN MIT KRANK- 
HEITSDARSTELLUNG AUS DEM ALTEN INKAREICHE. 

In vielfacher Beziehung nehmen die Funde aus den altperuani- 
schen Totenstädten in der Kunstarchäologie eine Sonderstellung ein. 
Sie berichten uns von einem alten Kulturlande, dem Reiche der 
Inkas, und diese Erzählungen in gebranntem Ton, Silber und Gold 
oder auch tarbig in Tücher gewirkt, wissen uns, die wir, als 
Erbteil einer humanistischen Erziehung, ein Vorurteil haben gegen 
alles, was außerhalb des gräko-romanischen Kreises steht, durch 
ihren sonderbaren Reiz zu fesseln. Als im Jahre 1893 Ashmead 
der Berliner Gesellschaft für Anthropologie die Photographien von 
Krügen mit Krankheitsdarstellungen übersandte, war man sich über 
die Bedeutung dieses sonderbaren Fundes zunächst nicht klar. 
Die überraschende Tatsache, daß die Gesichter auf diesen Gesichts- 
krügen eine vom Künstler beabsichtigte Nasenzerstörung auf- 
wiesen, leitete die Diskussion sofort auf den Abweg einer speziellen 
Diagnose, und es ist bedauerlich, daß man sich aus diesem Irrweg 
im Laufe der erregten Debatte eines Dezennium nicht befreien 
konnte. Die Hoffnung, durch diese Hinterlassenschaft aus der 
präkolumbischen Zeit in erster Linie eine Aufklärung zu erhalten 
über eine Frage, welche die Gemüter der Medikohistoriker seit 
langem beschäftigte, die Frage nach dem amerikanischen Ursprung 
der Syphilis, drückte mit der erhofften Lösung von dieser un- 
erwarteten Seite aus auf das Tempo der Erledigung und Lösung 



3C)2 KRANKHEITSDARSTELLUXGEX. ig 

dieses Rebus und ließ das Studium dieser Objekte am falschen 
Ende beginnen. 

Wir haben in den Weltmuseen die verschiedenen Arten von Ge- 
sichtsurnen aus allen Zonen und aus allen Zeiten vor uns; wir 
fanden sie in den mykenischen Gräbern so gut wie in der nordischen 
Erde. Wir sahen Getäße mit der Verkörperung des hellenischen 
Schönheitsideals und solche mit grotesker Gesichtsverzerrung. Wir 
fanden als zweifelhafte Votivgaben allerlei keramische Kunstwerke 
aus hellenistischer Zeit, bei denen zum mindesten pathologische 
Bildungen Modell gesessen, nirgends aber landen wir die Krankheit 
als solche, die Blindheit, den Schlagfluß, so realistisch dargestellt 
wie auf den Huacos aus dem Inkareiche. Das muß einen be- 
sonderen Grund gehabt haben. Und diesen hätte man zunächst ver- 
folgen müssen, bevor man an die Unterscheidung bestimmter Krank- 
heitstypen ging. Dieser Schatz an Krankheitsdarstellungen hat aber 
für die vorliegende Arbeit einen so besonderen Wert, daß er eine 
Behandlung des Gegenstandes in voller Breite begründet; denn wollte 
man ein Paradigma aufstellen oder die Vorbedingungen zurecht- 
rücken für die Wertschätzung der Skulptur der Krankheit, man hätte 
keine bessere theoretische Unterlage finden können. Ein Volk ohne 
Schrittsprache, welches, bevor es von dem grandiosen Höhepunkt 
einer erdständigen Kultur durch eine Handvoll Abenteurer, die 
aus einer anderen Welt kamen, gestürzt wurde, hat uns ohne weitere 
Erklärung eine keramische Sittenschilderung hinterlassen. Die kleinen 
Kunstwerke liegen vor uns, unter diesen massenhafte Krankheits- 
darstellungen. Nun zeigt uns, was ihr damit anzulangen wißt. 
Sind das, was da auf den Krügen plastisch hervortritt oder auch 
gemalt erscheint, mvthologische Phantasien, sind es die Zeichen 
grausamer Bestrafung oder Verstümmlungen Kriegsgefangener? Ist 
es Krankheit, Lepra oder Lues oder Lupus; ist es vielleicht nur das 
wiederkehrende Bildnis eines Märtvrers? An der Hand dieser Ton- 
bilder kann man den Wert oder den Unwert dieses ganzen Grenz- 
gebietes der Medizingeschichte abhandeln. Wir werden sehen, wie 
naive Forscher, auf ihrem Gebiete große Gelehrte, über die entlernte 



GESCHICHTLICHES. 



393 



Ähnlichkeit stolperten und sich zu unberechtigten Schlüssen ver- 
leiten ließen; wir werden aber auch sehen, daß Fachmänner sich 
täuschen ließen in der Scheidung von Echtem und Unechtem, der 
Beurteilung von Tatsächlichem, Wahrscheinlichem und Möglichem. 
Bevor wir aber den Schlüssel zu dieser Kunstsprache des Inkavolkes 
suchen und vom mediko- historischen Standpunkt das Erbe dieses 
Kulturvolkes in den Resten, die spanischer Goldhunger übrig ge- 
lassen, prüfen, müssen wir zur Erkennung des Bildes Vorbemer- 
kungen machen. 

Das alte Kulturvolk der Inkas, welches ungefähr im Anfang des 
13. Jahrhunderts mit Manco-Capac als dem ersten Inka das Reich 
von Cuzko offenbar auf den Trümmern einer älteren Kultur auf- 
baute, erlebte unter der absolut regierenden Dvnastie der zwölf 
Inkakönige einen Hochstand der Kultur, der namentlich in staats- 
geschichtlicher und sozialer Beziehung ohne Beispiel ist; das Staats- 
wesen der Inkas, das Reich Tahuantinsuyu auf dem südamerikani- 
schen Hochplateau, dart als wirklich sozialistisch regierter Großstaat 
mit rein theokratisch-absolutistischer Spitze betrachtet werden. Uns 
interessiert nur die nichtpolitische Seite ihres Kulturlebens, und ein 
gütiges Schicksal, die Gunst klimatischer Verhältnisse, hat es be- 
wirkt, daß trotz der vandalischen Zerstörungen der spanischen Kon- 
quista Pizarro und seine Abenteurer noch so viel von der technischen 
Seite ihrer originellen Kultur übrig ließen, daß wir uns ein ursprüng- 
liches Bild von dem Volke und seinen Gewohnheiten machen können. 
Der Salpeterreichtum der Erde und die Trockenheit der Luft hat an 
vielen Stellen der Gräberfelder uns wirkliche Totenstädte hinterlassen; 
und da die Inkas auf den Totenkultus und die Art der Bestattung: 
eine ungewöhnlich große Sorgfiüt verwandten und die Toten in ihren 
Kammern mit einer ganzen Ausrüstung für ein Jenseits ausstatteten, 
so spricht aus diesen Gräberfunden wirkliches Leben zu uns. Es ist 
ein besonderes Verdienst der deutschen Regierung, sowohl an Ort 
und Stelle, aut den Totenfeldern von Ancon, die geeigneten Nach- 
forschungen angestellt zu haben, als auch die großen Sammlungen 
für das Berliner Museum für Völkerkunde erworben zu haben. 



394 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Durch die Unterstützung von Exzellenz Bode und das Ent- 
gegenkommen des Herrn Prot. Sei er konnte ich den Bestand des 
Berliner Völkerkundemuseums eingehend studieren, sowohl die 
Sammlung Graetzer als auch Baessler; des weiteren habe ich das 
Material des Britischen Museums und des Louvre sowie den etwas 
größeren Bestand der Wiener Sammlungen und die Keramiken des 
Museum Kircherianum in Rom untersucht. Mittlerweile ist, wie 




Orig.-Au/n. Bfrthi, l'citkcrkitnjemuseicin. 

Fig. 283. Gesichtskrug mit der Darstellung eines normalen Altperuaners. 



es scheint, ein nationales Interesse im eigenen Lande erwacht, und 
wie ich aus den neuesten Publikationen des in dieser ganzen Frage 
führenden Kollegen Albert S. Ashmead') entnehme, sind mittler- 
weile neue interessante Funde gemacht, neue Kollektionen angelegt"). 
Unter den Fundstücken aus den Gräbern zeichnen sich neben 
den wunderbaren Produkten einer vollendeten Webekunst, einer be- 



') American Journal of Dermatol. St. Louis 1909/10. 

'-) Privatkollektion von M. Velez Lopez, von Salinas Jimenes, s. in der Presse Medicale 
Nr. 85, 1909 bei M. VOlez. 



GESCHICHTLICHES. 



395 



sonders hohen JuweHertechnik, die Fülle der sogenannten Huacos 
besonders aus. Der Huaco ist eine Art von Bierkrug, der, wie alle 
Gegenstände, die zum Gebrauch des täglichen Lebens bestimmt 
waren, kunstgewerblich geschmückt und verziert war. \'on diesen 
Krügen, in denen das Maisbier (die Chicha) aufbewahrt und aus 
denen der Met wohl auch getrunken wurde, gab man den in 
Tüchern eingewickelten Toten oft zahlreiche mit in die Grabkammer. 
Die goldenen und edelsteingeschmückten und mit zierlichen Mosaik- 





Fig. 284. 



Orig.-Phot. Beriin, Altes Mnsein/i. 

Fig. 285. 



Archaisch-attische Gesichtsvasen. 



arbeiten und sonstigem Juwelierfleiß montierten Prachtstücke fielen 
der Goldgier der spanischen Konquistadoren zum Opfer und wurden 
meist eingeschmolzen; aus dem spärlichen Rest des aut uns Ge- 
kommenen ersehen wir noch die Größe und die Kunst des Zer- 
störten. Das gewöhnliche Material war der gebrannte Ton; das 
ganze Leben und Treiben des Volkes lernen wir durch die plastische 
Bearbeitung des Tones kennen, und bilden diese plastischen 
Schilderungen eine willkommene Ergänzung zu den unzuver- 



396 



KRAXKHEITSDARSTELLUNGEN. 



lässigen mündlichen Überlieferungen der späteren Inkahistorie von 
Freund und Feind. 

Betrachten wir zunächst, um uns die Züge eines normalen Alt- 
peruaners vorzustellen, einen Gesichtskrug (s. Fig. 283) aus der 
Berliner Sammlung, wie ein solcher in vielen Variationen häufig 
vorkommt. Dabei können wir aus der Charakteristik der Züge mit 

Sicherheit annehmen, daß wir 
einen Porträtkrug in der Hand 
haben. Die Ähnlichkeit wird 
wohl noch durch das mit der 
rötlichen Hautfarbe des In- 
dianers übereinstimmende Ko- 
lorit des Tones eine gesteigerte 
gewesen sein. Obwohl nun 
solche JPorträtkrüge zunächst 
vielleicht nach dem Modell ge- 
arbeitet waren, so finden wir 
doch auch Gefäße von einer 
mehr schematisierenden Arbeit. 
Weitere Unterschiede bringt der 
hundertfältig variierte Kopt- 
schmuck. Die seitlichen Falten 
des weißen Gewandes verdecken 
die künstlich durch Ohrpfiöcke 
vergrößerten Ohren. Nach 
diesen Kennzeichen des adligen Inkageschlechts nannten die Spanier 
die ganze Sippe Orejones, die Großohren. Besonders weisen wir 
mit Rücksicht auf die späteren Gesichtsveränderungen auf die kühn 
gebildete Nase hin, den scharf geschnittenen Mund mit breiter Ober- 
lippe und ausgeprägter Medianfurche. 

Zum Vergleich mit der Technik dieser Gesichtsdarstellung be- 
trachten wir den schönen archaisch-griechischen Krug der Berliner 
Vasensammlung; hier ist nur Komposition, keine Natur (s. Fig. 284 
u. 285). Eine auftallend ähnliche Gesichtsbildung dagegen zeigt ein 




Orig.-Phot. l'ictoria and Albert Miiseiitn. 

Fig. 286. Gesichtskrug. 
Flämische Arbeit des 13. Jahrh. 



GESCHICHTLICHES. 



397 



Bronzekrug aus dem Kensingtonmuseum in London (Fig. 286). Dieser 
wolil der Renaissance angehörende Krug erinnert von neuem daran, 
wie der menschliche Geist auch ohne irgendwelche gegenseitige Be- 
einflussung zu den verschiedensten Zeiten zu ähnhchen \^orstellungen 
und damit auch zu ähnhchen Leistungen kam. Die figürhche Ent- 
wickhing des ganzen Gefäßes überhaupt oder einzelner Teile des- 
selben in der Richtung von Körper- und Gesichtsform finden wir 
übrigens schon als Ornament prähistorischer Tongefäße; dieselbe 
Erscheinung kehrt bis zum heutigen Tag immer wieder. 

Als Überleitung zu den Darstel- 
lungen von Krankheitsveränderungen 
betrachten wir nun einen Huaco, der 
eine bei den Inkas vielfach vorkom- 
mende Schädeldetormität plastisch zum 
Ausdruck bringt, den sogenannten 
1 n k a t u r m s ch ä d e 1. Ich mache 
dabei noch besonders aufmerksam auf 
die eingedrückte Stirngegend und die 
auffallende Konvergenz der Orbitae 
und die Schielstellung der Augen. 
Ein Wort an dieser Stelle über die 
Schädelform! Die Ansicht Rankes, 
daß sie das zufällige Produkt der Hal- 
tung des Kindes in der Wiege sei, 

mag für gewisse Volksstämme zutreffen, für die Inkas scheint eher 
die hippokra tische Erklärung der Skythenschädel, die absichtlich 
den Neugeborenen Kopfbinden anlegten und die weichen Knochen 
nach der Geburt formten, zuzutreffen. Dafür spricht neben den 
anderen körperlichen Abzeichen der Kaste, den Ohrpflöcken und 
Tätowierungen , auch die seltsame Art der Kopfbedeckung gerade 
bei den Trägern solcher Deformität (s. Fig. 287). 

Um nun den Leser gewissermaßen an der Auflösung dieses 
Rätsels zu interessieren und seine geübte Diagnosenstellung in den 
Dienst dieser Frage zu stellen, beabsichtige ich zunächst eine Reihe 




Fig 



0>ig.-A:i/n. 

2S7. Schielender Altperuaner 
mit Turmschädel. 



398 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



charakteristischer Krankheitstypen hier im Bilde vorzuführen mit 
einem kurzen Hinweise auf die bestehende Veränderung. Hat sich 
dann der Leser eine Vorstellung gemacht von der xA.rt dieser Krank- 
heitsdarstellung, so wollen wir die historische Diagnose entrollen 
und die Ansichten der Autoren hören. Zum Schluß dieses Inka- 
kapitels werde ich in dieser strittigen Frage meine vielfach ab- 




f 




Fig. 2S9. 
Derselbe Kopf im Profil. 



Fig. 2S8. Huaco mit Gesichtsdeformation. 



weichende Ansicht zu begründen versuchen und das Beweismaterial 
vorführen. 

Als Gegenstück zu unserer ersten Abbildung finden wir auf 
Fig. 288 das durch Krankheit veränderte, aber in seinen Trümmern 
noch edle Antlitz. Das Charakteristischste ist der kleine starrwandige, 
schiefgestellte Mund und der Verlust der Vordernase. 

Auch nach Abzug der Tätowierungen und der Beschädigung 
der Oberfläche dieser immerhin mindestens 300 bis 600 Jahre alten 
Keramik bleiben an der Gesichtshaut deutliche Narben erkennbar. 



KRANKHEITSFALLE. 



399 





10 



Betrachten wir diesen Kopf im Protil, so ist der Grad der ver- 
zerrenden Entstellung der zentralen Gesichtspartie ein noch mehr 
in die Augen fallender (s. Fig. 289). 

Wenn wir in der Betrachtung weiterer Krankheitstypen fort- 
fahren, so greifen wir einen Kopfkrug heraus, bei welchem eine 
direkt grauenvolle Realistik zutage tritt. Ein Zw^eifel, daß hier eine 
zielbewußte Krankheitsschilderung vorliegt, kann überhaupt nicht 
aufkommen. Wir sehen einen 
mit einer Art von modernerer 
Mütze bekleideten jüngeren 
Menschen, bei welchem das 
rechte Auge fehlt; die Lidspalte 
ist angedeutet, der Orbitalrand 
springt mächtig vor; dahinter 
die leere Augenhöhle. Im Ge- 
gensatz dazu drängt sich aus 
der erweiterten linken Lidspalte 
gewissermaßen der Bulbus her- 
aus; das Symptom der fehlen- 
den Schließfähigkeit der Lider ist 
dadurch stark betont; der Mund 
ist breit, die linke Unterlippe 
stark hängend, die ganze linke 
Seite starr und gelähmt (siehe 
Fig. 290). Als Gegenstück hier- 
zu erscheint uns die xMundbil- 

dung des Blinden interessant, welcher trotz seiner gleichtalls bei 
ihm vorhandenen linken Fazialislähmung und dem vollkommenen 
Schwund seiner beiden Augen die Zeichen lebendiger Mitteilsamkeit 
in sich trägt (s. Fig. 291). 

Auf dem folgenden Bilde (s. Fig. 292) haben wir einmal einen 
ganzen Krug abgebildet. Wir können auf ihm die Beobachtung 
machen, daß das Gesicht dem Künstler beinahe die einzige reizvolle 
Aufgabe ist, daß er den übrigen Körper, namentlich Hände und Füße, 





Orig.-Aii/u. Berlin, Wüki-rkundfmuseum. 

Fig. 290. Huaco mit Darstellung linkseitiger 
Fazialislähmung und einseitigen Augenverlustes. 



400 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



nur skizzierte, manchmal auch nur farbig andeutete. Wir sehen hier 
einen alten Blinden mit erloschenem Blick und deutlich sichtbaren 
Ohrpflöcken, mit über Kreuz gelegten Beinen dasitzend und die 
Flöte blasend. Um die Reihe dieser so ungemein häufigen Blind- 
heitsdarstellungen zu vervollständigen, bringen wir noch die Ab- 
bildung eines Huaco, der einen Blinden in hockender Stellung 

zeigt, mit einer geradezu ver- 
blüffenden Wiedergabe des Blind- 
heitausdrucks (s. Fig. 293). 

Wir haben bei der Skulptur 
der Blindheit über die Schwierig- 
keiten ihrer technischen realen 
Wiedergabe gesprochen; hier an 
diesem kleinen wertlosen Werke 
einer primitiven Töpterkunst ist 
das Problem des in die Ferne ge- 
richteten inneren Blickes und des 
trostlosen Dahinstarrens restlos 
gelöst. Will man sich eine Idee 
machen von der Künstlerschaft 
dieser Inkatöpfer, so betrachte 
man die bei ihnen häufigen Dar- 
stellungen des behäbigen satten 
Schlafes. In dem Kontrast zwi- 
schen diesen beiden Typen liegt die ganze Skala leidenschaftslosen 
Mienenspieles. 

Die nächsten Abbildungen zeigen nun Tvpen aus dem so viel um- 
strittenen Gebiet der Nasen- und Munddefornfität. Wir wollen uns 
an dieser Stelle noch nicht auf eine differentielle Diagnose über- 
haupt einlassen, sondern zunächst an charakteristischen Beispielen die 
Art der sich vielfach wiederholenden und in allen möglichen Varianten 
vorkommenden Veränderungen zeigen. Da sitzt vor uns mit unter- 
geschlagenen Beinen ein Mann, der eine schwere Zerstörung der 
zentralen Gesichtspartie hat. Der Mund und die Xase sind gewisser- 




Orig.-Aufn. Berlin, Völkerkujtdemuseurn, 

Fig. 291. Huaco mit Darstellung von 
Blindheit und Lähmung. 



KRANKHEITSFÄLLE. 



401 



maßen zu einer Öffnung geworden, wobei sich allerdings die seit- 
lichen Mundpartien intakt erhalten haben. Die Nase selbst erscheint 
nicht etwa wie abgeschnitten, sondern man bekommt den Eindruck, 
daß ein geschwüriger Krankheitsprozeß Nase, Scheidewand und 
Nasenknorpel von innen vernichtet hat. Diesen geschwürigen Zer- 
fall von Lippe und Naseninnerem mit der so eklatanten kailösen 
Schwarte in der Umoebune; demonstriert 
noch deutlicher der nächste Huaco (siehe 
Fig. 293). 

Die Konsumtion hat hier alle Gewebe 
rücksichtslos ergriffen, und es scheint zum 
mindesten noch fraglich, ob in dem hier 
dargestellten Status der phagadenische 
Prozeß noch im Gange, oder ob be- 
reits eine Vernarbung vorhanden und die 
Krankheit erloschen ist. Die nächsten 
Bilder bringen weitere Tvpen solcher De- 
struktionen. Der l'opt (Fig. 296) zeigt 
außer der Nasendestruktion noch Schnitt- 
narben im Gesicht, die wie Operations- 
wunden aussehen. Bei dem Huaco (siehe 
Fig. 297) fällt neben der Zerstörung der 
Nase die Infiltration der Lippen ganz besonders auf, und würde 
zunächst jeder gerade diesen fiuaco tür eine unzweifelhafte Lupus- 
darstellung halten. Einen Schwellungszustand des ganzen Ge- 
sichtes zeigt Fig. 298. Die starre Infiltration hat dem Antlitz 
einen geradezu kläglichen Ausdruck verliehen und zu einer Ver- 
schwellung der Augen geführt. Aus der Unsumme von immer 
wiederkehrenden Typen, von denen sich etwas anders nuancierte 
Exemplare in allen Sammlungen befinden, bringen wir die Ab- 
bildungen zweier Tongesichter, die zunächst wie karikierte Couleur- 
studenten aussehen. Die Kopfbildung erinnert stark an unser 
zweites Bild mit Turmschädelbildung. Depression der Nasenwurzel 
und der Stirngegend; an ihrem Kopfputze ist ein rundes Stück 




■^.•Aufii. P-i-rlhi, l'olkerkintdciHUS . 

Fig. 292. 
Blinder Flötenspieler. 



Holl.Tnder, Plastik und Medi: 



26 



402 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



ausgespart, welches die nackte Haut zutage treten läßt: ein Hin- 
Aveis darauf, daß es sich wohl um eine absichtliche Kopfdefor- 
mierung handeln soll. Diese Gesichter zeigen ziemlich regelmäßig 
die bizarrsten Mundstenosen und Nasenverluste. An den beiden 
vorliegenden Beispielen (s. Fig. 301 u. 302) erkennen wir noch 
ganz auffallende Tätowierungen, die gelegentlich den studentischen 






W^ 



Oyig.-Au/u. Berliti, Vblkerkttndemuseum . 

Fig. 293. Blindheit. 



Orig.-Aii/n. Berliit, V'ölkerkitndentusejnn. 

Fig. 294. 

Geschwürsbildung der zentralen 

Gesichtspartie. 



Eindruck steigern. Obwohl wir ja wissen, daß die Schriftsprache 
diesem Kulturvolke unbekannt war und daß sie nur in Knoten- 
bildungen an Kordeln und Seilen gewisse mnemotechnische Hilfen 
hatten, so glaube ich doch in der verschiedenartigen Tätowierung 
einen Hinweis zu linden, daß durch deren /\.nordnung bestimmte 
Vorstelluns:en oewissermaßen schriftlich zum Ausdruck gebracht 



KRANKHEITSFÄLLE. 



403 



werden sollten (vielleicht Abstammungs- und Kastenzeichen, De- 
korationen, Strafen). 

Von Anbeginn haben dann die folgenden Typen, namentlich 
den Spezialisten für Syphilis, Veranlassung gegeben zu gelehrten 
Auseinandersetzungen. Das Besondere dieser Typen ist der Nasen- 
schwund, das Klaffen des Mundes, die Sichtbarkeit großer, oft 
defekter Zähne und der Schwund der Oberlippe. Diese hat sich 




Orii^.-.i '■•'/, l'ölkerkiindeuiuscittn. 

F'g- 295. Geschvvürsbilduny der zentralen Gesichtspartie. 



meist so retrahiert, daß nur noch eine feine Linie vorhanden ist, 
die sich auf der Photographie deshalb geringer von dem prominenten 
Oberkiefer scheidet, weil am Original der Farbenunterschied zu Hilte 
kommt. In noch grandioserer Form zeigt angeblich die Schreck- 
nisse dieser Erkrankung ein Topftypus, der der Häufigkeit nach an 
erster Stelle hätte genannt werden sollen. Es sind das Figurinen, 
die einen Topt krönen, meist in der hockenden Stellung eines Tam- 



404 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



bourschlägers. Die Gesichter dieser Personen zeigen alle beschrie- 
bene Mutilationen im stärksten Grade (s. Fig. 296, 299 u. 500). 
Aus der noch erheblich zahlreicheren Folge von Gesichtsver- 
änderungen, welche zwischen diesen verschiedenen Formen hin und 
her schwanken, werden wir später bei der spezielleren Betrachtung 
noch Gelegenheit haben, die eine und die andere Variante kennen 




Fig. 290. Operatiunsnarben. 




Orig.-Aufn. Berlin, l'olkerkundt'fnttseutii. 

Fig- -97- Lupusähnliche Defigurationen. 



ZU lernen. Wir müssen nun noch die Auflösung des großen Rebus 
durch weitere Zugaben erschweren, denn neben den Gesichtsver- 
änderungen finden wir Erkrankungen des Körpers, vor allem Ex- 
tremitätenverluste, die oft mit den beschriebenen Gesichtsverände- 
rungen zusammen vorkommen. Zur Erhärtung dieser Tatsache 
zeigen wir einen Huaco des Berliner Museums, der einen liegenden 
Mann darstellt (s. Fig. 303); beide Beine fehlen vom unteren Drittel 
abwärts. Statt dessen sieht man 



ein sich häufig wiederholender 



KRANKHEITSFALLE. 



405 



Befund — am linde des Stumpfes eine Einkerbung. Das Ende 
sieht aus wie ein Amputationsstumpt mit eingezogener Narbe. 

In ähnlicher Weise sind die unteren Gliedmaßen vieler Tam- 
bourinschläger behandelt. Ausgeschlossen ist bei diesen Füßen die 
mehrfach ausgesprochene Annahme, die sonst zutreffen kann, daß 
es sich nur um eine skizzenhafte Behandlung der Extremitäten ge- 
handelt haben könne. Wir werden in folgendem den Beweis er- 
bringen, daß es sich hier um den Verlust der Gliedmaßen handelt. 




Ori^ -Aiiftt. Berlin, i olkerkiniticninseiin 

Fig. 298. Diffuse Gesichtsscliwellung. 



Ein sehr interessanter Huaco, dessen Henkelkrug abgerissen ist, zeigt 
uns die nächste Abbildung (s. Fig. )04u. 303). Über den ganzen Körper 
des Unglücklichen sind Tumoren oder, um uns noch vorsichtiger 
auszudrücken, Beulen zerstreut, nur das Gesicht und die Hände sind 
frei. In der einen Hand hält der Patient ein Instrument, welches 
ich mir, da die Photographie im Stich läßt, noch einmal besonders 
habe zeichnen lassen. Sonderbarerweise hat der Wiener gelehrte 
Professor J. Neu mann') in diesem Ausschlage mit Bestimmtheit 



') über die an den altperuanischen Keramiken und anthropomorphen Tongefäßen darge- 
stellten Hautveränderungen mit besonderer Rücksicht auf das Alter der Syphilis und anderer 
Dermatosen von Prof. J. Neumann, Wien 1905. 



40 6 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



unter Ausschluß ähnlicher Affektionen das l'ibroma molluscum 
sehen wollen. 

Es sei noch erwähnt, daß zahlenmäßig solche Körperschäden 
viel seltener vorkommen, als die Gesichtsveränderungen. 




Orig^.-Au/it. Berlin, l\ilkvrku>i(ieinusfiu)i. 

Fig. 299. 

Literatur'). Über die altperuanischen Tonliguren existiert bereits 
eine stattliche Literatur, und mit der Deutung dieser pathologischen 
Darstellungen haben sich gelehrte Forscher abgegeben. Soweit ich 
ersehen kann, hat im Jahre 1893 Albert S. Ashmead Canadensis 
die Diskussion in der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Eth- 
nologie und Urgeschichte durch ein Schreiben an Virchow er- 
öffnet, in dem er an den mit peruanischen Mumien ausgegrabenen 
Töpfen Veränderungen und Verstümmlungen im Gesichte der 
Porträtierten beobachtete, die seiner Meinung nach, im Gegensatz 
zu der von Dr. xMuniz ausgesprochenen Ansicht, auf keinen Fall 
»the work or consequence of leprosy« waren. Fr fragt nach 

') Buchangabe s. im Literaturverzeichnis. 



DIAGNOSE. 



407 



Knochenfunden mit Mutilationen. In der Diskussion hierzu sagt 
Rud. Virchow, daß er bisher noch nie unter seinem großen 
Knochenmaterial aus präkolumbischer Zeit einen amerikanischen 
Knochen mit Syphilis gefunden habe. Später wiederholt er die- 
selben Bemerkungen in noch prägnanterer Form, anerkennt jedoch, 
daß die geschilderten pathologischen Veränderungen bei den Inkas 
auf Lepra, doch auch auf Syphilis bezogen werden könnten. So 
sehr er den originellen Versuch, auf diese Weise aut die Geschichte 
der Syphilis Licht zu werfen, billigt, vermißt er bisher wirkliche 
Beweisstücke. 

1897 war dieser Gegenstand in die Diskussion der internationalen 
Leprakonferenz eingefügt. Unter Wie- 
derholung der bisherigen ^Tatsachen 
teilt Virchow mit, daß Mr. Ash- 
mead als wehere Argumentation sei- 
ner Verneinung der präkolumbischen 
Lepra an die Konferenz zehn peru- 
anische Tongefäße in photographischer 
Reproduktion übersandt habe, bei 
denen nicht nur dieselben, bereits be- 
schriebenen Verstümmlungen der Vor- 
dernase und der Oberlippe vorhanden 
waren, sondern bei denen auch vier 

Figuren amputierte Füße zeigten. »Was auch die an den Gesichtern 
dargestellte Krankheit war,« sagt er, »sie muß sehr häufig von einer 
Krankheit der Füße begleitet gewesen sein, welche die Amputation 
nötig machte, und zwar nicht eines Fußes, sondern beider.« 
Virchow konnte der Konferenz eine Reihe ähnlicher Tongefäße 
aus dem Museum für Völkerkunde vorlegen, bei denen Wilhelm 
V. d. Steinen dieselben Verstümmlungen der Nase, Oberlippe 
und Unterschenkel konstatiert hat. Virchow erkannte an, daß 
diese Darstellung ein starkes Argument dafür abgäbe, daß es sich 
um lepröse Verhältnisse handele, für Syphilis sprach seiner Ansicht 
nach nichts. Der Kongreß selbst trat in keine Erörterung über den 




Ori£.-Au/n. Beriin, Volkerkiindfmusemu . 
Fig. 300- 



4o8 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Gegenstand ein. nur Polakowsky betonte, daß er bei seinen histo- 
rischen Studien über die Geschichte der Entdeckung und Eroberung 
des spanischen Amerikas nie eine Andeutung gefunden habe, wonach 
die Spanier die ihnen wohlbekannte Lepra bei den Eingeborenen 
vorgefunden hätten. Die Nachricht, die einzige, die nach dieser 
Richtung hin von Wert sei, daß jimenez de Quesada, der Eroberer 





uiuu'inusetiiii 



Ori^.'Aii/tt. /),'/;/,-, )' . 

Fig. 301. Schwere Schädel- und Gesichtsveränderung. 



von Kohunbien, sich die Lepra von den Eingeborenen zugezogen 
habe, bestreitet Professor CarrasquiMa aus Bogota auf Grund der 
Originaldokumente der Geschichte des Eroberers. Nach diesen ging 
der Eroberer etwa zwölf Jahre nach der Gründung Bogotas nach 
Spanien zurück, holte sich von dort etwa 1350 sowohl Svphilis wie 
Lepra. Unter der Motivierung, daß die Lepra bei ihren Mutilationen 
mit Vorliebe die Hände ergreife, was auf den Vasen bisher nicht 



DIAGNOSE. 409 



beobachtet sei, deutet er die Verstümmlungen in Übereinstimmung 
mit Carras q u illa als Zustände bestraften Verbrechertums, um so 
mehr als die grausame Justiz der alten Peruaner bekannt sei. In 
der weiteren Diskussion über diesen Gegenstand läßt sich aber zu- 
nächst hierfür keine sichere und einwandfreie literarische Begrün- 
dung linden, und entspricht es auch durchaus nicht dem Charakter 
dieses Volkes, sich durch zahlreiche Verstümmlungen mit unbe- 
quemen, nichts verdienenden Müßiggängern zu belasten. Die 
Nachfrage, welche in konsequenter Verfolgung dieser Angelegenheit 
Polakowsky anstellte, ist interessant und wichtig genug, um 
hier in ihren Resultaten niedergelegt zu werden. Er wandte sich 
an die besten Kenner der altperuanischen Verhältnisse, die über- 
einstimmend das Vorkommen einer präkolumbischen Lepra ab- 
lehnen. Dr. Middendorf, der 25 Jahre im Lande selbst gelebt 
hat, das ganze Land kennt, hat in diesen Jahren nur drei Fälle von 
Lepra, und nur bei Ausländern, beobachtet. Während er die Ver- 
stümmlungen als Abbildungen bestrafter Verbrecher betrachtet, er- 
klärt Dr. A. S tu bei sie unbedingt für Krankheitserscheinungen. 
Die ausführlichste Auskunft und die wichtigste erteilt Dr. Jimenez 
de la Espada. Der Kernpunkt seiner Auseinandersetzung ist, 
daß die schreckliche Verstümmlung von Nase und Oberlippe, welche 
mit bewunderungswürdiger Genauigkeit an den alten Gefäßen ko- 
piert sei, das Produkt weder von Lepra noch von Svphilis, son- 
dern eine spezielle Krankheit sei, an der man früher und teilweise 
auch noch jetzt, besonders in jenen Tälern Perus leide, wo die 
Coca gewonnen wird. Die Krankheit laute bei den Peruanern 
»Llaga« und unter den Quichuas »Uta« oder »Uutta«. Das 
Verbum Huttuni bedeute das Zernagen des Mais durch die ALade. 
Diese Krankheit zerfresse das Gewebe der Oberlippe und Nase, des 
Schlundes und Gaumens und sei ein wahrer Lupus. Aus der de- 
taillierten Beschreibung des Mr. Barraillier sei erwähnt, daß eine 
allmählich gangräneszierende Entzündung mit Vorliebe die zentrale 
Gesichtspartie ergriffe, unter Umständen aber auch Hände und 
Füße. Das Volk glaube, daß die Krankheit nicht ansteckend sei. 



4IO 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



aber durch den Stich von FHegen herrühre und übertragen werde. 
Es scheint, daß Santillan eine ähnliche Krankheit (Mal de los 
Andes), eine Art von Krebs, erwähnt, die die Leute bekommen, 
welche in den Bergen die Coca einernten. Aut Grund dieser 
Mitteilungen statuiert nun P o 1 a k o w s k y unter Revision seiner 
früheren Ansichten drei Gruppen. Die eine Gruppe, die eine Art 
Trommel in der Hand haben, ein bittendes und demütiges Ge- 
sicht angenommen haben, seien Bettler, zum Teil blinde Bettler; 

da nun nach Aussage aller namhaften 
Amerikanisten, die über Peru geschrieben 
haben , Bettler im alten Peru durch- 
aus nicht existiert haben, da ferner die 
Idee, daß es sich um bestrafte Ver- 
brecher gehandelt habe, endgültig fallen 
2:elassen werden müsse, so nimmt er 
einfach und seltsamerweise an, daß diese 
Gruppe aus der nachkolumbischen Pe- 
riode stamme. Bei der zweiten Gruppe, 
die er für Kopien lebender Vorbilder hält, 
ist der Kopf künstlerisch veranschaulicht, 
Rumpf und Füße aber vernachlässigt und 
schematisiert, daher manchmal auch das 
Fehlen der Unterschenkel (!). Die dritte 
Gruppe behandele die Nasenveränderung; er bestreite nach dem Ur- 
teile von Leprakennern, daß die dargestellten \'erstümmlungen lepra- 
ähnlich wären. Der Nasenrücken senke sich, die Nasenoffnungen 
verschlössen sich, die Flügel schwellen gewaltig an und ähnelten 
einem Operngucker. Er schließt mit dem Hinweis, daß Lepra, 
Syphilis und Lupus in eine Krankheitsgruppe gehörten und erwähnt 
das Wort des Kopenhagener Dr. Ehlers, daß diese Krankheiten 
so verwandt seien wie in der Chemie die Elemente Chlor, Brom 
und Jod; ein Stadium heilloser Verwirrung in dieser Frage! 

Herr Wilhelm v. d. Steinen hatte 17 Henkeltiaschen aus- 
gesucht mit Verstümmlungen, und er wendet sich unter besonderer 




Ibi: üttWtfW' 



Orig. ■ AhJh . Berlin, Volkerhrntdeniuseuin . 

Fig. 302. 



DIAGNOSE DER KRANKHEITSSCHILDERUNG. 



411 



Berücksichtigung der amputierten Unterschenkel gegen die Ansicht 
derer, die darin nur eine ungenaue skizzenhafte Wiedergabe der 
unteren Körperhälfte sehen würden. Virchow begegnet dem Ein- 
wand des Herrn Polakowsky, welcher behauptet, daß die muti- 
lierende Form des Aussatzes eher die Hände wie die Füße ergreife, 
daß aber keine Handverstümmlungen auf den peruanischen Ton- 
gefäßen vorkommen, mit dem Hinweis, daß die Mutilation als solche 
keine direkte lepröse Erkrankungsform sei, sondern eine durch Er- 
frierung, Verbrennung und mechanische Einwirkung hervorgerufene 




Oriff.-Aufn. Berlin , l lytlcerkutidetniiseunt , 

Fig. 303. Amputationsnarben an beiden Beinen mit Gesiclitsveränderung. 

neuroparalytische Entzündung, welche je nach Lebensweise und Ge- 
brauch einmal mehr die untere, ein andermal mehr die obere 
Extremität schädigen könnte. Die Diskussion über diesen Gegen- 
stand verliert sich nun in eine uferlose Bahn. Der Gelehrte Leh- 
mann-Nitsche nimmt in der Revista del Museo de La Plata 
1898 unter dem Titel Lepra Precolombiana das Wort und spricht 
sich über die in Amerika häufig diskutierte Frage nach dem Alter 
der amerikanischen Lepra dahin aus, daß er sowohl wie andere 
Ärzte mit Bestimmtheit die dem ersten latino-amerikanischen Kon- 
greß Buenos-Ayres 1898 vorgelegten zehn Stück altperuanischer Ge- 
fäße nicht für Darstellungen von Lepra halte, daß er überhaupt die 
Existenz einer präkolumbischen Lepra verneine. Auch er neigt dazu, 



412 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ® 

die Verstümmlungen für Bestrafungen zu halten. Im »Journal of 
Cutaneous and Genito-Urinary Diseases« spricht Herr Professor 
Bandelier in einem Autsatze »Views on Huaco Pottery Defor- 
mations and precolumbian Syphilis« seine Ansicht dahin aus, daß 
die geschilderten Verstümmlungen der Ausdruck von Syphilis und 
Lupus seien, welche im präkolumbischen Amerika existiert und ge- 
blüht hätten, während es keine Anzeichen für Lepra gäbe. Wichtig 
ist auch, daß dieser an Ort und Stelle tätige Gelehrte sich über die 
Uta dahin ausspricht, daß sie im Innern Perus endemisch sei. \'on 
dieser besonderen Form der Tuberkulosis werden Spezialarbeiten 
der Herren Orrego Ugaz und Villa r erwähnt und ihre bazilläre 
tuberkulöse Herkunft betont. Virchow, der von Zeit zu Zeit 
aus diesem Streite der Meinungen und Hypothesen positive Ergeb- 
nisse zu ziehen versuchte, stellte fest, daß C a r r a s q u i 1 1 a s Ansicht 
von den Verstümmlungen definitiv fallen gelassen werden soll. 
Ashmeads Ansicht, daß die geschilderte Krankheit nicht Lepra, 
sondern Lupus, Syphilis oder Uta gewesen sei, sucht er durch 
folgende Einwände zu stürzen. Die Natur der Uta sei ihrer 
Stellung nach im pathologischen System schwankend. Die Um- 
gebung der zerstörten Nase und der Oberlippe spreche nicht für 
den Lupus; das Vorkommen aber einer präkolumbischen Syphilis 
sei unentschieden und werde durch die Tonfiguren schwerlich ent- 
schieden werden. Auch die inzwischen eingetroffene detaillierte 
Verhandlung aus Buenos-Ayres und die gleichzeitigen Mitteilungen 
von Carrasquilla bringen wenig Positives. Auch dieser For- 
scher lehnt in Verbindung mit Hansen, Brinton, Ashmead, 
Glück, So m m er, V a 1 d e z M o r c 1 die Lepra ab und bringt von 
neuem eine Reihe von literarischen Belegen für die grausamen Ver- 
stümmlungen. Jedenfalls bezweifelt Le h mann-Nitsche mit 
Ashmead den Zusammenhang der Fußverstümmlung mit den 
pathologischen Gesichtsprozessen, weil erstens immer beide Ex- 
tremitäten gleichzeitig getroffen seien , und zweitens , weil nach 
Rivero und Tschudi die damaligen Inkas von operativer Chir- 
urgie keine Vorstellung gehabt hatten. Des weiteren wird betont, 



DIAGNOSE DER KRANKHEITSSCHILDERUNG. 



413 



daß das Won Llaga nur \\\inde im allgemeinen Sinne bedeute und 
keine besondere Krankheit sei. Demnach ist der augenblickliche 
Stand (1S98) der Angelegenheit, daß es sich wahrscheinlich um 
Krankheitsprozesse handele, bei denen Llaga und Lepra auszu- 
schließen seien. Durch eine fleißi2;e 
historische Arbeit sucht Iwan Bloch 
von neuem in der Februarsitzung 1899 
die Theorie von der amerikanischen 
Lepra zu beleben. Er stützt sich dabei 
auf literarische Beweise und auf die 
korrespondierende Ähnlichkeit der von 
den italienischen Malern Giotto und 
G a d d i gemalten offenbaren Leprapor- 
träts mit diesen Darstellungen. Er sieht 
den Fehler, den die früheren Beobachter 
gemacht haben, darin, daß diese sich auf 
den Knotenaussatz beziehen, während 
den peruanischen Tonfiguren Nerven- 
lepra Modell saß. Für ihn besteht kein 
Zweifel, daß es sich um Lepra handele, 
und er ist geneigt, eine Reihe von Haut- 
erkrankungen als Überreste der alten 
Lepra anzusehen, indem er betont, daß 
die »Carate« oder »Caracha« Krank- 
heitserscheinungen verursache, welche 
entschiedene Ähnlichkeit mit Lepra 
hätten. Virchow rechnete von neuem 
mit der Möglichkeit, daß es sich um 
den Aussatz handele und betonte, daß 
tür ihn die Frage der präkolumbischen Lepra genau so offen sei wie 
die der präkolumbischen Syphilis. Im Jahre 1900 nimmt nun ein 
Dr. Richter aus Peru das Wort. Auch er beweist, daß die Lepra 
unter den Eingeborenen Perus unbekannt gewesen, daß ihnen ein 
Wort dafür gefehlt habe, und daß sie bei dem späteren Import der 




Orig^.-Au/jt . Berlin , l'olkcrkuudt'museuju. 

Fig. 304. 
Juckender Ausschlag. 



414 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Krankheit statt dessen das Wort Caracha angewandt haben, was 
eigenthch Krätze bedeute. Auch er gibt interessante Mitteilungen 
über die Utakrankheit, welches Wort die Freßkrankheit bedeute, 
also identisch mit Lupus sei. Dieselbe Krankheit führe noch eine 
Reihe anderer Namen, darunter auch Llaga. Die tuberkulöse Natur 
des fressenden Geschwürs sei allerdings nur in einem Falle von 
Dr. Flor es (Lima) durch den Nachweis der Tuberkelbazillen be- 
stätigt. Der Verlauf dauere monatelang; Ugaz habe sogar versucht, 
die Krankheit zu inokulieren, bisher ohne Erfolg. Übereinstimmend 

nehme man an, daß die Übertragung durch 
Insekten geschehe, und daß ausnahmslos 
die unbedeckten Körperstellen ergriffen wür- 
den. Innerhalb von sechs Monaten erfolge 
nach Barros teilweise oder völlige Zer- 
störung der Nase, Perforation des Gaumens, 
vollständige Verstümmelung der Lippen, 
narbiges Ektropion. Von den beigefügten 
Huacoabbildungen werden einige als un- 
zweifelhafte Fälle von Uta bezeichnet. Nach 
den Angaben Dr. Richters erfolge durch 
Verschorfung mit dem Glüheisen eine nar- 
bige Ausheilung meist ohne Rezidiv. 
Das letzte Wort hat wieder Albert xA.shmead. In dem 
American Journal of Dermatology von St. Louis legt er in einer 
Artikelserie, das Wissenswerte noch einmal zusammenfassend, seine 
Ansicht klar und spricht jetzt von Utosic Syphilis. Außerdem bringt 
er Illustrationen neuer Typen aus neuen Sammlungen und immer 
neue Hypothesen für die Entstehung der Erkrankung und der 
Krankheitsbilder. Auch erwähnte er eine mehrfach sich wieder- 
holende Darstellung einer Kartoffel (Solanum tuberosum) mit fol- 
gender Allusion. Aus den Knollen der Kartoffel wachsen zwei 
Gesichter mit den geschilderten Gesichtsmutilationen (Nasen- und 
Lippenschwund). Außerdem zeigen die Knollen aber an vielen 
Ecken die tvpischen Augentriebe. Betrachtet man diese genau, so 




'^^P'^>>^'^ 



Orig.- Zeichnung von v. d. Steinen. 

Fig. 305. Detail. 



^ DIAGNOSE DER KRANKHEITSSCHILDERUNG. 415 

findet man statt der Wurzeltriehe, daß hier die Kartoffeischale von 
spitzen Nasen durchbohrt wird, manchmal wird auch der ganze 
Nasenansatz mit der Augenpartie schon sichtbar. Die gegebene 
Erklärung für diese seltsame Bildung ist gewunden und wenig ein- 
leuchtend. Ich meine aber, daß eine Deutung dieser Formverbin- 
dung der Kartoftel mit angeblicher Krankheit eine ungezwungene sein 
muß, wenn sie Anspruch auf Wahrscheinlichkeit machen soll. Nichts 
ist aber schwerer, wie aus Form und Emblemen sich mythologische 
Vorstellungen zu rekonstruieren. Das sehen wir ja z. B. auch bei 
der ägyptischen Religionsgeschichte. Und neue Schwierigkeiten 
erwachsen aus den volkstümlichen Vorstellungen , die oft abseits 
von der offiziellen Regierungsreligion liegen. An derselben Stelle 
bildet dieser gelehrte Autor Koitusszenen ab, bei denen der aktive 
Teil Nasenverstümmlungen zeigt. Ein Zweiter ist offensichtlich 
auch noch blind. »Why depict this act at all, if not to show con- 
nection with thc diseased face?« Nun, wir hoffen, für all diese 
Dinge ziemlich einwandsfreie und weniger gewagte Antworten zu 
geben, deren Begründung nicht in Fragezeichen liegt, sondern in 
dem Beweismaterial der Töpfe selbst und analogen Vorstellungen 
anderer primitiver Völker. 

Die Aufgabe, die sich uns bietet, und die besonders reizvoll 
ist für jemand, der sich mit Vorliebe auch als Operateur mit den 
Destruktionen des Gesichtes beschäftigt hat, gestaltet sich demnach 
folgendermaßen. Es wäre lächerlich, durch vergleichendes Bilder- 
material den Behauptungen so bedeutender Männer mit autoritativen 
Ansichten irgendein Superarbitrium hinzuzufügen, denn das hieße 
da ein Gutachten geben, wo ein Wahrspruch nötig ist. Doch vor 
diesem Spruche ist es Vorbedingung, einmal klipp und klar es aus- 
zusprechen , daß eine behauptete Klassifikation einer E r- 
k r a n k u n g aus einer bildlichen D a r s t e 1 1 u n g keine n 
w i s s e n s c h a f 1 1 i c h c n W e r t beanspruchen kann. Die Diagnose 
kann richtig, sie kann aber auch falsch sein, einen positiven Wert 
wird sie auf keinen Fall haben. Wir können immer nur von einer 
Wahrscheinlichkeit, von einer Ähnlichkeit sprechen. In medizi- 



41 6 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^ 

nischer Beziehung ist man vorsichtiger; deshalb muß man es auch 
sein auf unserem Gebiet, wenn wir den Wert unserer mediko- 
artistischen Studien nicht ganz kompromittieren wollen. Nehmen 
wir an, unsere amerikanischen Tongefaße sind von so verblüffender 
Naturtreue, daß sie dem Werte einer modernen Naturaufnahme, 
wie sie die photographische Platte ermöglicht, gleichkommt, und 
gern gebe ich zu, daß im Rahmen des Möglichen die Inkakünstler 
diesem Ziele nahekamen. Da betrachte ich solche Photographien 
mit ganz ähnlicher Gesichtszerstörung von Negern aus Neu-Guinea 
und dem Bismarck-Archipel. Grauenvolle \'ernichtung der zen- 
tralen Gesichtspartie, welche unseren Huacogesichtern vielfach ganz 
analog ist. \\\\\ irgendeiner, und wenn er ein noch so intimer 
Kenner ist, die wissenschaftliche Verantwortung übernehmen, auf 
Grund dieser Abbildungen allein eine Spezialdiagnose zu stellen r 
Der objektive Forscher untersucht weiter. Prof. Dr. Friedrich 
Fülleborn vom Institut für Tropenkrankheiten, der diese Aut- 
nahmen machte, läßt die Diagnose trotz körperlicher, wenn auch 
oberflächlicher Untersuchung offen, und bezeichnet als ursächlich 
in Betracht kommend: tertiäre Syphilis, Frambösie, Lepra, Rhino- 
sklerom, Lupus und die Buba Brasiliens. Ihm selbst ist schon die 
Ähnlichkeit mit den von mir publizierten Zerstörungen auf peru- 
anischen Gefäßen aufgefallen. Er nennt diese Erkrankung der 
Südseeinsulaner Rhinopharyngitis mutilans oder gangraenosa. Dieses 
wissenschaftliche, einzig zu rechtfertigende Vorgehen verbietet, allein 
aus dem Anblick eines Kunstwerkes eine Diagnose zu stellen, und 
deshalb haben auch autoritative Urteile, wenn sie nicht alle über- 
einstimmen, keine Gültigkeit. Oder soll hier der Hammelsprung 
entscheiden? Um also positive Resultate zu erzielen, müssen 
die Begleitumstände geprüft werden; wir müssen Indizien haben, 
Analogien ziehen, um endlich zu einer Wahrscheinlichkeitsdiagnose 
zu kommen. Vor allem ist es nötig, daß der Forscher sich nicht 
durch gefällte Urteile blenden läßt, und im ganzen empfiehlt es 
sich, so unhistorisch es auch klingen mag, eigene Wege zu gehen 
und die Vorarbeiten erst dann zu studieren, wenn man selbst die 



DIAGNOSE DER KRANKHEITSSCHILDERUNG. 



417 



eigene Forschungstätigkeit abgeschlossen hat. Die Geschichte der 
Medizin kennt eine Reihe von Beispielen, daß gerade dieser Weg 
zu dem schönsten Resultat getührt hat. Die Schulmedizin wurde 
von Zeit zu Zeit aus ihrem Geleise geworfen und in neue Bahnen 
gelenkt durch Outsider, die ohne historische Belastung dem alten 
so oft angegriffenen Feinde mit neuen, bisher unerprobten Waffen 
beikamen. Ohne die Kenntnis der endlosen Debatten und literari- 
schen Kämpfe ging ich an die Untersuchung der Huacos und suchte 
mir zunächst die Frage zu beantworten : handelt es sich hier bei 
diesen a n thropomorphen Keramiken überhaupt um 
K r a n k h e i t s d a r s t e 1 1 u n g e n ? und diese so wichtige Frage kann 
ich nur t ü r einen b e s c h r ä n k t e n Teil bejahen , um dies 
vorweg zu nehmen. Und die zweite Frage, deren Beantwortung 
für die Beurteilung des Ganzen ausschlaggebend sein mußte, und 
die seltsamerweise von den Fachleuten überhaupt gar nicht aut- 
gerollt wurde, lautete: Welchen Sinn hatte diese seltsame Dar- 
stellungsart, zu welchem Zweck schufen die Inkaleute solch wider- 
liches Kunsthandwerk? Aus der Beantwortung dieser Probleme 
hoffte ich dann Rückschlüsse auf das Wesen der Krankheit 
ziehen zu können und der Frage näher zu treten: Spricht diese 
dem Boden S ü d a m e r i k a s a b g e \v o n n e n e k e r a m i s c h e 
Kunstsprache nur von ei n er K ra n k h ei t, einer spezi- 
fischen, die Gemüter beherrschenden Volksseuche, oder besteht die 
Möglichkeit, daß hier Krankheiten \- e r s c h i e d e n s t e r Ä t i o- 
logie geschildert wurden? Wenn ich in folgendem die Resultate 
meiner Untersuchungen mitteile, so glaube ich, in vieler Beziehung 
positive Schlüsse ziehen zu können, die der Wirklichkeit nahe 
kommen. In anderen Beziehungen aber muß man doch vorläufig 
noch ein Xon liquet verzeichnen und auf die Weiterarbeit der Fach- 
leute hoffen. 

Zu w e 1 c h e m Z ^^• e c k , in welchem Sinne schulen die 
Künstler überhaupt diese T o n b i 1 d e r ? Um ein e Beant- 
wortung dieser Frage zu erhalten, können wir nicht die Literatur 
der Inkas zu Hilte nehmen , denn dieses eigenartige \'olk hat uns 

Holländer, Plastik und Medizin. -7 



41 8 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ® 

nichts Schriftliches hinterlassen, was aus der vorkolumbischen Zeit 
stammt. Die späteren Berichterstattungen sind gefärbt und ungenau. 
Bei der Berührung mit den Spaniern ging das primitive Kolorit ver- 
loren, die spanische Tünche verwischte den ursprünglichen Cha- 
rakter. Man muß es demnach versuchen , die Lebensbetätigung, 
die Lebensauffassung dieses hochbegabten Volkes aus seinen Kultur- 
denkmälern zu studieren. Der Schleier, der seine Religionsvor- 
stellung, seine Märchenwelt dicht verhüllt, wird vielleicht dadurch 
etwas gelüftet werden. Das wertvollste Material besitzen wir nun 
in ihren kunsthandwerklichen Leistungen; sie liebten es, ihre 
Webereien mit schönen Farben und Ornamenten auszustatten und 
Szenen des täglichen Lebens hineinzuweben ; sie bemalten mit 
diesen die Keramiken und bildeten plastisch aus Ton, gelegentlich 
auch in wertvollem Material, in Krügen, Tellern und Schüsseln 
aus reinem Gold, das ganze Szenarium ihres Lebens. Ihr letzter 
König versprach sich loszulösen durch ein Lösegeld aus Gold, 
welches den weiten, großen Saal, in dem er stand, so hoch vom 
Boden erfüllte, wie er mit der Spitze seiner erhobenen Hand 
reichen konnte. Schnell füllte sich der Riesenraum mit goldenen 
Geräten, und das betrügliche Herz des Pizarro und seiner Genossen 
bebte vor Freude. Alle diese Kostbarkeiten verschwanden im 
Schmelztiegel bis auf geringe Reste. Manches birgt wohl noch 
die amerikanische Erde. Wir müssen uns an die Keramiken halten, 
die natürlich in gröberer Arbeit uns von diesem Volke, manchmal 
in grausamer Naturtreue, manchmal in poetischer und symbolischer 
Form erzählen. Neben mythologischen Figuren linden wir auf 
diesen Töpfen die Tier- und Vogelwelt dargestellt, die Bevölke- 
rung von Meer und Fluß, Berg und Tal, das Leben von Freund 
und Feind. Wir sehen die Inkas abgebildet, wie sie zur Jagd aus- 
ziehen, wie sie Fische fangen, ihre Häuser, ihre Spiele und Kriegs- 
tänze und neben realistischen Schilderungen des Einzelindividuums 
finden wir den Tierleib, Schneckenwindungen und Muscheltorm zu 
künstlerischen Ornamenten verwendet. Das Geschwinde des dahin- 
schießenden Fisches, das Schwammige der Qualle, das Schleichen 



® DIAGiNOSE DER KRANKHEITSSCHILDERUNG. 410 

des Fuchses ist ihrer Kunst Untertan. Auf einem Krug, dessen 
Außenseite sich organisch und farbenfreudig aus einem Muschelpaar 
zusammensetzt, ist z. B. folgende Szene geschildert. Eine Gruppe 
von Mäuschen schleppt auf einer Trage eine kranke Maus. Die 
Maus ist schwer, und die Träger mühen sich weidlich ab. Ein 
Mäuschen putzt sich den Angstschweiß vom Gesicht, die Invalide 
selbst fürchtet herunterzufallen und hält sich krampfhaft an der 
Bahre lest. Neben solchen reizvollen Darstellungen, von denen 
manche leicht verständlich, hnden sich oft auch solche mvthischen 
und unverständlichen Inhaltes. Was uns aber sofort einleuchtet, 
das sind die Schilderungen ihrer Lebensbetätigung. Sie zeichneten 
das Szenarium des Daseins von der Geburt bis zum Tode. 

Eine der bekanntesten Huacodarstellungen ist die mit der Ge- 
burtsszene (s. Fig. 161). In sitzender Stellung findet die Entbindung 
statt, die Hebamme entwickelt das Kind; der Mann, wie es scheint, 
stützt die Kreißende. Neben solchen Geburtsdarstellungen finden wir, 
wie das bei einem derartigen Volke beinahe selbstverständlich, die 
intime Darstellung des Liebeslebens, oft auch arger Perversitäten. 
Die Phantasie der Pompejaner ist gegen diese Inka-Erotik einseitig. 
Wir finden sie als Bildner der täglichen Gewohnheit des Essens, 
Schlafens, Toilettemachens (besonders hübsch ist ein Berliner Krug, 
aut dem eine junge Dame ihr langes Haar kämmt). Wir begegnen 
auch Szenen, die mehrdeutig sind, wie /.. B. die folgende (s. Fig. 306). 
Einer, voll des süßen Mets, oder auch ein Kranker, und dafür 
sprechen die kleinen Augen und eingefallenen Wangen, wird von 
zwei Kumpanen gestützt. Kann es da auffallend erscheinen, wenn 
in dieser allgemeinen plastischen Lebensbeschreibung die 
Nachtseiten des Lebens, Krankheit und Tod, eine Rolle 
spielen ? 

Daß die Inkakünstler mit diesen Darstellungen von Krankheit 
und Tod aber in besonders umtangreichem Maße einem Bedürfnisse 
nachkamen, datür wird eine innere Begründung vorhanden gewesen 
sein, die wir in folgendem zu erklären versuchen. 

Schon allein die Tatsache, daß wir in den Höhlengräbern die 



420 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



eingesackten Leichen umgeben linden mit Huacos, welche die di- 
vergentesten Szenen schildern — stammt doch unser ganzes Material 
aus solchen Totenstädten — , spricht mit Sicherheit gegen die Ansicht 
einiger Forscher, welche ohne Kenntnis der anderen Huacos diese 
Krankheitsdarstellungen als Witivgaben auffassen. Von nichts der- 
gleichen kann die Rede sein. Die mitgegebenen Gefäße waren die 
symbolischen Beigaben für ein anderes Leben; die Kindergräber 
umgab man mit Spielzeug; den ganzen Webeapparat und Körb- 
chen mit Instrumenten für 
allerlei Handarbeit legte man 
in die Frauengräber. 

Der Inkamann war, das geht 
aus allem hervor, ein zech- 
Iroher Geselle, und wie er seine 
ganze Umgebung und alle Ge- 
genstände seines täglichen Ge- 
brauchs kunstgewerblich ver- 
zierte und mit Vorstellungen aus 
seiner Märchenwelt schmückte, 
so auch besonders seine ver- 
schiedenen Trinkgeräte. Wenn 
er aber nun den Krug zum 
Munde führte und er sah auf 
ihm Krankheit oder Tod ab- 
gebildet, so konnte das zwei verschiedene Gemütserregungen her- 
vorrufen. Die Stellung, die der einzelne und ganze Völker dem 
Tode gegenüber einnahmen, war zu verschiedenen Zeiten verschie- 
den und ist auch im Laute des eigenen Lebens dem Wechsel 
Untertan. Zwischen dem mittleren Ruhestadium eines maßvollen 
Indiflerentismus pendelt die Auffassung zwischen den Extremen : 
das Leben nur eine W^rbereitung zum Tode — tut während des 
Lebens Buße, betet, kasteit euch und denkt jede Stunde, daß sie 
eine Vorbereitung sei für die Seligkeit nach dem Tode — und der 
vollendeten Lebensbejahung. Was trennt diese lebensverneinende 




Orig , - A u/n . Berlin , l 'ölke rk u « de m u seit » 

Fig- 306. Gruppe mit Krankem. 



ZWECK DER DARSTELLUNGEN. 



421 



melancholische Anspannung der menschlichen Seele von dem Über- 
springen des Gedankenbogens in den gegenteiligen Gefühlrausch? 
Eßt und trinkt und liebt und jubiliert, denn der morgige Tag, die 
nächste Stunde kann und wird vielleicht den Tod bringen! 

Das Emblem für diese beiden konträren Lebensauffassungen, die 
Allegorie für Lebensfreude wie für Sterbensseligkeit, war bei den 
verschiedenen Völkerstämmen das Gerippe, das 
Totenskelett, der Totenschädel. Drohte bei 
den opulenten Gastmählern des alten Roms die 
Trinklust nachzulassen, so ließ wohl der Gast- 
geber ein kleines Gerippe aus Silber »antanzen«. 
Dieser Ausdruck ist wohl deshalb der richtige, 
weil wir uns nach Petronius vorstellen müssen, 
daß ein solches bewegliches Figürchen wie 
eine ALirionette arbeitete. Larvam argenteam 
attulit servus sie aptatam, ut articuli eins verte- 
braeque laxatae in omnem partem verterentur 
(Petronius . in der cena Trimalchionis). Das 
Original aus dem Dresdener Antiquarium (siehe 
Fig. 307) zeigt noch die Vorrichtung der be- 
weglichen Extremitäten. Dem Geiste klassi- 
scher Lebensauffassung entsprechend, galt 
sicherlich solch Skelett nicht als Warnung vor 
Unmäßigkeit und Diätfehlern, sondern: sie 
erimus cuncti, postquam nos auteret orcus; 
ergo vivamus, dum licet esse bene. Plutarch erzählt in seinem 
»Gastmahle der sieben Weisen« , daß man in Ägypten ein Skelett 
in das Gastzimmer stellte, das anreizen sollte, wenngleich nicht zum 
Schwelgen und Saufen, so doch zu gegenseitiger Freundschaft 
und Liebe. Die diametral entgegengesetzte Vorstellung verband die 
frühchristliche Kunst mit der Todesvorstellung. Mit wenigen x\us- 
nahmen erfüllte das Geklapper der Menschenbeine mit Mollakkorden 
ganze Jahrhunderte. Schädel und Gerippe, halbtaule Leichname 
(schon voller Gewürm, Mäuse und Schlangen, und der Tod als 




Orig.'Aufii. Dresden, Albertinnm. 

Fig. 307. Antikes Skelett. 



422 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Hautknochenmensch) wurden das beliebteste Thema der frühen 
Kunst, das in allen Tonarten variiert wurde. Als besondere Aus- 
schmückung des Gedankens war der Totentanz zu einer 
künstlerischen Lieblingsidee geworden. Der Tod , die Fiedel 
spielend oder die Flöte blasend oder irgendein anderes Musik- 
instrument handhabend, führt im Reigen dem gleichen Ziele zu: 




l'icot . Aiinari. ^r'a^c'i. Museum. 

Fig. 308. Skelettmosaik. 



Äbtissin und Troßdirne, König und Wegelagerer. Dieses ewig 
gleiche Thema zu paraphrasieren, ihm neue Seiten abzuge- 
winnen, war künstlerischer Ehrgeiz; bis zu welchem Grade das 
gelang, möge man bei der Betrachtung des Holbeinschen Toten- 
tanzes erkunden. (Auch die Entgleisungen dieser Geschmacks- 
richtung sind bekannt. Schöne Frauen, gemalt oder als Atrappen, 



ZWECK DER DARSTELLUNGEN. 



423 



die sich bei näherem Zusehen als Knochengerippe entpuppen.) Ist 
nun aber ein solches Emblem des Todes auf einem Trinkbecher 
angebracht, so kann es diese asketisch-kirchliche Bedeutung nicht 
haben, auch nicht die Bedeutung des Giftzeichens, »trink nicht, 
oder du bist ein Kind des Todes«, und so ist auch der Vasentorso 
(siehe Fig. 309), den Schliemann in Pergamon ausgegraben, nur 
so aufzufassen, »trink bei Zeiten«. Auch die trunkene Haltung 




Orig.-Aitjn. Bfrlin, Schlieiiiann-Santinl. 

Fig. 309. Hellenistischer Trinkkrug aus Pergamon. 

des Skelettes auf der hellenistischen Vase und die durch Musik- 
instrumente und Weinbehälter bestrittenen Verzierungen deuten 
nach dieser Richtung. Angeblich als Ausdruck einer epikuräischen 
Lebensauffassung finden wir 'allerorten Skelettdarstellungen mit dem 
Hinweis auf das Vergängliche und das Ewige. 

Könnte nun der Anblick eines Mosaikbildes, namentlich, 
wenn es vielleicht an einer (jräberstelle oder in einem Baderaum 
(siehe Fig. 308) angebracht, die negierende Seite menschlicher 
Grübelei betonen, so kann die Anordnung der Skelette auf einem 



424 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Trinkkrug oder auf einem Eßtisch nur in der Richtung des Ge- 
nusses gehen'). Außer dem SchHemannhecher sah ich solche mit 
schönen Skeletten verzierte im Louvre. E. Caetan i-Lo vat el 1 i 
beschreibt ähnliche (Monumenti antichi public, per cura della Acca- 
demia dei Lincei; Vol. V. 1895 [s. Fig. 310]) silberne und bron- 
zene Skelettlarven und fügt die hier wieder- 
holten Fragmente von Trinkgefäßen bei, die in 
ihrer Ausführung sehr an die Trinkbecher von 
Boscoreale erinnern (s. Fig. 311 u. 312). Alle 
.AJUH^f^I diese Dinge sind Umschreibungen des Lebens- 
■ r'^^^^F 1 prinzips: \'itam dum vives, vive oder amici, 
• ...?'•» 1 jy,-,-, vivimus vivamus ; oder comedamus et bi- 
bamus, cras enim moriamur. 

Unter den Silber- und Goldtunden aus an- 
tiker Zeit nimmt der 1893 bei Pompeji ge- 
fundene und von Baron Edmund v. Roth- 
schild^) dem Louvre überwiesene große Schatz 
von Boscoreale eine Sonderstellung ein. Uns 
interessieren zumeist die beiden nach ihrer Form 
»modiolus« genannten Trinkbecher: illustrieren sie 
doch nicht nur in vollendetster Form die von uns 
angezogene Art der Schädel- und Skelettbecher, 
sondern beinahe überflüssigerweise erklärt die 
antike Legende aut den Bechern Zweck und 
Sitte. Der erste Becher, der die Katalogmarke 
7 trägt, ist in Hochreliefform mit einer Rosen- 
girlande geschmückt. Darunter sind große und kleine Skelette in 
lebendiger Pose dargestellt. Zwei Skelette stehen meist in engerer 
Beziehung. So das Paar neben dem Dreifuß. Es sind zwei Philo- 
sophen, die Skelette tragen noch deren charakteristischen Attri- 
bute: den Schultersack und den langen Stab. Der links stehende, 




Roi>[, Mus. Kircherianunt. 

Fig. 310. 
Antike Skelettlarve. 



') Siehe auch das Pompejanische Skelettmosaik in Neapel als Zierde eines Speisesaales, 
welches in jeder Hand Trinkgefäße hält. 

-) Argenterie du Tresor de Boscoreale, par Heron de \'illefosse. Paris lyo.;. 



ANTIKE SKELETTMARIONETTEN. 



425 



als Zeno der Athener bezeichnete, zeigt auf den anderen im Bettel- 
sack, der die Beischrift Epikur der Athener hat. Seine Geste ist 
eine beschimpiende. Über dem auf dem Dreifuß Hegenden Opfer- 
gebäck steht eingeritzt: »Der Genuß ist weitaus das Höchste«; 
andere Sprüche auf den Bechern kiuten : »Genieße während du am 
Leben bist, denn der morgige Tag ist ungewiß« — »Das Leben 
ist ein Theater«. Alles wiederkehrende Paraphrasen über das »Carpe 
diem«. Als Persönlichkeiten werden noch bezeichnet Moschion, 
Dcmetrius von Phaleron , der Athener Monimus, Menander und 
Archilochus und Sophokles. 



> '» " " tH I W »W?>l* • 





Fig- 311- 

Antike Trinkoefäße mit Skelettdarstellungen 



Reproduktion aus Caeiaiti-Lovaielli . 

Fig. 312. 



Übersetzen wir diese klassische Formel der philosophischen 
Spötterei in das Peruanische, so liegen hier Vorstellungen ideo- 
logischer Art so nahe beieinander, daß wir den engen Kreis mensch- 
licher Vorstellung wieder einmal bewundern. Wenn beide Völker, 
die eine Welt trennte, und die wirklich auf zwei verschiedenen 
Sternen hätten wohnen können , zu so verwandter mvthologischer 
Formenbildung kommen konnten, auch Gorgoneion, einem Schreck- 
bild mit herausgestreckter Zunge und übereinandergreifenden Zähnen, 
so kann die Gemeinsamkeit anderer Lebensvorstellungen nicht 
wundern. 

Wir müssen nun nach dieser notwendigen Abschweifung den 



426 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ® 

Beweis erbringen, daß ein Teil der trüber als Krankbeits- 
darstellung aufgefaßten Gesicbtsverändcrungen offen- 
bare T o t e n k r ü g e waren, d. b . Krüge, auf denen der 
Tod dem Trinker entgegengrinste und ibn zum Genuß 
aufforderte. 

Als unzweifelbaftes Beweisstück wird man den Scbädelkrug 
der Fig. 3 1 3 anerkennen. 

An diesem Schädel tällt allerlei aut; zunächst der nocb vorhandene 
Zusammenhang der Kiefer; ja es scheinen nocb Tätowierungsstriche 



f 




^"^iH 




Fig. 313- 

sichtbar. Dann aber zwei jederseits in der Schlätengegend an- 
gebrachte dunkle Vertiefungen, für die ich keine Erklärung habe. 
Sie wiederholen sich auf anderen Krügen. Besondere Aufmerk- 
samkeit verdient die Nasen-Mundpartie, deren Schwund und Kon- 
figuration schon entfernt an die beschriebenen Mutilationen erinnert. 
Daß hier, wie auch in den anderen Fällen der Schädel ungenau 
wiedergegeben ist, hängt wohl weniger, wie bei den Skelettzeicb- 
nungen des frühen Mittelalters, mit der Verkennung seiner anatomi- 
schen Beschaffenheit zusammen, als mit der Tatsache, daß die Luft 
und der Boden dieser Gegenden zu einer spontanen Mumifikation 
der Gewebe führt. Und ganz abgesehen von dem großen Toten- 
kult, den dieses merkwürdige Volk betrieb, hatte es auch sonst noch 



MUMIEN. 



427 



häuhg Gelegenheit, mumifizierte Tote zu sehen. Ich erinnere nur 
daran, daß sie den Mumien ihrer auf Thronen sitzenden Inkakönie;e 
bei Festen Reverenz bezeigten und es außerdem Hebten, den Mu- 
miensäcken, in denen ihre Toten, manchmal mehrere auf ein- 
mal , steckten , falsche Köpfe aufzusetzen , die sie kunstvoll mit 
eingelegten Augen und Xasen herzustellen wußten. Wiederum ein 
Analogen zu den Gesichtsdarstellungen der ägyptischen Mumien- 
behälter und den goldenen mykenischen Totenmasken. 

Aut dem nächsten Kruge (s. Fig. 314) ist das Skeletthafte des 
Kopfes noch deutlicher, obwohl der Schädel noch ganz in der um- 




fl 




Orig.-Aufn. Berlin, l'ülkerknndcnmseitm. 

Fig. 314. Skelettkrug. 



Ori^.'Ati/u. Berlin, lolkerkuniieiniiseum. 

Fig. 315. Mumie. 



hüllenden Kopfbekleidung steckt und namentlich auch noch die 
Ohren mit den Ohrpflöcken, den Abzeichen der Adelskaste, er- 
halten sind. 

Hat man sich die Nasen- und Mundpartie dieser Totenkrüge 
gemerkt, so wird es nicht schwer, einen Teil der angeblichen 
Gesichtsmutilationen als Todesdarstellungen, als die Por- 
trätierung der Mumien anzuerkennen. Dieses gilt z. B. auch 
von folgendem Kopfe (s. Fig. 313). 

Ein Nasenrest ist noch vorhanden. Der Mund ist klein rins- 



428 



KRAXKHEITSDARSTELLr.NGEN. 



förmig geschrumpft, die Backen eingefallen, das Leben fehlt in den 
eingelegten Augen. Das Ganze steckt noch in der Uniform. 

Dieses Starre, Leblose, Mumienhafte wird hervorragend geschil- 
dert durch die folgenden Krüge (s. Fig. 316 u. 317). 

Die starren Augen sind hier eingelegt. Das hiesige Völker- 
kundemuseum besitzt solche künstliche Augen. Dasselbe gilt von 




Orig.-Aii/tt. Bt'rlitt, lölkerkuitdfiituseum. 

Fig. 316. Mumie. 



den übergroßen Zähnen. Hier wird ein Mumienkopt geschildert, wie 
er durch die Beschaffenheit von Lutt und Boden hervorgerufen wird. 
Zur Erhaltung des menschlichen Äußern wurden nur die erloschenen 
Augen wieder eingesetzt. Der Nasenschwund ist übereinstimmend 
mit demjenigen auf dem unzweifelhaften Totenschädel. Bloß die 
Gestalt der Oberlippe macht der Deutung Schwierigkeiten. \\'ir 
finden zwar hier einen Schwund derselben, wie er tatsächlich in 



MUMIEN. 



429 



Wirklichkeit vorkommt. Die Lippe trocknet ein und zieht sich 
zurück, den Oberkiefer mit der Zahnreihe freilegend (man ver- 
gleiche ägyptische Mumien und die peruanischen Mumien des 
Museums). Der feine Saum , den hier die Töpfer regelmäßig 
markiert haben, sieht oft so aus, als wenn man dem Toten mit 
einem Schnitt zur Nasenwurzel die Oberlippe gespalten hätte (viel- 
leicht zu irgendwelcher Zeremonie oder Veranstaltung). Dieser 
Gedanke wird gestützt durch einen Topf, den ein Unkundiger sofort 
als Porträt eines Mannes mit 
Wolfsrachen oder Zwischen- 
kiefer auffassen möchte. Auch 
hier handelt es sich um den 
Kopt eines nicht mehr Leben- 
den, der in unerforschter Ab- 
sicht in dieser Weise verän- 
dert ist. Im Wiener Museum 
sah ich eine ähnliche Schnitt- 
führung an der seitlichen Ober- 
lippe. Doch wir wollen nicht 
in das Stoppelfeld von Hypo- 
thesen uns verlaufen, sondern 
nach weiteren Beweisen su- 
chen, daß ein Teil der anthropomorphen Krüge als Krankheits- 
darstellung ausfallt und zu den Toten- oder Skelettkrügen rechnet. 
Einen solchen bringt meines Erachtens die ganze Gruppe der soo-. 
blinden Bettler. 

Wir betrachten zunächst die Gesichter der Figuren, die mit 
tamburinschlagender Pose auf den Krügen sitzen. Diese Figur ist 
so typisch, die Haltung und der Gesichtsausdruck trotz aller Varia- 
tionen so wiederkehrend, daß man erst durch die Nebeneinander- 
betrachtung sich überzeugen läßt, daß hier keine Gußform ver- 
wandt wurde, sondern daß alle diese Darstellungen immer nur 
Wiederholungen desselben Vorwurfs, vielleicht auch desselben Vor- 
gangs darstellen. Mund, Nase, vorspringende Backenknochen, oft 




•Aufn. Berlin, l'olkerkundeimcseutn. 

Fig- 317- 



430 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 




Schwund der Oberlippe charakterisieren diese Gesichter unabänder- 
Hch als Mumien, Verstorbene, Hautknochenmänner im mittelalterlichen 
Sinne, die genau, wie diese musikmachend, den Totenreigen an- 
führen und zum Totentanz aufspielen. Und da sind wir wieder 
in der Auffassung für die gegenseitigen Beeinflussungen durch 
verschlagene Schiffe und Kommunikationen unbekannter Art, im 
schönsten Fahrwasser: denn diese Figuren krönen vielfach 

einen Krug, auf dem in einem 
R e 1 i e f b a n d tatsächlich der 
schönste Totentanz im mittel- 
alterlichen Sinne abgebildet 
ist (s. Fig. 318 u. 319). 

Gemalt und in Basrelief ge- 
formt, finden wir da an den beiden 
im Bilde vorgeführten Krügen 
Tote, die Musik machen. Zwei 
große Krieger mit fliegenden Ge- 
wändern blasen auf der richtigen 
hellenischen Panflöte, die größte 
l'igur auf einem länglichen Blas- 
instrument. Dazwischen stehen 
Chichakrüge; eine ganze Toten- 
familie — die ganze Gesellschaft ist 
nasenlos — tanzt nach ihrer melan- 
cholischen Weise einen Schrittanz. 
Den Beweis, daß diese noch 
im Gewand steckenden Tänzer 
Tote sind, den erbringen ähnliche Darstellungen, auf denen die 
nackten Tänzer ihr Gerippe zeigen. Grausig ist z. B. eine Ver- 
storbene charakterisiert, die ihr hohläugiges Kind mit sich schleppt. 
Dabei sind alle diese Toten so gedacht und so gebildet, wie sie 
im Leben handelten und wandelten, ganz im Bilde der klassischen 
Antike. Ihre Gesichter korrespondieren mit den Darstellungen, die 
man als Mutilation bisher bezeichnete, vollkommen. 



Orig.-Au/n. Berlin. \'olk,-rk, .,:,:,:„::,,, :,„!_ 

Fig. jiS. Totentanzdarstcllunu im Relief. 



TOTENTANZ. 



431 



Von dem einen Relief krug (s. Fig. 320) habe ich einige Tvpen 
zeichnen hissen, welche ein besonderes Interesse verdienen. So 
den einen edlen Toten mit dem Federhelm, weil dieser un- 
zweifelhaft eine Prothese trägt und sich mit seinem amputierten 
Bein ungeschickt und hinkend tortbewegt; sodann noch einen 
Totenkopf, der noch in seinem Helm steckt, und das ganze Relief- 
band des Totentanzes (s. Fig. 321). 

Ich meine, der Beweis, daß ein Teil dieser meist als Syphilis 
angesprochenen Gesichtsveränderungen sich als die Porträtierung 
des Todes, der Mumie nachweisen ließ, ist 
damit einwandsfrei erbracht. 

K r a n k h e i t s d a r s t e 1 1 u n g e n. Es hieße 
das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn 
wir durch die Erkenntnis der Mumien- und 
Totendarstellung die Krankheitsporträtierung 
als solche überhaupt in Abrede stellen 
wollten. Ganz im Gegenteil betonen wir 
ausdrücklich, daß die Inkakünstler auch auf 
diesem Gebiete Hervorragendes geleistet 
haben und alle konkurrierenden Plastiker 
anderer Zonen aus dem Felde schlugen. 
Nachdem wir nun aber diesen Einblick in 

jTi !• t TTII I Ot ig.- All/n. Berlin, l olkerkn}tdeini(sett>n. 

das Leben dieses seltsamen Volkes taten, und 

t'g- 3 IQ. lotentanzkrug. 

ihre Sitte der kunstgewerblichen Verzierungen 

würdigten, brauchen wir nicht lange mehr darüber zu diskutieren, 
welche Krankheitstorm der Gegenstand ihrer Schilderungen war. 
Gelegentlich haben sie alle möglichen Schicksalsschläge aufgenommen. 
Es würde auch sonst eine unverständliche Vergewaltigung sein, die 
von uns allein schon wiedergegebenen Krankheitstormen in ein 
System zu pressen. Es wird die Aufgabe einer Spezialarbeit sein, 
namentlich unter Zuhilfenahme der uns nicht zugänglichen Samm- 
lungen in Südamerika alle vorkommenden Erkrankungen zu regi- 
strieren und abzubilden. Unsere Aufgabe ist eine wesentlich be- 
scheidenere; wir sahen schon, daß sie Meister waren aut dem 




432 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Gebiete der Blindendarstellung, wir sahen den merkwürdigen Fall 
von einseitiger Fazialislähmung mit X'erlust des anderen Auges. 

Dieser Kopf kommt übrigens auch ohne begleitende Blindheit 
vor und mit umgekehrter Darstellung in Florenz. Es liest nahe, 
anzunehmen, daß das erste Original, nach dem diese Töpfe ge- 
arbeitet waren, einen bekannten Fall aus der Geschichte der Inkas 
repräsentierte, nach welchem später Kopien gemacht wurden ; dieser 
Kopf nahm unter den Inkaleuten vielleicht die Stellung ein, wie bei 
uns z. B. das Martyrium irgendeines Heiligen. Wenn wir uns 
noch einen Augenblick mit der Diagnose des Mannes mit univer- 




Orig.-A»/n. Berlin, l'blkerkuftdemuseutn. 

Fig. 320. Typen vom Relief. 

sellem Ausschlag beschäftigen wollen, so muß man sich hüten, 
selbst in den gemachten Fehler einer Spezialdiagnose zu verfallen 
oder wenigstens eine solche mit Bestimmtheit auszusprechen. Wir 
sehen nur einen Körper, der über und über besät ist mit Protu- 
beranzen. Diese stehen nicht auf intakter Haut, sondern sie haben 
im Gegenteil eine entzündliche Schwellung veranlaßt. Der Kontrast 
der befallenen Füße und der atrophischen freien Arme ist in die 
Augen springend. J. Xcumann motiviert seine Diagnose Fibroma 
molluscum nicht eingehend und schließt nur weiter, daß der Patient 
in seiner rechten Hand keinen Rückenkratzer, sondern ein Salb- 



TOTENTANZ. 



433 



instrument halte. Ich will an die Stelle des höchst unwahrschein- 
lichen Fibroms keine gelehrte Gegendiagnose setzen, sondern nur 
meinen, daß hier eine akute juckende, vielleicht skabiose Krankheit 
zum Ausdruck gebracht werden sollte, denn der Patient schneidet 
eine jämmerliche Grimasse; er ist nicht angezogen, sondern hat 
sich eine An von Schurzfell umgehängt, und sucht sich mit der 
rechten Hand in verzwicktester Körperstellung an einem Punkt zu 
kratzen, den er partout nicht erreichen kann. Als unterstrichener 
Hinweis hätte ein witziger Künstler auf den Bauch des Kruges ein 
entsprechendes Zitat gesetzt. Der schriftunkundige Inkamann wußte 
sich noch anders zu helfen. Das ursprüngliche Doppelgefäß gab 




if. .^tt-;iiefi. Bt^rliit, l'oUit'rl^uiniiiiiust'un 



Fig. 321. Totentanz. 



beim Ein- und x\usgießen einen pfeifenden Klagelaut von sich, wie 
solche Flötenkrüge in Peru beliebt waren. 

Extremitätenerkrankungen müssen nicht häufig gewesen sein. Ich 
habe allerdings als Krug gearbeitet nur einen unförmig geschwol- 
lenen Fuß in Erinnerung; um so häufiger sind aber Verluste der 
Gliedmaßen bekannt geworden. Wir sahen bereits bei Fig. 303 
einen Mann ohne Füße. Das Berliner Völkerkundemuseum besitzt 
einen Reitersmann, der auf einem liegenden Lama sitzt, ohne Beine 
mit der typischen eingezogenen Narbe. Beide Leute tragen im 
Gesicht die Krankheitsnarben, doch kommen auch Amputierte mit 
gesundem Gesicht zur Darstellung. Desgleichen erwähnten wir 
bereits, daß oftmals die Tamburinschläger fußlos dargestellt sind. 
Zu der Summe dieser Beobachtungen müssen wir noch den hin- 
kenden Toten mit seiner Prothese in Erinnerung bringen, und 
einen Fall, den Ashmead publiziert aus Chicama, bei dem ein 



Hollander, Plastik und Medizin. 



28 



434 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



sitzender, großohriger Mann Nasendestruktionen, Ausschlag im 
Gesicht und eine doppelseitige hohe Amputation aufweist. Wir 
finden also in großer Anzahl und bei verschiedenen Tvpen Verluste 
der unteren Extremitäten und nicht nur beider, wie dies bisher 
behauptet wurde, sowohl am Unter- wie am Oberschenkel. Gleich- 
falls überholt ist die Behauptung vom ausschließlichen Verlust der 
unteren Extremitäten. Im Berliner Museum befindet sich ein Krug 
mit offenbarer Handerkrankung, und Mr. Ashmead publizierte 

einen schönen Huaco mit sicherem Armvcrlust 
ohne Gesichtsmutilation^) (s. Fig. 322). 

Die Kombination der Gesichtserkrankung 
mit dem Gliederverlust war es, welche der Be- 
hauptung der präkolumbischen Lepra zunächst 
ihre Hauptstütze gab. Nach Abweisung dieser 
tritt die Anschauung des bestraften Verbrecher- 
tums oder der Züchtigung Kriegsgefangener mit 
Abschneiden der Nase und Abhacken der Beine 
wieder in den Vordergrund. Nachdem wir aber 
sehen werden, daß die Wundmale im Gesicht 
Krankheitseffekte sind, müssen wir auf die 
Suche auch nach anderen Gründen gehen, welche 
dieses Bild erklären. Dazu ist es aber nötig, 
den interessantesten Teil dieser Inkafrage zu- 
erst zu diskutieren, den der Zerstörung der mittleren Gesichts- 
partie. 

Um zu einer klaren Vorstellung über den Charakter der Er- 
krankung, welche zu einer Zerstörung des Mittelgesichtes 
führt, zu gelangen, müssen wir uns einige charakteristische Spezi- 
mina aussuchen, bei denen der Krankheitsprozeß möglichst rein 
und zweifelsohne zutage liegt. Denn es bleiben in der großen 
Sammlung naturgemäß immerhin zahlreiche Objekte übrig, deren 
Klassifikation fraglich ist. Bei der Überlegung, ob hier der Tod, 
die Mumie porträtiert wurde, oder ob vielleicht doch an einen 




Fig. 322. 



Reprodiilitioii . 

Amputierter. 



') New Yorl: Medical Journal 1909, Okt. 



UTA PERUANA. 



435 



Krankheitstall zu denken ist, bleibt die hypothetische Möglichkeit 
bestehen , daß wir es mit der Darstellung eines Todesfalles zu 
tun haben, der vielleicht durch diese Krankheit hervorgerufen wurde. 
Außer den bereits wiedergegebenen Typen bringen wir nun in 
folgendem noch einige neue Huacos, auf denen diese besondere 
Krankheit kraß zutage tritt. 

Der Absicht des Bildners, den Trinker zu erinnern »Genieße 
bei Zeiten«, entsprachen im wesentlichen die tertiären späten Krank- 
heitsformen ; es wird infolgedessen schwer sein, das initiale Sta- 
dium dargestellt zu finden. Mög- 
licherweise repräsentiert das Gesicht 
(s. Fig. 298) mit den vollkommen 
verschwollenen Gesichtszügen ein sol- 
ches. Jedenfalls muß dem Zerfall der 
Nase eine Intumeszenz in dieser oder 
ähnlicher Art vorangegangen sein. Der 




Beginn des Leidens und sein Aus- 



-ö 



Ml IIA 



J •'<''■// it , I olkcrkundcmust K» 

Fig. i^l- 



bruch ist offenbar ein lokaler, und 
die gesunde Umgebung macht den 
Versuch, sich gegen das Umsichgreifen 
der Herderkrankung durch entzünd- 
liche regionäreSchwellung zu schützen; 
indem ihr dies gelingt, restiert ge- 
legentlich eine Persistenz des hypertrophischen Gewebes, an der sich 
offenbar auch der Knochen auffällig beteiligen kann. Das zeigen 
zur Evidenz die ganz grotesken Bildungen der Mundgegend (siehe 
Fig. 323 u. 324). \\'ir sahen schon, daß im wesentlichen die Ge- 
lehrten zu einer negativen Beurteilung gekommen sind, und wenn 
wir unsere klinischen Erfahrungen zusammenfassen, so können wir 
sagen, daß alle lokalisierten destruktiven Prozesse wie Noma, Car- 
cinoma, lokaler Rotz, Lupus, Syphilis und Lepra gelegentlich ein- 
mal solche Zerstörungen anrichten können, aber sie tun es nur 
ganz ausnahmsweise und auch nur annähernd. Wenn sich aber 
solche Darstellung mit einer derartigen Häufigkeit und 



436 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



Übereinstimmung vorfinden, so muß natürlich eine immer 
wiederkehrende ordinäre und jedem bekannte Krankheits- 
form Modell gesessen haben — nicht ein ausgefallenes Krank- 
heitsbild. I:in Wort noch über die Massenhaftigkeit der Funde. 
Man könnte einwenden, daß alle diese Darstellungen auf mehrere 
Einzelfälle Bezug haben, ein Martyrium eines bekannten Heiligen 
oder ähnliches. Dagegen aber spricht mit Sicherheit das Indi- 
viduelle des Einzeltalles, sowohl nach Alter, Stand, (jeschlecht und 
Sippe. Die einzelnen Töpte nun haben, wie gesagt, jeder für sich 
eine wechselnde Verwandtschaft zu den verschiedenen genannten 
Krankheiten. So erinnert ja das Prohl des Reitersmannes auf dem 

Lama am ehesten an tertiäre Lues. 
Die Fig. 297 an Lupus. Die Be- 
trachtung des Cjcsamtbildes aber lehnt 
die Beziehungen mit Entschiedenheit 
ab und lehrt, daß eine uns unbekannte, 
von außen eindringende, schnell zum 
Verfall führende, prognostisch aber 
nicht so ungünstige Krankheit zu 
diesem Bilde tührt, welches mit der 
R h i n o p h a r \' n g i t i s m u t i 1 a n s der 
Südsee Verwandtschaft hat. Diese 
Krankheit muß einen endemischen Seuchencharakter getragen haben. 
Es ist hier nicht der Platz, in eine spezifisch medizinische Kon- 
troverse einzutreten, und die angeführten, uns bekannten Krank- 
heiten für den Einzeltall in den Bereich der Möglichkeit zu bringen, 
für das Ganze aber, als nicht in Betracht kommend, abzulehnen. 
Wir müssen nur nach \\ ürdigung aller Tatsachen eine spezifische 
Krankheit annehmen, die wir ruhig als Uta oder Llaga 
bezeichnen mögen, um so mehr, als wir neuerdings durch die 
Publikationen mit dem ähnlichen Krankheitsbilde dieser noch 
jetzt in Peru ^■orkommenden Krankheit vertraut gemacht sind. 
Diese Abbildungen zeigen einen Verlauf, der den keramischen 
Schilderungen entspricht: massige Infiltrationen von Nasen, Lippen 




Orig.-Aujn. Dtrlin, I 'olkcrkundeviuscnin . 

Fig- 324. Prognathie. 



■gg UTA PERUANA. ^^y 

und Rachen , schneller phagadenischer Zerfall und \'ernarbungs- 
tendenz nach Abstoßung der erkrankten Teile unter oft grotesker 
Narbenhildung. 

Es sind uns nun durch die Publikationen Ashmeads Töpfe 
zur Anschauung gebracht, auf denen die Inkakünstler die noch 
heute gültige Volksvorstellung, daß Insekten oder Eidechsen diese 
Krankheit verursachen, zum Ausdruck brachten. In der Umeebune 
der angetressenen Körperteile, namentlich an der Nase, sitzen 
nagende, skorpionähnliche Tiere. Ich finde in dieser Darstellung 
nur den Ausdruck einer vt)lkstünilichen Vorstellung einer fressenden 
Krankheit. 

Die größte Schwierigkeit für eine einigermaßen plausible Deu- 
tung machen aber die vieltachen Am p u tation s darstellungen. 
Die Erklärungen der Autoren, daß die spezihsche Schädlichkeit mit 
Vorliebe die unbedeckten Körperteile, also Gesicht und Füße ergriffe, 
hat entschieden etwas für sich, aber dann vermissen wir doch die 
Darstellung des geschwürigen krankhaften Prozesses auf den Glie- 
dern; dasselbe gälte natürlich auch bei der Annahme von Lepra. 
Es macht hier viel eher den Eindruck, als wenn der Verlust der 
Gliedmaßen betont werden sollte, nicht eine Erkrankung der- 
selben. Die unregelmäßige, oft bizarre Fußdeformation, wie sie bei 
der Lepra vorkommt, wäre dem darstellenden Naturalisten eine will- 
kommene Aufgabe gewesen, die er sich sicher nicht hätte entgehen 
lassen. Wir bedauern, tür die häuhge Verbindung zwischen dem 
Verluste der Extremitäten und der Krankheitsschilderung im Gesicht 
eine befriedigende anatomisch-pathologische Erklärung nicht rinden 
zu können; es müßte denn bloß der Gipfelpunkt erreichbaren 
menschlichen Unglücks hier eine Schilderung erfahren haben , für 
die eine uns unbekannt gebliebene Historie einer peruanischen 
Berühmtheit ein N'orbild abgegeben hätte. Was wir aber mit 
Bestimmtheit behaupten können ist, daß dieses Volk chirurgisch 
fortgeschritten war, und daß die so oft notwendige Abnahme der 
Glieder ihnen keine besonderen technischen Schwieria^keiten se- 
macht haben kann. Die vielen gut aussehenden Amnutations- 



438 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. ^ 

Stümpfe, die Kenntnis der Prothesen und last not least die große 
Zahl der vorgenommenen Trepanationen, für die die Berliner 
Sammlung zahlreiche Beweisstücke besitzt, bringt dafür den Beleg. 
Denken muß man noch an eine komplizierende Gangrän der Füße 
durch Kokagenuß oder im Sinne der peripheren Arteriosklerose 
russischer Zigarettenraucher. Die neuen l'unde^) haben tür den 
Verlust der Beine die Annahme grausamer Bestrafung doch wieder 
näher gerückt; jedenfalls interessiert in der Mitteilung von Velez 
die Abbildung der Mumie, deren Unterschenkelstümpte in Holz- 
beinen stecken. 

Es hat uns also insofern diese Untersuchung der altperuani- 
schen Terrakotten eine Enttäuschung gebracht, als wir durch diese 
Funde keine neuen Beweisstücke für das Bestehen einer prä- 
kolumbischen Svphilis oder Lepra erhielten. Wir können nur 
umgekehrt den Schluß ziehen, daß die Lues mit Wahrscheinlich- 
keit den Inkavolkern unbekannt war, da sie sonst wohl auch Ver- 
änderungen an den Genitalien geschildert hätten, und die Krank- 
heitsschilderungen als solche nicht tür Lues sprechen. Anderseits 
aber war uns diese etwas breiter angelegte Betrachtung über 
Deutung von Kunsterzeugnissen doch insofern von Wert, als sie 
den ungefähren Weg und die Schwierigkeit einer Diagnosen- 
stellung zeigte unter Ablehnung naheliegender naiver und kritikloser 
Beurteilungen. 

Wir waren durch das Studium der Töpfe selbst, durch die Be- 
trachtung ihrer Stellung im Rahmen der anderen plastischen Schil- 
derungen der Altperuaner und durch die gezogenen Parallelen mit 
Gewohnheiten und Anschauungen anderer Völker in der Lage, eine 
größere Anzahl dieser angeblichen Mutilationen als Todesdarstel- 
lungen testzulegen. Auf Grund dieser Erkenntnis ergibt sich wie 
von selbst die Lösung des Kartotfelproblems. Die nasenlosen Alten 
repräsentieren keine Erkrankung, sondern die toten Eltern, die 
faulende Frucht; die spitzen Nasen, die an Stelle der Keime die 



') La Presse mOdicale , 23. Oktober igog; Les vases Pcruviens anthropomorphes von 
M. Vclez-Lima. 



DIE KARTOFFELALLEGORIE. 



439 



Schale durchstoßen, sind die jungen Triebe. WahrHch, in aller Ein- 
tachheit ein uns bisher verschlossener schöner Vergleich vom Kommen 
und Gehen in der Natur. Die Mutterkartoffel vergeht, und aus 
ihrem toten Leibe sprießt neues, vielfaches Leben (s. Fig. 325). 

Alles in allem führte uns die Betrachtung dieser realistischen 
kleinen Kunstwerke in das Gemütsleben eines ebenso seltsamen wie 
eigenartigen Kulturvolkes ein. Dieser Staat, der seinen Untertanen 
einen persönlichen Besitz verbot, und den Bürgern zur Aufgabe 




Ori^.-.-itt/'ri. Bcrtin, l\>lkcrkitndemus£uu 



Fig- 325. Kartoffelknollen mit den Mumiengesichtern der Eltern und den spitzen Nasen 

als jungen Trieben der Kinder. 

machte, die Lebensunterhaltung durch den Dienst und verteilte Ar- 
beitsleistung zu erkämpfen, schuf Männer mit einer Lebensfreudig- 
keit, die in ihrer Art einzig ist. Die Geschichte ihres Unterganges 
aber lehrt auch ihre Todesverachtung und ihr mutiges Sterben auf 
dem Felde der Ehre. Doch diese Hingabe an König und Reich 
war verknüpft mit einer vollendeten Lebensbejahung. Dies trink- 
frohe Volk war erfüllt von klassischem Lebensgeist mit dem Motto 
»Carpe diem«. 



440 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



VERLETZUNGEN UND VERWUNDUNGEN. 




Fig. 326. Sterbende Löwin vom Palaste des Assurbanipals (Kujundschik). 

Obwohl der Arzt die Untersuchung und Behandlung von 
Wunden und \'erletzungen zur täglichen Aufgabe hat, so sind wir 
doch eigentlich Laien auf dem Gebiete der Verwundung selbst. 
Für die antike Kunst , die tausendfältig \'erwundungen in der 
Schlacht schilderte, ist nur der Moment der \'erwundung von Inter- 
esse und die Reaktion des Körpers auf dieselbe. Der Arzt aber 
erscheint aut dem Schauplatze, ^venn die \'orstellung zu Ende ist, 
er sieht nicht den Moment der Verwundung, sondern nur die 
späteren Folgen. \\\x können also vom medizinischen Standpunkte 
aus, die wir keiner Reiterschlacht beigewohnt haben, die alten 
Kunstwerke nicht kritisieren, sondern nur von ihnen lernen. Der 
antike Bildhauer dagegen hatte Kampf und Tod vor Augen, und 
selbst dann, wenn er nicht als ruhmreicher Krieger am Kampfe 
selbst teilgenommen, waren ihm die blutreichen Gladiatorenkämpfe, 
die Spiele in der Arena und der Palästra Studienplatz. AW-nn ich 
von diesem Gesichtspunkte aus auf eigene Beobachtungen mich 



VERLETZUNGEN. 



441 




Kolli, ^Uistitin Kapitol. 



Fig. 327. Sterbender Gallier. .Antiker Mnrmor. 



Stützen darf, so habe ich von den antiken Darstellungen dieser Art 
erst ein größeres Verständnis bekommen, seitdem ich den Ring- 




.\Iui£iun !\itptiol - 



Fig. 32S. Sterbender Gallier, etwas mehr en face. 



AA2 KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



kämpf studiert und namentlich den Boxerkämpfen beigewohnt habe. 
So ist es für mich eine ausgemachte Sache, daß ich vorher den 
sogenannten »Sterbenden GaUiercc und den »Sterbenden Ghidiator« 
vollkommen falsch beurteilt habe. Die Größe dieses Meisterwerkes 
wird nur demjenigen offenbar, der die Stellungen studiert hat, in 
denen der durch »Knock out« zu Boden geworfene Boxer bestrebt ist, 
sich wieder aufzurichten. Das noch halb Unbewußte, das Unkoor- 
dinierte seiner Bewegungen und dabei das Kraftlose wird in diesen 




tig- 329. Sterbender Gladiator. 

Kompositionen mit derselben wundervollen Realistik wiedergegeben, 
wie der immanente Wille, wieder auf die Beine zu kommen; beide 
kräftige Männer streben wieder in die Höhe, sie würden nach einigem 
Taumeln wohl auch wieder sich aufrichten beim gewöhnlichen 
Faustkampfe; hier aber traf sie das tödliche Eisen. Es ist bei der 
Beurteilung dieser grandiosen plastischen Leistung ziemlich belang- 
los, daß die Schwertverletzung an einer Stelle sitzt, welche kaum 
einen sofortigen Tod herbeiführen kann. Bei der Skulptur aus dem 
Kapitolinischen Museum in Rom trifft der Schwertstoß die rechte 



VERLETZUNGEN. 



443 



Mamillarlinie und dürfte eine Leberverletzung hervorgerufen haben. 
Den sterbenden Kämpfer in Neapel, eines der Weihgeschenke des 
König Attalus, traf der Todesstoß handbreit unter dem Herzen. 
Hier wie dort ist am Körper heftiger Blutverlust angedeutet. Aut 
die Ähnlichkeit der Komposition dieser beiden macht schon O ver- 
beck') aufmerksam. Er sucht den römischen sterbenden Gallier 




Fig- 330- Verwundeter Kämpfer. 

aber so zu erklären, daß er auf den Knien liegend sich selbst in 
sein Schwert gestürzt habe, und daß er in schwerem Todeskampfe 
ringe, während der andere gelassener sein Ende erwarte und auf 
das Ermatten des Sterbenden der künstlerische Nachdruck gelegt 
sei. Ich glaube die Figuren in der Weise aufzulassen, daß beide 



') J. O verbeck, Geschichte der griech. Plastik, Leipzig iSSi. 



444 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



sich im nächsten Moment noch einmal erheben werden, daß dann 
aber der kapitohnische Krieger auf die Brust, der neapolitanische 
auf den Rücken stürzen wird. Der Vergleich der in etwas ver- 
änderter Stellung zweimal autgenommenen Photographie (s. Fig. 327 




Mailand. 



Eig. 331. Archaische Niobide (Mitte des 5. Jahrh.i. 

u. 328) erweckt den Eindruck, als ob der \'ersuch des Aufrichtens 
bereits eine Idee fortgeschritten sei. 

Im übrigen besitzt das Ludovisische Museum in Rom die 
schöne Gruppe des Gallierpaares, die sich selbst den Tod bei- 
bringen; angstvoll ausschauend, nicht aus Todesfurcht, sondern 
ob er noch zeitig genug vor Ankunft des Feindes handelt, stößt 



VERLETZUNGEN. 



445 



sich der Krieger sein Schwert dorthin , wo er dem Leben sicher 
ein Ende bereitet. Aus der großen Zahl ähnlicher Darstellungen 
und gleichfalls ein Teil der attalischen Weihgeschenke ragt die 
Pariser Statue des nackten Kämpfers durch realistische Behand- 
lung der Wunde hervor (s. Fig. 330), ein Lanzenstoß hat die 




J lorriiz, l'jßzieit. 

Fig. 332. Verwundeter Niobide, von der großen Niobidengruppe (4. Jahrh.j. 

große Schlagader des linken Oberschenkels getroffen, das Blut 
stürzt massenhaft hervor, er ist auf die Knie gesunken und sucht 
sich vor dem Todesstoße des offenbar berittenen Gegners durch 
Vorhaltung des (verloren gegangenen) Schildes zu schützen; der 
rechte Arm ist ergänzt. Alle diese und ähnliche Darstellungen 
von Kampfszenen, Verwundungen, Abwehrbewegungen verblassen 



446 



KRANKHEITSDARSTELLUNGEN. 



vor den Schilderungen dieser Art aut dem sogenannten Alexander- 
sarkophag in Konstantinopel. Es ist zwecklos, hier die Details be- 
schreiben zu wollen, jede Einzelligur ist nach dem Leben studiert. 
Ist es oft aus der Situation der kämpfenden Paare aut diesem 
Meisterwerke noch unentschieden, wer Sieger ist und wer im 
nächsten Moment den Boden bedecken wird, ein Blick in den Aus- 
druck der Augen zeigt dem Betrachter, aut welcher Seite der Sieg 
sein wird. 

Die Niobidengruppe sucht in den verschiedensten Positionen 
den unverhoti'ten tötenden Streich zu schildern, welche göttliche 
Kraft den schutzlosen Menschen zutügt. 

Wir bringen zwei Niobidenstatuen aus verschiedenen Kunst- 
epochen; eine Tochter und einen Sohn der Tantalustochter, beide 
im Rücken getroffen; die Mutter, über das Furchtbare ihres Schick- 
sals erstarrt, wurde bekanntlich zu Stein und in die einsamen 
Klüfte des phrygischen Sipylos versetzt. 

Den Betrachter der Florentiner Niobidenplastik aber erfaßt kein 
gleichartig innerliches Schauern, kein grausiges Weh über die Ver- 
gänglichkeit alles Irdischen, die Todgeweihtheit auch der eignen 
Kinder, sondern nur ästhetischer Genuß über die Schönheit der 
Abwehrstellung. Statt Erschauern über selbsterlebtes Schicksal, nur 
theatralische Bewegung über dramatische Flandlung. 

Hellenische Kunst wandte sich ab von der brutalen Wirklichkeit. 
Eine solche aber zeigt mit geringen Mitteln ergreifend uns natür- 
lich die frühe assyrische Kunst an dem Palaste des Assurbanipals, 
dem Sardanapal der Griechen. 

Die berühmte Löwin von Kujundschik traf eine Lanze, welche 
die Wirbelsäule derartig verletzte, daß das Tier brüllend vor Wut 
und Schmerz zu entweichen sucht, die gelähmten hinteren Ex- 
tremitäten nach sich schleifend (s. Fig. 326). 

Einen noch realistischeren Tod stirbt der große Löwe, er hat 
den Todesstoß in die Lunge erhalten mit Verletzung der großen 
Lungengefäße, und ein aus dem Rachen hervorquellender enormer 
Blutsturz macht seinem Leben ein Ende (s. Fig. 333). 



VERWUNDUNGEN. 



447 



Das sind jagdliche Beobachtungen erfahrener Weidmänner, die 
wohl wissen, wo die Lanze oder der Pfeil sitzen muß, um das 
wilde Tier unschädlich zu machen. 



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'■'i^■^v.\;ig•>•»l^•i 







British Museuit 



^'^g- ll3' Assyrischer Löwe vom Palaste Assurbanipals 




DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN 
UND DER SCHRÖPFKOPF ALS ANTIKE WAHR- 
ZEICHEN ÄRZTLICHER TÄTIGKEIT. 

n einer unscheinbaren Stelle des Berliner Alten Museums 
und ziemlich unauttindbar tür den gewöhnlichen Besucher 
hängt in einem Gange, der zur Bibliothek führt, ein helle- 
nistisches, im \'erhältnis zu den anderen besser erhaltenes Relief. 
Die Mitte desselben nimmt ein mit Bukranion und Girlande ver- 
zierter Altar ein. \'or demselben sitzt aut einem erhöhten Stuhle 
mit Rückenlehne und Fußstütze ein mit einem Chiton und Hima- 
tion bekleideter Mann. In seiner stehen Pose, ohne daß er sich an- 
lehnte, sieht er nicht aut die sich ihm Nahenden, sondern mehr aut 
den Betrachter des Denksteines. In der linken Hand, deren vierter 
Finger einen Ring trägt, hält er eine Schrittrolle, die rechte streckt 
er aus, so daß man die innere Hand sieht, die sich in Schwurstellung 
befindet und unverhältnismäßig groß erscheint. Ihm nahen eine 
Matrone und ein Jüngling, vielleicht Gattin und Sohn, und ein Diener 
führt in einer etwas merkwürdigen Haltung ein gesatteltes Pferd 
heran. Zwischen diesen Figuren erhebt sich ein Baum, an dem 
sich eine armdicke Schlange herautwindet, um sich gleichtalls dem 
Thronenden zuzuwenden. Wir haben es also bis hierher mit einem 
ganz gewöhnlichen, uns vielfach aus besserer Zeit edler und voll- 
kommener dargestellten X'organg, nämlich der \'erehrung eines 
heroisierten Toten, zu tun. Dieser Heros wird nun aber dadurch 
für uns besonders interessant, daß derselbe durch ein chirurgisches 
Besteck als x^rzt charakterisiert ist^). Dieses chirurgische Besteck 
ist einfach und ohne jede weitere Motivierung oben angebracht, 
ähnlich wie wir das sonst mit Pferdeköpfen gewohnt sind. Es ist 

') Das Relief ist publiziert bei O. Jahn, Sitzungsberichte d. Königl. Sachs. Ges. d. 
Wissenschaften, Leipzig iS6i. 



HEROISIERTER CHIRURG. 



449 



für uns eine besondere Freude, daß die Instrumente auf demselben 
ganx ausgezeichnet erhalten sind. Die Deutlichkeit dieser sechs 
Instrumente liegt auch daran, daß sie erhaben aus dem Marmor 
herausgearbeitet in der aufgeschlagenen Pyxis liegen. Die Scharniere 
des Kastens zeigen dessen Schlußfähigkeit. Vier schneidende In- 
strumente füllen das Besteck, zwei davon haben ein sichelförmioes 




Orig.-Au/„. nach Gipsabgii/s. Berlin, Alles Museum. 

Fig- 334. Adoration eines heroisierten Arztes. Hellenist. Relief. 

Aussehen, zwei andere mit breiterem Handgriff laufen hackmesser- 
ähnlich aus. Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir diese letzteren 
als die Kataschasteres der Alten, als Schröpfmesser ansprechen. In 
der rechten Hälfte des Bestecks ruhen dann noch zwei Zangen mit 
verschiedengestaltetem Griff und Biß. Gerade diese Beschaffenheit 
ihrer langen Beißflächen macht es unwahrscheinlich, daß dies Zahn- 
zangen sein sollen. Letztere waren nach den in unserem Besitz 



Holländer, Plaätik und Medizin. 



29 



450 



DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTEN KASTEN. 



befindlichen Kopien mehr rabenschnabeltörmig. Wir haben es hier 
offenbar mit einem Arzte zu tun, der die große Chirurgie aus- 
geübt hat. 

Zu einem ähnHchen Schluß führt uns die Betrachtung eines 
Sarkophages, der sich in der Nähe von Rom befindet. Ein in 
einen Philosophenmantel gehüllter Arzt, dessen Füße Sandalen 
tragen, sitzt da auf einem Sessel und studiert in einer Schriftrolle. 
Die Schlagschatten lassen den Kopf übermäßig groß erscheinen. 
Vor ihm steht ein schlanker Schrank, durch dessen geöffnete Doppel- 
türen wir einen Einblick in denselben gewinnen; das untere Fach 
ist leer, in ihm ruhte offenbar der Instrumentenkasten, der aut- 




Fig- 335- Antiker Sarkophag eines Arztes. 

geklappt oben auf dem Schranke steht. Der Inhalt dieses Kastens 
ist leider nicht mehr so deutlich sichtbar, immerhin erkennen wir 
mit Sicherheit ein lanzettförmiges Messer rechts und ein hebelartig 
geformtes Instrument links, über welches wir später noch sprechen 
werden. Im mittleren Fache erkennen wir ein schalenartiges Geläß, 
welches der erste Beschreiber dieses Sarkophags E. Petersen') 
als den Geldkasten anspricht. Doch ist auch immerhin möglich, 
daß das Gefäß medizinischen Zwecken diente. Als Griechenarzt 
gibt sich unser Kollege aus spätheidnischer, resp. frühchristhcher 
Zeit nicht nur durch seine Kleidung zu erkennen, sondern auch 
durch das Distichon, welches den Rand des Sarkophages und die 

') E.Petersen, Mitteil, des Kaiserl. Deutschen Archäol. Instituts in Rom, Band 15, 1900. 



ANTIKER INSTRUMENTENSCHRANK 



451 



Mittelptosten, welche die Kannclierung unterbrechen, ausfüllt. Der 
Anfang dieses stand offenbar auf dem verloren gegangenen Deckel. 
Auf alle Fälle bietet es einen Genuß, hier auf jener marmornen 
Hülle, die den Leib eines gelehrten Arztes aus der antiken Zeit 
beherbergte, dargestellt zu sehen, wie ein Kollege in seiner Studier- 




\adH 



ÜtMMiAi 



IBBlüdiitoMirlr liWiiiitr'ü'-r 
Fig- 33('- Detail des vorigen. 



Orig.-Aujfi. 



Stube dasitzt und eine Operation, die er im Begriff" ist vorzunehmen, 
noch einmal überliest. Bibliothek und Operationsinstrumentarium 
faßte damals allerdings noch der kleine Raum dieses Schrankes. 
Wir haben es bei diesem Operationsschrank mit einem Unikum 
zu tun; ich kenne nur noch eine ähnliche Darstellung eines 



452 



DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN. 



Medizinschrankes auf einer pompejanischen Freske lier; hier ist 
der Schrank noch reicher und enthäk zu oberst ein »Heihgenbildcc 



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Eine weitere autgeschlagene Pyxis finden wir auf einer Basis, 
welche im Jahre 1877 ii^i athenischen Asklepieion gefunden 



CHIRURGISCHER INSTRUMENTENKASTEN. 



45 3 



wurde'). Der Inhalt dieses Instrumentenkastens unterscheidet sich 
jedoch von dem unseres GrabreHefs in autfallender Weise dadurch, 
daß in diesem Etui sich nur schneidende Instrumente befinden; außer- 
dem dadurch, daß die einzelnen Instrumente nach Art der modernen 
Verpackung in ihrer Lage durch Zwischenstücke festgehalten werden. 
Drei von den Messern mit stark gebogener Schnittfläche sind voll- 
kommen gleich gestaltet, auch die beiden anderen mit einer etwas 
sichelförmigen Schnittfläche stimmen in der Form iiberein, liegen 
aber in umgekehrter Richtung. Das sechste Instrument dagegen 
stellt einen stumpfen doppelseitigen Haken dar. Die Erklärung 
dieser Instrumente und zwar der besonderen Auswahl der- 
selben finden wir in den zu beiden Seiten des Besteckes an- 
gebrachten Körpern. Es sind das ohne jeden Zweifel Schröpfköpfe, 
wie wir solche in ziemlicher Auswahl zum Beispiel in Neapel im 
Nationalmuseum als pompejanische Fundstücke sahen und auch 
andersher kennen (s. Fig. ^^c/^. An dem einen Schröpfkopf ist 
der Haltring umgeklappt, bei dem anderen steht er aufrecht. Wir 
haben es hier also mit einem Schröpf besteck zu tun. Mit Wahr- 
scheinlichkeit nahm der Operateur, um die mehrfache Wirkung bei 
demselben Eingriff zu haben, gleichzeitig zwei oder drei Messer 
in die Hand, um die Haut zu ritzen. Die schmäleren Messer sind, 
wie auch Professor Anagnostakis überzeugend nachweist, zur 
Hautritzung bestimmte Messer an schwerer zugänglichen Stellen. 
Das hebeltörmige Instrument, das beinahe wie ein Geburtshaken 
aussieht, hatte nur den Zweck, den Schröpfkopf zu halten , resp. 
auch die Abnahme desselben durch Unterschieben zu erleichtern. 
Dieses Instrument ist dasselbe, welches wir, allerdings undeut- 
licher, schon auf dem Sarkophag gesehen haben und noch weiter 
beobachten werden. Offenbar diente diese Basis dazu, wie auch 
ihre Höhlung an ihrer Oberfläche beweist, eine Weihgabe auf- 
zunehmen. Wir dürfen dabei aber schon wegen der Fundstelle 
nicht an ein Grabmonument denken, sondern an eine \'otivgabe. 



') A. Anagnostakis, Bulletin de correspondance hellenique. i annee 1S77, p. 212; 
ferner bei Gurlt, Geschichte der Chirurgie abgebildet. Sybel 3279. Arch, Zeit 1S77, p. 166 



454 



DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN. 



irgend ein Weihgeschenk eines Arztes, der Spezialist im Schröpfen 
war, vielleicht an einen silbernen großen Schröpf köpf. Eine Porträt- 
statue wird dagegen wegen der Kleinheit dieser Marmorbasis, deren 
Maße 44x28 cm sind, weniger in Frage kommen als eine Büste. 
Auf alle Fälle ist uns bekannt, daß im athenischen Asklepieion 
sich Statuen von Ärzten befanden, so von Hippokrates, dem hier 
und in Kos göttliche Ehren erwiesen und geopfert wurde. Über 
die große Bedeutung, die das Schröpfen in der altgriechischen 
Medizin hatte, erfahren wir durch Galen und Herodot'). Auch 




Athen, Ashlepieiou. Reprcdiiktioit. 

Fig- 33^- Basis mit Scliröpfköpfen und Schröpfkopfetui. 

in Plutarchs Gastmahl der sieben Weisen findet sich eine Stelle mit 
Bezug auf diese Heilhandlung der Alten (134 B, C); 

»Kannst du sagen, was das ist; Einer setzte dem anderen Erz 
mit Feuer an den Körper? Nein, antwortete Kleodor, ich brauche 
es auch nicht zu wissen! Und doch ist niemand, sagte Äsop, der 
es besser wissen und machen könnte; willst du es leugnen, so 
nehme ich die Schröpfköpfe zu Zeugen. Kleodor lachte darüber, 
denn unter allen Ärzten seiner Zeit bediente er sich der Schröpf- 
köpfe am meisten, und durch ihn war dieses Mittel zu dem größten 
Ruhme gekommen.« 

Ein weiteres derartiges Besteck, allerdings ohne Schröpfköpfe 



') S. Näheres K. B. Lampr OS, Chirurg, nepl aiy.uiüv xal cixuaa;«); itapct Toi; äpyaio;? 1895. 



DAS SCHRÖPFEN. 



455 



und auch mehr mit Instrumenten der großen Chirurgie, linden wir 
auf einem Grabrehef eines x^rztes bei Palestrina. 

Jahn') bildet auf Tafel 9, Fig. lo den aufgeschlagenen In- 
strumentenkasten ab, der auf diesem Grabstein angebracht ist. Die 
Inschrift lautet: D. AI. P. Aelio Pio Curtiano medico amico bene 
merito Curtius Crispinus Arruntianus. Der Instrumentenkasten war 
zwischen zwei Rollen angebracht. Jahn bemerkt trotz dieser ein- 
deutigen Inschrift, daß Kundige die Instrumente als nicht chirurgische 



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\'eapel, Xat.-Must'ttiii. 

l'ij^. ,vi9. Oiiginalschrüpfköpfe aus Bronze, dazwischen Arzneikästchen. 

erkannt hätten, sondern als solche zum Polieren und Glätten. Die 
Abbildung jedoch, die dieser Autor von dem sonderbaren Inhalt 
des Instrumentenkastens gibt, und die von vielen Autoren über- 
nommen wird (S v o r o n o s ; Nikolaus G e r z e t i c "), berechtigte zu 
der Annahme, daß ein Teil dieser Instrumente unrichtig: daroestellt 
war und daß es sich doch um chirurgische Instrumente handelt. 
Diesen gut erhaltenen Grabstein suchte und fand ich in einem 
Korridor des Hauses derBarberini in Palestrina und machte Aufnahmen 
(s. Fig. 340) sowie einen Gipsabguß von der Instrumententafel. 



') Jahn, Darstellungen antiker Reliefs, welche sich auf Handwerk und Handelsverkehr 
beziehen. Abhandlungen d. Königl. Sachs. Ges. d. Wissenschaften, Leipzig iS6i. 

^) Nikolaus Gerzetic, Über aufgefundene chir. Instrumente des Altertums in Vimi- 
nacium (Serbien!, Karansebes 1S94. 



456 



DER CHIRURGISCHE IXSTRUÄIEXTEXKASTEX. 



Möglich, daß es sich bei dem Kollegen, der in dem alten Präneste 
praktizierte, um die antike Spezies »Badearzt« gehandelt hat. Die 
Grotten mit den schönen Mosaiken, über die QuelKvasser fließt, 
sind noch erhalten, ebenso wie die Reste des alten Fortunatempels. 
In deren Umgebung hat man allerlei Körperexvotos gefunden, die 
für den Charakter des Platzes auch als einer Heilstätte sprechen. 
Was unter den Zeichnern der Instrumente die \'er\virrung hervor- 
gerufen hat, das sind die ersten 
schlanken, in der Mitte verdickten, 
beiderseits umgebogenen Hebelin- 
strumente, aus denen Jahn unter 
Benutzung der tolgenden sonden- 
ähnlichen Cauterien eine Art von 
Fiedelbogen gemacht hat. G e r- 
zetic hält diese Dinge für eine 
Anzahl von Strigiles. Wir sehen 
sofort, daß hier die beiden ersten 
Instrumente links und rechts iden- 
tisch sind mit den uns bereits be- 
kannten Schröpfhebeln. Interessant 
ist, daß beide vorkommenden Arten 
abgebildet sind, sowohl die in ein 
und die in zwei Enden auslaufende 
Form. Dann folgen jederseits 
Sonden resp. Cauterien. Auf der 
einen Seite erkannte man sodann 
eine Pinzette und vier Messer mit 
verschiedenen Schnittflächen sowohl in der tvpischen Schröpt- 
messerform wie auch solche, die wir als Bruchmesser bezeichnen 
würden. Leider ist das obere Steinstück verwittert, so daß nicht 
mehr zu erkennen ist, welches Ende die Myrtenblattsonde hat. 
Aus der zweiseitig ausgearbeiteten Form der anderen Instrumente 
müssen wir schließen , daß alle doppelseitig benutzbar waren und 
gearbeitet im Sinne auch der modernen Etuistückc. 




Fig. 340. Grabstein eines .Arztes 
aus Palestrina mit Instrumentenpy.xis. 



INSTRUMENTENKASTEN. 



457 



Der Vollständigkeit halber wollen wir an dieser Stelle noch 
einen 1902 in Ungarn gefundenen Grabstein eines Soldaten der 
legio XI. erwähnen, welcher dadurch ganz besonders charakterisiert 
wird, daß unterhalb der Grabinschrift (siehe Fig. 341) ein chir- 
urgischer Instrumentenkasten eingehauen ist; dieses Kriegsinstru- 
mentenetui unterscheidet sich von den bisherigen durch die 
Querleisten, in denen die Instrumente (wie noch heutzutage) 
festgefügter und sicherer lagern. Zweifellos zu erkennen ist ein 



r/\hÄSv'y\ 




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-ASVViVS-CP. F:.rfrv;v '^ 








ReproäuJUiou nacJt Habfrling. 

Fig. 341. Grabstein eines röm. Legionärs (mit chir. Instrumentenkasten). 

Skalpell, ein scharfer Haken und eine Zange mit verschiedenen langen 
Branchen (Reproduziert nach Dr. Haberling, Die altrömischen 
Militärärzte). Liebe!'), der diesen Stein zuerst veröffentlicht, 
nimmt, wie auch Haberling, an, daß Satrius Rufus ein Militärarzt 
war; auffallend ist es aber immerhin, daß er schlechtweg als miles 
bezeichnet wird, ohne den Zusatz Medicus. Die Buchstaben C. P. F. 
hinter der XI. Legion bedeuten den Ehrennamen dieser Legion, 
Claudia pia lidelis; diese Legion stand von Augustus bis Vespasian 

') Liebel, Zum Sanitätswesen im röm. Heer. Wiener Studien 1902. 



458 



DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN USW. 



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in Dalmatien und hatte in Burnum ihr Lager; der Grabstein stammt 
demnach noch aus dem i. Jahrhundert n. Chr. 



SCHRÖPFKOPF. 

Wie heutzutage das Rasierbecken das Wahrzeichen der Barbiere 
und früher der an der Tür festgestecine Wedel die Signatur der 
Badestube war, so war die aufgeschlagene Instrumentenpyxis das 








Ori^.-Ait/it, ttack Gipsabgii/s. 

Flg. 342. Fragment eines athen. Giebelsteines vom Grabmal des Arztes Laberios. 

offenbare Wahrzeichen für den Operateur und der Schröpf köpf tür 
den Mediziner überhaupt. Obwohl ich dafür weiter keinen litera- 
rischen Nachweis linde, kann man doch annehmen, daß große, vor 
der Haustür stehende Nachbildungen eines Schröpfkoptes die Woh- 
nung des x\rztes bezeichneten ; daß sie die letzte Wohnung eines 
solchen gelegentlich schmückten, dafür sprechen mehrere in Athen 
gefundene Grabsteine; so das Bruchstück eines Giebelfeldes, auf 
dem rechts oben gewissermaßen das Wappen des Arztes, ein Schröpt- 
kopf, die frühere bürgerliche Stellung des unter ihm begrabenen 
»Laberios« anzeigt (s. Fig. 342). 

Denselben quergestellten Schröptkopt als ärztliches Wappen finden 
wir auf einem Grabstein eines Ehepaares im Athen. Nationalmuseuni 



SCHRÖPFKOPF. 



459 



(Nr. 1193). Über dem Manne befindet sich ein großer Schröpfkopf 
quergestellt; oberhalb der mutilierten Inschrift sehen wir ein auf- 
fallendes Bandornament (s. Fig. 343), das beinahe wie eine Ader- 




Orig, -All/u. Athen. Xat.-MuscNm. 

Fig. 343. Antiker Grabstein eines Arztes mit Schröpfkopf. 

laßbinde aussieht: die heraldische Verzierung der Badergilde im 
Mittelalter. 

Ähnliche Verhältnisse ersehen wir auf dem berühmten Steine 
des Britischen Museums, der einstmals das Familiengrab des Arztes 



460 DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN USW. ^ 

Jason deckte, welcher von Fauvel in Attika gefunden wurde (siehe 
Fig. 344). Nach dem Gesagten Hegt die Deutung dieser Szene auf 
der flachen Hand, und es ist kaum verständlich, wie man über dieses 
große Gerät und seine Bedeutung im Zweifel sein konnte. Da sitzt 
in bequemer Stellung der Arzt auf seinem Sessel und untersucht 
einen vierschrötig gebauten Patienten, der ihn ängstlich und doch 
vertrauend betrachtet, die flache Hand mit ausgestreckten Fingern 
ruht aut der Magengegend; es ist dies iibrigens eine Fingerstellung, 
die allein das feine Gefühl der beweglichen Bauchdecke übermitteln 
kann; zur Seite steht ein riesig großer Schröpfkopf. Natürlich nicht 
zum Gebrauch für diesen Klienten oder in einem anderen Falle, 
sondern als rein attributives Emblem: ein Aushängeschild des Arztes, 
die Hausmarke seiner Tätigkeit. Früher erklärte man dieses In- 
strument, von dem übrigens im Wiesbadener Museum ein Stück aus 
der Zeit aut bewahrt wird, als bronzenen Schlußzapfen des Hypo- 
kaustum und als Svmbol des Schwitzbades. 

Der Schröpfkopt (Sikya) wurde in dem Maße das medizinische 
Wahrzeichen par excellence, daß wir es auf vielen Münzen antiker 
Heil- und Bäderstädte wiederfinden. Es ist das Verdienst von 
Lambros, dies nachgewiesen zu haben, was zunächst zwar von 
Becker und Fried län der bestritten wurde; auf der Vorderseite 
finden wir aut Münzen von Epidauros, Ägiale und anderen den 
lorbeerbekränzten Kopt des Äskulap oder auch eines römischen 
Kaisers, aut der Rückseite entweder einen Schröpfkopf in der 
Mitte und darunter, zum Emblem vereinigt, Schröpfmesser und 
über Kreuz gestellte Hebel (s. Fig. 64); auf anderen wieder 
finden wir zwischen zwei großen Schröpfköpfen ein wie ein Drei- 
zack aussehendes Instrument, von dem ich annehme, daß es viel- 
leicht einen Apparat darstellt, um gleichzeitig drei Schröpfwunden 
auf einmal zu machen. Der Schröpfkopf war das heilige Symbol 
des Asklepioskultes dieser Gegenden, und nahm zuletzt als wirk- 
same Potenz göttliche Gestalt an. Diese Kraft übernahm die 
Glockenform des Instrumentes und wurde zum Gotte Telesphorus 
erhoben. Eine Stütze für diese zuerst von Svoronos ausgesprochene 



DER SCHRÜPFKOPF. 



461 




'/• I A ^k;.. 




Loiiuoii, i^rit. Mu^t-itm. .\ uch einer ^hot. des Leipziger Inst, für Geschichte der Medizin. 

Fig. 344. Hell. Relief. Der Arzt Jason untersucht einen Kranken, daneben Schröpfkopf. 

Hypothese ergibt die Münzenkunde. Dieselben kleinasiatischen und 
insularen Münzen führen bald den Schropfkopf, bald den Teles- 
phorus als Zeichen. Und auch das kann man hinzutügen, daß 



462 



DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN USW. 



sich noch bis heute die Sitte strichförmiger blutiger Schröpfung bei 
den Völkern dieser Zone besonders erhalten hat. 

Vielleicht werden sich gelegentlich Funde mehren, bei denen 
durch die Embleme Schröpfkopf und Instrumentenkasten der ärzt- 
liche Stand des Spenders eines Weihgeschenks oder ein Grabdenkmal 




Orig.-Aufn, Oaiieria iapidaria. V atikmi. 

F'g- 345- Werkstatt eines Messerschmiedes. 

charakterisiert wird. Ein einzigartiges Dokument aber dürtte ein 
großer in der Galleria Iapidaria des Vatikans befindlicher Cippus sein, 
der uns in die Werkstatt und den \'erkaufsladen eines römischen 
Messerschmiedes tührt (s. Fig. 343 u. 346). 

Das erste Bild zeigt die Werkstatt. Ein junger Mann sitzt auf 
einem Block vor einem Ofen, in dem man das Feuer flackern sieht, 
daneben ein Blasebalg, davor ein Amboß. Mit der linken Hand 
hält er ein Metallstäbchen, welches ein vor ihm stehender Gehilfe 



DIE WERKSTATT. 



463 



mit einem Hammer bearbeitet. Hier wird kaltes Eisen getrieben, 
da der sitzende Meister dasselbe ohne Zange anfaßt. Über der 
Arbeitergruppe hängen an einem Winkelhaken vier fertige Instru- 
mente, ein Hackmesser, eine Zange und ein Strigilis (s. Fig. 345). 




Ong.-Aufn. Rom. 



tig- 346. Verkaufsladen eines Messerschmiedes. 



Die Gegenseite zeigt uns den \'erkaufsladen. In einer unge- 
gürteten Tunika bietet der Verkäufer einem Bürger in der Toga einen 
Gegenstand an. Unter der Theke befindet sich ein Schubkasten. 
Darüber erhebt sich ein Flügelschrank, der die Ware beherbergt und 
zur Schau bringt. Die unterste Reihe ist mit Futteralen ausgefüllt. 



464 DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN USW. ® 

Dann kommt eine Reihe von IVlessern, die scheinbar Klappmesser sind, 
wie solche im Original z. B. das Britische Museum aufweist. Zu oberst 
hängen sichelförmige Schneidemesser. Jahn, der diesen Grabstein 
zuerst beschreibt, nimmt an, daß hier nicht grobes Handwerkszeug 
gefertigt und verkauft wurde, sondern daß es sich in erster Reihe um 
chirurgische Instrumente, namentlich Fistelmesser, gehandelt hat. 







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'jMi!SJi.U,. 



-^ A^- ■ fe 

Xaclt der/t Xc'ffaih' 7>on Bassetigc, 

Fig- 347. Relief vom Tempel von Köm Omboi in Ägypten, Instrumentenkasten. 

Nun, der feine Messerschmied der damaligen Epoche wird mit 
Sicherheit auch die Herstellung dieser besorgt haben, ohne daß es 
Spezialisten dieser Art gegeben hat. Die Beobachtung jedoch, daß 
der Handgriff mehrfach in Tierköpfe auslauft, spricht dafür, daß 
auch das Instrumentarium für Schlächter und Opferschlächter in 
dieser Werkstatt hergestellt wurde. Allerdings erinnere ich daran, 
daß die Sammlung im Kaiserin-1-ricdrich-Hause z. B. einen chirur- 
gischen scharfen Haken besitzt, der in einen Eidechsenkopf ausläuft. 



ÄRZTLICHE BESTECKE. 



465 



Ähnliche Grabrehefs mit der Darstellung von Handwerkern bei 
der Arbeit gibt es mehrere. Bas senge') bildet einen chirurgisch- 
medizinischen Instrumentenschrank aus dem Tempel von Korn 
Omboi in Überägypten ab. Dieser Tempel, erst 1893 aus dem 
Schutt geborgen, gehörte dem krokodilköphgen Gotte Sobk, der mit 
dem Sonnengott identifiziert wurde. Wenn wir in diesem Arma- 




Orig.-Au/n. B.-rlhi. Altes Miiseiiii 

Fig. 34S. Ärztliche Besteck. Antike Bronze. 



mentarium nun auch viele Gegenstände finden, die ein Mediziner 
wohl gebrauchen könnte, z. B. Zangen, Waagen, Instrumente, die 
wie Cauterien aussehen, Haken und sondenähnliche Instrumente, 
so hat sich mir gegenüber doch Professor Schäfer als Fachmann 
datür ausgesprochen, daß hier mit größter Wahrscheinlichkeit das 
Instrumentarium von Goldschmieden oder einer verwandten Be- 
rutsart zur Darstellung kommen sollte; ähnlich urteilen andere 



') Medizinische Eindrücke auf einer Winterreise nach Ägypten von Oberstabsarzt Dr. 
R. Bassenge, Zeitschrift f. Balneol., Klimat. und Kurorthygiene 1910, Nr. iS. 

Hollander, Plastik und Medizin. -o 



466 



DER CHIRURGISCHE INSTRUMENTENKASTEN USW. 



Ägyptologcn; doch hat die Darstellung für uns auf alle Fälle 
Interesse. 

Die großen komplizierten Instrumente, die z. B. den pompeja- 
nischen Funden entstammen, haben zur \'oraussetzung der Auf- 
bewahrung Schränke oder große Kästen. Solche hat uns bisher die 
Erde nicht wiedergegeben, wohl aber eine Reihe kleinerer Etuis, 




Aujn. Xt'ii/'el, Xiit -Museitn 

Fig. 34q Deckel eines InstiuiTientenl<astcns mit eingelegten Figuren. 

in denen römische Ärzte das Instrumentarium tür den täglichen 
Gebrauch und namentlich auch Medikamente mit sich tührten. 

Als Tvpus dieser oft schön verzierten Kästchen zeigen wir den 
kleinen Bronzekasten des Berliner Antiquariums, auf welchem der 
Heilgott, in einem Tempel stehend und auf einen Schlangenstab 
sich stützend, erscheint. Ob die Kästchen im Innern richtig 
verteilt sind, ist fraglich, vielleicht war seitwärts noch Platz tür 
eine Elfenbeinröhre mit Sonden. 



TASCHENAPÜTHEKEN. 



467 



Den fast gleichen Kasten fand ich in Neapel unter den pom- 
pejanischen Funden aus Bronze, mit Silber die Figuren Asklepios 
und Hvgieia eingraviert; es scheint aber nur noch der Deckel er- 
halten (s. Fig. 349). 

Einen ähnlichen Kasten aus Elfenhein bildet der bekannte Sammler 
Reh er aus Genf ab aus dem Museum in Lyon'). Mit riesigen 
Schlangen ausgerüstete Heildämonen verzieren den Deckel des 
Kastens, der einstmals Taschenapotheke eines Heidenarztes war und 
dann zum Reliquienschrein der Valeriuskirche erhöht wurde. In 
Mainz und Xanten und bei Köln tand man im Flußbett ähnliche 
Kästen, zum 'Feil noch mit Inhalt. 



') B. Reber, Phaimacie de poche dun mCdecin romair. Bull, de la Socictc frangaise 
d'Histoire de la medecine, I'aris 1903. 




HYGIENE UND HEILHÄNDLUNG. 




s bleibt als reizvolle Aufgabe medizinischer archäologischer 
Betrachtung die Frage, ob wir in den Resten der antiken 
äj Plastik und Skulptur verwertbare Hinweise finden auf die 
Methodik und die Anwendung der Heilhandlung selbst. Schon aus 
den voraufgegangenen Betrachtungen beantwortet sich diese Frage 
mit Hinweis aut den sogenannten Krankenbesuch des Asklepios. Denn 
obwohl der Inkubationsgott seinem eigentlichen Wesen nach zunächst 
persönlich Heilhandlungen nicht begeht, hnden wir doch solche 
wenigstens in seiner Nähe, unter seinem Patronate gelegentlich dar- 
gestellt. A\ ir werden unter Zuhiltenahme namentlich des Vasen- 
schmucks eine Reihe von Darstellungen aus der primitiven Volks- 
chirurgie kennen lernen; aber alle diese gelegentlichen plastischen 
Schilderungen treten weit zurück nach Zahl und intimer Ausführung 
gegenüber den Schilderungen aus dem Gebiet der prophylaktischen 
Maßnahmen. Entsprechend der fehlerhaften oder tehlenden Erkenntnis 
physiologischerBeobachtungen und den überaus mangelhatten anato- 
mischen Erfahrungen schwankte zunächst die Medizin zwischen Philo- 
sophie und Beredsamkeit, und das ^'olk zeigte zunächst das instinktive 
Bestreben, sich von den Medizinern unabhängigzu machen. Dies stei- 
gerte sich in der katonischen Zeit zu einer ausgesprochenen Aversion 
gegen die Ärzte. W'n zeigten'), daß einer der größten Ärztehasser aller 
Zeiten, Petrarca, sich auf diesem Gebiete merkwürdigerweise hei Pli- 
nius Rat holt. Zu Beginn seiner kurzen Zusammenstellung medizin- 
geschichtlicher Entwicklung weist Plinius darauf hin, daß die Heil- 
kunde die Mittel, welche so leicht zu haben und zweckmäßig waren, 
veralten ließ. Er meint damit das, was wir heutzutage vielleicht mit 
einer naturgemäßen Lebensweise bezeichnen würden. Schuld daran 



') Holländer, Die Karikatur und Satire in der Medizin, Seite 54. 



DER ZENSOR CATO. 469 



seien die Ärzte mit ihren wechselvoilen Ansichten. Nachdem er 
dann in ziemHch weitschweifiger Manier die Gewinnsucht der Ärzte, 
ihre Schwatzhaftigkeit, ihre Reklamesucht, ihre Unmenschlichkeit 




rlwt. Alinari. Rom, Vatikan, 

F'g- 35°- Apoxyomenos, Marmorkopie einer Statue des Lysipp. 

im Schneiden und Brennen abgehandelt hat, freut er sich, die eigenen 
Worte des Zensors Cato an seinen Sohn anführen zu können, 
deren Schlußsatz lautet: Der Umgang mit Ärzten ist dir unter- 
sagt. Er kommt dann bald auf diejenigen Punkte zu sprechen, 



470 



HYGIENE UND HEILHANDLUNG. 




"mmi^i^' ^iMmf^§ 




welche uns an dieser Stelle interessieren: »Das Mischen von Arz- 
neien beträfe das Wohl des einzelnen, die Einfuhr aber jener 
Dinge, welche wir uns bei gesundem Leibe gefallen lassen, ver- 
derben allgemein die reinen Sitten des 
Landes. In dieser Hinsicht bemängelt er 
die Ringübungen, das Nacktsalben, welche 
man der Gesundheit wegen eingeführt 
haben will, ferner die heißen Bäder, wo- 
durch, wie man vorgibt, die Speisen im 
Körper verdaut werden, aber so, daß jeder 
weniger gesund herauskommt und die 
Gehorsamsten herausgetragen werden; fer- 
ner das Trinken bei nüchternem Magen, 
das Erbrechen und das abermalige Trin- 
ken, ferner die unmännliche, durch Harze 
bewirkte Enthaarung und die gleichfalls 
durch 1-nthaarung zur Schau gestellten 
Geschlechtsteile der Frauen. So sei Catos 
Ausspruch, daß durch nichts mehr als 
durch die Heilkunst die Sittenverderbnis 
befördert werde, zur Wahrheit geworden« 
(Plinius, 29. Kapitel, Vll u. Vlll). 

Das griechische Streben nach voll- 
kommener Gesundheit und Schönheit des 
Körpers, die hellenischen Sitten der Ring- 
schule, der Bäder, ja vielfach auch der 
Kleidung, haben trotz Cato und Plinius 
im römischen Reiche festen Fuß gefaßt; 
ja wir können wohl die Behauptung wa- 
gen, daß diese griechisch-römische Körperkultur in vieler Beziehung 
heute noch für uns vorbildlich ist. Bei dieser präventiven Stählung 
des Körpers spielte natürlich die Kleidung eine große Rolle, mehr 
noch wie die Kleidung die Entkleidung und deren leichte Mög- 
lichkeit. Nur in dem, was wir heutzutaue mit dem modernen 



Orii^.-Au/n. Athen 

l*'g- .i5'- Weißgrundige griech. 

Lekythos mit Darstellung eines 

Jünglings mit der Strigilis. 



DIE KRANKHEITSVERHÜTUNG. 



471 



Schlagworte der Nacktkultur bezeichnen, liegt aber eine Gewähr 
für die dauernde Kontrolle des eigenen Leibes. 

Die antike Zeit war mehr auf die \'erhütung von Erkrankungen 
angewiesen und sah auch in der Stählung des Körpers, im Ver- 
bot bestimmter Nahrung und in ähnlichen Dingen ihre beste Pro- 
phylaxe. Die Leistungen der alten Welt nach dieser Richtung dem 



M»«P Z '»*W fc !'iJ^6wrf^t3ffik^?X^ 



sstAbt ; 




s 



At/teti. Xat.-MiisfK 



F'g- 352- Das Bad des Udysscus. Antikes Relief. 



Publikum einmal vor Augen zu führen, ist eine der schönen und 
großen Bestrebungen der Dresdener Hygiene- Ausstellung. 
Karl Sudhoffs Name bürgt dafür, daß dies Ziel trotz der enormen 
Schwierigkeiten in der Sammlung und \'orlührLing des xMaterials rest- 
los erreicht werden wird')! Mehr aber wie Beleuchtung, Heizung, 



') Anmerk. bei der Korrektur. Unter dem Beifall der ganzen Welt vollzog sich mitt- 
lerweilen die Lösung dieser großen Kulturaufgabe. 



472 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ® 

Abortanlagen, Gewandung und Kleidung, die antike Wasserver- 
sorgung interessiert uns an dieser Stelle das Badewesen und die 
technische Seite der Gymnastik. Alle diese Körperübungen wie 
Ringkampf, Faustkampf, Diskus- und Speerwurf, Lauf und 
Sprung, Reiten und Schwimmen und alles, was heute ungefähr 
unter den Begriff der Leichtathletik fällt, finden wir nun zerstreut 
auf kunstgewerblichen Arbeiten aller Art geschildert. Terrakotten 
im Stil der bekannten Tanagrafiguren zeigten uns hiervon schon 
allerlei, gelegentlich auch der Schmuck von Gräbern und Weih- 
geschenken; die Dominante aber aut diesem Gebiet ist die Ver- 
zierung der Keramiken, die \'asenbilder. Karl S u d h o ff hat diese ') 
intimen und reizvollen Schilderungen des antiken Bades in seiner 
Vielgestaltigkeit studiert und uns gewissermaßen lebendige Photo- 
graphien des antiken Bades gegeben. Die Jahrtausende konnten der 
Frische dieses Einblicks keinen Abbruch tun; wir sehen hier Fuß- 
bäder, teils in der Form wirklichen Reinigungsbedürtnisses, teils auch 
als Illustrationen der berühmten Fußwaschung des Odysseus (siehe 
Fig. 332) oder der des Skiron. Dieser Unhold zwang an felsiger 
Küste vorbeiziehende friedliche Wanderer, ihm die Füße zu baden. 
Den so Beschäftigten schleuderte er mit einem Fußtritt ins Meer. 
Theseus war es, der den Skiron homöopathisch behandelte, er warf 
den Burschen selbst ins Meer, resp. er erschlug ihn mit seiner 
eigenen ehernen Fußbadewanne. Sudhott zeigt uns an einer 
großen Reihe von \'asenbildern die Pflege der Füße, der die größte 
Aufmerksamkeit zuteil wurde. Wir sehen da z. B. aut einer Vase 
aus dem Louvre eine bronzene niedere Wanne mit verziertem 
Dreifuß und Henkel; ein junger Mann ringt soeben den Schwamm, 
mit dem er sich gewaschen hat, aus; an der Wand hängen die 
Sandalen, gegenüber hängt der Aryballos, d. i. die Ülflasche mit 
der Strigilis, mit welcher er sich geölt und geschaht hat. Das 
Pendant dazu linden wir in der Berliner Sammlung, wo gezeigt 
wird, wie ein iunues Mädchen sich nach dem Fußbade die San- 



') Karl Sudhoff, Aus dem antiken Badewesen, Berlin niio. Allg. Medizinische 
Verlagsanstalt. 



BRAUSEBAD. 



473 



dalcn anbindet. So kann man den intimen Toilettegeheimnissen 
der griechischen Frauen beiwohnen; wir sehen die gründhche 
Remigung, auch des Unterkörpers, mit dem Schwamm, die be- 
sondere Sorgfah in der Behandlung des Haares, welches zu- 
nächst hochgebunden, dann gelöst, gewaschen, später aber aus- 
gerungen wird, nachdem eine Genossin aus einem o;roßen Kruse 
Wasser über den Kopf gegossen hat. Wird das Brausebad, 




Ori^.'Aufn. Bt-rlin. Altt-s Museum, 

Fig. 353. Brausebad, (jiicchisches Vasenbild. 

eine Vorahnung des Lassars eben, benutzt, wobei das W^asser 
aus allerlei Tierköpfen heraussprudelt, so zog man eine Bade- 
kappe an oder die Haare wurden in kleinste Flechten gewickelt 
(s-Fifv33 3)- 

hm im antiken Leben derartig zur Gewohnheit gewordener 
Gebiauch, der so häufig auf Vasenbildern vorkommt, hat natürlich 
auch die Plastik beschäftigt. Schon Sud hoff (1. c.) bildet eine 



474 



HYGIENE UND HEILHANDLUNG. 



kyprische Terrakotta ab , mit einer kleinen dicken tetten Person, 
die sich die Füße reinigt. 

Das Toiletteinstrumentarium , von dem die Originale nament- 
lich in Neapel und London in großer Auswahl vorhanden sind, 
finden wir auch plastisch auf Grabsteinen geschildert. 

Die Grabplatte im Berliner Museum Nr. 791 mit den weiblichen 
Toilettegegenständen, Kamm, Fläschchen, Spiegel mit Grift, stammt 



V 




Xeaf>ei. 



FiE 



Das Instrumentarium des Bades. 



zwar aus später Zeit (271 n. Chr.), wir wissen aber aus \'asen- 
bildern und aus mykcnischen Funden, daß dieselbe doppelseitige, 
heute noch moderne Elfenbeinkammform schon sehr frühzeitig 
vorkam. 

Es existiert eine Reihe statuarischer Werke, auf denen die Be- 
nutzung der Strigilis gezeigt wird. Das berühmteste unter ihnen 
ist das Meisterwerk des Lvsippos aus dem Museum des Vatikans 
(s. Fig. 350). Wir müssen uns vorstellen, daß der »Apoxyomenos« 
genannte /Athlet seine Kämpfe beendet hat und im Begriff ist, sich mit 



TOILETTEINSTRUMENTARIUM. in r 



dem Salböl allen Staub zu entfernen, abzuseifen, wie wir uns modern 
ausdrücken würden. Über die Formenschönheit dieser Statue ist 
so viel geschrieben, daß wir darauf verzichten können, näher in die 
Betrachtung dieser für den Meister typischen Bildung einzutreten. 
Wir erwähnen nur, daß es sich um eine überlebensgroße Kopie der 
berühmten Erzstatue handelt; das Original stand in der Portikus 
des Agrippa beim Pantheon; gefunden wurde unsere Statue in 
einer kleinen Nebenstraße von Trastevcre, die seither den Namen 
X'iccolo dcir Atleta erhielt. Die Handhabe des Schabeisens ist 
antik, im übrigen ist das Wort Schabeisen für den antiken Strieoel 
unzulässig, da derselbe aus Bronze hergestellt war. Es finden 
sich zahlreiche Formen des Striegels; in verschiedensten Größen, 
mit verschiedenen Krümmungen. Oft ist die Handhabe kunst- 
handwerklich verziert. Der Striegel gehört zu den tvpischen 
Weihgaben in Alännergräbern , und besitzt die Sammlung des 
Kaiserin-Friedrich-Hauses unter anderen ein schönes Exemplar aus 
Terrakotta mit der Aufschrift »Anakletu«. Die antiken Statuen von 
Athleten, Badenden und ähnlichen nackten Figuren haben vielfach 
ihre Arme eingebüßt. Bei der Restauration hat man ihnen dann mit 
Vorliebe in die Hände einen Striegel oder die Ölflasche gegeben. 
Besser erhalten finden wir dieselbe Darstellung auf den Vasenbildern. 
Wir sahen schon in dem schönen Werke von Karl Sudhoff dieses 
Instrument ziemlich regelmäßig in der Hand der Männer oder an der 
Wand hängend zum Gebrauch. Auf einer schönen weißsrundieen 
Lekythos der athenischen Sammlung sehen wir die Zeichnung eines 
Jünglings, der in der Linken das grazile Instrument hält (siehe 
Flg. 33 1). Das Instrument selbst kommt vom 6. Jahrhundert 
V. Chr. bis zum 3. n. Chr. vor, und wir erwähnten bereits, daß der 
Name der Besitzer gelegentlich auf ihnen eingeschrieben war. Daß 
auch die Frauen sich des Striegels bedienten, beweisen die silbernen 
Stücke, welche sich in dem berühmten Sarkophag einer etruskischen 
Edlen Seianti Thanunia vorfimden (jetzt im Britischen Museum). 
Die Tatsache aber, daß mehrere solcher Striegel mit Aryballos und 
Schale zum Auffangen des abgeschabten Stauböls an einem Rino- 



476 



HYGIENE UND HEILHANDLUNG. 



sich vorfinden (s. Fig. 354), spricht dafür, daß späterhin dieses 
Geschäft von Badedienern besorgt wurde. Auch auf Grabsteinen 




Bcrlbi, Altes Museum. 

Fig- 355- Attisches Grabrelief (4. Jahrb.). 

finden wir das Instrumentarium der Palästra und des Gvmnasiums 
mehrtach. Beweis dafür, daß man diesen antiken Badeapparat mit 
sich nahm aut dem Wege zur Ringschule. Daß dies nicht nur 



DIE TECHNIK DES BADES. 



■477 



die jüngeren Menschen taten, zeigt uns ein schönes attisches Grab- 
relief (jetzt Berlin) aus dem 4. Jahrhundert (s. Fig. j)^). Hier 
sehen wir die Szene dargestellt, wie der Mann, in der Linken Salb- 
tiasche (Arvhallos) und Striegel haltend, sich von seiner Frau, der 
offenbar Verstorbenen, verabschiedet. Der tägliche Gang, der tägliche 
Abschied symbolisiert hier den ewiiren. 




Fig. 356. Silberner Eimer mit Badeszenen in Basrelief. 

Die Instrumente selbst, welche solchem Badezwecke dienten, 
sind vielfach mit unerhörtem Reichtum und künstlerischem Auf- 
wände gefertigt. Namentlich das Neapeler Nationalmuseum zeigt 
nach dieser Richtung hin die kostbarsten Exemplare; es sind dort 
ganze Sammlungen von Flaschen und Gefäßen zum Salben und 



478 



HYGIENE UND HEILHANDLUNG. 



für Balsam mit g-oldcnen Inkrustationen oder aucli aus seltenem 
Glas mit erhöhter oder geschnittener Arbeit. Die Darstellungen aut 
diesen sind meist mythologischen Inhaltes, gelegentlich aber beziehen 
sie sich auch auf den Zweck des Gefäßes. Transportable Wasser- 
gefäße, die wahrscheinlich auch mit warmem Wasser getüllt waren, 




Orig.-Phot XeafcL 



Fig. 357. Rückseite von Figur 355. 

sahen wir in Originalen und auch auf Vasenbildern vielfach. Es 
wiederholt sich die Szene des Übergusses von Wasser über die 
«rereinieten Locken eines sich hinhockenden Weibes. Ein besonders 
schöner silberner Eimer aus Neapel gewährt uns in getriebener Arbeit 
einen Einblick in ein antikes Frauenbad (s. Fig. ^-^G u. 337); aut 
der Vorderseite sitzt eine vornehme Dame, deren linker l'uß von 



BADESZENEN. 



479 




,■; -o 



13 

5 



480 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ® 

einer Dienerin getrocknet oder massiert wird. Eine andere bringt 
ihr, wie es scheint, eine Flasche mit Balsam, während eine dritte in 
einem Gefäß, dessen seltsame Form uns noch heute in Unteritalien 
begegnet, Wasser zum Überguß herbeischafft. Die andere Seite 
dieses kostbaren Gefäßes zeigt uns die fertig gebadete und ge- 
salbte Schone im Begriff, zunächst die Brustbinde (Strophion) an- 
zulegen und sich dann anzuziehen. 

Bei dieser klassischen Badeszene erinnern wir uns, daß die ganze 
spätere Kunst aus dem Badewesen Anregung über Anregung er- 
halten hat. Mit dem Untergang der antiken Weltauttassung ver- 
schwand auch aus dem abendländischen Leben zunächst das Wasser- 
bad, mehr noch aber das, was wir mit dem modernen Schlagwort 
die »Nacktkultur« nennen. Sich nackt zu zeigen und nackte Körper 
zu betrachten war sündhaft und auch kaum im privaten Leben, 
sicher aber nicht im öffentlichen Leben möglich. Die Entwicklungs- 
kurve des Badelebens hat dann die größten Schwankungen gezeigt, 
je nachdem die Anregungen von entgegengesetzter Seite kamen. Über 
den Aufschwung und den Niedergang deutschen Badewesens ziehe man 
das eingehende groß angelegte Standard- Werk von Allred ALtrtin') 
zu Rate. Es gab Zeiten, in denen namentlich im Gegensatz zu dem 
ausgedehnten orientalischen Badewesen das warme Bad als ver- 
boten galt. Es ist historisch belegt, daß z. B. die heilige Elisabeth 
in ihrem Leben niemals warm gebadet hat. So konnte eine täg- 
liche Gewohnheit und ein dem Essen und Trinken gleichkommendes 
Bedürfnis zum Gastgeschenk werden und eine kirchliche Kulthand- 
lung. Die realistische Szene einer Fußwaschung kann doch eigent- 
lich in ihrer Darstellung nicht zwischen großen Breiten pendeln. 
Schließlich steckt dieser einfache \'organg Grenzen und doch liegt 
zwischen einer solchen antiken Fußwaschung und der Darstellung 
eines della Robbia eine ganze Welt (s. Fig. 338). 

Wir begnügen uns mit diesem gedrängten Hinweis auf plastische 
Darstellungen aus dem Gebiete des öffentlichen Badewesens. 



') Alfred Martin, Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen, 1906, bei Eugen 
Diederichs, Jena. 



HEILHANDLUNG. 48 1 




HEILHANDLUNG. l^fSKT m ^'g ^59. zunftsiege 



Eine »plastische« Therapie in dem Sinne des vorhegenden Buches 
muß einen durchaus schiefen und falschen Eindruck machen. Der 
intime Wirgang der Heilung verträgt nicht eine dekorative monu- 
mentale Behandlung. 

Trotzdem ist es seltsam, wie das sammelnde Auge doch hie 
und da versteckte Blumen sieht, die, zu einem kleinen Strauß ge- 
sammelt, den Arzt erfreuen werden. Ein Herharium ist es nicht, 
und auf Reichhaltigkeit dieses Abschnittes darf man nicht rechnen. 
Zunächst die prähistorische Therapie. Die wird uns in einigen 
überaus reizvollen Exemplaren geschildert. Da ist zunächst noch 
aus den Fabeltagen der Menschheit, wo Halbgötter und Halb- 
menschen auf bunten Wiesen sich tummelten, einem Satyr ein 
Malheur passiert. Beim Springen mußte er es erfahren, daß sein 
Halbbruder, der Pan, mit seinen Bockfüßen besser daran war als er. 
Er hat sich den Dorn tief in den rechten Fuß gestoßen, als er, durch 
den Weingenuß etwas angeheitert, herumtummelte. Aus dieser pein- 
vollen Situation befreite ihn der Pan, der mit sachverständiger 
Miene den Fuß untersucht und mit spitzen Fingern den Dorn 
herauszieht (s. Fig. 360). 

Rieh er bildet aus dem Louvre die gleiche Szene ab. Doch ist 
die Komposition eine andere. Hier krümmt sich, auf einem Stein- 
fels sitzend, ein Mensch. Seine Gesichtszüge verraten den größten 
Schmerz. Ein junger Pan sitzt gemütlich vor ihm und zieht mit 
Vorsicht aus dem über das rechte Knie gelegten linken Fuß den 



Holländer, i'laslik und Medizin. 



482 



HYGIENE UND HEILHANDLUNG. 



Dorn. Auch hier muß man wohl bei der Häutigkeit solcher Dar- 
stellungen daran denken, daß ein bestimmter mythologischer Vor- 
gang eine Schilderung erfuhr. 

Berühmter noch als diese Darstellung ist die Antike-Bronze 
des Dornausziehers, von der es eine ganze Reihe Repliken gibt. 
Die kapitolinische Bronze wird wohl als Original angesprochen. 




/''W'f. Aütuiri. 

Fig. 360. Pan einem Satyr einen Dorn ausziehend. 



Hier sehen wir einen Knaben damit beschäftigt, sich einen Dorn 
selbst aus dem l'uße zu ziehen. Die ganze Komposition verrät 
bereits eine große Meisterschaft. Die aufgeworfenen Lippen sind 
ein charakteristischer Zug für die gespannte Aufmerksamkeit und 
die Behutsamkeit des kleinen Operateurs. Über diese an und für 
sich einfache Darstellung existiert bereits eine größere Literatur. 
Die Archäologen haben angenommen, daß das liebenswürdige Motiv 
die Genredarstellung allein noch nicht erkläre und daß wohl ein 



DER DORNAUSZIEHER. 



483 



besonderer Anlaß vorgelegen haben müsse für die Entstehung 
dieser doch immerhin für die Antike auffallenden Szene. Friede- 
rich-Wolters') wiederholt die Vermutung, es sei ein Knabe, der 
sich im Wettlaut einen Dorn in den I'\iß getreten und trotzdem 
noch siegte; er weist auf den Mythus hin, der z. B. von Lokros 
erzählt wird, daß ein Orakelspruch diesem als Gründungsstelle einer 




.ipitol. 



Fig. 



Dornausziehen. Antike Bronze. 



Niederlassung den Ort angewiesen habe, wo ihm eine Dornver- 
letzung zustoßen würde. Die Entstehung dieser Bronze aus dem 
Konservatorenpalast wird in das 3. Jahrhundert gelegt. Das alte 
Motiv aber wird später durch Wiederholung, namentlich in Marmor, 
der Form der späteren Kunst angepaßt. Aus der Reihe von Er- 



') Die Gipsabgüsse antiker Bildwerke Friedericli-Wolters, Berlin 1885. 



484 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ^ 

klärungen dieses Falles von natürlicher chirurgischer Selbsthilfe 
erwähne ich die von Svoronos, der in diesem Knaben einen Gott 
aus dem Kreise der Heilgötter, einen jungen Podalleirios sieht; dieser 
geistreiche Autor hat ja auch den Versuch gemacht, das beliebte 
Gegenstück, den mit der Gans kämptenden Knaben, für einen anderen 
Sohn des Heilgottes Janiskos auszugeben. Für uns wäre die Be- 
stätigung dieser Hypothese natürlich eine willkommene Bereicherung 
unseres medizinischen Pantheons. 

Von den wunderbaren Heilhandlungen des Asklepios dürfen wir 
schon deshalb keine größeren statuarischen Werke und plastischen 
Erinnerungen erwarten, weil der Gott ja selbst in den allerwenigsten 
Fällen selbsthandelnd auftritt. Die Votivreliefs selbst zeigen meist 
nur den Dank. Eine Heilhandlung als solche (welche sogar nach 
Svoronos in einer Trepanation besteht) zeigte uns das S. 122, 
Fig. 36 abgebildete Relief mit der Kopfoperation eines auf einer 
Kline Liegenden durch einen Gehilfen. 

Aut demselben Boden einer primitiven Therapie stehen einige 
andere mythologische Szenen. Bekannt ist auch durch Richers 
Reproduktion der gravierte antike Stein, auf dem wir den ver- 
wundeten Philoktet sehen, wie er mit dem Flügel eines 
großen \'ogels seinem wunden Bein Kühlung zufächelt. Es ist 
zweifelsohne eine große Kunstleistung, in den kleinsten Rahmen 
einer Gemme so viel Stimmung hineinzulegen. In der Ilias (XI, 
313) wird erzählt, daß die Wunde, die sich dieser Heros auf 
diese Weise zuzog, einen derartig unerträglichen Fötor verbreitete, 
daß ihn seine Genossen auf der öden Insel Lemnos im Stich 
ließen; erst nach 9 Jahren wurde er durch Odysseus zurück- 
geholt und durch Machaon geheilt. Auf Vasenbildern und Spie- 
geln wird uns gelegentlich der verletzte oder hinkende Philoktet 
vorgeführt. 

Als dritte Stute ärztlicher Therapie kommen wir zu der Dar- 
stellung von Heilhandlungen zur historischen Zeit. Da wird das 
Material nun ein ganz auffallend dürftiges. In der Nekropole von 
Sakkärah entdeckte Loret Reliefs von chirurgischen Operationen 



OPERATIONSSZENEN. 



485 




Xack dem Orig-.-Xcgat. von Jean Capari. 

Fig. 362. Operationsszenen. Nekropole von Sakkärah. 



486 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ^ 

am Grabe eines hochstehenden Bediensteten eines Königs aus der 
sechsten Dynastie, ungefähr 2500 v. Chr., an den Türpfosten des 
Einganges. Von den sieben Gruppen ist die erste, vierte und fünfte 
stärker beschädigt. Diese Szenen wurden von W. Max Müller') 
zunächst beschrieben. 

Als Kulturdenkmal ersten Ranges imponiert hier die von uns 
abgebildete Beschneidung, deren zwei Szenen wiedergegeben werden. 
In beiden Fällen sitzt der Operateur und arbeitet mit einem großen 
Messer. Bei der ersten Szene werden dabei, wegen der Schmerz- 
haftigkeit, dem Jüngling die Hände vor dem Gesicht festgehalten, 
damit er den blutigen Vorgang auch nicht sehe. Beim zweiten 
Akt stützt der Jüngling die Linke auf dem Kopfe des Operateurs, 
der die Worte sagt: »Ich werde dir gut tun.« Der Jüngling er- 
widert: »Arzt, das wird vortrefllich sein.« Die andere von uns 
gebrachte Szene zeigt einen Knieenden zwischen zwei anderen in 
derselben Stellung, von denen jeder eine der beiden Hände des 
Mittleren erfaßt hat. Es ist dabei von Interesse, daß der auf dem 
Relief noch erhaltene Operateur dem Patienten den Rücken zudreht, 
während der andere durch den Bruch des Steines verloren ge- 
gangene, offenbar den Patienten nur festgehalten hat. Darunter 
sehen wir, wie ein Operateur die rechte Hand des Patienten nimmt 
und an ihr eine Operation vornimmt. Daneben ist eine Szene ge- 
schildert mit einer Fußoperation. Oberhalb der Beschneidungsszene 
scheint ein auf einem Schemel sitzender Operateur eine Massage 
an einem r. Beine auszuüben. Daneben versucht ein Operateur mit 
einem Instrument am Rücken eines gleichfalls sitzenden Kranken 
vielleicht einen Abszeß zu eröffnen. Die naheliegendste Erklärung, 
daß hier ein königlicher Leibarzt seine letzte Ruhestätte mit Szenen 
aus seinem Berufsleben hat schmücken lassen, wird von den Archäo- 
logen aus Gründen, die wir hier nicht diskutieren wollen, als un- 
wahrscheinlich bezeichnet. 



') W. Max MüUer, The earliest representations of surgical Operations. Egyptological 
researches, results of a Journey in 1904. Washington, D, C: Published by the Carnegie 
Institution of Washington, June 1906, s. auch Jean Capart, Une rue de tombeaux a 
Saqqärah, Brüssel 1907. 



OPERATIONSSZENEN. 



487 




F'g- 363. Operationsszenen aus einem Grabe von Sakkärah, 2500 v. Chr. 



488 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. 



Dann kommt wieder eine große Pause, bis wir wieder plasti- 
sche Darstellungen dieser Art aus historischer Zeit finden. Das 
nächste Beispiel ist die Darstellung römischer iVIilitärärzte. 




Zusa>n»iengeseizt »ach Cichorius. 

Fig. 364. Römischer Militäiverbandplatz. Trajanssäule. 

Da finden wir auf Schlachtenbildern die Rettung und Bergung 
von Verwundeten und Toten. 

Das berühmteste Beispiel ist die Darstellung römischer Militär- 
ärzte auf dem Verbandplatze. Diese Stelle von dem Relief der 
Trajanssäule ist vielfach reproduziert, leider ist gerade die Szene 



RÖMISCHE MILITÄRÄRZTE. _|89 



bei Cichorius^), nach dem wir auch die Abbildung zusammen- 
setzten, in zwei Teile gerissen. 

Hören wir die genaue Schilderung dieses Autors: »Im \"order- 
grunde sitzen zwei verwundete Römer aut felsigem Boden, links ein 
Legionär mit Panzer, aber ohne Helm, der sich mit der rechten Hand 
auf den Felsen stützt, während ihn ein anderer Legionär mit beiden 




Orig.-Ait/n. nach dem Gipsahgu/s 

I^'g- 365. Vase aus Elektron (4. Jahrh. v. Chr.), Bandagierung. 

Armen unter die Schultern gefaßt hat, und ein dritter Soldat, der 
mit bracae tunica, Zackenkoller, forcale, Helm und balteus bekleidet 
ist, seinen linken Arm vorsichtig an der Achsel und an der Hand 
hält. Rechts davon sitzt, nach links gewandt, mit vor Schmerzen 
verzerrtem Gesicht ein Auxiliar in der üblichen Uniform, mit der 
linken Hand stützt er sich auf den Felsen. Das rechte Bein ist 
gerade ausgestreckt, und die linke große Zehe ist nach oben ge- 

') Conrad ("ichorius, Die Reliefs der Trajanssäule, Berlin 1S96, Tafelband I, 30/31, 102/103. 



490 



HYGIENE UND HEILHANDLUNG. 



krümmt; der rechte Arm und die linke Hand ruhen auf der Schulter 
des links stehenden Arztes. Dieser beugt sich nach vorne über den 
Verwundeten und wickelt um dessen Bein eine Rolle, die er mit 
der rechten Hand umfaßt und nach der er mit der linken Hand 
unter dem Bein des \'erwundeten weg greift. Der Arzt trägt caligae 
bracae, doppelte tunica, ein ganz kurzes, vielgezacktes Koller, for- 
cale, Helm ohne Nackenschild, und der baltcus mit teilweise zer- 




Orig.-Atifrt nach dein Gipsabgu/s. 

Fig. j66. Mundoperation. 



störtem kurzen Schwert, dessen Knaut am rechten Oberarm sicht- 
bar ist.« 

Cichorius sieht in der Darstellung einen militärischen \'erband- 
platz hinter der Schlachtlinie; dorthin werden die Verwundeten 
zurücktransportiert. Diesem Autor ist es schon autgetallen, daß 
der Arzt die Leinwandrolle über den Hosen anlegt, statt auf der 
bloßen Haut. Die Erklärung liegt wohl in dem Wunsche, die starke 



MILITÄRISCHER VERBANDPLATZ. 



491 



Blutung möglichst schnell zu stillen. Der verwundete Legionär ist 
ein Nationalromer, der seinen Schmerz verbeißt, während der pere- 
grine Auxiliar nicht nur ein vor Schmerz verzerrtes Gesicht zeigt, 
sondern auch noch durch die Krümmung der großen Zehe Zeichen 
seines Zusammenbruches gibt. Es ist behauptet worden, daß die 
von Dio berichtete Historie, wonach der Kaiser Trajan seine eigene 
Garderobe als Verbandzeug hergegeben habe, hier ein plastisches 
Denkmal gefunden habe; das ist aber unwahrscheinlich, weil diese 




Fig. 367. Aryballos i.Peytel«. 

Szene sich in der ersten Schlacht (bei Tapae) gegen die Dakier 
ereignete. 

Solche Szenen mit Hilteleistungen während des Kampfes linden 
wir namentlich auf Sarkophagen. Eine besonders glückliche Lösung 
des Abtragens \'erwundeter aus dem Schlachtgetümmel finden wir 
z. B. aut einem Sarkophag des Stambuler Antikenmuseums. Wenn 
wir nun nicht ganz leer ausgehen wollen und einige antike Schil- 
derungen der vorzeitig beliebten Heilverfahren vor Augen führen 
wollen, so müssen wir uns schon wieder an die Vasenbilder 
wenden. Nachdem wir noch einmal einen Blick geworfen haben 



492 



HYGIENE UND HEILHANDLUNG. 



auf das interessante Grabrelief in London (s. S. 461), wo wir 
sogar so weit gehen können, von einer Untersuchung durch 
einen MagenspeziaHsten zu sprechen, wenden wir uns einigen 
Schilderungen zu , welche uns in die Werkstatt der antiken Chir- 
urgie führen. 

Im Jahre 1830 fand man bei der Öffnung eines großen Grab- 
hügels, Kul-Oba genannt, in der Krim einen ungewöhnlich reichen 
Schatz^), der sich jetzt in der Petersburger Ermitage befindet. Uns 
interessiert eine kleine V'ase von Weißgold (Elektron) mit einem 
Relief aus getriebener Arbeit. Diese wahrscheinlich aus dem 4. Jahr- 
hundert stammende griechische Arbeit zeigt uns Gruppen von Skvthen 
im Gespräch oder in kriegerischer Beschäftigung. Das eine Paar 
stellt nun ^^'ohl die am besten erhaltene Schilderung eines Ver- 
bandes dar; sowohl die technische Seite der Bandabnahme oder 
Bandanlage ist eindrucksvoll geschildert, als der Schmerz des \'er- 
wundeten vortrefflich charakterisiert. Bei dem anderen Paare sieht 
man einen iMann in der Tracht der Skvthen, wie solche jetzt noch 
im südlichen Rußland üblich ist, einem anderen in den geöffneten 
Mund fassen; auch hier ist der Untersuchte mit seiner Besorgnis 
vor Schmerz drastisch geschildert. Ob es sich darum handelt, 
daß ein Zahn gezogen wird oder ob hier nur eine Untersuchung, 
vielleicht einer Verletzung, geschildert werden sollte, steht dahin 
(s. Fig. j6) u. 366). 

In der Fondation Eugene Piot 1896") hat E. Pottier eine uns 
besonders interessierende \'ase der Privatsammlung Pevtel ab- 
gebildet und beschrieben und gleichzeitig weitere acht griechische 
Vasenbilder zusammengestellt, welche durch ihren Inhalt sich als 
Szenen der Antikentherapie kennzeichnen. Weitaus im Vorder- 
grunde unseres Interesses steht ein Arvbailos, welcher nach Pot- 
tiers Auflassung einen Einblick gewähren soll in eine griechische 



') Antiquites du Bosphore Cimmerien Taf. 13 1—3; ferner Jean Heitz, Note sur un 
vase grec de rErmitage ou sont figurees des Operations chirurgicales. Nouvelle Iconogr. de 
la Salp. 1901. 

-) Fondation Piot, Monuments et ML'moires, Paris 1906, une clinic]ue grecque au Ve siecle 
von E. Pottier. 



KRIEGSCHIRURGIE. 



493 




494 



HYGIENE UND HEILHANDLUNG. 



Klinik des 3. Jahrhunderts; Adolf Kronfeld, der sich gleichfalls 
mit der Studie Pottiers beschäftigt hat, sagt mit größerem Recht 
»Poliklinik«. Wir folgen hei der Betrachtung dieser interessanten 
Öl- und Parlumflasche dem Monumentalwerke, dem wir auch die 
Abbildung entnommen haben. Die beiden Eroten, welche wie 
Schwimmer dahinfliegen, gehören wohl nicht zur Sache. Beginnen wir 
mit der leider am meisten lädierten Figur des jungen Arztes, welcher 
in der Mitte des Rundbildes dasitzt, leicht gekleidet in ein Himation; 
ein rotes Band hält seine schwarzen Haare zusammen. Die Füße 
hat er unter seinem Lehnsitz gekreuzt. Pottier nimmt nun an, 
daß die Handbewegung des Arztes darauf schließen läßt, als wenn 
er oberhalb des Handgelenks dem Klienten ein Band umwickeln 
wolle. Es sei allerdings die weiße Retusche des \'erhandes ver- 
loren gegangen. Aus der vorliegenden Zeichnung aber scheint mir 
das ebensowenig ersichtlich, wie aus der Photographie der ganzen 
Vase, da die Haltung des linken Armes des Arztes eine solche 
Einwicklung unmöglich macht. Dann würde er ja den eigenen 
Arm mit einwickeln. Es wäre bei dieser Handstellung nur eine 
zirkuläre Entwicklung am Oberarm möglich. Dagegen spricht die 
Daumenstellung der linken Hand. Unzweifelhaft ist der Moment 
der \"enaesectio geschildert. Vor der Gruppe steht ein großes 
Bronzegefäß, welches wir schon von den Bädern her kennen. 
Die Stellung des nackten Patienten, welcher sein Himation wie 
einen Mantel über die linke Schulter geworten hat, drückt aut 
der einen Seite eine gespannte Erwartung, aut der anderen Seite 
ein gewisses ängstliches Zurückweichen aus. An seinem linken 
Handgelenk hängt ein rotgefärbtes Armband, welches offenbar eine 
Art von Amulett vorstellt. Hinter diesem Klienten sitzt nun ein 
zweiter mit entblößtem Oberkörper, der sich mit der rechten Hand 
auf einen langen Stock stützt. Die linke Hand ruht ausgestreckt auf 
den Knien. In der Höhe des Biceps ist dieser Arm durch ein weißes 
Band kreuzweise verbunden. Dieser Klient trägt sein rotes Amulett- 
band am linken Beine. Hinter diesem steht wiederum das ziemlich 
zerstörte Bild eines Mannes, welcher an einer roten Blume riecht. 



VASENBILDER MIT HEILSZENEX. 



495 



Aut der anderen Seite stützt sich ein Mann mit gekreuzten Beinen 
auf einen Stock; er scheint mit dem kleinen difformen Menschen, 
der vor ihm steht, im Gespräch zu sein. Der große Mann zeigt 
über die Brust gekreuzt die Reste einer weißen Bandage. Der 
kleine Mann zeichnet sich durch seine groteske Häßlichkeit aus 
und erinnert sotort an das Aussehen der von uns charakterisierten 
Zwerge. Im Gegensatz zu dem typischen griechischen Protil zeigt 
er eine eingefallene Stumplnase und die für diese Köpfe tvpische 
fliehende Stirn. Sein massiver Leib ist stark behaart und seine 
Genitalien inhbuliert. Aut dem Rücken trägt er, wie Pottier an- 
nimmt, einen Hasen, der beinahe so groß ist wie er selbst, das 
offenbare Geschenk tür di::n Arzt. Zwischen ihm und dem antiken 
Kollegen bewegt sich nun noch eine Gestalt mit einer gewissen 
^'orsicht an einem Stock. Um das linke Bein zieht sich kreuzweise 
gestellt wieder der weiße \'erband. Seine blonden Haare sind auch 
mit einem roten Bändchen verziert. In der Umgebung des Arztes, 
oberhalb seines Koptes, befinden sich nun mehrere Gegenstände, 
welche wir mit Sicherheit als Schröpfköpfe ansprechen müssen. Zur 
Erklärung dieser Szenerie übergehend, stellt zunächst der erste Be- 
schreiher mit Hüte \on Pozzi fest, daß hier natürlich die ange- 
legten Verbände keine A'erstauchungen oder Frakturen signalisieren 
sollen, sondern es sind Aderlaßverbände. Es ist ja hinlänglich be- 
kannt, daß Hippokrates, Galen, Celsus den Aderlaß kannten und 
ausübten. Das hohe Alter dieses volksmedizinischen Eingriff"es geht 
schon aus der Behauptung des Plinius hervor, diese Technik habe 
das Nilpferd der Menschheit gezeigt, da es sich gelegentlich an 
scharten Pflanzenblättern selbst zu Ader lasse. Man ließ zwar mit 
^'orliebe am Arm, doch auch am Fuß in der Knöchelgegend zur 
Ader. Auch die Erklärung Pozzis, daß der Klient mit der Brust- 
bandage off"enbar blutig geschröpft sei, erscheint plausibel. Das 
Alter des jugendlichen Arztes, im Gegensatz zu den Bürgern im 
richtigen Mannesalter, ist Pottier aufgefallen. Er erklärt die Jugend 
des Operateurs, indem er ihn gewissermaßen als Assistenten eines 
größeren Arztes hinstellt, der die feste Hand der Jugend benutzt, 



496 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ® 

um seine Operationen auszuführen. Denn nach Celsus müsse der 
Chirurg jugendHch sein. Den grotesken Zwerg faßt Pottier als 
Sldaven und Bedienten des Arztes auf, dessen Körperzustand der 
Arzt gewissermaßen zu Studien benutzt haben könnte, und als 
Reklame im Sinne des Gegensatzes. Doch weist auch Pt)ttier 
ausdrücklich auf die auch von uns erwähnte prophylaktische und 
abwendende Wirkung grotesker Zwerge hin. Hin solcher Sklave 
mußte natürlich ein famoses Aushängeschild für einen Arzt sein. So 




(/'r/^' -P/tot. iiii A'ttts. iin/t. litst., Athen. 

Fig. 369. Krug mit Darstellung von Verletzungen. 

geistreich auch diese Hypothese ist, so würde man schließlich auch 
ohne alle andere Erklärung sich über die Anwesenheit einer derartigen 
Figur im Sprechzimmer eines Arztes nicht wundern. Vergleicht man 
nun diese eingehende Schilderung des französischen Gelehrten mit 
der von ihm abgebildeten Originalphotographie des Aryballos, so 
drängt einem sich ordentlich die Frage auf, wieso der Autor die so 
naheliegende Auffassung nicht ausgesprochen hat, daß der Arzt 
gerade im Begriff ist, einen Aderlaß auszulühren. Alles spricht 
doch in der Haltung des Arztes und der Klienten für diese Hand- 



VASENBILDER. 



497 



lung. Die Stellung der Hand und namentlich des linken Daumens 
des Arztes zeigt das feste Zugreifen. Eine Füllung der Vene, die 
allerdings eine Kompression oberhalb zur Voraussetzung hätte, 
scheint sogar auf der Photographie des Originalkruges angedeutet. 
Was für mich aber am meisten dafür spricht, das ist die Stellung 
des Klienten, der sich etwas türchtct und scheinbar von dem Arzt 




Ori^.-Phot. des Kais. arch. liist . Athen. 

Fig. 370. Rückseite von Figur 369. 

abstrebt; dann noch zu seinen Füßen der Louter zum Auttangen 
des Blutes. 

Noch ein zweiter Punkt bedarf der Erklärung. Wie aus der 
Photographie ersichtlich ist, hängen an der Wand Schröpfköpte. 
Sollen das wirkliche Schröpfköpfe sein oder analog dem Messing- 
becken unserer heutigen Barbiere ärztliche Firmenschilder? Für das 
erstere spricht die Mehrzahl der Instrumente, tür das letztere ihre 
un verhältnismäßige Größe. 

Derselbe Autor bespricht nun noch einen größeren Krater des 
Athenischen Nationalmuseums, den er wegen der \"erbände, welche 

Holländer, Plastik und Medizin. 3- 



498 HYGIENE UND HEILHANDLUNG. ^ 

mehrere der Personen tragen, dieser Gruppe zuzählt. Ich habe 
diesen Krug zusammen mit dem Ephoren Stais genau untersucht, 
kann aber nicht zu demselben Resultate wie Potticr kommen. 
Zunächst ist die Zeichnung und die ganze Aufmachung dieser Ke- 
ramik eine recht flüchtige und minderwertige. Die Figuren sind 
skizzenhaft behandelt, und alles, was man sagen kann, ist, daß 
hier zwei Personen Bandagen am Kopfe haben, eine gleichzeitig 
noch an der großen Zehe, die der unglückliche Besitzer derselben 
mit schmerzhafter Gebärde hochzieht. Außerdem aber befindet sich 
noch eine flüchtig hingeworfene Figur auf der \'ase, die sich mit 
der linken Hand unter die rechte Achsel faßt und dabei diesen Arm 
in einer Stellung hält, als wenn er verstaucht oder luxiert wäre. 
Immerhin ist die Vermutung, daß es sich um leichtere Verletzungen 
handeln möge, wie solche bei athletischen Kämpfen häufig vor- 
kommen, nicht von der Hand zu weisen: um eine Heilhandlung 



o 



handelt es sich aber nicht; die übrigen vorkommenden Figuren 
scheinen doch darauf hinzuweisen, daß hier eine groteske Szene aus 
einer Komödie gezeigt werden sollte. 

Die anderen \on Pottier erwähnten acht Vasenbilder (s. 1. c.) 
haben folgenden Inhalt: 

1. Sthenelos verbindet die Hand des Diomedes. Griechische 
Vase aus der Kollektion Hope. Schwarze Figuren des 6. Jahr- 
hunderts; s. Reinach, Repertoire des Vases I, p. 82. Saglio Dict. 
des Antiq. Fig. 1399. 

2. Die Schale des Sosias, Achilles verbindet den Arm des Pa- 
troklos; Abbildung s. Holländer, Medizin in der kl. Malerei 
S. 173. 

3. Der verwundete Telephos; s. Smith, Catalogue of the greek 
and etrusk. Vases in the British Museum III, p. 247, E 382. 

4. Krieger verbinden ihre Wunden, Florentiner \'ase. Nach- 
ahmungen des Gegenstandes von der ficoronischen Cista. F. Behn, 
Die ficoronische Cista, Leipzig 1907, p. 26, pl. II. 

5. Machaon verbindet das Bein des Philoktetes, etruskischer 
Spiegel in Bologna. Gerhard, Etrusk. Spiegel pl. 394. 



VASENBILDER. 



499 



6. Verwundeter Krieger wird am Bein verbunden. Gesclinittener 
Stein. Saglio Dict. Fig. 1410. 

7. Militärärzte verbinden Verwundete. Basrelief von der Trajan- 
säule, s. Saglio Dict. Fig. 4891 und Fröhner, Col. Trajane pl. 6-^, 
s. uns. Abbildung Fig. 364. 

8. Die Brust des toten Patroklos ist verbunden. Die Bandage 
unterstützt durch zwei Tragriemen. Freske von einem etruskischen 
Grabe zu Vulci. Martha l'Art. etrusque p. 393, Fig. 269. 




Fig. 371- 








PATRONE. 

DIE GROSSEN KRANKENHEILER UND DIE HEILPATRONE. 

ntcr Berufung auf die Autorschaft von Adolf Harnack') 
zeigten wir, daß im Beginn die neue Lehre einen wesent- 
lichen therapeutischen Einschlag aufwies. Jesus trat 
in erster Linie als Heiland auf, in seinem Namen fanden Hei- 
lungen statt. 

Wir zeigten terner, daß im dritten und vierten nachchristlichen 
Jahrhundert dem Asklepioskult eine noch ungeschwächte Kraft inne- 
wohnte, und daß auch die Tempel des Sarapis imd der Isis mit 
Heilsuchenden getüllt waren. Diese Heiligtümer der alexandrini- 
schen Gottheiten, z. B. das Serapeum von Kanopus, erfreuten 
sich in der Kaiserzeit nicht nur des Besuches von Heiden, sondern 
auch von Christgläubigen und Juden (s. Petrus der Iberer und 
Sophronius). Der Kaiser Julian gehörte noch zu den überzeug- 
testen Verehrern des Aesculapius. Des Kaisers Zeitgenosse und 
Freund, der Rhetor Libanius, war derartig von den Traumorakeln 
des Gottes überzeugt und von seinen Erfolgen befriedigt, daß er 
sogar seinen Bruder, als er selbst nicht reisefähig war, beauftragte, 
für ihn im Tempel zu schlafen. Ein anderer Zeitgenosse Kaiser 
Julians, der Rhetor Acacius, sah in der Zerstörung des Tempels 
des Heilgottes eine der schwersten Schädigungen der religiösen 
Interessen der Altgläubigen ; er freut sich , daß wenigstens einige 
dieser Tempel von der WTit der Zerstörer verschont blieben. Die 



') Adolf Harnaclc, Medizinisches aus der ältesten Kirchengeschichte; ferner Dr. RudoK 
Pfleiderer, Die Attribute der Heiligen, Ulm 1S9S. Die Anfänge des Heiligenkults in der 
christlichen Kirche von Ernst Lucius, 1904, Tübingen. Die Patronate der Heiligen von 
Dietrich H, Keller, Ulm 1905. J. E. Wessely, Iconographie Gottes und der Heiligen, 
Leipzig 1874. 



KOSMAS UND DAMIAN. 50I 



neuplatonischen Philosophen waren im 3. Jahrhundert noch die 
eifrigsten Verehrer des letzten Olympiers. 

Diesem ausgedehnten Kult der Heilgötter gegenüber war es für 
die neue Kirche ein aussichtsloses Unternehmen, den Glauben an 
das Vorhandensein höherer Mächte, welche Kranken Heilmittel 
offenbarten, einfach zu nehmen; in kluger Berechnung begnügte 
man sich damit, die bisherigen Heilgötter durch christliche Märtyrer 
zu ersetzen. »Mit der größten Leichtigkeit«, sagt Lucius, »hat sich 
daher auf dem Wege des übernatürlichen Heilwesens der Übergang 
von der alten zur neuen Religion vollzogen.« In den Heilungs- 
geschichten des 6. Jahrhunderts sieht derselbe xA.utor eine lehrreiche 
Übereinstimmung mit den Lmiata des klassischen Altertums. Kranke, 
die bisher vergeblich bei Ärzten Genesung suchten, schliefen in den 
Kirchen, wo ihnen der Heilmärtyrer erscheint und ihnen meist 
irgendeine Kur verordnet, gelegentlich aber sich auch veranlaßt sieht, 
selbst Hand anzulegen. Die Zahl der Märtyrer, auf welche die 
Tradition der antiken Heilgötter überging, ist eine bedeutende. 

Besonders klar liegt z. B. diese Umwandlung bei der hl. Agatha 
(iMartvrium 232 p. Chr.). Sie wurde gemartert und ihre Brüste 
abgeschnitten, weil sie sich angeblich der Begehrlichkeit des Gou- 
verneurs Quintian widersetzte. Begraben liegt sie nämlich in Catania, 
einem Platze, wo schon seit alters der Dea bona große Brüste ge- 
opfert wurden, als der Spenderin des warmen Regens. 



KOSMAS UND DAMIAN. 

Einen Ruf, der die Grenzen eines Lokalkultus überschritt, 
machten sich nur wenige Märtyrer, unter ihnen an erster Stelle das 
Brüderpaar Kosmas und Damian'). Hs ist für uns gleichgültig, 
ob diese Märtyrer den Asklepios beerbten oder ob, wie Deubner 
das annimmt, sie die Heiltätigkeit eines anderen klassischen Brüder- 
paares der göttlichen Dioskuren fortsetzten'). Der Grund der Vor- 

'} Kosmas und Damian von Ludwig Deubner, Leipzig und Berlin 1907. 
2) Der Heilige aber, der selbst den Xamen des Asklepios erbte, Saint Asciepe, Bischof 
von Limoges (VIU. Jahrh.) wurde früher noch gegen Blutung angerufen, ist aber ganz vergessen. 



302 DIE INKUBATIONSHEILIGEN. 



Herrschaft dieser Araber liegt wohl in der Tatsache, daß sie ihr 
Glück durch einen hohen Klienten machten. Als nämlich der Kaiser 
Justinian so schwer erkrankt war, daß er von den Ärzten bereits 
aufgegeben war, erschienen ihm die Heiligen und retteten ihn auf 
wunderbare Weise. Ein Kaiser aber, dessen Person im Mittelpunkte 
der damaligen Welt stand, war schon in der Lage, einem Kulte 
eine außergewöhnliche Bedeutung zu geben. Nicht nur in der 
Reichshauptstadt erstanden Kirchen, nicht nur hier wuchs ihr Ruf; 
sie kurierten nach dem alten Rezepte; unter verschiedenen Gestalten 
erschienen sie; in beinahe allen Fällen verordneten sie sonderbare, 
selbst widersinnige Kuren, sie heilten auch durch Handauflegung. 
Aus Dankbarkeit hat übrigens der Kaiser Justinian nicht nur den 
beiden Heiligen Kirchen bauen lassen, sondern die Stadt Kyrrhos 
in Nordsvrien, in der diese arabischen Ärzte ano-eblich beoraben 
waren, befestigt, mit herrlichen Bauten geschmückt und ihr eine 
Wasserleitung gegeben. 

Über die Herkunft der Brüder, welche die Patrone der Ärzte 
wurden, schwebt ein völliges Dunkel. Doch nicht nur Dunkelheit, 
sondern greulicheVervvirrung, da die griechische Kirche drei Heiligen- 
paare des gleichen Namens kennt; eines stammt aus Asien, ein 
zweites Paar aus Rom, ein drittes aus Arabien. Ihr Fest fällt am 
I.November, am i. Juli und am 17. Oktober. Nach Deubner 
ist es kein Zweifel , daß die Asiaten das älteste und bedeutendste 
Brüderpaar sind. Der »Verfertiger« ihres Lebens weiß ihm indi- 
viduelle Schattierungen zu geben ; sie werden nach Anerkennung 
des Christentums als Staatsreligion geboren. Ihre Mutter Theodote 
ist eine fromme Frau und unterweist die Söhne in der Heiligen 
Schrift, aber der Heilige Geist verleiht ihnen die ärztliche Kunst, sie 
heilen umsonst Menschen und Tiere. Unter den geheilten Kranken 
befand sich eine Frau namens Palladia; diese bestürmte unter furcht- 
baren Schwüren den hl. Damian, daß er wenigstens drei Eier als 
Lohn für seine ärztliche Tätigkeit annehme. Damian gibt nach, 
erregt aber dadurch den heftigsten Unwillen des Bruders, der im 
Todesfalle sogar getrennt von Damian bestattet zu werden verlangt. 



KOSMAS UND DAMIAN. 503 



Gott ändert im Traum den Sinn des Kosmas, aber die Heiligen 
sterben, ohne daß Kosmas seine Sinnesänderung kundgibt. Als 
nun große Ratlosigkeit unter dem versammelten Volke herrscht, er- 
scheint ein von Kosmas geheiltes Kamel und berichtet mit mensch- 
licher Stimme, daß der Herr die Heiligen beieinander zu bestatten 
befehle. Dies geschieht auch, und ihre Gräber bewähren sich als- 
bald durch die Fortsetzung von Wundertaten. 

Nach Deubner ist dieses alles reine Erfindung, einzig real 
vielleicht der Name des Begräbnisortes Pelusion, denn diese ägyp- 
tische Stadt rechnen die Griechen noch zu Asien. »Was sie aber 
als lebensfähig hatten, das wurde ihnen als Erbteil der Söhne des 
Zeus.« Auf eine volle Anerkennung als anargyroi, d. h. Gratis- 
heiler, durften sie jedoch, namentlich in Rom, nur rechnen, wenn 
die Märtyrerkrone noch als Nimbus ihr Haupt verherrlichte. Der 
ruhige Tod der Asiaten genügte nicht, und so kam noch das so- 
genannte römische Martyrium hinzu. Die Heiligen werden beim 
Kaiser Carinus oder auch Maximian verleumdet, vor ihn geführt 
und mit Foltern bedroht; sie drehen ihm aber durch ihr Wort den 
Kopf nach hinten herum, der Kaiser wird von ihnen sodann gerettet 
und bekehrt. Trotzdem aber werden sie auf einen Berg geführt 
und durch Stein würfe getötet. Das sogenannte arabische Mar- 
tvrium ist ein nach dem üblichen Schema angefertigtes Elaborat 
und soll in Anlehnung an die Legende des h. Zenobius und der 
h. Zenobia entstanden sein. Die Heiligen blieben inmitten des Scheiter- 
haufens unversehrt, das Feuer wurde vom Winde weggeblasen und 
verbrannte einige der Umstehenden. Auch die Tortur überstanden 
sie ohne irgendwelchen Gliederbruch, dann wurden sie an das Kreuz 
senaeelt und gesteinigt, doch die Steine flogen ebenso wie die 
Pfeile auf diejenigen zurück, welche sie geschleudert hatten; schließ- 
lich wurden sie geköpft. Ihr Martyrium ist übrigens in einer Bilder- 
serie in der Florentiner Galerie von Pesellino gemalt. Von den 
vielen Wundertaten, die sie verrichteten, machte sie folgende zu 
Patronen der Chirurgen'). Ein Mann, welcher Krebs am Beine 

') S. bei Du Broc de Segange, vgl. S. 515. 



5^4 



PATRONE. 




Phot. Alittari. Florenz, ^lediceerK-af>eUt\ 

Fig. 372. Der h. Kosmas von Montorsoli. 



hatte, ging in ihre Kirche zu Rom und betete; er schhef auch bald 
ein, und die Heihgen er.schienen ihm. Der eine hiek in der Hand 



KOSMAS UND DAMIAN. 



505 




Fig. 



Phot. Alinari. Florenz, Hh-iiuYtil-ctj^t-iir. 

Der h. Damian von Raffaello da Montelupo. 



eine Salbenbüchsc, der andere ein Messer. »Auf welche Weise ver- 
fahren wir,« sagte der h. Kosmas, »um das Bein zu ersetzen, 
wenn wir es abgeschnitten haben?« »Man bringt soeben zum Be- 



3o6 



PATRONE. 



gräbnis einen Mauren nach St. Peter,« antwortete Damian, »nehmen 
wir sein Bein, es wird dieses hier ersetzen.« Wie gesagt geschah, 
und bei seinem Erwachen war der Kranke geheik, nur hatte er ein 
schwarzes Bein. Er erzählte seinen gehabten Traum, man hef eihgst 
zum Grabe des Mauren, und da dieser ein weißes Bein hatte, so 
war die Intervention der HeiHgen zweifelsohne sichergestellt. Diese 
Szene ist mehrfach, namentlich von den alten Holländern so rea- 
listisch geschildert, als wenn eine moderne chirurgische Trans- 
plantation ausgeführt worden wäre. 

Ihre berühmteste Kirche wurde ihnen am Forum Romanum, 
angeblich auf den Trümmern des Tempels von Romulus und 
Remus, nach anderen aut dem der Dioskuren, im Anfange des 
6. Jahrhunderts vom Papste Felix geweiht. Das Brüderpaar war 
schon vor der Wiedereroberung Italiens durch Justinian aus dem 
Orient eingeführt. Bereits um 400 gab es eine ihnen geweihte 
Kapelle bei Aleppo; ein Ritterorden zu Ehren der Heiligen wurde 
in Palästina gestiftet. Schon im 6. Jahrhundert wird eine Kirche 
ihres Namens in Jerusalem erwähnt, eine solche besaß schon im 
3. Jahrhundert Kyrrhos, welche Stadt, wie wir bereits erwähnten, 
den Anspruch erhob, die Gebeine der Heiligen zu besitzen. 

Betrachten wir die Embleme dieser Ärztepatronc. Als nicht miß- 
zuverstehendes Attribut erwähnt Pfleiderer den Schlangenstab des 
Kosmas; meist werden sie dargestellt jugendlich, bartlos, in langer 
Robe mit Pelzbesatz und Mütze, in der Hand ein Arzneigefäß, Urin- 
glas oder Pflasterspatel, seltener andere chirurgische Instrumente. Als 
Ortspatronate bezeichnet Kerler: Böhmen, Essen, Florenz, Goslar, 
Prag, Salamanca, Zürich. Sie sind die Patrone der Apotheker, Ärzte, 
Ammen, Bandagisten, Barbiere, Bruchärzte, Chirurgen, Drogisten, 
Friseure, Krämer, Wachszieher, Zuckerbäcker und Schacherer. 

Größere monumentale Statuen der Brüder von künstlerischem 
Wert sind sehr selten. Als Schutzheilige der Mediceer befinden 
sie sich in deren berühmter Florentiner Kapelle, wie diese ja auch 
Florentiner Münzen mit ihnen schmückten. 

Dort neben den gigantischen Schöpfungen des Michelangelo in 



KOSMAS UND DAMIAN. 



507 



der Sas;restia nuova, neben einer unvollendeten Madonna des Meisters 
steht Damianus von Raftaello da Montelupo und Kosmas von der 




Phot. Allnari. 

tig- 374- Mosaikljilder des Kosmas und Damian in der nach ihnen yen. Kirche zu Rom 

(6. Jahrh.). 



Hand des Mitarbeiters Michelangelos an der Figur Giulianos Fra 
Giov. Angiolo da Montorsoli. Sie waren als Schmuck des Grabmals 
Lorenzo il Magnifico ursprünglich bestimmt (s. Fig. 372 u. 373). 



5o8 



PATRONE. 



Die Statuen in der Alediceergruft geben ein Zwillingsbrüderpaar 
von großer Würde, aber ohne besondere Charakteristik. Sonst 
wird noch ihr Martyrium geschildert, oder wie sie Kranke unent- 
geltlich kurieren. Ich erinnere an die Gemälde im Städelschen 




Fig- 375- Italien. Renaissance. Der h. Kosmas. 



Institut von Roger van der Weyden, von Carreno de Aliranda in 
der Eremitage zu Petersburg oder an die Florentiner Bilder von 
Lorenzo und Pesellino, als Begleiter der Madonna von Robusti 
in Venedig, ferner an das Votivbild von 13 12 mit Bezug auf die 
Pest von Venedig von der Meisterhand Tizians. 



§§ DER H. ANTONIUS VON PADUA. 509 

Aus dem \'crglcich dieser verschiedenen \"ersuche, Persönlich- 
keiten zu prägen, erkennen wir das künstlerische Fiasko dieser 
Nachfolger der Dioskuren. Betrachten wir ihre ersten Darstellungen, 
so erkennt man schon die Verlegenheit der Künstler, aus der Legende 
der verschiedenen Brüder etwas Einheitliches zu schaffen. Man 
benutzte ihre arabisch-asiatische Herkunft und gab ihnen ein orien- 
talisches Gepräge. So finden wir sie dargestellt auf einem musivi- 
schen Bilde in ihrer ersten römischen Kirche neben dem Kirchen- 
stifter, dem Papst Felix. Von unschöner Gestalt, schwarzbärti^, 
großäugig (s. Fig. 374). 

Die spätere Malerei aber verläßt diesen Typus und stellt sie 
jugendlich dar. Aus den oben genannten Stätten ihres Kultes 
stammen die versprengten gotischen Figuren, welche die Heiligen 
darstellen. Eine solche verdanke ich der gütigen Überweisung des 
Kollegen Daniels in Amsterdam; der Besitzer ist Professor Dr. Lanz; 
wir haben eine italienische Plastik um 1300 vor uns. Ob hier einer 
der Brüder zur Vorstellung kommen sollte oder vielmehr nur ein 
Arzt überhaupt, läßt sich schon deshalb nicht entscheiden, weil, 
ähnlich wie zur römischen Kaiserzeit, bei den Ärzten die Neieune 
bestand, sich unter dem Bilde und in der Stellung der Patrone ab- 
bilden zu lassen. 



DER HEILIGE ANTONIUS VON PADUA. 

Der Wundertat der »Transplantation« steht die »Autoplastik« 
des Paduaner Stadtheiligen gegenüber; der häufigen Darstellung des 
Wiederansetzens eines abgeschnittenen Beines (s. Fig. 376 u. 377) 
liegt folgende Legende zugrunde. Ein Jüngling hatte sich beim 
Heiligen selbst angegeben , seiner Mutter einen Fußtritt versetzt 
zu haben. Der Heilige bedeutete dem Manne, daß ein Kind, das 
seine Mutter getreten habe, verdiente, daß man ihm den Fuß ab- 
schneide. Der Büßer ging nach Hause und schnitt sich in seiner 
tiefen Reue den Fuß ab. Dem benachrichtigten Heiligen aber ge- 
lang es, unter Gebeten Bein und Fuß wieder zusammenzufügen 



510 



PATRONE. 



und den Jüngling zu heilen. Aut dem bekannteren Hochrelief des 
Tullio Lombardo in der Basihka di S. Antonio in Padua ist die 
leidenschaftliche Erregung der umstehenden Zuschauer und nament- 




Orig.- All/n. Berlin, Histor. Sainntluiig hii Kaiserin-Friedyich-Haus, 

Fig. 376. Das Wunder des h. Antonius, Tirol. Holzskulptur. 



lieh der Mutter kraftvoller zum Ausdruck gekommen , als das 
Wunder selbst. Ähnliche asklepiadische Heiltat vollbrachte der 
h. Eligius, wie wir sehen werden, beim Pferde. 



ANTONIUSVVUNDER. 



511 




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Q 
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-3 
5 



5 I 2 PATRONE. 



ZENO UND ZENOBIA. 

Dieses Geschwisterpaar zeigt in seiner Legende eine auffallende 
Übereinstimmung mit unseren Heilpatronen Kosmas und Damian, 
aber trotz ihrer Bedeutung konnten sie in der orientalischen Kirche 
doch nicht gegen das Brüderpaar aufkommen. 



CYRUS UND JOHANNES. 

Cilücklicher in diesem Wettstreite war das Märtvrerpaar Cvrus 
und Johannes, die Heiligen von Menuthis. Der spätere 
Patriarch von Jerusalem Sophronius hat aus der Unzahl der 
Wunderheilungen dieser Heiligen angeblich nur die ausgewählt, 
die er selbst erlebt oder die er durch Augenzeugen erfuhr; ihn 
leitete hei seiner Heiligengeschichte die Dankbarkeit, weil er durch 
sie von schwerem Augenleiden befreit wurde. Die Beschreibung, 
die wir durch Vermittlung von Ernst Lucius von dem Tempel- 
leben in Menuthis zu Beginn des 7. Jahrhunderts erhalten, ent- 
spricht im großen und im kleinen dem, was wir von den antiken 
Heilstätten des Äskulap erfuhren. \\'ie dies von Lucius historisch 
belegt wird, sind wir aber diesmal nicht auf geistvolle Hypothesen 
gestellt bezüglich der Herkunft und der Wesensart der Heiligen, 
sondern die Sachlage ist durchsichtig; in Menuthis existierte ein 
alter Kult der Lsis, welche hier in unmittelbarer Nähe des Sera- 
peums von Kanopus eine große Anziehungskraft als Heilerin aus- 
übte. Die neue Kirche war sich klar, daß es sich hier nur um eine 
Personenfrage handeln konnte. Zunächst hatte man zu Ende des 
4. Jahrhunderts dem heidnischen Heiligtume eine Kirche gegenüber- 
gestellt, doch erst der Bischof Cyrill erkannte, daß die alte Wunder- 
täterin nur durch einen christlichen Konkurrenten gebrochen werden 
könne, und aus diesem Grunde brachte er die angeblichen Reliquien 
aus einem Massengrabe bei der Markuskirche nach Menuthis und 
präparierte ihre Legende, nach der Cvrus bereits bei Lebzeiten ein 



MARTYRERKULT. 



513 



Arzt gewesen sei. Schnell erwarben die Reliquien sich durch Wunder- 
taten das Vertrauen der Christen, später auch der Heiden, und der 
Tempel der Isis stand leer. 



MARTYRERKULT. 

Zum \'erständnis des Alärtyrerkultes und seines Zusammenhanges 
mit der Antike erinnern wir an die Opferung von Speise und 
Trank an ihren Gräbern, und an die bei denselben veranstalteten 
Mahlzeiten. Die heidnische Sitte der Weihgeschenke wurde natür- 
lich auch übernommen, man brachte den Märtyrern Geld und Gut 
und legte aut den Gräbern gemünztes Geld und wertvolle Gegen- 
stände nieder. Tieropter blieben dieselben, Ochsen und tette 
Schweine wurden geopfert. Dabei kamen bedeutsame Wunder vor. 
Hin fettes Schwein war vom Besitzer zurückgelassen, es lief allein 
zur Opferstätte ; eine dem Heiligen gelobte Kuh findet von selbst 
den Weg und bietet sich den Armen zur Nahrung an. Daß auch 
die körperlichen Weihgeschenke die Märtyrerbasiliken füllten, haben 
wir früher bereits erwähnt; sie zierten oft zu vielen Tausenden die 
Wände der Tempel, sie waren aus Gold und Silber, doch auch 
Ott aus Ton, denn die Märtvrer nahmen auch geringwertige Gegen- 
stände gerne an als Ausdruck der Dankbarkeit; und auch darin 
zeigt sich die Gleichheit menschlicher Dankesbetätigung, daß hier 
und dort dem Asklepios und den Märtvrern geistige Werke von 
dankbaren Gemütern gestiltet wurden. Wie Aristarchus aus Tegea 
als Dank tür seine Genesung das Drama »Asklepios« verfaßte, so 
haben christliche Dichter Dankeslieder zum Jahresfeste ihres Heiligen 
verfaßt. Als Gegenleistungen figurieren dann die Wundertaten, die 
sie ihren Verehrern erwiesen. Solche \Wmder ereigneten sich zahl- 
los, manchmal sofort, manchmal aber erst längere Zeit später, 
nachdem die Kranken dem Bereiche und der Machtsphäre einer 
Reliquie genähert wurden; besonders schnell ging es mit den Be- 
sessenen ; wie eine brennende Flamme dringt die \Winderkraft auf 
den Dämon ein, ihm derartige Qualen bereitend, daß er sich nicht 

Holländer, Plastik und Medizin. 33 



514 



PATRONE. 



länger beherrschen kann und schreit, beut, knirscht, zischt. Das 
Märtyrergrab ist der Ort, an dem die Dämonen brüllen. Lucius 
entnimmt den Schilderungen eines Hilarius, eines Augustin, Pau- 
linus u. a. das Benehmen der Besessenen in der Kirche. Sie laufen 
in der Kirche umher, umklammern den Altar, schlagen sich mit 
eigenen Händen, drehen den Kopt im Kreise, beugen sich rücklings 
mit dem Scheitel bis zur Erde, manchmal auch scheinen sie in der 
Luft zu schweben. Dieser Bewegungstaumel entsteht durch die 
Begier des gequälten Dämons, sich vom Kranken zu trennen. 
Schließlich aber findet er einen Ausweg aus dem Körper; bald 
durch den Mund, bald durch die Augenhöhle verläßt der Teufel 
den Kranken, aut diesem Ausweg noch ein letztes Mal den Kranken 
schädigend, das Auge blendend oder den Mund mit Blut und Liter 
füllend. Die Teufelsgeburt förderte das Verschlucken von Staub 
von den heiligen Gräbern oder von Wasser oder Öl aus der Um- 
gebung des Grabes (Handel mit solchen Ölkrügen und Ölampullen 
[chrismaria], die oft heilige Personen darstellten [Menas-Krüge]). 
Auch die übrigen Riten entstammen heidnischer Praxis; vorher- 
gegangenes Fasten, Reinigungen und \or allem der von den 
Priestern angeordnete Tempelschlaf gingen dem Exorzismus voraus. 
Es gab Kranke, die monatelang die hikubation fortsetzten. Pau- 
linus von Nola ist von dem Gedanken an die Märtyrer so 
erfüllt, daß er vom heiligen Felix auf Schritt und Tritt sich zu 
Wasser und zu Lande beschützt fühlt; ein anderer Rhetor 
Aristides! Eine neue Note, welche allerdings von klassischer 
Lebensauffassung sich weltenweit entfernte, war die kultische Ver- 
ehrung von Gegenständen, welche die heiligen Märtyrer besessen, 
getragen oder auch nur berührt hatten. Die Wunderkraft derselben 
hatte sich eingesogen in die Tücher, Gewandstücke und die Knochen, 
die heilige Kralt drang in das Öl ein, welches in der Nähe des 
Grabes stand. Ahm schleppte die in Reliquienkästchen oder Kapseln 
geborgenen Reste der Heiligen am Körper und auf Reisen mit sich 
herum; es braucht nicht erst besonders betont zu werden, daß 



diese die wirksamsten Amulette waren, die die damalige Zeit kannte. 



SPEZIALPATRONE. 5 I 5 



und daß die Reliquienhüllc oft an Kostbarkeit mit der Nichtigkeit 
des Inlialtes wetteiferte. Fügen wir noch hinzu, daß die Mysterien 
der ahen Zeit übergingen in die Märtyrerfeste, so haben wir den 
Ring geschlossen, besonders wenn wir noch bedenken, daß diese 
Veranstahungen namenthch zunächst mehr Volksfeste waren als 
rein kirchliche. 

Wir haben uns bei unserem kurzen Hinweis auf die Geschichte 
der Heilmärtvrer natürlich nur auf einige Beispiele beziehen können. 
Die Lehre der Patrone und ihrer Anrufung bei bestimmten Krank- 
heiten ist ein Studium für sich. Wir verweisen Interessenten auf 
das Werk von Louis du Broc de Segange'). Da gibt es Hei- 
ligenhilfe gegen Halsabszeß, Verbrennungen, Alpdrücken, Steine, 
Koliken, Kinderkoliken, Kinderkrämpfe, Erysipel, gegen gelbes Fieber, 
Hämorrhoiden, Hernien, Wassersucht, Lepra, gegen Wunden und 
Geschwülste an den Beinen, gegen Skorbut, Unfruchtbarkeit, gegen 
Urinverhaltung (Bischof Benoit), während gegen Inkontinenz des 
Urines der hl. Gervais angerufen wird, gegen Typhus und Husten. 
Allein 27 Patrone sind wirksam gegen eheliche Sterilität; gegen die 
Pest werden mehrere Dutzend Heilige aufgezählt, während man 
bei Gicht nur die Auswahl unter 20 Heiligen hat. Schier endlos 
ist die Liste der wirksamen Heiligen gegen das Fieber und die 
Liste der Patrone bei Schwangeren und solchen in Kindsnöten. 
Es gibt auch zwei Heilige gegen überschüssigen Milchfluß; gegen 
böse Frauen aber können sich, wie ich nebenbei noch verraten will, 
Ehemänner nur an zwei Patrone wenden. 

SANCTUS ELIGIUS (Eloy) VON NOYON. 

Dieser Eligius (in Köln nennt man ihn Elogius) gilt als Be- 
kehrer der Flanderer (388—639). Er kam als einfacher Goldschmied 
nach Paris und erlangte an König Dagoberts Hof großen Einfluß. 
Nach dessen Tode wurde er gezwungen, geistlich zu werden und 



') Louis du Broc de Segange, Les Saints Patrons des Corporations et Protecteurs 
Spec. invoques dans les Maladies. Paris 18S7. 



5 I 6 PATRONE. 



Bischof von Novon. In diesen Biscliot teilen sich als Patron alle 
Eisen-, Gold- und Silberarbeiter, namentlich aber die Goldschmiede, 



I'h'yfiiz, Or Stift Michcle. 

Fig- 378. Der h. Eligius. 



da er als Lehrling schon große Taten vollbrachte; aber auch die 
Schmiede sehen in ihm nach einer deutschen Legende den heiligen 
Hufschmied. Line der edelsten Legenden knüpft sich an diese 



S. ELIGIUS. 



SI7 




5i8 



PATRONE. 



Tätigkeit, welche aucli auf unserem Bilde einen schönen plastischen 
Ausdruck gefunden hat. Eligius der Hufschmied hatte im Vertrauen 
auf seine Kunst auf sein Aushängeschild geschrieben; »Meister der 
Meister«. Da kam eines Abends Christus in seine Schmiede und 
verdingte sich bei ihm als Schmiedgeselle, und der konnte es doch 
noch besser. Die Methode des göttlichen Gesellen war radikal genug, 
er schlug dem Pferde den Fuß ab, beschlug ihn und setzte ihn 




Fig. 380. Das Wunder des h. Eligius. Holzskulptur. 



wieder an; da kam eines Tages in Abwesenheit seines Gesellen ein 
vornehmer Reiter vor die Schmiede geritten, es war der hl. Georg, 
um sein Pferd beschlao;en zu lassen. Eligius wollte nun die Arbeit 
seines Gesellen nachahmen, und es glückte ihm alles bis auf das 
Wiederansetzen des abgeschlagenen , aber während der Arbeit 
abgestorbenen Fußes. Der unglückliche Meister beschloß, seinem 
Leben ein Ende zu machen; in diesem dramatischen Momente 



HEILPATRONE. 5 i C) 



trat Christus hinter ihn und heilte ckn Schaden. Auf seinem 
Denkmal in l'lorenz (s. Fig. 37S) sehen wir den Bischot in schöner 
Haltung, über ihm als Giebelfeld den Goldschmiedmeister oder 
Hufschmied, am Sockel die Hufschmiede und seine berühmte Tat 
(s. Fig. 379); in der Miite eine gehörnte Frau mit lächelndem 
Gesichte, das Sinnbild des Hochmutes. 

Dieselbe Szene, als ganz hervorragende Buchsbaumschnitzerei, 
eine xA.rbeit des i(^. Jahrhunderts aus der Sammlung Lanna (siehe 
Fig. 3 So). Die Ähnlichkeit dieses Wunders mit den Leistungen des 
hl. Antonius von Padua und der Anargyroi liegt aut der Hand, 
aber Originalität können alle diese Wunder nicht beanspruchen, 
denn auch Asklepios ist in der i\ntike dargestellt, wie er verletzte 
Tiere heilt. Unsere Münze (Fig. 381) zeigt einen Stier, der dem 
Asklepios sein rechtes \'orderbein aut den Schoß legt. 




Fig. 381. JMünze aus Parium. 



SANTA MARGHERITA VON CORTONA. 

Was über diese Heilige bekannt ist, interessiert eigentlich uns 
Mediziner wenig. Es wird berichtet'), daß sie trüber ein sünd- 
haftes Leben geführt habe, aber durch den Anblick ihres erschlagenen 
Buhlen bekehrt, gebülk habe. Sie starb 1297. Unser Interesse an 
dieser Franziskanerin steht und tällt mit den Reliefs an ihrem Marmor- 
sarkophag in Cortona (s. Fig. 382). Dieses A'Ieisterwerk des Xiccolo 
Pisano hat schon die Aufmerksamkeit von Charcot und Riebet") 



') I. E. Wcssely, Ikonographie Gottes und der Heiligen. Leipzig 1S74. 
°) Nouvelle Iconogr. de la Salpctriure 1898. 



520 



PATRONE. 




Fig. 382. Niccolü Pisano, Basrelief vom Sarkophag der h. Margherita von Cortona. 




HiaiRtaMaMaHiM 



Fig. 383. Niccolö Pisano, Basrelief mit den Wundertaten. 



HEILPATRONE. 



521 



erweckt. Wir sehen da einen in wilden Zuckungen sich befindüchen 
Knaben, den man zum Grabe des Märtyrers geschleppt hat; die 
Stellung dieses Kindes ist nun eine vorzügliche realistische Illustration 
realer Beobachtung. Wir lasen schon die Berichte, wie sich der 
Teufel unter Krämpfen der Besessenen von seinem Wirte befreie. Hier 
sehen wir solche Krampfstellung geschildert. Daß dieser Meister die 
Erscheinungen hysterischer Konvulsionen studiert hat, entnahmen 
wir ja auch schon dem Sarkophage des hl. Dominikus von Bologna. 
Auch auf der Gegenseite (s. Fig. 383) sehen wir mehrere Krank- 
heitsfälle, zunächst wiederum einen Knaben mit dem typischen 
Zeichen einer zur Kontraktur führenden Kinderlähmung. Der bärtige 
Mann wird von Charcot als charakteristische hysterische Läh- 
mung rekognosziert. Bei der letzten Figur schwankt er zwischen 
Gravidität und Hvdropsie. 

SANCTUS VEIT (Vitus, französisch Guy). 

Der hl. Veit ist der Patron der Schauspieler, Tänzer und Gaukler; 
angeruien wird er außerdem gegen Epilepsie, Schlangenbiß, Tollwut 
und allerlei Viehkrankheiten. Seine Ortspatronate sind Böhmen, 
die Abtei Corvey, Höxter, I^rag, Sachsen und Sizilien. Seine Attri- 
bute sind Buch, Hahn, Kessel. Die besondere Berühmtheit dieses 
Heiligen in der Medizin entstammt der Chorea sancti Viti. Seit 
dem Jahre 141 8 wird der hl. Veit gegen diese Tanzwut angerufen, 
nachdem der Magistrat der Stadt Straßburg offiziell die von Tanz- 
wut Befallenen nach einer Kapelle des Heiligen bringen ließ, wo 
sie durch Gebete geheilt wurden. Alt') berichtet, daß Kranke mit 
Anfällen, namentlich junge Mädchen, zu der Kapelle des Heiligen 
nach Ulm wallfahrteten und dort so lange tanzten, bis sie vor 
Schwäche umfielen, und dann waren sie ein Jahr von neuen An- 
fällen verschont. Der Hahn, den der Heilige in der Hand trägt, 
hat zu mehreren Auslegungen geführt. In Erinnerung an das antike 
Symbol des Heilgottes glaubte man dieses Attribut dem Helfer 

') Heinrich Alt, Die Heiligenbilder. Berlin 1845. 



522 



PATRONE. 



gegen den Veitstanz zukommen zu lassen; andere wieder beziehen 
diesen frühen Wecker auf die Tatsache, daß der HeiHge auch gegen 
zu langes Schlafen angerufen wird. 

Heiliger Veit, weck' mich zu rechter Zeit! 
Andere wieder nehmen an, daß der \'eit in Böhmen der Nach- 
folger des slawischen Gottes Swanbowit gewesen sei, dem man 
Hähne geopfert habe. Zur Erleichterung der Aufnahme des Evan- 
geliums brachte jedenfalls Otto von Bamberg den heidnischen 
Pommern eine Reliquie des hl. Veit in einem silbernen Reliquien- 
kasten mit, auf dem ein Hahn abgebildet war. Wessely (1. c.) 
berichtet, daß es in Böhmen noch im Jahre 1836 auf dem Eande 
gebräuchlich war, am 14. Juni einen geschmückten Hahn in teier- 
lichem Aufzuge herumzutragen und auf dem Marktplatze zu ent- 
haupten. Die seltenen Darstellungen befassen sich meistens mit 
seinem Martvrium (13. Juni 303). Er wird in einem Kessel sitzend 
dargestellt, in welchem er in Ol gesotten wird, in der Hand ein 
Buch, auf dem ein Hahn sitzt (s. Eig. 133). 

PANTALEON VON NICOMEDIEN. 

Dieser Märtvrer ist ein Spezialpatron der Arzte, außer diesen 
nehmen ihn aber noch die Ammen deshalb für sich in Anspruch, 
weil bei seiner Enthauptung dem Rumpfe Milch entfloß. Dieser 
wie auch der \'orangegangene gehören zu den 14 Nothelfern; sein 
Ortspatronat ist Oporto, unter seinen Attributen an erster Stelle 
das Arzneifläschchen. Uns interessiert, daß dieser Heilige Arzt des 
römischen Kaisers Maximian gewesen ist und natürlich große Heil- 
erfolge erzielte, namentlich als er zum Christentum bekehrt war. 
Dem Kaiser von neidischen Kollegen denunziert, proponierte er 
demselben gewissermaßen eine Wette; er ließ einen unheilbaren 
Kranken kommen, einen Paralytischen, der seit langen Jahren an das 
Bett gefesselt war; des Kaisers Priester sollten nun Jupiter, Apollon 
und Äskulap anrufen oder auch andere Götter, er aber werde Jesum 
Christum bitten. Während das erstere natürlich keinen Ertolo- 



PANTALEON. 



523 



hatte, ging der Kranke, nachdem Pantaleon ihn unter Anrufung des 
Heihindes berührt hatte, geheilt davon. Dieser Anbhck bekehrte die 
Zuschauer zum Christentum, die Ahgiäubigen aber veranhißten den 
Kaiser Maximian, Pantaleon zu zwingen, den alten Göttern zu 
opfern. Als er dies verweigerte, setzte man ihn einer Reihe grau- 
samer Foltern aus. Er wurde ins Meer geworfen, ohne zu ertrinken; 
wilden Tieren als Speise vorgesetzt, die ihn aber verschonten; eine 
Statue zeigt ihn mit einem Löwen, den er streichelt. Schließlich 
wurde er enthauptet, wobei aus der Schnittwunde Milch hervor- 
strömte. Mit Schwert und Arzneischale zeigt ihn ein Gemälde 
von Ittenbach in der Bonner Kirche. 



ROCHUS. 

Einer der Hauptpatrone der Medizin, der wohl auch weitaus die 
meisten bildlichen Darstellungen gefunden hat, ist Rochus, der 
am 16. August 1327 starb. Er ist der Patron der Ärzte, Chirurgen 
und Apotheker; er wird angerufen gegen die Pest, Epidemien, Toll- 
wut, Cholera, Knieleiden, Krätze und ist außerdem noch der Spital- 
patron. Seine Ortspatronate sind Montpellier, Parma, Venedig. Seine 
Lebensgeschichte gestaltete sich ungefähr folgendermaßen. Er ent- 
stammte einer Patrizierfamilie von Montpellier; die Mutter, die zuerst 
lange Zeit steril war, gebar ihn endlich nach langem Bitten, wobei 
das Kind auf der Brust ein rotes Kreuzeszeichen trug. Mit 20 Jahren 
verlor er seinen Witer, \"erschenkte sein Vermögen an die Armen 
und unternahm eine Wallfahrt nach Rom. Als er nach Aquapen- 
dente kam, wütete dort eine furchtbare Pest; schnell entschlossen 
widmete er sich den Pestkranken und den Pesttoten. Letztere be- 
grub er, die noch Lebenden heilte er durch das Zeichen des Kreuzes. 
Bald erlosch unter seinen Händen die Pest an den Stätten, wo er 
heilend auftrat; in drei Jahren befreite er diese Plätze, die ewige 
Stadt eingeschlossen. In dem Hospital von Piacenza ergrifl" ihn 
selbst die Pest. Um durch seine Klagen die anderen Kranken nicht 
zu stören, entfloh er in einen Wald. Hier wurden seine Pestbeulen 



524 



PATRONE. 



® 



von einem ihm bis dahin fremden Hund geleckt, der ihm außerdem 
noch Nahrung zutrug. Geheilt wandte er sich seiner Vaterstadt zu; 




Fig. 3S4. Der h. Rochus mit der Pestbeule. 



in den zwölf Jahren aber hatte das Leben ihn derartig verändert, 
daß man den zurückgekehrten Wohltäter als Vagabunden in das 



ROCHUS. 



525 



Gefän2;nis warf. Eints Ta^es fand man ihn in seiner Zelle tot. 
Da aber sein Kerker durch himmlisches Licht erleuchtet war, so 
ließ sich der Gouxerneur der Stadt diese Erscheinung zeigen. Der 
Gouverneur, welcher der Onkel von Rochus war, erkannte ihn an 
dem roten Kreuz auf seiner Brust und an einem Täfelchen, welches 
bei dem toten Heiligen gefunden wurde: 
»Alle diejenigen, welche von der Pest er- 
griffen, den Namen des hl. Rochus anruten, 
werden von ihrem Leiden betreit sein.« 
Der Heilige erhielt ein überaus feierliches 
Begräbnis, und im Jahre 1483 wurden seine 
Gebeine in eine ihm zu Ehren errichtete 
Kirche überführt. Venedig kam aut eigene 
Weise zu den heiligen Gebeinen des Rochus; 
eine wütende Pest wurde von der Levante 
eingeführt. In ihrer Not beauftragten sie, 
in Montpellier die Gebeine des Heiligen zu 
stehlen, was auch geschah, und man setzte 
diese in der neu errichteten Kirche di 
S. Rocco bei. Im Jahre 1836 ist dieser 
Diebstahl wieder zum Teil gut gemacht, 
indem die Venezianer Kirche darein ein- 
willigte, die Hälfte der Reliquien wieder 
nach Montpellier auszuliefern. Der Heilige 
und sein Bildnis hat auch noch nach sei- 
nem Tode vielfach Beweise seiner Schutz- 
kraft gegen die Pest gegeben. 

Die Zahl der Gemälde des hl. Rochus ist 
eine enorme. Guido Reni und die Carracci malten ihn, wie er 
seine irdischen Güter verteilt. Paris Bordone, Bassano, Robusti 
malten ihn, wie er Kranke heilt, dieselben, wie seine Schenkel- 
wunde vom Hunde geleckt wird. Peter Paul Rubens zeigt ihn 
in der Pest von Alost. Unzählig aber sind seine plastischen Dar- 
stellungen, welche in typischer Weise sein Bildnis verewigen. Er 




Orig.-Aufn. 

t^ig- 385- Unbekannter Heiliger 
mit verkrüppeltem Kind. 

HülzskulptUT circa i^cmd. 



526 PATRONE. 



Steht da als Pilger, mit seinem Pilgerstabe in der Hand (den man 
übrigens heute noch in Montpellier aufbewahrt), und zeigt auf 
seine Pestbeule am Oberschenkel (s. Fig. 384). Sein ganzes Leben 
aber hat in der Scuola di S. Rocco zu Venedig in 20 Reliefs eine 



Verewigung gefunden. 




Orig.-Au/n. Berlin, Altes Museum. 

Fig. 386. Antiker IMarmor. 

Polyphem (Nase unter dem Auge statt über demselben, 

daher ohne Anlehnung an menschliche Mißgeburt). 



GRÄBDENKMÄLER UND MONUMENTE 
VON ÄRZTEN. 




Fig. 387. 




m eigentlichen Sinne gehört an diese Stelle auch das 
behauene Steinmaterial, welches den unter die Götter ver- 
setzten Ärzten gewidmet war. Dies haben wir eingehend 
bereits besprochen. Leider sind von den Bildsäulen, welche nach 
literarischem Ausweis dem Hippokrates errichtet waren, keine er- 
halten. Wir müssen uns mit einem schönen Porträtkopf abspeisen 
lassen, der, bei Albano gefunden, sich jetzt im Britischen Museum 
befindet (s. Fig. 388). Die Nase und das linke Ohr des Kopfes 
sind neu. Die Deutung auf Hippokrates hat E. Q. Visconti (Ico- 
nographie I. S. 273) aufgestellt, obwohl die Ähnlichkeit mit dem 
einzig sicheren Porträt des großen Arztes auf Münzen von Kos 
aus der Kaiserzeit ziemlich gering ist (s. Fig. 390—392). Außer- 
dem spricht der Stil der Büste schon mit ziemlicher Sicherheit gegen 
ein Porträt des 3. Jahrhunderts. Sicher ist nur, daß wir einen 
Mann porträtiert sehen, der mit einem gewissen sorgenden und 
besorgten Blick nach außen und innen dem Leben gegenübersteht, 
einem Manne, dessen nachdenkliches Haupt eine große Summe 



528 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



tiefen Wissens umschließt und dem als Ergebnis täglicher Sorge, 
täglichen Sinnens eine gewisse melancholische Entsagung die edlen 
Züge verstimmt. Dieser gewaltige Schädel mit der imponieren- 
den Stirn, die gedankenschwer gefurcht ist. und dem charak- 
teristischen Munde, dessen Oberlippe links leicht herunterhängt, 
kann recht gut das Porträt eines bedeutenden gelehrten Arztes 




Or;^ -.L'^m nach ^ .ipiav-uU . Brit. Museum, 

Fig. 3SS. Angeblicher Hippokrates. Antike Büste. 



sein. Wir wollen noch erwähnen, daß auch das Museum von 
Madrid eine angebliche Hippokratesbüste besitzt mit ergänzter 
Nase, Brust und Inschrift. Der Kopf ist ausdrucksloser, paßt eher 
in den älteren Stil und zeigt eine gewisse Ähnlichkeit mit der 
Münze von Kos. 

Im Athenischen Nationalmuseum findet sich ein uraltes Köpfchen, 
welches mit großer Wahrscheinlichkeit einen Arzt darstellt (Fig. 389). 



HIPPOKRATES. 



329 



Es wurde im Jahre 1902 in einem Grabe an der heiligen Straße 
zusammen mit einigen chirurgischen Instrumentengefunden. Stais 
beschreibt diesen Gegenstand (Nr. 1981 des Kataloges) und nimmt 
an, daß es vielleicht der Kopf des Hippo- 
krates, mit dessen Zügen eine gewisse Ähn- 
lichkeit vorhanden sei, sein könne. Der Kopt 
war offenbar auf einer Reliefplatte als Schmuck 
angebracht. Es wiire im Sinne antiker Le- 
bensauffassung, daß ein Arzt seine Grabstätte 
mit dem Bildnis des Hippokrates schmückte. 
So müssen wir uns an die antiken Münz- 
funde halten, wenn wir von unseres Ärzt- 
heros' Antlitz eine ungefähre Vorstellung 
machen wollen. Das bezeichnete Porträt, von 
dem wir eine vergrößerte Wiedergabe ver- 
suchten, existiert nur in einem Stück. Noch 
eine andere wirkliche oder imaginäre \'er- 
bindung aus jener großen Zeit ragt in unsere Tage hinein; ein uraltes 
lebendes Denkmal mit einem kolossalen Fundament. Die mit Recht 
oder Unrecht so genannte Platane des Hippokrates sah an- 




Orig.-Auftt. Athen. Xat -Museum. 

Fig. 3S9. 
Bildnis des Hippokrates. 




Fig. 390. 
Münze mit Hippokrates. 





Orig.'Au/n, nach den Originalen des Berliner Alten Mt*sennts. 

Fig. 391- Fig. 392- 

Münze von Kos mit dem Porträt Revers der Hippo- 

des Hippokrates. krates-Münze. 



geblich in ihrem Schatten die Schüler jener antiken hochberühmten 
Medizinschule (s. Fig. 393). 

C. Plinius berichtet im 29. Buche seiner Naturgeschichte Kap. I, 9 
von dem x^rzte Thessalus, der zu Neros Zeiten durch Anmaßung und 
Unwissenheit berühmt und berüchtigt, sich an der Via Appia ein 



Holländer, Plastik und Medi/in. 



.i4 



530 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN 



großes Grabmal errichten ließ, aut dem er sich den Beinamen 
latronices, d. i. Besieger der Ärzte, beilegte. Die Zeitgeschichte 
berichtet von diesem Reklamehelden, daß er, von gemeiner Herkunft, 
bei seinem Ausgange sich von einem Heer von Schlächtern und 
Köchen begleiten ließ und alle Maximen seiner Kollegen bis hinauf 
zu Hippokrates umstieß. Im übrigen scheint das Urteil des Plinius 
und auch das des Galenus über diesen Gründer der methodischen 
Schule (Quum novam sectam condiderim aus einem Brief an Nero) 
ein nicht ungetrübtes gewesen zu sein; da des Thessalus zahlreiche 
Schriften verloren sind, fehlt uns ein eigenes Urteil. 

Rene Brian') hat auf 24 \'otiv- und Grabsteinen Mitteilungen 
über Militärärzte gesammelt. Haberling^) hat diese Zahl auf 
57 gebracht und auch eine Anzahl solcher Grabsteine abgebildet. 
Wir hatten die Abbildung des Soldaten der legio XI. deshalb wieder- 
gegeben, weil dieser Soldat durch das unter dem Stein angebrachte 
chirurgische Besteck als Arzt gekennzeichnet ist. Wir erwähnen 
ferner aus demselben Werke noch die Abbildung des Grabdenk- 
mals eines Medicus Ordinarius der ersten tungrischen Kohorte. 
Diesen Grabstein fand man in England in Housesteads, dem alten 
Kastell Borcovicium am Hadrianswall, welches übrigens durch Aus- 
grabung vollständig freigelegt ist. Der Grabstein dieses jungen Mili- 
tärarztes, der schon mit 23 Jahren sterben mußte, befindet sich 
jetzt im Museum von Newcastle. 

Ein Erinnerungsstein an einen römischen Kohortenarzt, wenn 
auch kein Grabstein, fand sich in dem Mainstädtchen Obernburg 
(jetzt im Museum Aschaffenburg). Dieser aus Ostia stammende 
Kollege weihte zum Heile seines Kommandeurs diesen architek- 
tonisch interessanten Stein dem Jupiter und Apollo, dem Äskulap, 
der Salus, sowie der Fortuna. Solche Votivsteine, die der Arzt 
für seine Ala, eine Reiterschwadron oder überhaupt seine Truppe 
weihte, sind uns mehrfach bekannt geworden. 

Aus der römischen Zeit stammt ein Grabmonument eines Arztes, 



') Rene Brian, Du Service de Santc militaire chez les Romains. Paris 1866. 
-) Haberling, Die altrümischen Militärärzte. Berlin lyio. 



DIE PLATANE DES HIPPOKRATES. 



531 



welches bei aller Einfachheit und Strenge einen imposanten Ein- 
druck macht. In einem kleinen tempelartigen Vorbau steht die 




Marmorbüste eines unbekannten Römers'), der mit leicht lächelndem 

') Benndorf-Schöne, Die antiken Bildwerke des lateran. Museums, Leipzig 1S67, 
Nr. 343, abgebildet Monumenti V, tav. 7. 



532 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



menschenfreundlichen und doch ernst-nachdcnkHchen Gesichte den 
Betrachter ansieht. Um seine Taille schläft sich in schonen Win- 




Fig. 394. Bildnis eines unbekannten römischen Arztes. 

düngen die Schlange des Äskulap; welcher Arzt durch diesen Stein 
verewigt werden sollte, das entzieht sich vollkommen unserer Kennt- 



ARTEMON. 



533 



nis. Wir kennen nur die Faniilienzugehörigkeit des Grabmals und 
die Diai;nose, daß es ein antiker Kollege ist, stützt sich ausschließ- 
lich auf die Art des Abschlusses der Büste durch die Schlange. 
Dieses Band in dieser Fürni kann allerdings kaum als die gewöhn- 
liche Gräberschlange gedeutet werden. 

Eine andere interessante Grabsäule eines Arztes, und zwar eines 
namentlich bekannten, befindet 
sich in der kleinen Sammlung 
von Antiken in dem Museum der 
evangelischen Schule in Smvrna. 
Der weiße Marmor ist 1,48 m 
hoch und 0,72 m breit. Der Stein 
ist intakt bis auf die linke Hand 
und die Xase. Der Arzt Artemon 
steht da im Hochrelief, prächtig 
gearbeitet, im Chiton und kurzen 
Ärmeln. Darüber trägt er einen 
Mantel ; an den Füßen sind San- 
dalen, die Hand hält eine Rolle. 
Zur Seite stehen zwei Knaben 
in kurzen Gewändern, der linke 
trägt aut der Schulter eine Kas- 
sette mit Tabletten, der rechte 
steht da mit dem Ausdruck der 
Trauer. 

Auf der neben dem Arzte be- 
findlichen Stele bemerkt man 
zuoberst eine \'ase, darunter einen 
Kranz mit dem Hinweis, daß das 
Ganze eine Stittunu der Stadt- 




i hij^' -AuJ)i. Sinyyfia. 

Fig. 395- 
Statue des Arztes Artemon aus Smvrna. 



gemeinde ist. Darunter folgt der Name des Arztes und seiner 
Familie. Der Arbeit nach entstammt dieser Stein dem i. Jahr- 
hundert V. Chr., Strahü erwähnt (XII, 580) die berühmte Ärzteschule 
zu seiner \'äter Zeit unter dem auch aut unserem Stein genannten 



534 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



Hikesios. Es ist das der Arzt, der die sogenannte erasystrateische 

Schule um loo v. Chr. in Smvrna zur besonderen Blüte brachte. 

Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir unter der großen Zahl 

der anonvmen antiken Porträthüsten auch einige Bildnisse berühmter 




Orig.-Au/n. i olkesiftie . 

Fig. 396. Monument des Entdeckers des Blutkreislaufes William Harvey. 

Ärzte versteckt vermuten, denn dafür daß die Gründer von 
Ärzteschulen sowie auch berühmte kaiserliche Leibeärzte sich selbst 
häufig porträtieren ließen, und daß sie von Gemeinden, Schülern 
und X'erwandten in Erz und Marmor verewigt wurden , besitzen 
wir literarische Belege (s. auch den jugendlichen Äskulap im \'atikan). 



® DAS PORTRÄT VON SAMBUCUS. 535 

Doch leider trennten sich meistens die antiken Untersätze, welche 
die Weilischrift enthiehen, von den Köpfen, so daß wir jetzt aut 
ZutälHgkeiten in der Rekognoszierung derselben angewiesen sind. 

Immerhin ist es ja möglich, daß sich spätere Darstellungen auf 
damals noch erhaltene und erkannte antike Statuen beziehen. So 
ist es interessant, sich einmal die Porträts der antiken Ärzte anzu- 
sehen, wie sie sich J. Sambucus um die Mitte des 16. Jahrhunderts 
vorgestellt hat. Das Werk des Sambucus (d. h. »Hollunder«, 
Wiener Arzt und Historiker 13 31 — 1583), führt uns unsere medi- 
zinischen Vorfahren porträtähnlich vor; es bringt zunächst die Götter- 
familie, dann aber auch das älteste mir bekannt gewordene Porträt 
des Hippokrates in graphischer Austührung; (in Parenthese be- 
merke ich, daß die Neuausgabe der »Erkenntnisse«^) dasselbe als 
Titelbild trägt, mit der falschen Bezeichnung aus dem 17. Jahr- 
hundert nach Peter von der Borscht). Ob sich nun Sambucus 
bei der Darstellung antiker Ärzte an irgendwelche Überlieferungen 
gehalten hat, namentlich z.B. bei den Kopten des Galenus, des 
Dioskorides, des Xenokrates, Plinius, Apollonius usw. erscheint des- 
halb zum mindesten fraglich, weil er auch ein detailliertes Porträt 
bringt von Machaon. 

So schön es nun auch wäre, wenn wir die Personalgeschichte 
der Medizin mit Bildnissen unserer Großen verzieren könnten, welche 
von den Grabmonumenten oder Denkmälern herrührten, die eine 
dankbare Menschheit ihnen gesetzt hat, so ist dieses Unternehmen 
deshalb von Haus aus unmöglich, weil die W^elt den Fürsten der 
Heilkunde solche zum größten Teile schuldig geblieben ist. Nun, 
wir können troh sein , von dem einen oder dem anderen die un- 
gefähre Gestalt, durch Bildnisse überliefert, erhalten zu haben. Die 
Liste derjenigen Mediziner, deren Bildsäule tehlt, ist lang; von 
anderen wieder steht sie versteckt an einsamer Stelle, wo kaum 
jemand sie vermutet. Das ärztliche Pantheon fehlt selbst in Buch- 
ausgabe. Das kühne und großangelegte Unternehmen des Pariser 
Prof. R a p h a e 1 B 1 a n c h a r d (Corpus inscriptionum ad medicinam 

') Theod. Beck, Hippokrates »Erkenntnisse« bei Diederichs, Jena 1907. 



536 GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



biologiamque spectantium. Tom. pr. 1909, Paris, Asselin et Houzeau) 

wird nach seiner Vollendung diese Zusammenstellung erleichtern. 

Des großen Entdeckers des Blutkreislaufes einzige Statue \on 




Bologna. 

F'g- 397- Caspare Tagliacozzi. 



über Lebensgröße steht an der englischen Küste in seinem Geburts- 
orte Folkestonc; während er in der einen Hand aufmerksam ein 
Herz beobachtet, fühlt er mit der anderen das Pulsieren des eigenen 



BERÜHMTE ÄRZTE. 



537 



(s. Fig. 396). Der Plastiker, der dieses Mannes Monument formte, 
hatte es leicht, die Großtat, die seinen Namen unvergeßlich macht, 
zum Ausdruck zu bringen. m\u( heinahe gleiche Weise verfuhr man 
bei dem Manne, welcher die plastischen Operationen auf eine 
wissenschaftliche Basis stellte. In einer Nische steht, mit einem 
Hermelinmantel geschmückt, der berühmte Caspare Tagliacozzi. 
Schon zu Lebzeiten wurden ihm im Archigimnasio zu Bologna 
Ehrentafeln aufgestellt, nach seinem Tode aber sein Standbild 
(s. Fig. 397), auf dem er als Symbol seiner chirurgischen Haupt- 
leistungen eine künstliche Nase in der Hand hält, errichtet. Sein 
Leichnam aber wurde, nachdem er im Kloster der Kirche Johannes 
des Täuters beigesetzt war, wieder ausgegraben; man hatte eine 
überirdische Stimme gehört, daß dieser Meister der Chirurgie ver- 
dammt sei; darauf wurde er wie ein \'erbrecher hmter der ALuier 
begraben. Jedenfalls ist heutigentags sein Leichenstein nicht mehr 
aufzufinden'). 

Doch so einfach hat es der Künstler bei den ganz Croßen nicht. 
Es drängt sich selten die Summe ihrer Bahnbrechertätigkeit in ein 
Symbol oder eine Handlung. Diese Schwierigkeit sahen wir in 
unseren Tagen, als man dem R u d o I f \'i rc h o w ein würdiges 
Denkmal setzen wollte. Das X'ielfache seiner Leistungen auf den 
verschiedenen Cebieten sollte charakterisiert werden. Seine Statur 
eignete sicli nicht zur monumentalen \'erkörperung, das hätte von 
seiner schlichten Persönlichkeit ein falsches Bild gegeben. ALin 
wählte eine Allegorie, aber eine Allegorie, die eines Kochs Eigen- 
art besser charakterisiert hätte als die feine Gelehrtentätigkeit des 
die Wahrheit suchenden Naturbeobachters und Denkers. 

Vielleicht hat die neue Richtung recht, die statt plastischer Kunst- 
leistungen dem Andenken großer Männer gerecht zu werden sucht 
durch Errichtung von Gebäuden und ganzen Tempeln, in deren Hallen 
die Lebensarbeit des Heroisierten fortgeführt wird durch \'ollbrin- 
gung wissenschaftlicher Wunder unter Anrufung seines Namens, 
seiner Person und seiner \^orarbeit. 

') E. Gurlt, Geschichte der Chirurgie. Berhn, Aug. Hirschvvald 1S5S. 



538 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 




Orig-.'Au/n. Koliegieiihirche, Jeva. 

Fig. 398. Epitaphium des Jenenser Professors Johann Arnold Friderici. 



Fig- 399 



Orig.-An/ti. 

Renaissance- 
medaille auf 
Amlirosius Juni; 




Fig. 400. ■) Münze von Kos mit dem Kopf des 

Xenophon, Leibarzt des Kaisers Claudius. 

^) Camelius, Leibarzt des Kaisers Augustus. 



Fig. 401. Revers einer Asklepios- 

jMünze aus Alexandria, 

der As. Julia Mammaea, vergr. 



Fig. 402. 







Ürig.-Aitfn. 

Hieronymus 
Fracastorius 
1483 — 1553. 




Fig. 403. Revers der Schaumünze des D. Petrus Bonus Avogari von Ferrara. 


















Fig. 404. 
Leonhart Thurneisser zum Thurm 



Fig. 405. Hufeland. 



Fig. 406. 



,.*!•' 






Imiifmedaille. 







Fig. 407. Medaille des D. Marcus Antonius de la Torre, Professor der Anatomie in Padua. 




Fig. 408. Medaille des Marsilius Ficinus aus Florenz, 1499. 




Fig. 409. Medaille auf Gerhard van Swietcn. 



542 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



Eine verkleinerte Ausgabe der Sepulkralmonumente und der 
Standbilder sind die Medaillen und Plaketten. Dankbar müssen 
wir anerkennen, daß medizinische Historiker und Sammler es ver- 
sucht haben , solche auf Ärzte und Naturforscher geschlagenen 
Münzen und Medaillen zu sammeln. \'on der größten') solcher 
medizinischer Medaillensammlung (zirka 3000 Stück) wird ein aus- 
führlicher Katalog durch Professor Kubitschek in Wien vorbereitet. 
Das wäre allerdings ein würdiges Gegenstück zu der »Pestilentia 
in nummis«"), wenn ein solcher Porträtkatalog mehr vom Stand- 
punkt der Medizinhistorie als vom Standpunkt des Xumismatikers 
erreichbar wäre. 

Es gibt kaum eine Sammeltätigkeit auf mediko-historischem Ge- 
biet, welche in dem Maße zu erfreulichen Studien auffordert, wie 
eine solche von Münzen und Medaillen. Bei der Weite des Gebietes 
ist die Beschränkung auf bestimmte Ausschnitte empfehlenswert. 
Die Fächer solcher Einzelsammlungen ordnen sich nach den Ge- 
sichtspunkten: antike Münzen mit Darstellungen aus unserem Gebiet; 
deutsche, ausländische Ärzte, Medaillen auf Epidemien, Medaillen 
auf Versammlungen von Ärzten, Gründungen von Krankenhäuser 
und wohltätige Stiftungen usw. Wir bringen in unsern Stich- 
proben nur einige schöne Beispiele und benutzen aus Pietät zum 
Teil dabei die Kupferstiche aus J. C. W. Moeßen's grundlegendem 
Werke der Besprechung einer Berlinischen Medaillen-Sammlung, 
die aus Gedächtnis-Münzen berühmter Ärzte besteht vom Jahre 1773. 
Unter den Beispielen einzelner Monumente von Ärzten, auf die wir 
uns hier beschränken müssen, fällt das Epitaphium aus der Kollegien- 
kirche in Jena auf durch die vielen Embleme, mit denen der Jenenser 
Professor der Philosophie, Medizin, Anatomie, Chirurgie und Botanik 
Johann Arnold Friderici sein Andenken ehren ließ") (s. Fig. 398). 
Da finden wir neben Emblemen des Seziersaales und der Garten- 
kunst die Zeichen seines Instrumentariums als Arabesken, ferner 



') Dr. Brettaue rs Sammlung, jetzt im Besitz der Wiener Universität. 
*) L. Pfeiffer u. C. Rouland, Pestilentia in nummis, Tübingen 1S82. 
^) Ich verdanke die Orig.-Photogr. Herrn Prof. Dr. Franz, Beriin. 



ALBRECHT VON HALLER. 543 



Testobjekte seiner Sezierkunst sowohl wie seiner operativen Tätig- 
keit; unter seinem eleganten Porträt steht die brennende Kerze mit 
der damals für die ärztliche Tätigkeit so beliebten Devise »aliis 
inserviendo consumor«. Sein Lebenslicht war, wie man sieht, noch 
nicht zur Hälfte abgebrannt, da verlosch es schon. 

Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß bei denjenigen Ärzten, 
welche außer in ihrem Metier sich nebenher noch aut anderen Ge- 
bieten betätigten und sich namentlich dichterisch einen kleineren oder 
größeren Namen gemacht haben, daß bei diesen »Bicephalen«, wie 
sich gerne Pariser Gelehrte dieser Art nennen, die Neigung kon- 
statiert wird, die bildende Kunst in Nahrung zu setzen. \'on unserem 
großen Schiller bis zu Justinus Kerner, von Albrecht von Haller bis 
auf Redi ist das der Fall. Bei Schiller überwiegt allerdings der 
dichterische Anteil an seiner Weltberühmtheit in dem Maße, daß 
der Hinweis auf seinen gleichzeitig ärztlichen Charakter beinahe als 
Witz betrachtet werden dürfte. Es ist deshalb ziemlich überflüssig, 
wenn eine medizinische Münzensammlung Wert daraut legt, sämt- 
liche auf den Dichter Schiller geprägte Medaillen zu besitzen. Bei 
AI brecht von Haller ist das Verhältnis zwischen Dichter und Arzt, 
Naturforscherund Poet mit Rücksicht auf seine internationale Berühmt- 
heit schon ausgeglichener. Der große Haller hat sein Bildnis in jeg- 
licher Form der Nachwelt hinterlassen. In der großen Arbeit von 
Arthur Weese^) werden allein aus Anlaß der Enthüllung seines 
Denkmals in Bern anläßlich seines 200jährigen Geburtstages }6 Me- 
daillen und Reliefs und 14 Denkmäler aufgeführt. Die Durchsicht dieser 
lehrt übrigens, daß meines Erachtens fast alle Büsten anders aussehen; 
teilweise liegt es daran, daß sich der Kopf des Mannes so ganz ver- 
schieden gibt, je nachdem der Gelehrte die große Perücke trägt oder 
seine natürliche Kopfbildung zeigt. Keinesfalls würden wir, die 
wir meist gewohnt sind, sein Bild mit den gekräuselten Locken der 
zunächst bis aut die Schulter lallenden, später etwas kürzeren Perücke 
vor Augen zu haben, den Imperatorenkopf wieder erkennen, den 
er z. B. aut einer Göttinger Terrakotta hat. Im ganzen können 



') Arthur Weese, Die Bildnisse Albrechts von Haller, Bern, A. Francke, 1909. 



544 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



wir sagen, daß die Originalportrats und Schabekunstblätter ihn zopfig 
und altertümlich darstellen, fast alle Plastiker aber aus dem Anfang 
des 19. Jahrhunderts nach dem Vorgange von Caldellari klassi- 
zistisch. Eine Ausnahme macht die schöne Büste von Funk, die 
wir deshalb auch im Bilde wiedergeben (s. Fig. 410). Die Büste 




Fig. 410. Albrecht von Hallcr. Büste v. Funk, 1775. 

Stammt aus dem Jahre 1775: sie stellt den .Mann dar als Präsident 
einer gelehrten \'ersamm]ung. 

Francesco Redi, 1626 — 1694, dessen Bildnis zu Florenz im 
Portikus der Uftizien steht (s. Fig. 411), zeigt schon an dem Attribute 
die \'erbindung des Schlangenstabes mit der Lyra seine verschiedene 
Bedeutun" ; er hat sich um die schönwissenschaftliche Literatur Italiens 



REDI. VON GRAEFE. 



545 



verdient gemacht; poetische Begabung, praktische Tüchtigkeit und 
wissenschaftliche Gelahrtheit hielten sich bei ihm die Wage. Durch 
seine Untersuchungen über die Fortpflanzung der niederen Tiere 
kam er zu dem Satze: omne vivum ex ovo; er gilt auch als Ent- 
decker der parasitären Ursache der Krätze. 

Ein würdiges und schönes Monument setzte man AI brecht 




Fig. 411. F'iancesco Redi, 1626—1694. 



Florenz 



von Graefe für seine rühm- und segensreiche Tätigkeit als 
Augenarzt. Hier kam alles zusammen, um dem Künstler die beste 
Unterlage zugeben; der imponierend schöne Mann und die leichte 
Ausdrucksweise für die Art seiner Tätigkeit. Im Jahre 1882 weihte 
man das Denkmal für ihn, der am 20. Juli 1870, erst 42 Jahre alt, 
starb und, neben Donders und Arlt, als der bedeutendste Augen- 



Holländer, Plastik und Medizin. 



35 



546 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



3 

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ANDREA VACCA BERLINGHIERI. 



547 



arzt des 19. Jahrhunderts gik (s. Fig. 412). Die Stellung der 
Figur sowohl wie die Autfassung des Relietschmuckes sind be- 



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wunderungswürdig; namentlich aut dem letzteren faßt der Künstler 
frisch in das Leben und zeigt uns Männer und Frauen der verschie- 



548 GRABDENKMALER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



denen Stände, denen der Arzt geholfen. Siemering nahm nicht die 
Zuflucht zur Antike, wie es der größere Künstler B. Thorwaldsen 
aut dem Campe Santo in Pisa bei dem kleineren Augenarzte tat, 
denn des Andrea \'acca Berlinghieri Bedeutung, des Genossen 
Dupuytrens und des Schülers von Hunter, liegt in seiner um- 
tassenden Tätigkeit auf dem weiten Gebiete der Chirurgie. Zahlreich 




Phot. Alinari. Florenz. 

Fig. 414- Denkmal von Salvino de Armato degli Armati. 

(Des angeblichen Erfinders der Brillen.} 

sind seine Arbeiten über das Aneur_vsnia, über den Steinschnitt und 
andere Gebiete der großen Chirurgie. War es nur eine allgemeine 
Allegorie aut die heilende Tätigkeit dieses großen Arztes, wenn 
Thorwaldsen in wundervoll komponiertem antikisierendem Relief 
die Geschichte der Tobiasheilung vorführte, oder wollte er damit 
auf eine von \'acca angegebene blutige Lidoperation zur Heilung der 
Trichiasis anspielen (s. Fig. 413)? Bei der Gelegenheit werfen wir noch 
einen kurzen Blick aut den einfachen Erinnerungsstein (im Florentiner 



JOHANN GOERCKE. 



549 




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'^ss^ \^ \^j^ <^ \^ \i^ >*^ ^^, .„^ i^ ;;^ ;,^_^ Nag* 




0?-i^.-Phoi. der Akademie. 

F'g- 4>5- Grabmonument für Johann Goercke im Garten der Kaiser-Wilhelms-Akadeniie. 

{1750— 1822.) 



350 GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. ® 

Kloster Santa Maria Maggiore) des angeblichen Erfinders der »Berilli«, 
des Salvino de Armato degli Armati, der 1817 starb (s. Fig. 414). 
Wir treuen uns, durch das Entgegenkommen Seiner Exzellenz 
des Generalstabsarztes der Armee v. Sc h j erning zwei Denkmäler 
publizieren zu können, welche, in sich die größten künstlerischen 




Orig.'Phot. Berlin. 

Fij,'. 416. Grabdenkmal für den Generalstabsarzt Cothenius (1708 — 17S9). 

Gegensätze, zwei um die Kriegsmedizin verdiente Männer ehren: 
die des Cothenius und Jtihann Goercke; beide zumal noch 
Monumente mit Anlehnung an die xAntike stehen in den Gärten des 
neuen Heimes der Kaiser-Wilhelms-Akademie. Das ältere zeigt uns 
die trauernde Medizin an der Graburne eines ihrer großen Söhne. 



MILITÄRÄRZTE. 



551 



Der Knabe hält den Schlangenstab wie der Tod seine Fackel, und 
Hvgieia deckt traurig den Deckel auf die Graburne. Aut dem 
anderen aber sehen wir in strenger, reiner Form ein wundervoll 
komponiertes Relief, wie es einem 
antiken Sarkophag zur Ehre gerei- 
chen würde. Doch der Preußen- 
helm, den der in der Mitte stehende 
Krieger und Sieger trägt, verrät die 
prophetische Tendenz. Auf der 
einen Seite ist hier das Getümmel 
der Schlacht, die \'^erwundung, ge- 
schildert; aut der anderen das Ab- 
tragen der \'er\vundeten und ihre 
Pflege durch Militärärzte. Die Arzte 
des preußischen Heeres , die im 
Jahre 1823 ihrem Führer diesen 
Erinnerungsstein setzten, konnten 
sich selbst nicht schöner ehren. 

Gewiß, die letzten Jahre haben 
manche verspätete Ehrung den Ma- 
nen unserer großen Männer gebracht; 
ich erinnere nur an das Denkmal 
für S e m m e 1 w e i li ; eine internatio- 
nale Sammlung machte gieichtalls 
das imposante Pariser Monument 
für P a s t e u r zum Gemeinbesitz der 
Menschheit; an Finsens Denk- 
mal denke ich, an das von Da- 
niel s e n in Bergen und manche 
anderen, doch auch an das noch 
fehlende des rheinischen Johann 
Weier, der da als erster Arzt das Schandmal des Hexenglaubens 
auswischen wollte. 

So dankenswert es wäre, einmal durch eine Rundtrage die Büsten 




Orig-Au/n. 
Berlin, Kaiserin-Friedrich-Haus, mediko-hist. Abts- 

Fig. 417. Kl. vergoldete Statuette von 
Johann L. Schoenlein, 1793 — 1864. 



532 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



und Porträtstatuen der hervorragenden Mediziner zu sammeln und 
zu katalogisieren, welche sich in den Universitäten und den Ver- 
sammlungshäusern gelehrter Körperschaften belinden, so sehr be- 
dauern wir es, hier auch noch nicht einmal andeutungsweise auf 
die uns persönlich bekannt gewordenen Plastiken dieser x^rt hinweisen 
zu können. Ich will nur daran erinnern, daß die \'orarbeit tür diese 



.liiisterdtnji. 

l'ig. 41S. C. E. Daniels. 

(Giiinder des medizin histoiischen Museums in Amsterdam.) 

Sammelarbeit teilweise vorliegt, indem z. B. die Socictc de Chi- 
rurgie de Paris, icSöj — 1908 (durch Lucian Hahn et Hrnest 
Wickersheimer), das Roval College of Surgeons in London 
(durch Arthur Keith), die Senckenbergsche Stiftung in Frankfurt 
(durch Ernst Roediger) ihren Bilder- und Büstenbestand heraus- 
gegeben haben. 

Diese Arbeit wäre eine würdige Aufgabe tür ein mcdizin-histo- 
risches Institut. Wir wollen hier gewissermaßen nur als Typus 



C. E. DANIELS. 



553 



solcher Porträtbüsten und als 
verspätete Ehrung für sein Ju- 
biläum, die Büste des Mannes 
abbilden, welcher als erster 
ein medizin-historisches Mu- 
seum gründete und in stiller 
Gelehrtenarbeit die Beziehun- 
oen zwischen Medizin und 
Kunsthistorie erforschte, des 
holländischen Arztes und 
Historikers C. H. Daniels 

(Fig. 4i8)- 

Zu diesen plastischen Er- 
innerungen an berühmte 
Ärzte kommen nun noch 
gelegentlich Denkmäler, die 
an bestimmte \'orgänge aus 
der xMedizingeschichte erin- 
nern sollen. Ich denke z. B. 
an das kleine humoristi- 
sche Bronce-Denkmal') der 
ersten Berliner Chlortitorm- 
narkose von \V. Wolft. Rie- 
sengroß ragt ernst die Pest- 
säule in Wien aus dem 
Häusergewirr aut dem Gra- 
ben. Sie erinnert an das für 
Wien furchtbare Jahr 1697 
mit seinen über 70000 zäh- 
lenden Opfern der Pest (siehe 
Fig. 419). 

Das Denkmal lenners 



') Original im Kaiserin-Friedrich- 
Haus, mediko-hist. .Sammlung. 




I-ig. 419. Pestsäule (1697) in Wien. 



334 



GRABDENKMÄLER UND ÄIONUMENTE VON ÄRZTEM. 



(1837) auf dem Tratalgar Square ist nicht nur eine Personal- 
ehrung, sondern gewissermaßen auch die öffenthche Anerkennung 
der Impfung. Diese ließ an vielen Stellen Jenners Standbild er- 
stehen ^). 

Wo aber steht das Denkmal der Chirurgie, des inter- 
nationalen Siegesdenkmals über die überwundenen Feinde ope- 




Phct. Alinari, riitüia. 

Fig. 420. Das Wappen der Medici. 

rativer ^"erwundung, der Eiterung, Blutung und der schmerzlosen 
Operation ? 

Der Geschichte der Personalmedizin entsprechend, fand auch 
die der großen \'olkskrankheiten ihre numismatische Verkörperung. 
Zahlreiche Medaillen wurden geprägt aut die verschiedenen Cholera- 
und Pestepidemien in den verschiedenen Städten und Ländern. 
Meist dankbare Erinnerungsmünzen an das Erlöschen der Krankheit, 

■) Siehe auch Montevcrdes schönes Denkmal in Genua, Abbildung s. Holländer, Karikatur 
und Satire, Seite 295. 



KAISER-VVILHELMS-AKADEMIE. 



555 



deren frische Prägung oft noch nicht abgegriffen war, als eine neue 
Epidemie hereinbrach. 



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Fig. 421. Portal der Kaiser-Wilhclms-Akademie. Berlin. 

Zum Schlüsse unserer Betrachtuno;en wenden wir uns noch den 
allgemeineren plastischen S;^enen aus dem weiten Gebiete der Me- 
dizin zu, den Emblemen und dem architektonischen Schmuck von 



556 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



Krankenhäusern und ärztlichen Instituten. Zum Teil ergaben sich 
solche in höherem Maße und reicherem Flusse, als es die Ebbe 
unserer Tage und die Nüchternheit unserer heutigen Kranken- 




Florenz. 



Fig. 422. Das Wappen der Medici. 



hausbauten vermuten läßt, aus dem Schatze der antiken plastischen 
Vergangenheit. Aus der Antike stammen auch heute noch wirksame 
und allgemein verständliche Svmbolc. Das zeigt auch ein Blick 



HOSPITALSCHMUCK. 



557 



auf das Portal der neuen 
Kaiser-Wilhelnis-Akade- 
miefür das militärärztliche 
Bildungswesen. Hütend 
und stolz bewachen As- 
klepios und Hygieia den 
Eingang (s. Fig. 421). 

Als Hinweis aut ihre 
medizinische Vergangen- 
heit finden wir da na- 
mentlich in Florenz viel- 
fach das Wappen der 
Mediceer (Fig.420u.422). 
Auf glattem Hintergrunde 
springen sechs rundliche 
Körper vor, welche I^illen 
bedeuten sollen. Dieses 
deutliche Zeichen auf die 
Herkunft der berühmten 
Familie läßt sich aber 
nicht bis in die letzte Kon- 
sequenz beweisen. Hier 
spielt die mündliche Über- 
lieferung die Hauptrolle. 
Eine weitere Stütze aber 
für diese heraldische fin- 
den wir in der Tatsache, 
daß auch die Heiligen 
der Medizin die Heiligen 
der Familie sind. Wir 
sahen ja die Statuen des 
Kosmas und Damian im 
Bilde, die tür das (Grab- 
mal eines der berühm- 




358 GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. ® 

testen Söhne der Mediziner-Familie bestimmt waren. Ihr Wappen 
nimmt die grandiose Form erst an, nachdem ein Familienmitglied 
das Pontitikat erlangte (Fig. 422). 

Noch ein anderes Wappen erwähnen wir, welches in seiner Ein- 
fachheit harmonisch stilisiert ist: das der Kirche und des Hospitals 
Santa Maria Nuova zu Florenz, welches Wappen überall über 
Türen und Fenstern sich wiederholt. Ein Kreuz in der Form 
einer Krücke. 

Der fraglos berühmteste und schönste Schmuck eines Hospitals mit 
Hinweis aut den Inhalt und Zweck des Hauses bildet der berühmte 
Fries della Robbias in Pistoia am Ostpedale del Ceppo. Er stellt 
das Hauptwerk Giovannis della Robbia (1469 — 1329) dar. Hören 
wir, was Jakob Burckhardt in seinem Cicerone von dieser Arbeit 
sagt. »Der Fries mit den Werken der Barmherzigkeit, hier von 
Ordensleuten ausgeübt, zeichnet sich durch gute dramatische Erzäh- 
lungen in hgurenreichen Szenen aus. In dieser späten und im Aufbau 
und naturalistischer Durchbildung schon weit hinter Luca's Arbeiten 
zurückstehenden Kompositionen kann man noch die Mäßigung in 
der \'ielfarbigkeit erkennen. Konsequenz der Färbung war ferner das 
Verzichten auf allen landschaftlichen und sonstigen perspektivischen 
Hintergrund, der ohne große Buntheit nicht wäre anzubringen ge- 
wesen. Überhaupt ist diese Arbeit fast ebenso wichtig durch das, 
was die Künstler mit weisem Bedacht wegließen, als durch das 
was sie gaben. Das italienische Relief ist rein von sich aus hier 
dem griechischen näher gekommen, als irgendwo mit Hilte römischer 
\'orbilder.(( Das Detail der Pilgerautnahme vom Fries zeigten wir 
bereits; während in den Zwickeln die vier Wappen des Hospitals 
der Stadt Pistoia und der Medici sich befinden (s. Fig. 420), zieht 
ein rundes Rehetband sich von der linken Schmalseite über der 
Loggia bis an die rechte Ecke. Zwischen den Pilastern stehen 
Einzelfiguren und zerlegen das breite Band in sechs Abschnitte. Gio- 
vanni hat die Arbeit nicht vollenden können, die letzte Szene wurde 
1383 von Paladini in bemaltem Tone hergestellt, da die Technik 
des Glasurbrandes nicht mehr ausgeübt wurde. Der F'ries umfaßt die 



HOSPITALSCHMUCK. 



559 



Bekleidung der Nackenden, die Pilgerautnalime, Krankenheilung, Ge- 
fängnisbesiich, Sterbetrost, Speisung und Tränkung der Hungernden. 
In mehr oder weniger lebendigen Szenen vollzieht sich diese Schilde- 
rung an die hundert Einzelfiguren. Auch Paul Seh ubring, der das 
Werk von Luca della Rt)bbia und seiner Familie bearbeitete'), findet, 
daß von diesen Reliefs die bestgelungenen diejenigen sind, welche uns 
gerade am meisten interessieren (s. Fig. 423). Er sagt von ihnen 




Orig .-An/n. 



Fig. 424. Portal des Elisalicth Krankenhauses in Haarler 



folgendes: »Links stehen die Betten Nr. 19 und Nr. 20. Sie sind 
doppelt numeriert, um Irrtümer zu vermeiden. Zwei Ärzte sind 
um den Kranken tätig, dessen Puls gefühlt, dessen ^\'asser kontrolliert 
wird. Ein Assistent schreibt die kiebertemperatur auf, der Kranke 
im Bett Nr. 19 wird eben aufgerichtet, weil seine Kopfwunde ge- 
waschen werden soll. l:s scheint schlimm zu stehen, das deuten 
die Gebärden der Mittelfiguren an. Sicher sind hier viele Porträts 

') Paul Schubring, Luca della Robbia und seine Familie. Velhagen &■ Klasing, 1905. 



560 



GRABDENKaiÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



versteckt. Der Heilige, dessen FüLk gebadet werden, wird der 
Pilger Jacobus Major sein.« Hierzu möchten wir noch folgende 
Bemerkung machen. Der Künstler hat hier offenbar die innere und 
die äußere Medizin charakterisieren wollen. Die äußere svmbolisierte 
er durch die Schilderung einer Kopfverletzung. Der junge Mensch, 
der diese erhalten hat, ist dabei lamos dem Leben abgelauscht. Er 




Fig. 425. Portal vom Haarlemer Barbara-Krankenhaus. 



Ori^.-Aujtu 



Stützt sich auf den linken x\rm, mit der Rechten die untersuchende 
Hand des Arztes kontrollierend, um diese im Momente des Schmerz- 
empfindens zurückzustoßen. Daneben steht ein Dienender mit einer 
Waschschüssel. Die innere Medizin zeigt die zwei großen diagnosti- 
schen Waffen der damaligen Zeit, das Pulsfühlen und die Urinschau. 
Die Gesichter der beiden untersuchenden Ärzte sind offenbare Porträts; 
der den Urin betrachtende Kollege eine damals bekannte Person- 



HOSPITALSCHMUCK. 



s6i 



lichkeit, die man schon an 
ihrem Hüftleiden wieder- 
erkannte. Die Zwischen- 
szene wird ausgefüllt durch 
Schüler, welche in einem 
Buche über Lkn Fall nach- 
lesen. Das »x-^ufschreiben 
der Fieberten! peraturcc \-on 
Schubring ist nicht so ganz 
wörtlich zu nehmen. Ganz 
so vorgeschritten waren 
damals die Kollegen in der 
Dependence der Santa Maria 
Nuova von Florenz noch 
nicht, das dauerte noch ein 
paar hundert Jahre; da- 
gegen disputierte schon 
damals, wie es den An- 
schein hat, der \'orstand 
des Hospitals mit den 
Ärzten. 

Die ganze Geschichte 
unserer heimischen Kran- 
kenhäuser erklärt es, daß 
wir aul" solch schönen 
plastischen Schmuck, wie 
er sich jenseits der Alpen 
findet, wenig rechnen kön- 
nen. Was ich fand, ist 
überaus dürftig und ent- 
spricht z. B. dem unbe- 
deutenden und steifen Gie- 
belsteine, den man aus der 
alten Charite pietätvoll mit 

Holländer, Plaslik'und Medizin. 





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j62 GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. ® 

herübergenommen, um ihn in die Fassade der neuen medizinischen 
KHnik in Berlin einzubauen. Ein zumal an einem Krankenhause 
ziemlich überflüssiger Hinweis auf die Geburt und den Tod. 
Konnte man den geängstigten Kranken, welche hoffnungsvoll der 
Hospitaltür zustreben, nicht etwas Ermutigenderes bieten? Denn 
übertriebenen Sinn für die Historie werden dieselben in diesem 
Momente kaum fühlen! 

Es erinnert dieser Charitc-Schmuck einigermaßen an die Supra- 
porte des St. Elisabeth-Krankenhauses in Haarlem, aut welcher der 
Transport eines Kranken oder gar eines Toten in dieses alte »Gast- 
haus« recht realistisch geschildert wird (s. Fig. 424). Im Gegen- 
satz hierzu macht die Plastik des Haarlemer Barbara-Krankenhauses, 
welche gleichfalls Kollege Daniels so freundlich war für mich 
photographieren zu lassen (Fig. 423), einen gemütlicheren und 
vertraulicheren Eindruck. Wir sehen da in die Räume des Kranken- 
hauses hinein und in die Logen, in denen die l^atienten liegen; vor 
ihnen sitzen besuchende Verwandte oder auch behandelnde Ärzte. 
Ein solcher Einblick in ein Haus gibt dem Ängstlichen Mut zum 
Eintritt. Der interessanteste dieser holländischen Giebelsteine ent- 
stammt dem früheren Städtischen Krankenhause in Dordrecht, »des 
Gast- und Siechenhauses in der Fischstraße aus dem Jahre 1372« 
(Fig. 426). Auf diesem hochinteressanten Relief sehen wir den 
Weg ins Krankenhaus geschildert. Um zwei Hauptgruppen herum, 
der einer getragenen Frau und der eines Mannes, dessen linker 
Arm, wie es scheint, gebrochen ist, gruppieren sich Amputierte, 
Gelähmte, welche sich an Krücken und mit eigenartigen \'erband- 
vorrichtungen zum Arzte begeben. Der Vergleich mit dem italie- 
nischen Relief zeigt die rein malerische Behandlung des plastisch 
unvollkommeneren Technikers mit einer gewissen Innigkeit des 
Gefühls. 

Dieser immerhin interessanten Schilderung der Krankenfürsorge 
und des Krankentransportes aus dem 16. Jahrhundert gegenüber 
fällt der Eingang des St. Pieters Gasthuis, einer Arbeit des Jan 
van Luchterus, 1736, mit der akademischen Krankenallegorie ab 



KRANKENHAUSPORTALE. 



563 



(Fig. 427). Der Vollständigkeit wegen zeigen wir noch _ den 
hübschen Torgang des alten Dordrechter Pesthauses vom Heiligen 
Geist (Fig. 428). 

Gelegentlich gilt es und galt es, unter den Künsten und Wissen- 
schatten auch die Heilkunst allegorisch darzustellen. Namentlich die 
Frührenaissance schmückte mit solchen meist korrespondierenden Fi- 




Fig. 427. Portal des St. Pieters Gasthuis (1736). 



guren ihre Gebäude. Auch die sogenannten Kleinmeister liebten es, 
Serien zu stechen von symbolischen Figuren, welche aus der Vor- 
stellung abstrakter Begriffe genommen waren; so z. B. der acht 
theologischen und moralischen Tugenden. In der Mehrzahl dieser 
wird unter den Folgen sowohl der Wissenschaften als auch der Künste 
oder der Gewerbebetriebe die Heilkunst vergessen. Es liegt dies 
daran, daß eine allgemein verständliche und naheliegende Personi- 



564 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



fizierung, wie z. B. bei der Justiz, fehlt; da wo sie aber wirklich 
einmal dargestellt wird, wird ihre Deutung oft verkannt und ist 
sie in Wirklichkeit auch zweifelhaft. Ein gutes Beispiel für diese 
Behauptung bietet die Skulptur des Florentiner Domes. Da sind 
am berühmten Campanile aus der Schule des Andrea Pisano 




Fig. 42S. Eingang zum alten Pesthaus vom Heiligen Geist in Dordrecht. 

allegorische Figuren rings um den Glockenturm angebracht, die 
gewissermaßen eine Enzyklopädie menschlicher Betätigungen geben. 
Unter diesen Figuren von Frauen sind zwei, welche als Arithmetik 
und als Strafrecht angesprochen werden. 

Die jus penale genannte Allegorie zeigt eine ernste, geradeaus- 



ALLEGORIE. 



563 



schauende Frauenfigur mit Schleier und Mantel, welche in der 
rechten Hand eine riesige Schere hält. Es ist immerhin die Mög- 
lichkeit einer Vorstellung, daß mit dieser Symbolik das Recht des 
Abschneidens des Lebensfadens angedeutet werden sollte. Die Arith- 
metik genannte Frauenfigur mit jugendlicherem Habitus liest in einem 
großen Buche, welches sie in der linken Hand hält, während sie 




Schnlf dfs risanfl. 

Fig 429- Allegorie auf die Heilkunst [':) am Florentiner Glockenturm. 

in der rechten Hand eine große Zange hält (Fig. 429). Der Aus- 
druck ihres Gesichtes ist im Gegensatz zu der vorhergehenden ein 
entschieden liebenswürdiger. Man könnte immerhin daran denken, 
daß der Künstler mit dieser Frauenfigur die Heilkunde personifizieren 
wollte. Am Sockel sind nun aber Szenen plastisch ausgeführt, 



s66 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



welche die verschiedenen Tätigkeiten ausdrüclien. Unsere Abbil- 
dung (s. Fig. 430) zeigt nun eine Szene, welche die Bezeichnung 




Florentiner Catitpattile 



Fig. 430. Ärztliche Kunst. 



»L'Arte ceramica« führt. Diese Auflassung aber ist eine durchaus 
irrtümliche, und es sollte ohne jeden Zweifel hier ärztliche Be- 



BEHANDLUNG. HEILUNG. 



567 



handlung dargestellt werden. Da sit/ct auf seinem gotischen Stuhle 
der Doktor, dessen Antlitz vielleicht ein Porträt darstellt, in seiner 
Arbeitsstube und betrachtet mit einer Geste, die eine der typischsten 
geworden ist und die sich jahrhundertelang bis in die holländische 




Florenz^ Baptisterinm, 



Y'v. 431. Heilung von Andrea Pisano. 



Malerei erhalten hat, als Ausdruck ärztlicher Diagnostik den Urin. 
Zu dem Arzte kommen mehrere Personen, welche in der Hand 
die Tragkorbchen halten, in denen die Urinflaschen aufbewahrt 
waren. Wir zeigten, daß in dieser Urinschau nicht nur die ganze 



5 6S GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. ® 

diagnostische ärztliche Tätigkeit sich äußerte, sondern daß die Ärzte 
auch noch allerlei Keusches und Unkeusches aus der Beschaffenheit 
des Sekretes herauslasen. Darauf deutet aber beinahe die im 
Vordergrunde stehende jugendliche Person hin, welche mit ängst- 
lichem, erwartungsvollem Blick zusieht und den Orakelspruch er- 
wartet. Die Geste, mit der sie auf eine im Hintergrunde stehende 
Frau weist, will vielleicht ausdrücken, daß der Inhalt des unter- 
suchten Glases gar nicht von ihr sei. Als weitere Staffage sehen 
wir noch eine Jugendliche und eine Matrone, deren Geheimnis 
noch im Körbchen steckt; auf zwei Etageren sind in vielgestaltigen 
Flaschen, welche Veranlassung zur falschen xA.uslegung gaben, 
allerlei Salben und Medikamente dieses Arztes aus dem 14. Jahr- 
hundert aufbewahrt. 

Ähnliche Embleme finden wir auf den Kirchentüren. Die Bronze- 
tür vom Südportal des Battisterio in Florenz zeigt uns in schöner 
gedrängter Form die Fleilhandlungen an Kranken (s. Fig. 431}. 
Der der Gruppe von Gelähmten und Gichtbrüchigen in der Pose 
des Redenden Gegenüberstehende und sie alle etwas überragende 
Johannes ist ein Meisterwerk des Andrea Pisano. Diese Beispiele 
mögen genügen als Ausdruck der in jener Zeit beliebten Relief- 
darstellungen, welche gewissermaßen das ganze heilige und profane 
l'un der Menschen schildern. Der Unterschied dieser plastischen Er- 
zählungen zwischen der antiken und christlichen Svmbolik ist von 
großem Interesse. Burckhardt^) präzisiert in seiner überzeugenden 
Anschauung und Darstellung diesen ungefähr folgendermaßen: »Die 
christliche Symbolik ist nicht volkstümlichen Ursprungs, nicht mit 
der Religion und mit der Kunst von selbst entstanden wie die 
antike, sondern durch Kombination und Abstraktion Gelehrter und 
Wissender aus den verschiedensten Stellen der Bibel gewonnen. 
Schon deshalb hat sie nur eine bedingte Gültigkeit in der Kunst 
erreicht.« Prüfen wir den Inhalt dieser Behauptungen, so erkennen 
wir ihre Richtigkeit und ihre Tiefe an dem von uns selbst bei- 
gebrachten Material. Wir sahen, wie die Attribute des Heilgottes 

') Jakol) B 11 rcUhard t , Der Cicerone, 1904. 



EMBLEME. 



569 



nicht der Idee eines begabten Künstlers entsprangen, auch nicht 
die Inkrustation einer Erzählung bedeuteten, sondern daß sie all- 
mählich mit der Gottheit zugleich geboren wurden und aus sich 
heraus plastische Form annahmen. Erdständige, allmählich ge- 
wachsene Formen und Begriffe, deren Deutung sogar und richtige 
Auffassung zeitweilig verloren ging, deren 
innige Verbindung aber als nun einmal be- 
stehend hingenommen wurde als offizielles 
Beiwerk. So sehen wir auch, daß diese nicht 
ergrübclten, sondern gewachsenen Vorstel- 
lungen die Zeiten überdauerten und heute 
noch so populär sind, heute noch im Wilks- 
bewußtsein den Begriff versinnbildlichen. So 
hat es auch gar keinen Sinn, heute für die 
Heil Wissenschaft und -kunst neue, geistvoll 
komponierte Allegorien zu suchen ; sie wer- 
den keinen festen Fuß fassen und in das 
Volksbewußtsein so wenig eindringen, wie 
die zahllosen Attribute der Heiligen, zu deren 
Enträtselung man ein Codebuch zur Hand 
haben müßte. \\\is wir aber verlangen kön- 
nen, ist, daß die Künstler und Architekten 
bei ihren archäologischen Anleihen sich 
keine groben orthographischen Fehler dieser 
Kunstsprache zuschulden kommen lassen. Das 
Studium unseres Illustrationsmaterials wird 
hoffentlich, für diesen Zweck verwandt, gelegentlich Anreo-uno- oeben 
Eine Fundgrube für oft originelle Gedanken auf dem Gebiete 
der Emblemkunst sind die Exlibris. Die Zusammenstellung der 
Ärzteexlibris durch Henrv Andre') aber zeigt, daß eine medi- 
zinische Heraldik versagt, und daß es den Wenigsten geglückt ist, 
dem ärztlichen Wesen einen durchsichtigen allegorischen und dabei 
künstlerischen Ausdruck zu geben. 




l'r.-f^.-A,,/,!. 

Berlin . Kiiiseriu-FyiedriLh-llaus. 

Fig. 432. Prozessionsstange 
der Gilde der Gugelmänner. 

Süddeutsche Hu]z_-,kiilptur. 



') Henry .Andre-, Les Ex-Libris de mcdecins, Paris 190S. 



570 



GRABDENKMÄLER UND MONUMENTE VON ÄRZTEN. 



Schließlich gehörte der Arzt doch zu den Gewerbetreibenden. Ver- 
o^eblich suchte ich nach Schildern und plastischen Gildezeichen für das 




Orlg.-Aufn. I.cndm, Museum des Royal College ef Surgeoiis. 

Fig. 433. Aushängeschild eines Chirurgen, 1623. 

Heilpersonal; es haben sich solche für die Bader und die niederen 
Ano-ehöriiren des Heilstandes in Deutschland wohl kaum noch er- 
halten. Da"eo;en kennen' wir das Aussehen mancher Bader- und 



® AUSHÄNGESCHILD. r n i 

Chirurgenwappen und ihrer Fahnen aus Abbildungen und Büchern. 
Meist waren die Zeichen ihres Handwerkes auf den Wappen an- 
gebracht. Die äkesten Wappen der Londoner Barbierchirurgen- 
gilde hatten z. B. drei Rasiermesser im Schilde (The Annais of the 
Barber-Surgeons of London by Austin Joung), andere wieder die 
Aderlaßbinde und einen Vogel, im Museum des Royal College of 
Surgeons of England fand ich ein altes interessantes Aushängeschild 
eines Arztes vom Jahre 1623 (s. Fig. 433). In der Mitte steht in \-oller 
Größe vor seiner Apotheke der Medikus mit Radmantel, Pumphosen 
und großer Mühlsteinkrause. Um ihn herum zeigt die Schnitzarbeit 
die Proben und die Leistungen seiner Kunst, mit auffallenden Farben 
dekoriert. Zuoberst links ein Aderlaß; an der Wand hängt ein leder- 
nes Instrumententutteral, darunter sieht man einer Amputation zu, 
die sehr gemütlich hergeht und demnach gar nicht so schlimm ist, 
wie die Leute glauben. Das Zahnziehen ist eine reine Freude bei des 
Arztes Geschicklichkeit, ebenso wie das Einrenken der Schulter und 
die Behandlung der bösen Brust. Xur in einem Punkte, auf dem 
zuletzt dargestellten Bilde, geht der Doktor scharf vor; er glaubt 
nicht ohne weiteres den Beteuerungen über Zahlungsunfähigkeit und 
untersucht die Taschen auf metallischen Inhalt persönlich. In der 
Mitte über ihm ist die innere Medizin zur plastischen Darstellung 
gebracht. Diesmal hat der Doktor den langen Rock der Akademiker 
angelegt, wozu natürlich ein Privileg erforderlich war. In einem 
Bette mit zurückgezogenen Gardinen liegt eine Kranke. Der Arzt 
ist bei der Ui inschau. Aber er scheint nicht viel von der Krank- 
heit zu halten , denn die Bewegung seiner rechten Hand drückt 
eine stumme Resignation aus, und chirurgische Eingriffe werden auch 
besser bezahlt. Darunter aber steht gewissermaßen als unter- 
strichene Empfehlung an die Leser das goldene Wort von Jesus 
Sirach : 

Aliissimus creavit de terra Medecynam 
et vir prudens non abhorrehit illam. 






LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS. 

Siehe außerdem die Fußnoten und die literarischen Textangaben. 



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Reinhold B. Brehm, Das Inkareich. Zur Staats- und Sittengeschichte des 
Kaisertums. Jena 1885. 

Alex. Hrdlicka, Diseases of the Indians more especially of the Southwest 
United States and Nord Mexico. Washington med. Annais 1906, Vol. IV, Nr. 6. 
(Mitt. Nr. 28.) (Untersuchte viele vorkolumbischen Grabstätten des genannten 
Gebietes und fand hier, ebenso wie in Peru, keine Lues, so daß ihm der ameri- 
kanische Ursprung der Lues unwahrscheinlich ist.) 

P a d r e B. d e 1 a s C a s a s. De las antiguas gentes de Peru. .Madrid 1892. 

Pedro S a r m i e n t 0, Geschichte des Inkaruhmes. Berlin 1906. 

L r t e t, La Syphilis dans la prehistoire. La chronique medicale 1908, Nr. 6, 
S. 193 u. L 

K a r 1 J ä g e r, Beiträge zur frühzeitlicheii Chirurgie; beobachtet nach dem Material 
der Königl. Staatssammlung .München. C. W. Kreideis, Wiesbaden 1907. 

Johannes Ranke, Über altperuanische Schädel von Ancon und Pachacamae, 
gesch. von I. K. H. Prinzessin Therese von Bayern. Abhandl. der Mathem. -Physik. 
Klasse der Königl. Bayrischen Akademie der Wissenschaften, Band 20. Mün- 
chen 1900. 

Zeitschrift für Ethnologie 1895, 1897, 1898, 1899, 1900, 1901, 1902. 

Verhandlungen und Mitteilungen der ersten Internationalen Lepra-Konferenz. B. 1897. 
(Abhandl. Ashmeads S. 171, Abt. 4.) 

D e r m a t 1. Z e n t r a I b 1 a t t, Jahrgang III, Nr. 2. 

A s h m e a d, The Canadian Journal of Medicin and Surgery. .March 1899. ,.No 
evidence in America of Pre-Columbian leprosy." 

Ashmead, The St. Louis Medical and derm. Journal 1900 und 1901. Pre- 
Columbian Lupus as represented on the Huaco pottery of Peru. 

Walter Lehmann, Syphilis und Uta in Peru. Globus 1910. (Mit Bezug auf 
die präkolumbischen Keramiken.) 

C. Z e t z s c h e. Altperuanische Kunst. Die Welt der Technik 1907, Nr. 11. 

N. Velez, Les Vases peruviens anthropomorphes. Presse medicale 1909, Nr. 85. 




VERLAGS- 
WERKE 



y erlag von FERDINAM) ENKE in Stuttgart. 



Die medizin in der l{la»i$dien fnalecei. 

Von Eugen Holländer, Prof. Dr. med. in Berlin. 

Mit 165 in den Text gedruckten Abbildungen. Hoch 4". 

Geheftet M. 16.— Eleg. geb. M. 18.— 

Inhalt: 

Vorwort — Einleitung — Die Anatomiegemälde — Medizinische Gruppenbilder — Krank- 
heitsdarstellungen — Innere Medizin — Chirurgie — Allegorien, Hospitäler und Wochen- 
stuben — Heiligenbeliandlung — Schlußwort. 




Urteile der Presse. 



Der Verfasser bespricht die in sehr guten Autotypien vorgeführten Darstellungeu medizinischen 
Inhalts, die er als Kunstfreund in den Galerien der Alten Welt aufgefunden und gesammelt hat. in an- 
ziehender Weise, und zwar gruppiert die Anatomiegennilde. Krankheitsdarstellungeu (Aussatz. Syiiliili^, 
Pest usw.). Innere Medizin. Chirurgie, Allegorien, Hospitaler und Wochenstuben und Heiligeubehaiidhnm' 
j.Ein frohes Werk außerberuflicher Tätigkeit" nennt der Verfasser selbst sein Buch, und die Freude, dii- 
ihm die Arbeit bereitet haben mag, teilt sich sofort dem Leser mit. Künstlerischer und historischer Sinu, 
unterstützt durch die Hilfsmittel der modernen Technik, haben hier ein Prachtwerk im besten Siune des 
Wortes gescharten. Wim-hner me.Uzhnsch, W»che„s,h.-ii; 1S03. Xr. 50. 

Wie sehr hat der Autor die an sein Werk geknüpften Hoftnungen und Erwartungen zu übertrumpfen 
verstanden! Denn ebenso glänzend wie die äußere Ausstattung. Auswahl, photographische Reproduktion 
der Gemälde und die sonstige typographische Technik hervortritt, ebenso, ja noch glänzender, ist der die 
Bilder begleitende Text. p^^f Xagel-Berlin. De„!srl,c Jer.-Iezei,„„!) i:o4. X,-. 1. 

Bevor wir auf den Inhalt dieses hochinteressanten Werkes etwas eingehen, können wir es uns nicht 
versagen, auf die geradezu mustergültige Ausstattung dieses Werkes die Aufmerksamkeit zu lenken 
belten wohl hat eine Verlagsbuchhandlung in derartig splendider Weise ein Werk ausgestattet wie das 
vorliegende. Die Vervielfältigungen siud teils iu Autotyjpie. teils auch in anderen Reproduktiousmethoden 
ausgetühit und geben die Originale in einer Natürlichkeit und Klarheit wieder, die selbst dem Künstler 
das Studium der Technik ermöglicht, Hollander ist ein Kunstfreund im besten Sinne des Wortes. Er 
treibt zielbewußt seine Studien und hat es, was Beurteilung anlangt, zu einer Vollendung gebracht die 
Ihn über den gewöhnlichen Dilettantismus erhebt. Als begeisterter Verehrer der hoUän tischen und flämischen 
Schule hat er es sich zur Aufgabe gemacht, in mühevollen und an künstlerischen Genüssen reichen Studien 
aHe die "Werke der klassischen M.alerei aufzusuchen, die in Beziehung zur Medizin stehen. Er bietet uns 
111 seinem \\ erk an der Hand klassischer Bilder einen Teil der Geschichte der Medizin. Daß naturgemäß 
ein so in das Leben der einzelnen eingreifendes Gebiet wie das der .Medizin seinen Einfluß auf die Kunst 
ausüben würde und ausgeübt hat, ist ganz selbstverständlich, und wie die Maler aller Zeiten wenigstens 
teilweise, in ihien Bildern die Zeit, in der sie lebten, wiederg.aben. so finden wir in diesen Werken der 
holländischen Sammlung treue Bilder vom Stand der Medizin, von der Stellung der .Aerzte. von Epidemien 
hygienischen Einrichtungen und anderem jener Zeit. In klarer und der Bedeutung der Einzelheiten voll 
Rechnung tragender Darstellung hat Holländer den verbindenden Text für seine 165 Tafeln gegeben Es 
muß eine schwere Aufgabe gewesen sein, diese große Z.ahl von klassischen Bildwerken der Reproduktion 
zugänglich zu machen, und jeder, der das Buch in die H,and nimmt, wird von seinem Inhalt gefesselt 
werden und winl es mit dem Bewußtsein fortlegen, in der erfreulichsten und angenehmsten Weise ein 
Teil der Geschichte derMeilizin durchlaufen zu haben. Wohl dem. welcher in so nützlicher und für die 
Mitmenschen erfreulicher Weise außerberuflich tätig sein kann wie der Verfasser; P. M. 

Per Tilg l;;04. .V/-. llö. 



Verlag von FERDINAND ENKE in Stuttgart. 

Die Knrihotur und Satire in der Medizin. 

Meüiko-kunsthistorische Studien 

von 

EUGEN HOLLANDER, Prof. Dr. med. in Berlin. 
Kartoniert M. 24.— Mit 10 farbigen Tafeln nnd 223 Abbiiclnnoen im Text. Eleg. geb. M. 27.— 




-^' ^:-'r 



Urteile der Presse. 



Ein prächtiges Werk, wie selten eines geeignet, auf dem Weibnachtstiselie der Aerzte zu 
prangen. Mit außerordentlichem Fleiße und vor allem mit außerordentlichem Kunstverständnis 
hat der Verfasser aus all den Abbildungen, die die Satire und Karikatur seit Jahrhunderten 
über den ärztlichen Stand geliefert haben, das künstlerisch Wertvolle ausgesucht und in 
vorzüglichen Reproduktionen, wie man sie bei dem Verlage von Ferdinand Enke ge- 
wohnt ist, wiedergegeben. .Jllhicliener mediz. Wochenschrift" 1905, Nr. 51. 

So wird das Buch dem geplagten Arzte von heute eine spannungenlösende geistige 
Erquickung sein, ein frischer Trunk Quellwassers, geschöpft aus der köstlich sprudelnden 
Vergangenheit, die ihn einige Jahrzehnte Nichtbeachtung fast gering zu schätzen gewöhnt 
haben. Unwillkürlich wird er in angenehmster Form nicht nur eine ganze Reihe historischer 
Daten aus der Medizin früherer Zeiten in sich aufnehmen, er wird auch von recht historischer 
Forschung einen Hauch verspürt haben, der in immer wiederkehrender Beschäftigung mit 
dem vom Verfasser und Verleger gleich vollkommen ausgestatteten Buche sich langsam 
zum unwiderstehlichen Luftstrom gestalten möge, der ihn der Geschichte seines Standes 
und seiner Wissenschaft in die gerne sich öffnenden Arme treiben wird. Darum auch 
unseren besonderen Segen dem schönen Buche auf seinen Weg! Doch auch unsere ganz 
uuhistorische, künstlerische und menschliche Seele von heute freut sich daran. 
Mitteilungen zur Geschichte der Medizin. Karl Sudhoff, Geh. Med. Bat, Prof. der 

r. Band. A'r. 1. 1906. Geschichte der Medizin, l'niv. Leipzig. 

Holländer hat mit diesem seinem neuesten Prachtwerk nicht nur sein erstes in idealer 
Weise ergänzt, sondern auch die historische Literatur mit einer weiteren Gabe von monu- 
mentaler Bedeutung bereichert. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieses neueste Gegen- 
stück zu dem älteren Werk im A^erein mit ihm dem Verfasser einen hervorragenden und 
dauernden Platz in der Literatur der medizinischen Kulturgeschichte sichert. — Noch mehr 
fast als das vor zwei Jahren erschienene Werk wird die „Karikatur und Satire in der Medizin" 
das Entzücken der kunstfreudigen und kunstfreundlicben Kollegen erregen und als überaus 
geschmackvolle und passende Weihnachtsgabe in ihren Kreisen weite Verbreitung finden. 
Deutsche Aerzte-Zeitung 1905, Heft -^i. Paget, Prof. der Geschichte der Medizin. Unir. Berlin. 



A erlag von FERDINAND ENKE in Stuttgart, 

Geschichte der Medizin. 

Von Prof. Dr. M. NEUBURGER. 

Zwei Bände. 

I. Band. gr. 8°. 1906. geh. M. 9.— ; in Leinw. geb. .M. lu.40. 
II. Band, I. Teil. Mit 3 Tafeln, gr. 8". 1911. geb. M. 13.60; in Leinw. geb. M. 15.— 

^ie^ochenstube in der JCunst. 

Eine kulturhistorische Studie 



Dr. med. ROBERT MULLERHEIM. 

Mit 13S Abbildungen. Hoch 4". 1904. Kartoniert M. 16.— ; elegant in Leinw. geb. M. 18. 



INHALT: Vorwort. — Eiiifiihniiig. — Die Woclieustulie. — Das Bett. — Gebiirtsstiilil. — Pflege der 

Wöchnerin. — Pflege des Kindes — Kleidung des Kindes. — Einiilirung des Kindes. — Bett des Kindes. — 

Glaube und Aberglaube in der Woclienstube. — Volkstümliche und gelehrte Anschauungen. — Kultus der 

Wöchnerin. — Ende des Wochenbetts. — Anhang. — Quellen und Anmerkungen. 



Hnndliuch der prahtischen Chmie. 

In Verbindung mit 

Prof. Dr. V. Angerei- in Jliinchen, Prof fir. Borchardt in Berlin, Prof. Dr. v. Bramann in Halle. Prof. 
Dr. V. Eiseisberg in Wien, Pnif. Dr. Friedrich in Jlavburg, Prof. Dr. Gralf in Bonn, Prof. Dr. Graser 
in Erlangen Prof. Dr. v. Hacker in Graz, Piof Dr. Henle in Dortmund, Dr Hoffa, weil. I'rof. in Berlin. 
Prof Dr Hofmeister in Stuttgart, Prof. Dr Jordan in Heidelberg, Prof- Dr Kausch in Schöneberg- 
Berlin Prof Ur Kehr in Halljerstadt, Prof. Dr. Körte in Berlin, Prof. Dr. F. Krause ni Berhn , Prof. 
Pr Krönlein in Zürich, Prof- Dr. Kümmel in Heidelberg, Prof. Dr Kümmell in Hamburg, Prof. Dr. 
Küttner in Breslau, Prof. Dr. Lexer in Jena, Primararzt Dr. Lotheissen in Wien, Dr. v. iVlikulicz, 
weil Prof. in Breslau, Dr. Nasse, weil. Prof. in Berlin, Dr. Nitze, wril Prof in Berlin, Stabsarzt Dr. 
Rammstedt in Münster i. W., Prof. Ur Reiche! in fhemnitz, Prof. Dr. Riedinger in Würzburg, Prof 
Dr Römer in Straßburg, Prof Dr. Rotter in Berlin, Dr. Schede, weil Prof. in Bonn, Prof. Dr Schlange 
in Hannover, Prof. Dr. SchlaMer in Zürich, Oberarzt Dr Schreiber in Augsburg, Prof Dr. Sonnenburg 
in Berlin. Prof. Dr. Steinthal in Stuttgart, Oberarzt Dr. Wiesmann in Herisau, Prof. Dr Wilms in Heidelberg 

bearbeitet und berausgegetien von 

Prof. Dr. E. von Bergmann und Prof. Dr. P. von Bruns 

in Berlin in Tübingen. 

Dritie umgearbeitete jfuflage. -x- /Vif«/ Uünde. 

Mit 1312 Textabbildungen, gr. S". 1907. geh. M. 103.— , in Leinw. geb. M. 118.- 



I. Band: Chirurgie des Kopfes. 
II. Band: Chirurgie des Halses, der Brust und der Wirbelsäule. 

III. Band: Chirurgie des Bauches. 

IV. Band: Chirui'gie des Beckens. 

V. Band: Chirurgie der Extremitäten. 



Yerlag von FERDINAND ENKE iu Stuttgart. 

Handbuch der praktischen Medizin. 

Bearbeitet von 

Geh. llediziiialrat Prof. Dr. Brieger in Berlin, Geli Mediziiiahat Prof. Dr. Damsch in liöttingen, Prof. 
Dr. Dehio in Dor|iat. Geli. Medizinalrat Prof. Dr. Ebstein in Göttingen, Prof Dr. Edinger in Frank- 
furt a. M., Prof Dr Epstein in Prag, Dr. Finlay in Havanna, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Fürbringer 
in Berlin. Prof. Dr. E Grawitz in Charlottenliurg. Geli. Medizinalrat Prof. Dr. Harnack in Halle a. S. 
Prof. Dr. Jadassohn in Dem. (.Uicrarzt Prof. Dr. Kümmell in Hamlnng-Eppendorf, Prof. Dr. Laache iii 
Christiania, Prof, Dr. Lenhartz in Hanibiirg-Eiiiiendorf. Prof. Dr. Lorenz in Graz. Stabsarzt Prof. Dr. Marx 
in Krankfurt a. JI , Geh. .Medizinalrat Prof. Dr Mendel in Berlin. I^rof. In- Nicolaier in Berlin, Prof. Dr. 
Obersteiner in Wien, Hofrat Prof. Dr. PHbram in Prag, Prof. Dr. Redlich in Wien, Oberarzt Prof! 
Dr. Reiche in Hamburg-EpiMMidorf, Piof Dr Romberg in Tübingen, Prot. Dr. Rosenstein in Leiden. Prof 
Dr. Rumpf in Bonn, Prof Dr. Schwalbe in Berlin, Prof. Dr. Sticker in Münster i. W., Geh. Medizi'nalrat 
Prof. Dr, Strübing ni <;ieifswald, Geli. Medizinalrat Prof. Dr. Unverricht in Jlagdeburg, Geh. Medizinalrat 
Prof. Dr. Wassermann in Berlin, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ziehen in Berlin. 

Unter Redaktion von 

Dr. W. Ebstein und Prof. Dr. J. Schwalbe 

Geheimer Medizinalrat, o. Professor in Göttingen Herausgeber der Deutschen med. Wochensclirifl 

herausgegeben von 

W. EBSTEIN. 

Z\vcite, vollständig unigearbeitete Auflafit. 



Vier Bände. 



232 Bogen. Mit 261 Textabbildungen, gr. 8". 1905/06. 
Geheftet M. 77.— ; in Leinwand gebunden IVI. 85.— 

I. Band. Krankheiten der Atniung's-, der Kreislanfsorgaue, des Blutes und der 
Blutdriiscn. 67 Bogen. Mit 75 Textabbildungen, gr. 8". 1905. Geh. M. 22.—, in 
Leinw. geb. M. 24. — 

II. Band. Kninklieiten der Verdaiiiings-, der Hariioraraue und des männlichen Ge- 
schlechtsapparates. Venerische Krankheiten. 61 Bogen. Mit 54 Textabbildungen, 
gr. 8". 1905. Geh. M. 20.—, in Leinw. geb. M. 22.— 

111. Band. Krankheiten des Nervensystems (mit Einschluß der Psychosen). Krank- 
heiten der Bewegungsorgane. 59 Bogen. Mit 81 Textabbildungen, gr. 8°. 1905. 
Geh. M. 20.—, in Leinw. geb. M. 22.— 

IV. Band. Infektionskrankheiten. Zoonosen, Konstitutionskrankheiten, Verg-iftungen 
durch Metalle, durch Tier- und Fäuluisgifte. 45 Bogen. Mit 51 Textabbildungen 
gr. 8». 1906. Geh. M. 15.—. in Leinw. geb. M. 17.— 

Chirurgie des praktischen Arztes. 

it Eiiiscliluß der Auien-, Ohren- und Zaiinhranidieiten. 

Bearbeitet von Prof Dr k. Fraeiikel in Wien, Geh. Medizinalrat Prof Dr. K. (iarri- in Bonn, Prof. Dr. 
H. Häekel in Stettin, Prof. Dr ('. Hess in Würzburg, Geh. Medizinalrat Prof Dr F. König in Grune- 
wald-Berlin. Prof. Dr AV. Kümmel in Heidelberg, I. Oberarzt Prof. Dr. U. Kümmell in Hamlaug-Eppen- 
dorf, Prof. Dr. (i. I.edderhose in StralSburg i. E., Prof. Dr. K. Leser in Halle a. S. , Prof. Dr. W. .Müller 
in Rostock i. M. , Prof. Dr. J. Scheff in Wien, Prof. Dr. 0. Tilmann in Köln. 

Mit 171 Abbildungen, gr. 8°. 1907. Geheftet M. 20.—, in Leinwand geb. M. 22.— 

(Zugleich Ergünziingshand zum Handbuch der praktischen Medizin. 2. Aufl.) 



Verlag von FERDINAND ENKE in Stuttgart. 

Allgemeine Pathologie. 

Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte. 
Von Prof. Dr. E. Schwalbe. 

Mit 591 teils farbigen Textabbildungen. Lex. 8". 1911. geh. W. •2-2.— ; in Halbfrz. geb. M. 24.— 

Orthopädische Operationslehre. 

Von Prof. Dr. O. Vulpius und Dr. A. Stoffel. 

I. Hälfte. 

Mit 202 teils farbigen Textabbildungen. Lex. 8". 1911. geh. M. 12.— 

Handbuch der allgemeinen Chirurgie 

zum Gebrauche für Aerzte und Studierende. 

Von Geh. Rat Prof. Dr. E. Lexer. 

Zwei ISäiido. ^^^^Z Fünfte umgearbeitete Auflage. 

Mit 890 teils farbigen Textabbildungen und einem Vorwort von Prof. K. von Bergmann, 
gr. 8°. 1911. geh. M. 2-2M; in Leinw. geb. M. -iS.— 



Lehrbuch der Greisenkrankheiten. 

Unter Mitwirkung von 

Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Damsch in Göttingen, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ebstein 
in Göttingen, Geh. Medizinalrat Prof Dr. Ewald in Berlin, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Für- 
bringer in Berlin. Prof. Dr. Grawitz in Chailottenburg, Prof Dr. Hirsch in Göttingen, 
Prof. Dr. Hoppe-Seyler in Kiel, Prof. Dr. Jadassohii in Bern, Prof. Dr. Baron A. v. Koränyi 
in Budapest, Geh. Medizinalrat Prof Dr. Naiinyn in Baden-Baden, Prof. Dr. Ortner in 
Innsbruck, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Siemerling in Kiel, Prof. Dr. Sternberg in Wien 

herausgegeben von 

Prof. Dr. J. Schwalbe, Berlin. 

gr. 8°. 1909. geb. M. 26.— ; in Halbfrz. geb. M. 28.— 

Handbuch der Unfallerkrankungen 

einscliließlicli der Invalidenbegutachtung. 

unter Mitwirkuiis von Sanitätsrat Dr. E. Cr.imer. ('otlljus, lir. AV. küliiip, Cottbus, 
Gell. Rat Prof. Dr. \. Passow, Berlin iind Ln\ V. Kr. StliniiUI, Cottbus. 

Yen Geh. Rat Prof. Dr. C.Thieni. 

Zweite (fiinz/ich iim.f/f arbeitete Aiiflaf/e. — Zirei Bande. 
Mit 268 Textabbildungen, «r. 8". 1909-1910. geb. I\I. 66.60; in Halbfrz. geb. M. 72.60 



WMrni 




Ein Lehr- und Handbuch für Militärärzte 
des Friedens- und des Beurlaubtenstandes. 

Unter Mitwirkung zahlreicher Fachmänner herausgegeben von den Generalärzten 

Dr. A. Villaret und Dr. F. Paalzow. 

Mit 10 Abbildungen, gr. 8". 1909. geh. M. 26.— ; in Halbfrz. geb. M. 28.— 



Verlag von FERDINAND ENKE iu Stuttgart. 



In zwanzigster Auflage erschien: 

Die 

Schönheit des weiblichen Körpers. 

Den Müttern, Ärzten nnd Künstlern gewidmet. 

Von Dr. C. M. Stmtz. 

Mit 270 teils farbigen Abbildungen im Text, 6 Tafeln in Diiplex-Autotypie und 1 Tafel 

in Farbendruck. 

gr. 8". 1910. 

Geheftet M. 15.60; in Leinwand gebunden M. 17.60. 

Inhalt: 

Einleitung. — 
I. Der moderne 
Schönheit.sbegriff. 
— II. Darstellung 
«eib lieber Schön- 
heit durch die bil- 
dende Kunst. — 

III. Weibliche 
Schönheit in der 
Literatur. — IV. 

Proportionslehre 
und Kanon. — V. 
lünfluß der Ent- 
\vicklung und Ver- 
erbung auf den 
Körper. — VI. Ein- 
1 1 aß von Geschlecht 
und Lebensalter. — 
VII. Einfluß von 
Ernähi'ung und 

Lebensweise. — 
\TII. Einfluß von 
Krankheiten auf 
die Körpertorm. — 
IX. Einfluß der 
Kleider auf die 
ICörperform. — X. 
lieurteilung des 
Körpers im allge- 
meinen. — XI. 
Kopf und Hals. — 
XII. Rumpf. 

Schulter, Brust. Bauch, Rücken, Hüften und Gesäß. — XIII. Obere Gliedmaßen. — 
XIV. Untere Gliedmaßen. — XV. Schönheit der Farbe. — XVI. Schönheit der Bewe.gung. 
Stellungen des ruhenden Körpers. Stellungen des bewegten Körpers. — XVII. überblicli der 
gegebenen Zeichen normaler Körperbildung. — XVIII. Verwertung in der Kunst und Kunst- 
kritik, ilodelle. — XIX. Vorschriften zur Erhalttmg und Förderung weiblicher Schönheit. 
— Sachverzeichnis. — Namenverzeichnis. 




buddeuisctie. Soliüne Naekeuliuien und Diehiingslalte um Hals. 



Das Werk hat in der Presse die wärmste Anerkennung gefunden, wie 
die umstehend abgedruckte Besprecliung , ausgewählt aus der großen Zahl 
vorliegender Kritiken, genügend dartut. Das Erscheinen von zwanzig 



Yerlag von FERDINAND ENKE in Sfuttgait. 

Auflagen in zwölf Jahren (die erste Auflage wurde Mitte Oktober 1898 
ausgegeben) beweist, wie sehr das Buch die Gunst des Leserkreises, für den 
es bestimmt ist, im Fluge zu gewinnen verstanden hat. Es kann dasselbe 
in seinem geschmackvollen Gewände auch zu Geschenken für Künstler, Kunst- 
freunde, Ärzte und Mütter, für welche Kreise es geschrieben ist, wärmstens 
empfohlen werden. 
=^=^^===^^=^^^ Urteil der Presse. — 

Die Pai'Ole langer Jahre war es, daß man sich naiv nnd nicht kritisch der Natur gegenüberzustellen 
habe. Aber alle Bewegungen auf dem Gebiete der Kunst sind zu vergleichen mit Pendelschwingungen. 
Sie schießen über das Ziel, die Mitte hinaus, um dann von neuem einer Reaktion zu verfallen, immer in 
dem Bestreben, endlich das richtige Ideal zu erreichen. Vor zehn Jahren hätte man ein Buch wie das obige 
überflüssiger gefunden, als man es heute tut. In der Tat sind solche Themata für den Künstler wichtiger, 
als die jüngst verflossene Zeit es meinte. Nicht um ein klassizistisches Programm handelt es sich, sondern 
um eine erhöhte Kritik der Natur gegenüber. So gut es besonders schön ausgebildete Individuen gibt, 
gibt es auch das Gegenteil davon, und es ist neben der naiven Nachbildung auch ein Ziel des Künstlers, 
diese Formen voneinander unterscheiden zu lernen. Dies kann der moderne Künstler jedoch allein mit 
Hilfe der Wissenschaft. Er kann nicht, wie einst die Griechen, täglich den Anblick von schönen, nackten 
Körpern genießen; viel natürliches Gefühl ist uns dadurch verloren gegangen, was wir durch anatomisches 
und physiologisches Studium ersetzen müssen Da kann denn ein ernstes Buch, welches sich auf dieses 
Spezialthema des weiblichen Körpers beschränkt, nur willkoniraen sein. Die Kenntnis der zahllosen 
Fehler und Verkrüppelungen leichterer und schwerer Art, wie durch Korsett, Schuliwerk einerseits und 
gewisse Krankheiten, wie besonders Rhachitis anderseits, ist leider bei Künstlern sowohl als bei Laien 
eine noch viel zu geringe, um stets zu der richtigen Kritik gegenüber dem jeweiligen Modell geführt zu 
haben. Von dem Standpunkte aus ist das Buch als vortrefllich zu bezeichnen. 

Kunst für Alle. T4. Jahrgang. 1899. Heft 20. 



Soeben erschien, gänzlicti umgearbeitet und erweitert, die siebente Auflage von: 

Die Rassenschönheit des Weibes. 

Von 

Dr. C. //. Stratz. 

Mit 346 Textabbildungen und 1 Tafel, 
gr. 8". 1911. geheftet M. 16.-; in Leinwand geb. M. 18.— 

Das Internationale Archiv für Ethnographie, Band XV, sagt über eine vorhergehende Auflage dieses Buches: 
In dem vorliegenden Werk hat der durch eine Reihe ähnlicher Arbeiten bekannte Verfasser infolge 
der Dezenz, mit der er alle schwierigen Fragen behandelt, nicht allein ein Meisterstück der Stilbehandlung, 
sondern auch ein Buch geliefert, das nicht allein durch jene, welche sich für rassenanatomische Fragen 
interessieren, sondern auch durch Augehörige weiterer Kreise, ja selbst durch Frauen gelesen zu werden 
verdient . . . 

Inhalt: 

Einleitung. — I. Rassencharakter nnd Rassenschönheit. — II. Das weibliche Rassenideal. — III. Älteste 
protomorphe Rassengruppe. 1. Australierinnen. 2. Papua 3. Melanesierinnen, Salomoninseln, Bismarck- 
archipel, Adnüralitätsinseln. — IV. Afrikanische Rassengruppe. 1. Die Koikoius. 2. .\kka und Zwergnegc- 
rinuen. 3. Die schwarze Hauptrasse, Bantunegerinnen, Sudannegerinnen. 1. Die äthiopische Mischrasse. — 
V. Spätere protomorphe Rassengruppe. 1. Amerik.anerinnen. ä. Ozeauerinnen: Sandwichinsulanerinnen, 
Samoanerimien , Fr«uiids£haftsinsulanerinnen, Neuseeländerinnen, Tahitierinneu, Fidschiinsulaneriunen, Ka- 
rolinen. 3. Malaiinnen: Die Sundaiuseln. — VI. Gelbe Rassengruppe. 1. Eskimos. 2. Die gelbe Haupt" 
rasse: Chinesinnen, Japanerinnen. .3. Tataren und Turanier. 4. Indochinesen: Slam, Anara nnd Cochinchina, 
Birma. — VII. Weiße Rassengruppe. 1. Wedda. 2. Ainos. 3. Der asiatische Hauptstamm der weißen Rasse. — 
VIII. Die drei weißen Rassenzweige. 1. Die afrikanische Rasse: Ägypten, Berberische Stämme. Maurische 
Stämme. 2. Die romanische Rasse: Spanien, Italien, Griechenland, Frankreich, Belgien. 3. Die nordische Rasse: 
Niederland, Österreich-Ungarn, Deutschland, Rußland, Dänemark, Skandinavien, Großbritannien, .\merika. 



Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. 



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Elegant in Leinwand gebunden 77/. 30.—, hartoniert m. 28.— 



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